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LETZTE INSTANZ – COPPELIUS

Ort: Dresden - Reithalle

Datum: 03.04.2009

Die Sonne scheint, die Vögel singen, der Frühling klopft an die Tür und das Wochenende öffnet seine Tore. Einen besseren Rahmen könnte es für das heutige Konzert wohl nicht geben, denn mit aktuellem Album Schuldig auf dem Rücken machen sich die Dresdner Fraktion der LETZTEn INSTANZ heute auf zum Heimspiel in die sächsischen Hauptstadt. Oh Freude, oh Freude. Was das für uns bedeutet, ist gar keine Frage. Auf der Suche nach sündigen Taten und gespannt ob das Härtemaß angezogen wurde, machen Fotoschäfchen Tine und ich uns also auf nach Dresden in die Reithalle, vor der es schon bei unserer sehr zeitigen Ankunft vor szeneeigenem Fußvolk nur so wimmelt. Als wir vor Ort erfahren, dass COPPELIUS heute die Ehre übernehmen als Support-Act dem Volk einzuheizen, ist bei einigen unter uns die Freude ziemlich groß. Für mich und Tine eröffnen sich jedoch nur Fragezeichen, da bis dato sich für uns diese Truppe als gänzlich unbekannt erweist.

In Insider-Kreisen längst kein Geheimtipp mehr, sorgen die 6 befrackten Herren vom ersten bis zum letzten Ton für eine Mörderstimmung. Klar, Erfahrung hat man ja mittlerweile auch genug. Nach eigenen Angaben spielte die Formation ihr erstes Konzert 1803 und von 1815 bis 1822 ging man auf die erste europäische Konzertreise. Da weiß man natürlich genau wo der Hase läuft. Im Stil des selbstbezeichneten Kammer-Core aus dem 19. Jahrhundert bedienen sich die Berliner nicht unseren herkömmlich neumodernen Mitteln wie E-Gitarre oder E-Bass, sondern hauen und blasen auf Kontrabass, Cello und Klarinette ein. Waschecht mit Gehrock und Zylinder wird hier am Stil des 19. Jahrhunderts festgehalten, immer schön gesiezt und brav den Kammerton A angestimmt. Musikalisch inspiriert von unter anderem IRON MAIDEN und APOCALYPTICA, lyrisch stark von E.T. A. Hoffmann angehaucht, betiteln sie ihre Musik in Anspielung auf Heavy Metal als „Heavy Wood“ und siehe da – das Konzept geht gar prächtig auf!!! Das Volk klatscht sich in Ekstase, Wein fließt und Spiele stimmen das Volk willig. Da bleibt keine Kehle trocken, kein Fuß am Boden. Die beschwinglichen Melodien bohren sich direkt ins Gesicht und der Rhythmus unaufhaltsam in die Extremitäten. Die Mädels headbangen zum Klarinetten-Solo. Wie geil ist das denn??? Jede Julia auf dieser Welt würde wohl in sofortige Liebe verfallen und auf Familienstreitigkeiten und Gesellschaftsunterschiede spucken, ganz gleich ob da nun Romeo oder sonst wer vor ihrem Balkon trällern würde. Das nenn ich Brachialromantik! Mit Tamburin in der Hand und rhythmischen Verrenkungen im Gesicht schleudert Sänger Bastille immer mehr Stoff ins Feuer und sorgt mit seinem klassischen Musiziergefolge für eine der ausgelassensten Stimmungen, die ich je bei einer Vorband erleben durfte. Der gute Ton ist zurückgekehrt. Dresden verwandelt sich in ein Tollhaus und am Ende des Auftritts erntet COPPELIUS schallenden Applaus. Hier hat sich wirklich niemand zum Hofnarren gemacht – ich ziehe meinen Hut!!!

Das es am Frühling nichts zu meckern gibt, ist gar keine Frage. So verzieht sich das rauchwütige Volk erst einmal hinaus und atmet frisch verräucherten Sauerstoff – ach herrlich!!! Doch dann aber wieder fix rein, der Hauptact wartet. Die Lautstärke nimmt ohrensausende Frequenzen an als einer nach dem anderen der LETZTEn INSTANZ die Bühne betritt und nun in versammelter Mannschaft gleich mit dem Opener „Mein Engel“ vom aktuellen Album „Schuldig“ losgedonnert wird. Holly begrüßt nach dem Auftakt sofort die Fans. „Wer hat unser neues Album???“ – grölender Jubel – „und wer nicht???“ – man hört ein laues Lüftchen – „Schuldig!“ So flüchten wir uns also mit der noch relativ fabrikwarmen Platte in unser Glück und lassen uns tragen von herzerwärmenden Klängen der Violine, des Cellos, den immer geliebten Gitarren und dem krönenden Sahnehäubchen der wohligwarmen Stimme von Frontmann Holly. Von der Presse hochgelobt, von den eigenen Männern als fortschreitende Härte bezeichnet, erfreut sich das neue Werk „Schuldig“ an Kritiken in den goldensten Tönen und Zeilen. Doch da Altbewährtes nie vom Ladentisch zu räumen ist, gehen wir nach dem 2. Song auch gleich wieder gute 3 Jahre zurück mit „Tanz“ von der „Ins Licht“ – Platte, bei der nun die Bühne sich zu einer einzigen Hüpfburg entpuppt und vom quietschfidelen Fidelmeister Muttis Stolz bis zum sonst bodenfesten Basser Michael buchstäblich alle in die Luft gehen. Na was die können, können wir schon lange, denkt sich die Reithalle und so hopsen wir uns alle fröhlich in gute-Laune-Stimmung. Die Ankündigung des nächsten Titels, sorgt für einiges Schmunzeln auf unseren Lippen, denn bei dessen Ansage wachsen Holly jeden Tag 2-3 Falten mehr, weil er einfach nicht weiß, wie er es am besten ansagen soll. Doch der Tipp Winter und Herz reicht vollends um die Publikumsmassen in einen freudigen Menschenauflauf zu verwandeln und so nehmen wir dies auf wie das Wort zum Sonntag und rocken mit „Eisherz“ die Massen, während Benni sich den Wolf bangt. Oh, Muttis Stolz hat heute zuviel Eis gegessen. Zugegeben so ganz versteh ich diesen Übergang jetzt nicht, denn Holly bittet nun alle Raucher ihre Feuerzeuge auszupacken und die Nichtraucher die Handys. Die Fans befolgen alle Aufforderungen wie kleine Lakaien und schon bald strahlt die Reithalle in einem Lichtermeer als die ersten Töne zu „Dein Licht“ angestimmt werden – wie himmlisch…

Auf der Bühne herrscht ein buntes Durcheinander wie in manch Kantine. Die Jungs hüpfen von einem Fleck zum nächsten, springen wild durch die Gegend und bereiten damit nicht zuletzt den Fotographen eine besonders große Freude. Die Mädels sind zu Tränen gerührt – ich kipp aus den Latschen. Prost!!! Mein persönliches Lieblingslied „Kopfkino“ darf ich mir leider von draußen anhören, denn nachdem die Fotographen ihre Arbeit getan haben, müssen sie leider hinter die Bühne, da vor der stage kein Entkommen mehr möglich ist. Was soll’s, Mutti riet ja immer das Beste aus jeder Situation zu machen und so nutzen wir die Zeit, um auf einen kleinen Plausch beim Coppula-Klarinettisten vorbeizuschauen, der uns mit reichhaltigen Informationen füttert. Doch pünktlich zu „Unerreicht“ geht es wieder rein, um sich mit Hollys glühender Stimme aufzuheizen. Die Stimmung ist einzigartig, was besonders auffällt wenn man die Hallen erneut betritt. Mit „Traumlos“ fliegen wir zurück zum aktuellen Album. Beim Klang dieser Zeilen heb ich einfach nur ab und schwebe der Morgensonne entgegen – einfach nur himmlisch. Aber Moment, nicht alle davon schweben. Wer soll denn sonst hier weiterfeiern? Also erkundigt sich Holly lieber mal schnell nach unserem Wohlbefinden. Jawohl, alles bestens. Weiter geht’s mit „Monument der Stille“, was wieder von einem Wahnsinns-Klatschreigen untermalt wird. Doch was ist das? Plötzlich bricht ein kollektives Ohhhh aus. Mensch, da muss doch irgendetwas sein?! Ich hab’s: das zu Tränen rührende „Jeden Morgen“! Taschentücher raus dafür!!! Der Refrain wird stimmlich gänzlich von der Reithalle begleitet – und in meinem Kopf ist Leandra, die auf der Weißgold so umwerfend den letzten Part übernahm, ebenso mit von der Partie. Holly ergreift überschwänglich und selbstironisch das Wort: Wir sind die schönste Band der Welt, oder??? Dafür gibt’s „Das schönste Lied der Welt“. Na dann, party on Wayne!!! Nach einem kleinen Test ob musikalisches Verständnis beim Volk vorhanden ist („Macht mal alle aaaaah“), kommen wir nun zur wissenschaftlichen Abhandlung in welcher Stadt der Gotenschrei am lautesten ertönt. Heute steht Dresden auf dem Programm – na dann mal los. Ganze drei Töne müssen wir wiedergeben. Puhh, ganz schön schwer. Mit ethischer Aufklärung ist nach diesem Experiment nicht viel und wer gewonnen hat, wird auch nicht verraten. So ein Mist aber auch! Aber man lernt ja für das Leben, denn unsere 3 Töne werden nun beim folgenden Song „Finsternis“ benötigt, bei dem die Frauen unter uns am stärksten ihre Fähigkeiten zu besten geben. Obwohl es laut Holly in Sachsen ja so viele schöne Mädels gibt, ist der nächste Song nicht nur an eine gewidmet „denn ich seh nur Göttingen!“ Und wieder die alten Hörprobleme!!! Was meint er denn bitte mit Göttingen??? Doch Dolmetscher Tine ist schon zur Stelle – er hat Göttinnen gesagt. Ach so… Vorhang auf für „Die Eine“
Alle, die sich beim vorherigen Song angesprochen gefühlt haben – und laut Jubel waren das einige – dürfen jetzt bei „ Das Stimmlein“ ihren Frust ablassen. Und egal ob Männlein oder Weiblein, den Letzten Instanzen wird kräftig gezeigt, was Dresden zu bieten hat. Die Mädels brechen in Balztanz aus, Muttis Stolz fiedelt sich einen Wolf, bevor sich alle wieder mit rekordverdächtigen Bühnenjumping betätigen. Die Schwarte kracht gar sehr…

Um Fragen vorzubeugen, Holly betont, dass „Rapunzel“ heute nicht gespielt wird – Jubel!!! Dieser verstummt allerdings als auch jede Silbe dieses Satzes das entsprechende Hirnareal erreicht hat und der Jubel nun in kräftiges Buhen umkippt. Der letzte Song „Feuer“ wird angekündigt und als die Pyros anfangen heiße Flammen zu spucken, versteh ich auch endlich den Sinn des Pappschildes „Achtung Pyros! Nicht rauchen!“ am Bühneneingang. Doch Dresden gibt sich noch lange nicht geschlagen!!! Zur ersten Zugabe „Ganz oder gar nicht“ wird es nun mit Feuerspuckern noch heißer, bevor dann bei „Kalter Glanz“ auch meine schlaffen Glieder zum Leben erweckt werden. Holly wiederholt erneut „Wir spielen Rapunzel heute nicht mehr“. Doch eine Kongruenz zwischen Einstellung und Verhalten ist um diese Uhrzeit einfach zu viel verlangt, so dass endlich „Rapunzel“ ertönt, auf das ja alle nur gewartet haben. Die Reithalle wird plötzlich zu einem Toll- und Freudenhaus, in dem einen schon fast bange werden kann. Besonders interessant, dass in dem LETZTE INSTANZ Klassiker, ein weiterer Klassiker und zwar „Rebell Yell“ von Ikone BILLY IDOL eingeschnitten wird – wie geil ist das denn? Ein Konfettiregen begießt das ganze mit dem krönendem Glanz bevor es heißt Tschüss, auf Wiedersehen.

Doch die Jungs lassen Gnade walten. Als schon ein guter Teil des Publikums sich vor der Halle seinen wohlverdienten Glimmstängel anzündet, geht es drinnen erneut auf die Barrikaden. Mit „Wir sind nicht allein“ und „Sandmann“ gibt es noch ein kleines Nachthupferl, bevor nach 26 Songs und guten 2 Stunden Unterhaltung Feierabend gemacht wird. Das Publikum ist glücklich und zufrieden und wir sagen auf Wiedersehen. Bis zum nächsten Mal.

Setlist LETZTE INSTANZ
Mein Engel
Flucht ins Glück
Tanz
Maskenball
Ohne dich
Eisherz
Dein Licht
Vollmond
Kopfkino
Unerreicht
Sonne
Traumlos
Monument der Stille
Jeden Morgen
Das schönste Lied der Welt
Finsternis
Komm!
Die Eine
Das Stimmlein
Feuer

Ganz oder gar nicht
Kalter Glanz
Mein Todestag
Rapunzel
Wir sind allein
Sandmann

Copyright Fotos: Tine Kersten

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