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KRAFTWERK

Ort: Bielefeld – Seidenstickerhalle

Datum: 13.12.2025

Als KRAFTWERK sich Ende der 1960er-Jahre in Düsseldorf formierten, da war ich noch gar nicht in Planung. Während Ralf Hütter und Florian Schneider mit Oszillatoren, Flöten, Bandmaschinen und der Idee einer neuen Musik experimentierten und ihre ersten Alben veröffentlichten, lernte ich etwas später, gerade meine eigene Umwelt akustisch zu sortieren: Stimmen, Schritte, Straßenlärm. Das genau aus den Geräuschen, die Ralf und Florian erzeugten, einmal Popgeschichte entstehen würde, konnte niemand zu diesem Zeitpunkt ahnen. Anfang der 70er war KRAFTWERK noch eine Band unter vielen im Krautrock-Sumpf zwischen Avantgarde, Improvisation und akademischem Ernst. Die Besetzungen wechselten damals recht schnell: Eberhard Kranemann, Andreas Hohmann, Michael Rother und Klaus Dinger – um nur einige zu nennen – sie kamen, sie gingen. Wobei Dinger und Rother anschließend mit NEU! ein Projekt gründeten, das auch Einfluss auf spätere Post-Punk-, Rock- und Elektronik-Bands hatte. KRAFTWERK war zu diesem Zeitpunkt noch kein geschlossenes System, sondern ein offenes Labor. Erst später sollte aus der Gruppe ein streng kontrolliertes Klangunternehmen werden, das mit der Besetzung Ralf Hütter, Florian Schneider, Wolfgang Flür und Karl Bartos die Grundlage für viele elektronische Musikrichtungen schuf. Sei es nun Synthie Pop, Techno oder Hip Hop, ohne die Düsseldorfer Visionäre gäbe es das alles in dieser Form nicht.

Heute, 55 Jahre nach ihrer ersten selbstbetitelten Veröffentlichung „Kraftwerk“ stehe ich in der ausverkauften Bielefelder Seidenstickerhalle und will ihre unsterblichen Songs wie z.B. „Autobahn“, „Das Model“, „Tour de France“, „Die Roboter“ und „Music Non Stop“  in Konzertatmosphäre erleben. Auf der Bühne stehen vier nahezu regungslose Gestalten in ihren fluoreszierenden Anzügen hinter leuchtenden Pulten. Ralf Hütter ist geblieben, Florian Schneider leider nicht – er starb 2020, hat aber die Band schon 2009 verlassen. Die aktuelle Besetzung besteht aus Henning Schmitz, der seit 1991 dabei ist, Falk Grieffenhagen stieß 2012 dazu und neu an Bord ist Georg Bongartz, der als Video Operator auf der Bühne agiert. Mehr als 5.000 Menschen sind gekommen, um der Multimedia Show der KRAFTWERKer beizuwohnen und sie mussten pünktlich sein, denn das erwarten die Düsseldorfer vom Publikum. Punkt 20 Uhr starteten sie ihren Gig mit „Nummern“, „Computerwelt“ und „Computerwelt 2“ von ihrem 81er Erfolgsalbum „Computerwelt“, welches schon in Richtung des aufkeimenden Synthie Pop geht. Interessant und erschreckend zugleich ist der Umstand, wie weit sie zu diesem Zeitpunkt ihrer Zukunft voraus waren. Wer hätte gedacht, dass unsere Daten mal für Unternehmen und staatliche Institutionen so wertvoll werden sollten, wie es jetzt der Fall ist? Dementsprechend leuchteten – passend zum Song – im Hintergrund auf der Leinwand u.a. auch FBI, DEUTSCHE BANK und SCOTLAND YARD auf. Auch der Zukunft zugewandt sind „Heimcomputer“ und „It`s more fun to Compute“ von der gleichen Veröffentlichung ehe bei „Spacelab“ ihr Raumschiff visuell vor der heutigen Location landen sollte. Und gerade bei „Spacelab“ sieht es so aus, als stehen die vier inmitten des Raumschiffes und arbeiten an ihren Geräten. Das ganze akustische und visuelle Konzept passt verdammt gut zusammen, was gerade bei „Radioaktivität“ zum Tragen kommt. Das gelb/schwarze Strahlenwarnzeichen prangt unübersehbar hinter KRAFTWERK, als die letzten Takte von „Geigerzähler“ den Übergang zu „Radioaktivität“ markieren. Dieser Song hatte bei seiner Veröffentlichung vor 50 Jahren noch eine ganz andere Bedeutung. Nach dem Unfall in Tschernobyl wurde der Text komplett umgeschrieben und spätestens nach der Katastrophe in Fukushima wird jedem klar: Stoppt Radioaktivität! Passend dazu schrieb  Ryuichi Sakamoto ein paar Zeilen auf Japanisch, welche Hütter jetzt fest in den Track integriert hat. Bei dem vorab gespielten „Merry Christmas Mr. Lawrence“ richtete Ralf ein paar emotionale Worte über seine Freundschaft zu Ryuichi ans Publikum und zum ersten Mal in der Geschichte KRAFTWERKs schaffte es eine Coverversion in die Setlist. Das ist mehr als eine tiefe musikalische Verbeugung vor seinem japanischen Freund, der 2023 starb. Normalerweise werden die Düsseldorfer gecovert oder gesampelt und vielen jüngeren im Publikum wird „Computerliebe“ bekannt vorkommen. COLDPLAY haben die Melodieführung für ihren Hit „Talk“ gesampelt und dadurch die Elektroniker der nächsten Generation bekannt gemacht. Erst jetzt fällt auf, dass das 81er Album aus heutiger Sicht für KRAFTWERK ein Meilenstein ist, denn bis auf den Track „Taschenrechner“ tauchen alle Songs in der Setlist auf. Fun Fact am Rande: Für die anstehende Tour für „Computerwelt“ wurde die unweit von Bielefeld gelegene Ostwestfalenhalle in Kaunitz für eine knappe Woche gemietet und das Equipment getestet. ;it dem Tripple „Boing Boom Tschak“, „Techno Pop“ und „Music Non Stop“ ging die zweistündige Show dem Ende entgegen und es fehlte ja noch der Song, mit dem die Fans KRAFTWERK am meisten identifizieren und der bei dieser Tour als Zugabe gespielt wurde: „Die Roboter“.

Nach mehr als 2 Stunden endete die Werkschau aus der mehr als 50-jährigen Karriere von KRAFTWERK. Der Sound in der Halle war optimal und das ist auch der Anspruch, den die Düsseldorfer seit jeher an sich haben und diesen auch dem Publikum nicht vorenthalten wollen. Nur ab und zu schien Ralf Hütter Probleme mit seinem Mikrofon zu haben, seine Stimme kam dann nicht so gut rüber – man sollte aber auch bedenken, dass er fast 80 Jahre alt ist. Ja, es wirkt steril was die Vier dort auf der Bühne vorführen und nur einmal wurde es, wie oben schon beschrieben, emotional. Es scheint, als würden sie sich im Laufe ihrer Karriere immer weiter vom Konzertpublikum entfernen. Es gab Zeiten, da waren sie dichter dran an den Menschen. Ich erinnere mich noch lebhaft an mein erstes KRAFTWERK Konzert 1993 in der Osnabrücker Stadthalle, als das Quartett bei „Taschenrechner“ an den Bühnenrand trat und einige Fans in den ersten Reihen auf die Tasten, des von Hütter und Schneider in die Menge gehaltene Pulte drücken durften, um zu beweisen, das live gespielt wurde. Ich werde nie vergessen, dass Florian dabei immer grinste. Ich glaube er war der Einzige, der alles mit Humor und einem Augenzwinkern nahm.

Setlist (ohne Gewähr)

  • Nummern/Computerwelt/Computerwelt 2
  • Heimcomputer/It`s more fun to Compute
  • Spacelab
  • Ätherwellen
  • Tango
  • The Man Machine
  • Electric Café
  • Autobahn
  • Computerliebe
  • Das Model
  • Neonlicht
  • Metropolis
  • Merry Christmas Mr. Lawrence (Ryuichi Sakamoto Cover)
  • Geigerzähler
  • Radioaktivität
  • Vitamin
  • Tour de France/Tour de France Etape 3/Crono/Tour de France 2
  • La Forme
  • Trans Europa Express/Metall auf Metall/Abzug
  • Planet der Visionen
  • Boing BoomTschak/Techno Pop/Music Non Stop
  • Die Roboter

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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