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LONG DISTANCE CALLING – NIHILING

Ort: Osnabrück - Kleine Freiheit

Datum: 03.10.2009

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt? Diese alte Weisheit galt auch am heutigen Tag der Deutschen Einheit, den ich in der Kleinen Freiheit zu verbringen dachte, wo nichts mehr darauf deutete, dass hier tags zuvor DÚNÉ den Laden in Grund und Boden gerockt hatten. Während bei den Dänen das Haus mit 260 Fans zum Bersten gefüllt war, ging es in Hinblick auf die Zuschauerzahlen deutlich gemäßigter zu. Knapp 100 Personen waren zum alten Güterbahnhof gekommen, um den Postrockern aus dem Münsterland beim Spielen ihrer epischen Instrumental-Hymnen beizuwohnen.

Das Quintett befindet sich momentan auf Clubtour und hat zu diesem Zweck die Kollegen von NIHILING aus Hamburg mit in den Bus gepackt, die um 21.00 Uhr die Bühne der Kleinen Freiheit enterten und mit „Moth Gate“ von ihrem Debütalbum „M(e)iosis“ emotionsgeladen loslegten. Die vier Herren und eine Dame haben sich ganz den düsteren Post-Prog-Rock-Klängen verschrieben und konnten mit ihrer Mucke auf ganzer Länge überzeugen. Zwar blieben die Osnabrücker wie üblich auf Distanz, doch fingen schon bald die Köpfe an zu nicken und auch die Füße setzten zur rhythmischen Bewegung an. Beim sphärischen „Machination“ bekam Gitarrist und Sänger Gorka Verstärkung an den Mikros von Bassistin Alex, ehe der Song in einem eruptiven Finale gipfelte und es ganz ohne Gesang, dafür aber mit viel Geschrammel mit einem neuen Stück weiterging. Wie „Greeting Aaron“ ist auch „Abba“ (es ist mir nicht bekannt, ob hier die schwedische Popformation Pate stand) bislang unveröffentlicht und bescherte der Kleinen Freiheit feines Gefrickel, feenhaften Gesang von Sina und im hochenergetischen Gitarrenpart auch noch unverständliches Gekreische vom Kollegen Gorka. Derweil donnerte Donnie bei „Isis“ brachial auf seine Drums ein, während die vierköpfige Saitenfraktion in bester Hitchcock-Manier die Langäxte zum Jaulen brachte. Der Sound hatte etwas nervenzerreißendes und bot noch einmal ausgiebig Gelegenheit, mit den Effekten zu spielen, bevor nach 45 Minuten der Gig der jugendlichen Hanseaten endete, die seit 2004 gemeinsam mucken, nachdem sie sich über Myspace kennen gelernt hatten.

Setlist NIHILING
Moth Gate
Cataract
Machination
Greeting Aaron
Abba
Isis

Es brauchte nur eine kurze Umbaupause von knapp 20 Minuten und schon standen LONG DISTANCE CALLING auf der Stage. Wer nun denkt, dass angesichts der „nur“ zehn Songs zählenden Setlist das Konzert schnell runtergespielt war, der kennt LONG DISTANCE CALLING nicht. Von radiotauglichen drei Minuten will hier niemand etwas wissen und radiotauglich ist die Musik auch nicht wirklich. Glücklicherweise möchte ich sagen, denn ansonsten hätte es mit Sicherheit nicht diese mitreißende Musik auf die Ohren gegeben, die nicht nur ganz ohne Gesang auskam und zudem alles mitbrachte was das Prog-Rocker Herz begehrt. Unter diesen Umständen trauten sich sogar die Osnabrücker näher an die Bühne, die fast die ganze Zeit über mehr oder minder im Dunkeln lag, und ließen sich von den zwingenden Melodien des seit 2006 agierenden Fünfers gefangen nehmen. Den Anfang machten zwei Lieder vom aktuellen Longplayer „Avoid The Light“, ehe es mit „Jungfernflug“ einen fantastischen Song vom 2007er Erstling „Satellite“ zu verkosten gab. Das folgende „I Know You, Stanley Milgram“ rockte wie der Teufel und jagte mit viel Bass und Schlagzeug eine volle Breitseite durch die ehemalige Bahnkantine, bevor das großartige „359°“ schwermütig im Midtempo startet. Während Reimut seine Ambience-Samples positionierte, machte die Langaxt-Fraktion immer mehr Druck, um schließlich im verträumten Start von „Fire In The Mountain“ überzugehen. Schon bald setzten Stakkato-Sounds ein, denen sich variantenreiche Gitarren anschlossen, die zu „Metulsky Curse Revisited“ gehörten. Diese Nummer haben LONG DISTANCE CALLING Anfang des Jahres auf einem Split mit den Schweizern LEECH in die Plattenläden gebracht und die Verbundenheit mit den Kollegen zeigte Bassist Jan schon mit der Auswahl seines T-Shirts. Scheppernd ging es mit „The Very Last Day“ und Flüster-Sprechgesang vom Band weiter – eine echte Gänsehaut-Nummer, die leider schon die letzte des regulären Sets sein sollte. Während Drummer Janosch sich schon verabschiedet hatte, verharrten die Langäxte in Front in Bewegungslosigkeit, um schließlich noch ein letztes Mal loszuschlagen.

Ohne Zugabe konnte das Quintett natürlich unmöglich seine Fans zurücklassen und so gab es mit „Apparitions“ eine knapp 15-minütige Dreingabe, die es in sich hatte. Nachdem das Vogelgezwitscher verklungen war, übernahmen wieder härtere Töne das Sagen und stellten unter Beweis, dass es keine Vocals braucht, um intensive Emotionen musikalisch zu transportieren. Inzwischen zeigte das Zeiteisen 23.30 Uhr und die Band verabschiedete sich vom begeisterten Publikum, überlegte es sich dann jedoch noch einmal anders und kehrte noch einmal mit Ausnahme von Reimut zurück. Zehn Minuten lang improvisierten LONG DISTANCE CALLING und hauten den Osnabrückern zum Schluss ein fettes Gitarrenbrett um die Ohren, das es in sich hatte. Eine großartige Show, die keine Wünsche in Sachen Post Rock/ Progressive/ Psychedelic/ Ambient offen ließ!

Setlist LONG DISTANCE CALLING
Sundown Highway
Black Paper Planes
Jungfernflug
I Know You, Stanley Milgram
359°
Fire In The Mountain
Metulsky Curse Revistited
The Very Last Day

Apparitions

Improvisationen

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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