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KONTAKT DER JÜNGLINGE – THUJA – BEEQUEEN – BIOSPHERE – TERRE THAEMLITZ

Ort: Münster - Cuba

Datum: 03.11.2004 - 05.11.2004

Münster ist in mehr als einer Hinsicht das Gegen-Berlin. Während an der Spree die Substanz schon seit etwas längerer Zeit hinter der äußeren Erscheinungsform zurücktritt, leidet die Schmalspur-Bewerberin für den Titel der Kulturhauptstadt 2006 unter einer chronischen Profilanämie: Es gibt durchaus eine Szene für experimentelle Musik, nur spürt man von ihr rein gar nichts. Alle zwei Jahre ändert sich diese Situation jedoch einschneidend mit dem „Klangzeit“ Festival, welches die sonst so betuliche und im Stehen schlafende Quasi-Metropole eine Woche lang in einen Ausnahmezustand versetzt. Kirchen, Kulturhäuser und sogar Puppentheater werden zweckentfremdet und spontan zu Orten der Begegnung und des Austausches gemacht: Auch dieses Jahr gaben sich wieder Künstler aus der ganzen Welt die Klinke in die Hand und das Programm reichte von Filmen, über abgefahrene Vocalperformances (bei FATIMA MIRANDA fiel die gesamte Elektronik aus) bis hin zu der Darbietung klassischer Stücke in einem Schwimmbecken. Wer abenteuerlustig war, bediente sich je nach Laune, Unentschlossene lösten ein Passe-Partout (90 Euro) und diejenigen, die auf Nummer Sicher gehen wollten, begaben sich schnurstracks drei Abende hintereinander ins Cuba. Nicht, dass man dort ausgetretenen Pfaden nacheifert – nur kann man bei dem gemütlichen kleinen Treffpunkt für den etwas anderen Musikliebhaber stets gewiss sein, zugleich bestens unterhalten und angeregt zu werden.

Was gleich am ersten Abend auffiel: Neben dem Eingang zum Konzert wurde bereits fleißig an einem neuen Club, „Cuba Nova“, gewerkelt, der mit dem etwas bescheuerten Slogan „Eat and Beat“ zugleich belustigte wie neugierig machte. Zusammen mit dem Sozialen Bildungszentrum (SOBI), welches Kurse für Meditation und HipHop-Tanz (neben anderen, selbstverständlich) anbietet, könnte sich die Achtermannstraße damit zu der derzeit interessantesten Ecke der Stadt entwickeln. Heute jedenfalls gab sich schon einmal eine Insiderlegende die Ehre: ASMUS TIETCHENS ist bereits seit den 60ern im Musikgeschäft aktiv, hat auf dem legendären (und gehirnfrittierten) Brain-Label veröffentlicht, zusammen mit VIDNA OBMANA (und ungefähr tausend anderen Kollegen) Alben aufgenommen und ganz generell den Begriff Ambient entscheidend neu ausgerichtet. Wer auf Tuchfühlung mit dem Mann gehen wollte, kam auf diesem Konzert jedoch entschieden zu kurz. Als Erstes vermied TIETCHENS die One-Man Show, war stattdessen zusammen mit seinem Partner Thomas Köner als KONTAKT DER JÜNGLINGE unterwegs. Zum zweiten erschien er nur wenige Minuten vor dem Konzert und verließ die Stätte direkt danach. Und schließlich verschanzte er sich für die gesamte Stunde dazwischen hinter einem Turm aus Geräten, aus dem er nur mit seiner Brille und leicht grau meliertem Haarschopf hervorlugte. Andererseits: Wer KISS für das Maß aller Dinge in Sachen Performance ansieht, war hier ohnehin hoffnungslos verloren – Köners Drehbewegungen an den Potis waren das einzige aktive Element und ein unbeabsichtigt knackender Lautsprecher bereits das höchste der Gefühle in Sachen Spektakularität. Die Musik verzichtete auf letztere gänzlich freiwillig, bediente sich verschiedenster subtiler Quellen, deren grundlegende Merkmale das Natürliche und das Sphärische zu sein schienen. So fanden Wassergeräusche und das Gegeneinanderschlagen riesiger Holzstämme zusammen, quakten Enten und zwitscherten Vögel, während ruhende, doch von einer inneren Spannung geprägte Flächen an- und abschwollen. Das führte gelegentlich zu Momenten unerwarteten Herzklopfens und zur atemberaubenden Gleichzeitigkeit eigentlich autark laufender Linien, hauptsächlich aber zu einem entspannten sonischen Netz, das einen nicht immer gleichermaßen gefangen hielt, aus dem man aber auch ungern entlassen wurde.
Ganz anders der Ansatz von THUJA. Die Künstlerin, die selbst in der Organisation der „Geräuschwelten“-Konzerte aktiv ist, fiel allein schon durch die Wahl der Waffen auf: Keyboards statt Computer, Synthesizer statt Sampler. Das bedeutete, dass die Dame auch schon mal richtig in die Tasten griff und ihr Auftritt damit bedeutend „musikalischer“ geriet, als die meisten an diesem Ort. „Der Arborist“ lebte von dem Wechselspiel zwischen Tönen und einem Video, welches in hoher Geschwindigkeit ineinander montierte Bewegungsabläufe aus Wald, Wiese und Wohngegenden miteinander verband. Kontraste traten dabei weniger auf, die Logik des Klanges folgte strikt dem Diktat des Visuellen. „Experimentell“ wäre an dieser Stelle definitiv ein falscher Begriff, doch seit wann ist das allein ein ausschlaggebendes Qualitätskriterium? Inmitten vieler krasser und kruder Beiträge auf diesem Festival hob sich „Der Arborist“ mit seinen direkten Harmonien und einer angenehmen Leichte im zugrundeliegenden Konzept deutlich von der Konkurrenz ab.

Trotzdem reichte keiner dieser Acts an das heran, was einen am zweiten Abend erwarten sollte. Mit leichter Verspätung trafen wir ein, nur um das Cuba im Notstand zu erleben: Um die siebzig Zuschauer hatten sich zusammengefunden und die Plätze wurden knapp. Kein Problem für Organisator Till, der eiligst einen Stapel Klappstühle herankarrte. Für dieses Konzert musste er zudem für keine Ankündigung vor die Menge treten, denn das Aufgebot sprach für sich: BEEQUEEN und BIOSPHERE sind bereits seit über zehn Jahren aktiv und in einschlägigen Kreisen mehr als nur ein kleiner Tipp.
Wie gut die Niederländer von BEEQUEEN wirklich sind, war einem jedoch etwas entgangen – eine Tatsache, die dringender Berichtigung bedurfte. Ihr Auftritt trug sich heute ausschließlich im Sitzen zu und war dennoch mehr als sensationell. „Natursymphonie“ nannte sich die Collage aus dichten Fieldrecordings, eindringlichen Flächen, am Lagerfeuer gemurmelten Erzählungen, gezupften Gitarrensaiten und sogar (Post-)Rock-Rhythmen mit deftiger Orgelakkordik. Ausgeklügelt statt klugscheißerisch, intensiv statt intellektuell war dies der Triumph einer glänzend umgesetzten Idee über einfach heruntergeschnodderten Noise. Man war anschließend beinahe versucht, die 25 Euro für die heftig limitierte LP auszugeben.
Mit dieser Glanzleistung standen sie dem danach spielenden Geir Jenssen, alias BIOSPHERE um nichts nach. Was noch um so bemerkenswerter ist, als sich dieser mit einem brillanten Auftritt gekonnt ins Gedächtnis zurückrief. Sein wunderbarer, fließender Ambient ließ einen tief in warm wogende Wellen eintauchen, führte einen in die Hypnose, entließ einen aber mit groovigem Drum n Bass und sogar House wieder in die Welt. Keine Offenbarung, aber auf allerhöchstem Niveau dargeboten und somit ein tonaler Trip der Extraklasse.

Das machte den dritten Abend von Anfang an schwer, denn gegen diese Leistung würden sich nur die Besten behaupten können und so allmählich ließ die Aufmerksamkeit dann doch nach. „Hältst Du noch durch?“ fragte Till somit nicht ganz zu Unrecht beim Eintreten am Freitag. Nicht durchgehalten hatte jedenfalls schon mal CHRIS MANNs wichtigste Soundquelle, eine kleine schwarze Box – weswegen sich der gute Mann mit wehenden und leicht wirren Haaren in die Musikwerkstatt im Keller zur Reparatur zurückzog und das Feld zunächst TERRE THAEMLITZ überließ. THAEMLITZ, Amerikaner aus Tokio, Musiker, DJ, Videokünstler und wahrscheinlich noch eine ganze Menge mehr, hatte diesmal einen Film dabei, was man vorher dem Programm nicht entnehmen konnte, einen aber sofort neugierig machte. „Love Bomb“ setzte sich mit der Dychotomie der Liebe auseinander, ihrer inhärenten Kehrseite und ihrer kulturellen Varianz. Daraus wurde aber keineswegs ein Beitrag fürs Feuilleton der FAZ, sondern ein technisch perfekt realisiertes optisches Meisterstück, in dem Schnipsel aus Filmen, Dokumentationen, Zeichentrick und Animation in einer schlingernden Achterbahnfahrt miteinander verknüpft wurden. Die dazugehörige Musik entstammte ebenfalls THAEMLITZ’ Feder (Album auf Mille Plateau) und suchte eine ingeniöse Mitte zwischen Krach und dem POLEschen Click n Cuts – ohne die Clicks und die Cuts sozusagen. Trotzdem wurde nichts aus dem ganz großen Wurf, weil das Werk auf der Bedeutungsebene scheiterte: Die plakativen Stellen gerieten zu plakativ, die (raffiniert umgesetzten) metaphorischen Momente etwas zu kopflastig. Der Erkenntnisgewinn blieb somit eingeschränkt, die Botschaft dennoch vage. Was aber nichts daran ändert, dass sich hinter diesem Opus sicherlich mehrere Bedeutungsebenen verbergen, die den Mann für ein zukünftiges Interview geradezu prädestinieren.

Wegen der Verzögerung der Veranstaltung und erneuter Umbaubauten verspätete sich MANNs Beitrag bedeutend, weswegen wir ausnahmsweise nicht gänzlich verrichteter Dinge nach Hause marschierten, durch die schneidende Kälte des herannahenden Winters. Münster mag das Gegen-Berlin sein, doch in Punkto neuer Musik hat es beinahe hauptstädtisches Niveau erreicht.
tocafi

Informationen zum Festival:
www.klangzeit-muenster.de

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