Konzert Filter

KRAFTWERK

Ort: Barcelona - Gran Teatre del Liceu

Datum: 22.04.2015

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“ heißt es im Volksmund, dass ich aber bei einem Trip nach Barcelona auch ein außergewöhnliches Konzerterlebnis mitnehmen sollte, hätte ich mir nicht träumen lassen. Aber das Schicksal wollte es, dass nicht nur meine Wenigkeit plus holder Anhang in dieser Woche in der katalanischen Hauptstadt weilten, sondern auch eine der bedeutendsten deutschen Musik-Exporte überhaupt. Bei einem Besuch der eigentlich gänzlich un“düsteren“ Flaniermeile „La Rambla“ kamen wir auch an dem historischen Opernhaus „Gran Teatre del Liceu“ vorbei, und vor dieser hingen Plakate von… ja richtig KRAFTWERK. Diese wollten 3 Tage nach unserer Ankunft dort eines ihrer seltenen 3D-Konzerte spielen. Grund genug, sich nach Karten umzuschauen, zumal ich die elektronische Legende noch nie live gesehen hatte. Großartige Chancen hatte ich mir nicht ausgemalt, Tickets zu ergattern, waren doch beispielsweise ihre Auftritte im New Yorker „Museum of Modern Art“ nach kurzer Zeit ausverkauft. Und doch… es war tatsächlich noch ein Restkontingent zu haben. Für sage und schreibe 134 Euro das Stück! Einen Tag lang gab ich mir selbst Bedenkzeit, doch dann siegte die Neugier auf ein Stück Musikgeschichte. Kein Konzert ist meiner Meinung nach diesen Preis wert, aber der ideelle Wert der Veranstaltung fühlte sich unbezahlbar an, und um das Fazit vorwegzunehmen: Ich sollte die kostspielige Ausgabe nicht bereuen…

So waren wir also an besagtem Mittwoch Abend kurz nach 20 Uhr vor Ort, ein geschichtsträchtiger Ort, denn bereits seit dem Jahre 1847 finden hier Aufführungen statt. Nach einer Brandkatastrophe wurde das Theater 1999 wieder eröffnet, heute Abend war aber sicherlich ein ungewöhnliches Publikum anwesend, das quer durch alle Altersschichten und Backgrounds verlief. Vom älteren, kultur-begeisterten Pärchen über Elektro Nerds bis hin zu Gothics und Metallern reichte die Palette, und sie alle wurden von eleganten Platzanweisern zu ihren Bestuhlungen gebracht. Ein prunkvoller Saal, dem man seine Historie sofort ansieht. Als besonderes Accessoire bekam jeder Besucher ein spezielles KRAFTWERK-3D-Brillen-Set im Band-Etui, denn heuer handelte es sich nicht um das übliche „schnöde“ visuelle Konzertereignis. Freudig wurden allerorten Selfies gemacht und Facebook Posts erstellt. Irgendwie ja auch passend zum Act, der für die unterschiedlichsten elektronischen Musikrichtungen Geburtshelfer war und zudem länger musiziert, als ich lebe. Und ich bin nicht mehr der Jüngste, sei noch angemerkt. Pünktlich um 21 Uhr konnte es dann losgehen und der Vorhang gab den Blick frei auf das Geschehen…

Erwartungsgemäß befanden sich die 4 „Operatoren“ des aktuellen Line Ups mit ihrem jeweiligen Arbeitsgerät nebeneinander auf der Bühne. Ralf Hütter, das Gründungsmitglied auf der linken Seite, dazu Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Videooperateur Falk Grieffenhagen. Allesamt optisch eher unaufgeregt, es wurde mit den Füßen gewippt, aber ansonsten nur stilvoll an den Tasten gedreht. Auch gab es bis kurz vor Schluss keinerlei Kommunikation mit den Besuchern, dafür aber ein audiovisueller Augenschmaus, der sich gewaschen hatte. In gewissem Sinne hatte jemand wie ich, der sich nicht bis in die Tiefe mit der Diskographie meiner Landsmänner auskennt, an diesem Abend Glück. Denn im Gegensatz zu der 8-teiligen Konzertreihe, die andernorts aufgeführt wurde und die jeweils ein Album als Basis hatte, gab es in Barcelona eine Art Best of zu hören, es folgte also Hit auf Hit – oder besser Klassiker auf Klassiker. Die ersten vier Tracks stammten allesamt vom 8ten Studiowerk namens „Computerworld“, wobei – wie im weiteren Verlauf der Setlist – jeweils auf die englisch-sprachigen Versionen auch bei den Titeln zurückgegriffen wurde. Dazu gab es passende Animationen in unterschiedlichen Stilrichtungen, welche mal mehr mal weniger mit 3D-Effekten spielten. Hin und wieder schienen Objekte direkt in den Opernsaal zu fliegen, was dann jeweils mit Szenenapplaus goutiert wurde. Wobei insgesamt eine fiebrige Begeisterung zu spüren war, wobei ich dennoch KRAFTWERK nicht für eine klatschtaugliche Formation halte. Aber jedem das Seine. Besonders schön in meinen Ohren „Computer Love“, mit einem musikalischen Motiv, welches COLDPLAY bei ihrem „Talk“ dann abermals mit Leben gefüllt haben. Im weiteren Verlauf gab es u.a. die Titeltracks der Tonträger „Autobahn“ (in der langen Version mit einer wunderschönen Käfer-Animation), „Radioaktivität“ (inkl. Referenz an die „aktuelle“ Fukushima-Katastrophe) und „Trans Europa Express“ zu hören, das Motiv der Bewegung in den unterschiedlichsten Formen spielte ja von jeher eine wichtige Rolle im Bandkosmos. So auch beim bisher letzten Studio-Werk „Tour de France“ aus dem Jahre 2003, das ausgiebig gewürdigt wurde und mit Ausschnitten sich quälender Radprofis eine spezielle Dynamik entwickelte. Nicht zu vergessen natürlich „The Model“, das wohl poppigste Stück, das auch Nichtkennern der Band geläufig sein sollte. Nach „Metal on Metal“ endete der Haupt-Part, doch jubelnde Fans forderten natürlich einen Nachschlag.

Dieser fiel überraschend opulent aus, „The Robots“ durfte natürlich nicht fehlen, hier wurden die 4 Musiker von ihren bekannten Roboter-Versionen vertreten, was dem Ganzen einen faszinierend retro-futuristischen Touch verlieh. Doch auch danach war noch nicht Schluss, 5 weitere Tracks wurden dann wieder in altbekannter Form dargeboten, darunter das lautmalerische „Boing Boom Tschak“. Erst nach weit über 2 Stunden Konzertgenuss rundete das passend betitelte „Music Non Stop“ den Abend endgültig ab, Musik in jedweder Form wird niemals sterben, und KRAFTWERK haben sich ihren Legenden-Status längst verdient. Zum Abschluss durfte jeder der 4 Herren ein kleines „Solo“ performen und sich abschließend einzeln verabschieden. Hütter, der auch die eher seltenen Vocals beigesteuert hatte, richtete dann tatsächlich noch dreisprachige Abschiedsworte ans Auditorium, bevor auch er schlussendlich die Bühne verließ. Minutenlang brandete noch Beifall auf, und die Frage, ob sich die materielle Ausgabe gelohnt hatte, stellte sich nun auch nicht mehr…

Setlist
Numbers 
Computer World 
Home Computer 
Computer Love 
The Man Machine 
Spacelab 
The Model 
Neon Lights 
Autobahn (Long Version)
Airwaves 
Intermission 
News 
Radioactivity 
Ohm Sweet Ohm 
Electric Café 
Tour de France 1983 
Tour de France 2003 
Chrono 
Trans-Europe Express 
Abzug 
Metal on Metal 

The Robots 

Aéro Dynamik 
Planet of Visions 
Boing Boom Tschak 
Techno Pop 
Music Non Stop 

Copyright Fotos: Karsten Thurau

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu KRAFTWERK auf terrorverlag.com