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KRACH AM BACH 2008

Ort: Beelen

Datum: 01.08.2008 - 02.08.2008

Bereits zum 15.Mal wurde dieses Jahr das beschauliche Dörfchen Beelen Anlaufpunkt für Freunde des gepflegten Freiluft-Krachs. Zahlreiche namenhafte Bands wie z.B. die BEATSTEAKS, EMIL BULLS oder BLACKMAIL haben hier (oftmals vor ihrem großen Durchbruch) in den letzten Jahren ihre Visitenkarte hinterlassen und auch dieses Jahr hatten die Veranstalter etliche interessante Bands zum Musizieren für den guten Zweck geladen. 150.000 Euro konnten in der Vergangenheit verschiedenen Organisationen gespendet werden und auch die Überschüsse dieses Jahres sind schon fest verplant, um Einrichtungen wie der Wärmstube, der Aids-Hilfe oder ähnlichem in der Region finanziell unter die Arme zu greifen.

Freitag

Trotz zahlreicher anderer musikalischer Verlockungen hatten wir uns auf jeden Fall am Freitag noch einen Besuch des Headliners vorgenommen und schlugen gegen 23 Uhr auf dem Festival-Gelände auf. Seit dem frühen Abend hatten hier schon LOST YOUTH, PUNK D’ROYAL, EMPTY TRASH (mit Herrn Buskohl) und SAMAVAYO für Stimmung gesorgt und rege Umbauarbeiten auf der Mainstage ließen auf eine kleine Verzögerung im Zeitplan schließen. Um 23.45 war es dann aber soweit für die Schweden

FRISKA VILJOR
Die beiden Fronter Daniel Johannson und Joackim Sveningsson hatten sich noch vier Leute zur Verstärkung mitgebracht und wählten mit „On and on“ einen recht ruhigen Einstieg ins Set. Doch das Publikum war in Partylaune und so wurde selbst zum recht schlurfenden „Oh no“ im Drei-Viertel-Takt eifrig getanzt, was Daniel und Joackim doch ein wenig irritierte. Doch mit „Four points“ und „Puppet Cabaret“ wurde der dargebotene Indie-Folk-Pop immer dynamischer und rockiger und so stimmten von nun an die Musik auf der Bühne und die Bewegungen im Publikum besser zueinander. Letztgenannte Titel stammen aus ihrem aktuellen Album „Tour de hearts“, das brandneu im Mai diesen Jahres erschienen ist und nun auch weiter das Set dominieren sollte. Mit reichlich „Lalala“ und „Ohohoh“-Passagen luden die beiden Freaks zum Mitsingen ein. „Wir machen Kindermusik mit erwachsenen Texten“ ist über FRISKA VILJOR zu lesen, und die ranken sich mehrheitlich um die Themen Alkohol, Frauen und Rock ’n’ Roll. Mit viel Falsett-Gesang und Polka-Schwung fand diese Mischung bereits in ihrer Heimat reißenden Absatz und auch die Beelener schlossen die beiden Waldschrate in ihr Herz, die ihr Set nach 45 Minuten mit der Single „Old man“ aus ihrem ersten Album „Bravo“ beendeten. Doch dem Ruf nach mehr wurde gerne nachgekommen und so gaben die Beiden zunächst alleine „Arpeggio“ zum Besten. Die aktuelle Single „Gold“ gab es dann wiederum in voller Sextett-Stärke, ehe die Schweden ihren Auftritt mit „Shotgun Sister“ und einer letzten Aufforderung zum Tanz beendeten. Ein unterhaltsam-putziger Auftritt einer Band, die sich so leicht in keine Schublade stecken lässt und sicherlich auch in einem studentischen Umfeld locker hätte punkten können.

Setlist FRISKA VILJOR
On and on
Oh no
Four points
Puppet Cabaret
Friskashuffle
The cure
Monday
Oh oh
Tell me
Old man

Arpeggio
Gold
Shotgun Sister

Als Betthupferl nahmen wir dann noch den farbenfrohen Spätauftritt von MY BABY WANTS TO EAT YOUR PUSSY mit. Schon während der Umbaupause mußten wir einige Geschlechts-Irritationen bei Beelens Landjugend aus dem Weg räumen. MBWTEYP haben zwar mit Debusy D’eeper auch eine Frau am Mikro, aber es war Gitarrist (!) Diva Eva D., der hier im Schulmädchen-Outfit und mit langen, blonden Haaren sein Instrument stimmte. All diese provokanten Phantasienamen ließen ja nur einen Schluss auf das nun zu erwartende Musikprogramm zu – es ging auf jeden Fall in Richtung Glam-Rock. So enterte das aus der Mannheimer Popakademie entsprungene Sextett gegen 0:20 Uhr zu „Dogs run riot“ in schillernden Kostümen die Bühne, allen voran Sänger Ziggy Has Ardeur als roter Willie Wonka, neben ihm Frau D’eeper und Donnie Bella Luna am Bass, der schon nach wenigen Stücken seinen Oberkörper den Blicken der Fans freigab. Mr. tightENG an den Keys und Ray Gattner an den Drums hielten sich ja im Hintergrund, konnten aber auf jeden Fall mit Glitzer Make-Up und wildem Hairstyle ihren Beitrag zum Augenschmaus leisten. Zu Stücken ihres Debüt-Albums „Ignorance & Vision“ wurde nun um die Wette gepost und eine absolut wilde Mischung zwischen T.REX und Cabaret, Chanson und den SCISSOR SISTERS hielt nun noch Beelen in Atem, derweil wir zum Rückzug antraten.

Setlist MBWTEYP (ohne Gewähr)
Dog run riot
Peace interstellar
Freezing scene
So deep
Sahra
Biology is a fairytale
Boy
Wonderland
America
Ahoi Polloi

Don’t tell a soul

Und während ich meine Blicke über den von feierfreudigsten Jugendlichen bevölkerten Zeltplatz wandern ließ, wir uns den Weg durch zahlreiche improvisierte Grills vorbei an wenig einladenden Schlafstätten bahnten, uns etliche verschiedene Soundkulissen noch bis zum Auto verfolgten, stieg die Vorfreunde auf mein heimeliges Bett mit jedem Schritt.

Samstag

Am nächsten Tag ging es ab Mittag mit THE VENUS PULSE und SKINGS weiter. Wir wählten

THE RAIN
als Einstieg und waren gegen 15.45 Uhr zurück auf dem Festivalgelände, dem man die Strapazen des ersten Tages deutlich ansah. Noch war es vor der Mainstage gähnend leer, derweil sich der Nachwuchs auf der Soundpool –Bühne beweisen konnte (beide Tage während der Umbaupausen von Hip-Hop bis Rock ’n’ Roll). Um 16 Uhr betraten dann die Berliner Lorenz Theuer und Carlos Bruck die Bühne, die heute mit einem Ersatzdrummer antraten (der seine Sache außerordentlich gut machte). Nach und nach füllte sich der Platz vor der Bühne, um dem entspannten, recht britisch klingenden Indie-Rock zu lauschen, derweil sich der Himmel bedenklich zuzog, was Sänger Lorenz mit den Worten „Ist schlimm mit diesem Namen Festivals zu spielen“ quittierte. Doch der Himmel hatte ein Einsehen mit THE RAIN, die eine Dreiviertelstunde lang Songs ihres Albums „Involver“ aus dem Jahr 2007 präsentierten. Nach hinten raus wurde ihr Set zunehmend rockiger, am Ende wollte der mitgereiste Fotograph bei einem Titel gar Reminiszenzen an QUEEN OF THE STONE AGE raushören („Schreib das ruhig!“). Insgesamt ein locker groovender Auftakt, der mehr Zuhörer verdient gehabt hätte.

Setlist THE RAIN
Everyday
Big Lie
It feels like
I wish
Beer over Wine
It’s up to me
Waste Love
Symmetry

Eine Tüte voll leckerer Mini-Donuts weiter gehörte die Bühne gegen 17.30 Uhr den Luxemburgern

ETERNAL TANGO

In ihrer Heimat haben sich die Jungs mit ihrer Emocore-Postpunk Mischung schon eine satte Fanbase erspielen können und nennen schon einige Musikpreise ihre Eigen. Auch in Beelen traten sie gleich Arsch, die Hälfte der Gang konnte durch deutsche Ansagen brillieren und so gelang es ETERNAL TANGO auch hier, die Kids vor der Bühne beim Moshen ein wenig Staub aufwirbeln zu lassen. Dabei gab es neben Songs aus ihrem Album „First round at the Sissi Cafe“ auch brandneues Material und ein „Life is life“-Cover auf die Ohren. Songs der Marke „Hart-schnell-laut“ für mich ohne großen Wiedererkennungseffekt dominierten das Set, zwischendurch gab es aber auch mal was Gefühlvolles („für die Mädchen“ – O-Ton von Sänger David). Wir beobachteten die blutjungen Crowdsurfer (es gibt für alles ein erstes Mal 🙂 aus sicherer Entfernung, derweil ETERNAL TANGO mit Mitsingspielchen weiter für insgesamt etwa eine gute Stunde Partylaune vor der Bühne sorgten.

Die nun folgende KAPELLE PETRA aus Hamm musste ohne unsere Aufmerksamkeit auskommen, da wir einen Rückzug in die nahe Kreisstadt zu ein wenig Rekreation nutzten.
Frisch gestärkt und ausgeruht ging es um 20.30 Uhr weiter mit den

TRUCKFIGHTERS

aus Schweden, die mit ihrem gut abgehangenen Stoner-Fuzzrock von der ersten Minute an zu gefallen wussten. „Desert cruiser“ von ihrem aktuellen Album „Gravity X“ und „Atomic“ vom Vorgänger „Phi“ luden gleich zum gepflegten Köpfe-Nicken ein. Meterhohe Gitarrenwände und minutenlange Instrumentalsoli lockten nun eher das erwachsenere Publikum vor die Bühne, auf der Pezo, Dango und Ozo in „nur“ 3 Mann Stärke locker doppelt so viel Alarm machten. So konnte man sich Stück für Stück prima die Sinne vernebeln lassen (sofern nicht schon anderweitig geschehen) und der Sogkraft ihrer Stücke nachgeben. Ein fetter Auftritt, der entsprechend vom Publikum gewürdigt wurde, so dass die Jungs gerne noch eine Zugabe zelebrierten.

Setlist TRUCKFIGHTERS
Desert Cruiser
Atomic
– Jam –
Helium 28
Chameleon
In search of
Traffic

Kickdown

Gleichsam fett sollte es dann gegen 22.10 Uhr mit den Briten

AMPLIFIER

weitergehen. Das schwarz-gewandete Trio hatte zu Beginn noch Verstärkung in Form eines Herren mitgebracht, der mit einer Art Vodoo-Stab die Darbietung einläutete . Mit „Fortuna“ und Panzer“ ging es mit älteren Titeln los, anschließend wurde auch mal brandneues Material geboten, alles sehr druckvoller Post Rock, hier und da mit interessanten Effekten versehen. Aufgrund des Themenschwerpunkts in den Texten verlieh der Terror-Chef die Bezeichnung „Apocalyptic Space Rock“. Auch hier die Titel alle jenseits der 3-Minuten-Grenze, so dass in eine Stunde Spielzeit gerade mal 8 Songs passten, so auch das ebenfalls neue „Stella“ und zum Abschluss „Airbone“. Trotz eines überzeugenden Auftritts verhalten die Zugaben-Rufe aber wohl zu schnell und so enterten schon fleißige Helfer die Bühne, um nun alles für die Nordlichter

TURBOSTAAT vorzubereiten.

Das quirlige Quintett hatte ich erst vor wenigen Monaten als Einheizer für die Beatsteaks gesehen und trotzdem auf Beelens Bühne keine Platznot vorherrschte, wurde das Drumkit nun an den Bühnenrand geschoben und alle Fünf quetschten sich nebeneinander, um ihren aufmüpfigen Punk-Rock hautnah unters Volk zu werfen, dass noch einmal zahlreich erschienen war. Wir indes klinkten uns nach ein paar energetischen Titeln in der Gewissheit aus dem Geschehen aus, dass die Party hier noch weiter andauern sollte. Nicht nur mit TURBOSTAAT, sondern auch mit dem Spätgig von YAKUZI.

Setlist TURBOSTAAT (ohne Gewähr)
Der Frosch hat’s versaut
Haubentaucherwelpen
Tristesse
Peterantjesiensöhn
Harm Rochel
Blau an der Küste
Bei Fugbaums
Charles Robotnik seine Frau
Insel
Schalenka Hase
Hau ab die Schildkröte
Prima Wetter

Vormann Leiss
18:09 Uhr, Mist, verlaufen

Wir hatten uns nun in zwei Tagen einen Eindruck von sieben der gebotenen 15 Bands machen können und fuhren unter musikalischen Gesichtspunkten mit zufriedenen Gesichtern nach Hause, auch wenn vielleicht ein noch größerer Name dem Line-Up gut gestanden hätte. Die Mehrzahl der 4.500 Anwesenden (Rekord!) war jedoch sowieso eher vor Ort, um nicht die Party des Jahres zu verpassen und dementsprechend sah das Gelände auch zu diesem Zeitpunkt aus. Der Aufforderung des Veranstalters, jeder dürfe mitbringen, was Leib und Seele erfreut, wurde eifrig nachgekommen, die Bitte, den Rest auch wieder mitzunehmen, blieb wohl ein frommer Wunsch. Und da ich mit der Geburt eigener Kinder in Sachen juvenilem Leichtsinn die Fronten gewechselt habe, machte es mir auch ein mulmiges Gefühl zahlreiche Glasflaschen auf dem Festivalgelände zu sehen, abgesehen von nicht gerade dienstbeflissener Security und barfüssigen Rugby-Spielern auf dem Zeltplatz in Mitten von Gas-betriebenen Grills. Doch zum Glück blieben wohl alle unversehrt und manch einer wird den Sonntag noch gut zur Erholung gebraucht haben.

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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