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MARC-UWE KLING

Ort: Münster – Kreativ-Haus

Datum: 01.10.2010

Wenn ein Kabarettist als „geistiger Terrorbrandstifter“ bezeichnet wird, ist es für den Terrorverlag natürlich ein Muss, sich selbst ein Bild von dessem neuen Programm zu machen. So traf es sich gut, dass MARC-UWE KLING mit seinem „Känguru-Manifest“ Station in Münster machte, was mir zum zweiten Mal in diesem Jahr zu dem Vergnügen eines bissig-vergnüglichen Abends mit dem 28-jährigen Berliner verhalf.

Das Kreativ-Haus war mit rund 100 Besuchern erwartungsgemäß ausverkauft und mit einem bunt gemischten Publikum, das so ziemlich alle Altersgruppen abdeckte, besetzt. Allerdings waren die die FDP-Wähler unterrepräsentiert, wie Herr Kling zu Beginn der Vorstellung im Rahmen seiner Marktforschung feststellte. Wie er verlauten ließ, macht er die jetzt vor jedem Auftritt, um festzustellen, wer sein Publikum ist, schließlich sei er Dienstleister und liefere zielgruppengerecht ab. Dass nun gar keine FDP-Wähler im Saal waren, könnte nach seiner Analyse bedeuten, dass entweder seine Fans keinen relevanten Schnitt durch die Bevölkerung abbilden oder wir einem gigantischen Wahlbetrug auf der Spur sind. Welche Meinung das Känguru dazu hat, blieb unter Verschluss, aber wir durften hören, wie es dem anarchistischen Beuteltier ergangen ist, als es für kurze Zeit einen Call-Center-Job bei den Liberalen hatte. Unnötig zu sagen, dass das Arbeitszeugnis nicht ganz so positiv ausgefallen ist. Dass Terror und Telefon ganz nahe beieinander liegen, bewies der Hauptstädter mit einem Song, den er bei den „Kranken Schwestern“ – des Kängurus avantgardistischen Gender-Punk-Band der Neunziger (man trat in weißen Latex-Schwesterntrachten auf), entliehen hatte. Es ging um einen Terroristen mit Flugangst, der gleichzeitig auch noch von Panikattacken, Versagens- und Existenzängsten geplagt wurde. Dessen einmaliger Terror gegen 300 Flugpassagiere wurde von einer mitreisenden Call-Center-Agentin locker getoppt, die nach eigenem Bekunden täglich 300 Menschen terrorisierte. Tatsächlich zog sich das Thema Terror durch den gesamten Abend, denn ein vermeintlicher Terroranschlag führte Kling und das Känguru auch mit dem Gefreiten Krabottke zusammen, der den suizidbedingten S-Bahn-Ausfall Richtung Wannsee falsch gedeutet hatte und in Kling kurzerhand einen Vorgesetzen fand, der sich als Hauptmann der Bundeswehr (was das Känguru an Uniformen alles im Beutel spazieren führt) auf den Weg zu einer zweiten „Wannsee-Konferenz“ machte, um über die Privatisierung der Streitmächte eine bitterböse Rede zu halten. Natürlich inklusive Werbekonzept und der Ankündigung, dass in der freien Marktwirtschaft ein toter Taliban für unter 10.000,00 EUR machbar sein müsse. Als Beuteltier mit Migrationshintergrund kann es dem Känguru selbstverständlich nicht egal sein, wenn ausländerfeindliche Rechtsaußen an die Macht wollen, weshalb sein WG-Mitbewohner über eine Kleinkunst-Preis-Verleihung zu berichten wusste, bei welcher der Hüpfer sein selbsternanntes Kunstprojekt mit den wortwörtlich umgesetzten Redewendungen fortgeführt hat. Es ging übrigens um den Begriff „Ans Bein pinkeln“, wovon der zweite Vorsitzende Dwix der SV-Partei (Klings Übersetzung: „Schlussverkauf“, da das Parteiprogramm ja eh „alles muss raus“ lautet) betroffen war. Wenig später lernten wir noch: „Haider heißt jetzt Dwix – sonst ändert sich nix“, bevor es nach einer knappen Stunde Spielzeit in eine kurze Pause ging.

Im zweiten, einstündigen Block nahm sich MARC-UWE KLING der Bibel an und zeigte die verschiedenen dramaturgischen Schwächen im Text auf. Würde man allerdings in der Johannes-Offenbarung das Wort „Tier“ durchgängig durch „Bier“ ersetzen, gewänne die Story eindeutig. Dazu passend gab es auch einen brandneuen Song, der noch abgelesen werden musste. Wer wusste schon, dass es noch einen dreizehnten Apostel gab, der Rudi hieß und immer Kippen und Bier geholt hat? Jesus hat demzufolge das Lebensmotto „Sex, Drugs & Rock’N’Roll“ sehr ernst genommen und die Jünger hatten beim letzten Abendmahl alle einen Filmriss, weshalb die Überlieferungen in der Bibel auch so vage ausgefallen sind. Drch diese neue Sicht auf die Dinge, bekam zudem die Nummer mit der Auferstehung am dritten Tage eine ganz neue Bedeutung… Natürlich durften auch die privaten Geschichten vom Zusammenleben mit einem vorlauten Beuteltier, das beim Vietcong war und Kommunist ist, nicht fehlen. Da wird dann auch schon mal der Kinokarten-Kauf im Multi-Plex am Podsdamer Platz zur Abrechnung mit dem Schweinesystem, die mit viel Applaus und Gelächter bedacht wurde. Was es mit dem „Berliner Roulette“ auf sich hatte, war nicht minder unterhaltsam und das Statement, dass das Oktoberfest eigentlich nichts anderes sei wie der Kölner Karneval, nur dass in München alle das gleiche Kostüm trügen, passte natürlich hervorragend zu den unzähligen Oktoberfesten, die inzwischen dieser Tage auch in unseren Breiten gefeiert werden.

Wie MARC-UWE KLING mehrfach betonte, sind selbstredend alle Känguru-Geschichten wahr, auch diejenigen, die in der Zukunft spielten und auch wenn Mutter Kling der Meinung sei, das Leben schriebe die besten Geschichten, so seien manche vom Beuteltier nicht so gut. Das sahen die Münsteraner jedoch anders, wie der Beifall und die Mitsingbereitschaft zeigten. Die kleine Leseschwäche, der Kling im Kreativ-Haus anheim gefallen war, machte den brillanten Kabarettisten (die Berufsbezeichnung „Kleinkünstler“ hört er gar nicht gern) nur noch sympathischer und so verging der Abend mit ebenso kurzweiligen wie pointierten kleinen Storys aus der besten Berliner Wohngemeinschaft ever wie im Fluge.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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