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MARCUS WIEBUSCH – FEDERAL LIGHTS

Ort: Lingen – Alter Schlachthof

Datum: 07.09.2014

Sonntagabend – Tatort gucken? Oder lieber Fußball-EM-Quali Deutschland gegen Schottland? Nö… lieber mal schön ins Emsland fahren! Genauer gesagt nach Lingen in den Alten Schlachthof. Seit vielen Jahren dient diese Einrichtung der Stadt Lingen als Treffpunkt für Kinder, Jugendliche und kulturinteressierte junge Menschen. Bei den zahlreichen Konzerten sind jedoch auch ältere Semester jederzeit willkommen und es gibt einen Künstler, der es sogar geschafft hat, über die Jahre gleich mit drei Bands in dieser Location aufzutreten. Die Rede ist von MARCUS WIEBUSCH, der bereits mehrfach mit KETTCAR vor Ort war. Die dritte Kapelle könnte RANTANPLAN gewesen sein, eventuell auch …BUT ALIVE. An diesen Sonntagabend war er auf jeden Fall solo unterwegs – wobei diese Umschreibung nicht ganz korrekt ist, denn allein stand der groß gewachsene Sänger und Gitarrist keinesfalls auf der Bühne, schließlich ist er auf seiner „Konfetti“-Tour mit einer siebenköpfigen Begleitband unterwegs.

Bevor die jedoch in Erscheinung trat, okkupierten zunächst einmal FEDERAL LIGHTS aus Winnipeg/ Kanada die Stage. Der Vierer hatte gerade sein Debüt „We Were Found In The Fog“ in die bundesdeutschen Plattenläden gebracht und präsentierte von diesem Silberling hörenswerte Songs zwischen Americana-Folk und Indie-Rock. Der Opener „Sharks“ startete bassbetont, ehe es „Camera“ ein wenig ruhiger angehen ließ und „Cobra“ erneut in die Vollen ging. Für den Gesang war in erster Linie Jean-Guy Roy verantwortlich, vielfach wurde er jedoch vom Bassisten Rob Mitchell und seiner Frau Jodi Roy (Keys & Glockenspiel) am Mikro unterstützt. Der Titeltrack ihres Erstlings begann zunächst melancholisch, um dann erneut Gas zu geben, während „Reservation Girl“ ein besonders eindringliches Lied war. Mit viel Tiefgang und Schwung schloss sich „I Don’t Mind“ an, während „I Woke Up“ auch dank der Rhythmusarbeit von Drummer Chris Gaudry schmissig nachlegte. „I See Love“ sorgte für gute Laune, ehe „This Would Be A Fine Job To Retire From“ auf der Zielgeraden für einen traurigen, aber auch sehr schönen Moment sorgte. In ihrer Heimat werden FEDERAL LIGHTS bereits als Geheimtipp gehandelt und wer auf der Suche nach einem perfekten Mix aus ARCADE FIRE, WILCO und OF MONSTERS OF MEN ist, wird an diesem kanadischen Quartett seine uneingeschränkte Freude haben. Scheint ganz so, als sei Winnipeg ein gutes Pflaster für Musiker, schließlich sind dort auch John K. Samson und seine Combo THE WEAKERTHANS zuhause. Das Emsland konnte sich jedenfalls über einen knapp 40-minütigen gelungenen Auftakt des Abends freuen und dementsprechend wurde auch freundlich Applaus gespendet.

Setlist FEDERAL LIGHTS
Sharks
Camera
Cobra
We Were Found In The Fog
Reservation Girl
I Don’t Mind
I Woke Up
I See Love
This Would Be A Fine Job To Retire From

Überbordende Gefühlsausbrüche sind in diesem Landstrich eher die Seltenheit und so blieben die Zuschauerreaktionen auch beim Hauptact ein wenig zurückhaltend. Für den Hanseaten MARCUS WIEBUSCH, der zudem nicht zum ersten Mal vor Ort war, sicher kein Problem. Im Laufe der Jahre kennt man schließlich seine Pappenheimer und weiß das Publikum einzuordnen. Der samstägliche Tourauftakt im ausverkauften Hamburger Knust wird vermutlich ein wenig emotionaler vonstatten gegangen sein, doch auch die Emsländer zeigten sich als aufmerksame und dankbare Zuhörer. Nachdem es Label-Kollege Thees Uhlmann von TOMTE inzwischen schon mit zwei Platten vorgemacht hat, war im April auch für Wiebusch Solo-Premiere und sein Longplayer „Konfetti“ wurde veröffentlicht. Die Langrille schaffte es direkt bis auf Platz 8 der Charts und wird jetzt im Herbst mit einer ausführlichen Tour gebührend gefeiert, nachdem es über den Sommer bereits einige Festival- und Club-Gigs gab. Als besondere Zutat für den neuen Sound des Grand-Hotel-van-Cleef-Mitbegründers fungierte eine Bläserfraktion, die zu einem Intro Aufstellung nahm, während auch die „gängigen“ Positionen“ an Sechs- und Stahlsaiter, Schlagwerk und Tasten besetzt wurden. Eröffnet wurde der bunte Reigen vom monumentalen „Off“, bevor „Springen“ treibend übernahm. Es folgte ein rhythmusbetonter Exorzismus, um das Böse zu besiegen und das Selbstmitleid auszutreiben („Das Böse besiegen (Der Exorzismus des David R.)“), worauf Marcus sich erstmals von seiner Akustikgitarre verabschiedete und erklärte, jetzt werde gebounct! Die Tuba groovte bei „Jede Zeit hat ihre Pest“ ganz gewaltig und der Star des Abends zeigte seine Tanzbär-Qualitäten. Für das nachdenkliche „Wir waren eine Gang“ suchte er wieder Schutz hinter seiner Klampfe und gedachte alter Freundschaften und verlorener Ideale – wunderbar begleitet von Querflöte, Posaune und Trompete. „Sexy Dancing“ stand wenig später beim coolen „Haters Gonna Hate“ auf dem Programm, wohingegen Herr Wiebusch den Anwesenden bei „Nur einmal rächen“ empfahl, immer nett zu den Nerds zu sein – man kann ja nie wissen, ob der bebrillte Computerfreak am Nebentisch nicht der nächste Zuckerberg wird und Rache kann ein sehr erhabenes Gefühl sein… „Was wir tun werden“ lud mit viel Drive zum Mitklatschen ein, bevor Marcus die Peter-Fox-Taktik anwenden musste und sich eines KETTCAR-Songs bediente, weil elf Songs eines Debüts eben noch nicht reichen, um eine Setlist voll zu bekommen. Nun wurde „Balkon gegenüber“ nicht nur mit reichlich Gebläse versehen, sondern auch mit einer neuen zweiten Strophe, die dem Typen vom besagten Balkon gegenüber auch endlich eine Stimme gab. Eine schöne Idee, auf die ruhige Piano-Sounds von „Schwarzes Konetti“ folgten, die zu einem bewegenden Ganzen wurden. Nachdenklich schloss sich „Der Fernsehturm liebt den Mond“ an, bevor mit „Der Tag wird kommen“ der Song performt wurde, der wie keiner zuvor aus der Feder Wiebuschs polarisiert. Den Trailer zu diesem Track, der sich mit Homophobie im Fußball beschäftigt, ist inzwischen auch erschienen und ohne Zweifel war diese Nummer der Höhepunkt des Konzertes, das an dieser Stelle nach einer Stunde auch sein reguläres Ende fand.

Für die Zugabe war erneut KETTCAR-Material gefragt. Zunächst einmal brachte MARCUS WIEBUSCH „Schrilles buntes Hamburg“ im Alleingang als lupenreinen Protestsong zum Besten: eine Stimme, eine Gitarre und dagegen, ehe die Bandhymne „48 Stunden“ noch einmal die gesamte Mannschaft auf die Stage beorderte. Auch hier wusste erneut die Bläsersektion zu gefallen, aber auch sonst ließ der Abend nichts zu wünschen übrig. Außer vielleicht, das er um kurz vor 22.00 Uhr vergleichsweise früh endete. Aber im Zweifel gilt immer: Klasse vor Masse! Bis demnächst im Bielefelder Forum!

Setlist MARCUS WIEBUSCH
Off
Springen
Das Böse besiegen (Der Exorzismus des David R.)
Jede Zeit hat ihre Pest
Wir waren eine Gang
Haters Gonna Hate
Nur einmal rächen
Was wir tun werden
Balkon gegenüber
Schwarzes Konfetti
Der Fernsehturm liebt den Mond
Der Tag wird kommen

Schrilles buntes Hamburg
48 Stunden

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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