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MARC-UWE KLING & NILS HEINRICH

Ort: Bielefeld - Zweischlingen

Datum: 27.06.2009

Nachdem ich bereits Anfang des Jahres das Vergnügen hatte, den hochdekorierten Poetry Slammer, Liedermacher, Autor und Kabarettisten MARC-UWE KLING mit seinem Solo-Programm „Wenn alle Stricke reißen, kann man sich nicht mal mehr aufhängen“ zu sehen, zog es eine kleine Abordnung des Terrorverlages an diesem lauschigen Samstag Abend ins ebenso lauschige Zweischlingen, wo Kling gemeinsam mit seinem Poetry Slam- und Musikkabarett-Kollegen NILS HEINRCH zu „Anarchie und Leidenschaft“ aufgerufen hatten.

Der Saal der altehrwürdigen Bielefelder Kneipe, in der mit Kling und Heinrich der Kabarettsommer eröffnet wurde, war mit knapp 100 Leuten fast vollständig gefüllt und auch wenn auf Nachfrage von Marc-Uwe einige gar nicht beantworten konnten, weshalb sie eigentlich da waren, wurden alle bestens unterhalten. Während Kling im württembergischen Backnang aufgewachsen ist und jetzt in Berlin-Kreuzberg lebt, hat es den gebürtigen Sangershäuser Heinrich, der noch in der DDR sozialisiert wurde, nach Stuttgart verschlagen, wo er vor allem die geliebte Salzkartoffel vermisst und der ewigen Maultauschen und besonders der Spätzle überdrüssig ist. Bevor er dem Publikum derlei Offenbarungen machte, wurde aber ausgiebig zu Klavier und Akustikgitarre gesungen (u.a. beißend komische Cover von „Mad World“ von TEARS FOR FEARS als politischer Schlager zur kommenden Bundestagswahl und IKE TURNERs „Nutbush City Limits“, welches die Gefahren des Nachtbus-Fahrens zum Inhalt hatte). Weiterhin wurde Nils schlimme Kindheit im Osten unter die Lupe genommen, wo man nur Umlaute hatte und Freitag abends zur Jungen Gemeinde ging, weil es dort zu Weihnachten auch Duplo und Ferrero Küsschen gab. Unglaublich witzig war die Beschreibung eines solchen Abends mit passendem sächsischen Idiom, die er ankündigte als „Geschichte aus der Zeit, als MySpace noch Stasi-Akte hieß“. Daneben wurde auch noch das Telefonverhalten gestern und heute unter die Lupe genommen und sich über Kochshows on tour (Tim Mälzer „Ham’se noch Hack“) lustig gemacht, denen irgendwann wohl auch Backshows mit dem Titel „Knusperknusperknäuschen“ folgen werden , bevor das Ganze in so abstrusen Arbeitsshows gipfeln wird, das man für ein läppisches Salär von EUR 60,00 dem 180-jährige Günther Grass beim Schreiben eines Buches zusehen kann.

MARC-UWE KLING hatte natürlich auch wieder Geschichten vom Känguru dabei. Das Känguru, dem auch ein Buch mit dem Titel „Die Känguru-Chroniken“ gewidmet wurde, ist der Mitbewohner von Kling. Ein anarchistisches Beuteltier, das beim Vietcong war und auf Nirwana steht und gehörig Schwung in das Leben des Künstlers bringt, der vom überraschenden Besuch eines GEZ-Mitarbeiters berichtete, welcher kurzerhand vom Känguru k.o. geschlagen wurde, während Gesellschaftsspiele dem haarigen Mitbewohner wohl eher nicht liegen, wobei es sich als äußerst findig erweist, wenn es darum geht, im „Nachtbus des Grauens“ alle Trümpfe zu spielen. Daneben widmete Kling auch ein Lied dem Dramatiker Müller, dessen Ausspruch „Optmismus ist nur ein Mangel an Information“ vortrefflich umgesetzt wurde, bevor es mit dem Mitmachsong zum Thema Umzug auch ein Stück aus seinem Soloprogramm gab. Eigentlich waren für den Abend von MARC-UWE KLING Nummern angekündigt worden, die es nicht in die Soloprogramme der einzelnen geschafft hatten (man sollte sich die Auswahl wie eine DVD vorstellen, die nur aus Bonusmaterial besteht), aber ebenso wie der Feelgood-Gospel „Die Makrele“, mit dem der Abend nach zwei Stunden beendet wurde, durfte auch die zentnerschwere „Waschmaschine“ nicht fehlen. Musikalischer Höhepunkt war allerdings eindeutig der Rangruppen-HipHop, mit dem die beiden Protagonisten den Zugabenblock einläuteten. Der „Fischers-Fritze“-Rap ließ kein Auge trocken und brachte den Saal zu recht zum Toben, während bei Klings Liebeslied „Die Liebe in Zeiten der Cola“ über den Verkauf und gleichzeitige, steueroptimierte Zurückleasen der eigenen Freundin das Lachen eher im Hals stecken blieb.

MARC-UWE KLING und NILS HEINRICH hassen Comedy-Klischeethemen und wissen angeblich gar nicht, wie politisches Kabarett richtig geht. Dafür bewiesen sie über zwei Stunden jedoch ein hervorragendes Gespür für stichelnden Humor und den passenden Gesprächsstoff zur Lage der Nation, die schon bald wieder mit Weihnachtsgebäck ins Freibad gehen kann.

Copyright Fotos: Jan-Hendrik Kruse

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