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MARILYN MANSON – PAPA ROACH

Ort: Dresden - Junge Garde

Datum: 11.06.2009

MARILYN MANSON schockt mit neuem Album in der Handtasche durch Deutschland! Nachdem er laut Zeugenaussagen beim Rock am Ring ziemlich abgestunken haben soll, steht der Auftritt in Dresden auf dem Kalender. So machen sich die Terrorverleger erwartungsvoll und nichts ahnend auf in die Junge Garde, deren Ambiente mit einem unglaublich schönen Amphitheater sofort für einen bleibenden Eindruck sorgen kann. Das Fotoverbot übrigens auch, denn warum auch immer, aber beim Hauptact dieses Abends sind leider keine Fotographen gestattet. Das Gelände ist gut gefüllt, die Menschenmasse bester Laune, nur die Wolken drohen uns einen Strich durch die Rechnung zu machen. Doch unser jüngster Kollege, ein 3jähriger Junge mit Entenmützchen, bangt gelassen mit Pommesgabel auf Muttis Schoß zu METALLICA ab – genau so soll es sein!!!

19.47 Uhr stürmen die Kalifornier Jungs von PAPA ROACH die Bretter und können mit vollster Kontrollüberzeugung glänzen. Die Anwesenden lösen sich leider (aber irgendwie ja auch verständlich) allesamt von den doch so ersehnten Sitzplätzen. Einer beginnt, alle anderen ziehen nach – ach Mist!!! Mit „Between Angels and Insects“ beginnt eine absolut überzeugende Performance, die bestehend aus nu-metallastigen-Rapeinlagen, teilweise angelehnt an klassischen Heavy Metal bis hin zu Hardcore Elementen ordentlich auf die Fresse haut und mein Bild von dieser Band erst einmal gerade rückt. Woher die Vorstellung von einem übergewichtigen, nervig rappenden Proll? Wie dem auch sei, die Jungs sorgen für handfeste Haudraufstimmung, die durch eingeworfene RAMONES Klassiker wie „Heyho Let’s Go“ bei Groß und Klein für Strahlen und ausgelassene Körperbetätigungen sorgt. Frontmann Jacoby Shaddix hüpft wie ein Besessener in schwarzer Lederkluft mit Speichelspuckorkan auf den Boxen rum, wenn er nicht gerade mal ein Mikro verspeist, während die Bassgitarre Gefahr läuft einen Drehwurm zu bekommen. Bei Songs wie „Wanna Be Loved“ oder dem genialen „Lifeline“ wird mir auch klar, warum einige der hier Anwesenden die Stehplätze auf der Treppe bevorzugen – wo könnte man sich besser dem Papa Pogo hingeben. Frechdachs Jacoby erkundigt sich nach Shitney Spears und anderen „Hollywood Whores“, bricht in ein teuflisches Gelächter aus, bevor er das sozialkritische Lied mit eben jenem Namen von sich schreit. Die Fans nehmen es mit kombinierten Pommesgabel und Hiphop-grüßenden Bewegungen auf. Doch den größten Knaller liefert natürlich „Last Resort“, bei dem sich auch die sporadisch verstreuten Sitzmetaller von ihrem Sitzholz entpflanzen. Da gibt es absolut nichts zu meckern, sauberer Auftritt. Die Fans werden zum Dank vom Roadie mit Drumsticks beworfen. Konsequenz daraus? Die Sonne zieht auf – wer hätte das für möglich gehalten?! Während der 39minütigen Pause wird der Wunsch nach Bankrutschen breit. Nun ja, unsere Vordermänner sind schon mal auf unserer Seite, der Rest bleibt jedoch cool.

Es ist 21.09 Uhr als der Vorhang fällt, die Masse plötzlich gänzlich aus der Fassung gerät und Schockrocker MARILYN MANSON mit seiner Show beginnt, die sich mehr um Provokation und Aufsehen als um musikalische Darbietung dreht. So wird aus dem anfänglichen Stirnrunzeln ein Schmunzeln, welches ziemlich schnell in ein lauthalsiges Gelächter ausartet, als Manson immer wieder sein Mikro durch die Gegend wirft, den Ständer umkickt, sein jeweiliges Kleidungsstück wegschmeißt – die Lakaien flitzen und räumen alles artig wieder auf, nur damit Herr Brian Hugh Warner es sofort wieder in die Ecke katapultieren kann. Der Roadie wird angemotzt, bevor Manson sich stoisch unter einen Scheinwerfer stellt – die Fans finden diese Selbstdarstellung großartig. Musikalisch begeben wird uns nun nach „Pretty As A Swastika“ vom aktuellen Album „The High End Of Low“ fast eine Dekade zurück mit „Disposable Teens“, worauf nun die Bude kracht und alle dem rhythmisch zuckenden Hauptdarsteller heute Abend zu Füßen legen. Ein weiblicher Roadie betritt das Geschehen, reicht Manson eine Wasserflasche und pudert sein Gesicht ab. Doch der Rotzbengel wirft die Puderquaste verachtend von dannen und ruft infernalisch „We hate love. We love hate!!!“ (man stelle sich hier einen großen Balkon vor) ins Volk, welches diesen Ruf natürlich inbrünstig aus seiner vor Pein zerfressenen Seele nachschreit und sich hingebungsvoll mit „Irresponsible Hate Anthem“ in Ekstase tanzt. Mister Manson wirft wieder mal zappelnd sein Mikro gegen den Scheinwerfer. Doch was ist das? Ein Crowdsurfer versucht ihm die Show zu stehlen! Der Bösewicht wird sofort abgefangen und Manson tut es ihm mit sportlicher Betätigung gleich – mit Liegestützen! Doch nach einem bricht er über den Boxen zusammen – haha – es fliegen Socken durch die Luft. Eine Freakshow ist Dreck dagegen… Schnell wird klar, dass die Pausen während der Songs (vergesst Kommunikation mit dem Publikum wie sich das für durchschnittliche Musiker gehört) dafür genutzt werden, um die ansonsten fehlende Bühnenshow zu kompensieren. Die 3 neuen Bandmitglieder (Aufräumer und Bedienstete) sorgen mit Utensilien wie Sauerstoffmasken, diversen Jacken, Regencapes oder dem Schließen seiner Hose für reichlich Lachmuskelaktivität – irgendwie muss man ja schließlich die Leute bei Laune halten. Doch zurück zum neuen Album mit dem stampfend und im Refrain glamigen „Arma-Goddamn-Motherfuckin-Geddon“ bei dem durch extreme Schall- und Lichtbeflutung die Spatzen in den Bäumen wohl das Weite suchen. Doch damit nicht genug, es gilt 2 neue Riesenscheinwerfer auf die Bühne zu bringen, in denen man sich weiter initiieren kann. Meine Kollegen versuchen Licht ins Dunkeln zu bringen. Ist Herr Manson wirklich so abgedreht oder ist das alles nur Show? Ich plädiere da wie üblich für eine Mischform, aber sei es drum…

Während mir noch einmal bewusst wird, wie absolut himmlisch und romantisch dieses Amphitheater sich darbietet, merk ich, dass wieder mal Telepathie im Spiel ist. Der amerikanische Anti-Held hockt auf den Brettern und wischt sich die Tränen mit einem riesengroßen Taschentuch ab – perfekte Überleitung zu „Leave A Scar“, welches leider wie auch schon auf Platte ziemlich fad daherkommt! Doch wie löst man sich am besten von quälend-zweifelnden und selbstzerstörerischen Gedanken? Richtig – mit Prosozialität. Die ersten Reihen werden sich ein Loch in den Bauch freuen für die horrenden Summen, die sie auf Ebay mit all den Mikrofonen und Wasserflaschen abstauben können. Zeit für die weiße Kapuzenstrickjacke, welche vor dem Konfettiregen schützt, das bei „Great Big White World“ hernieder prasselt… Passend dazu bricht Manson auf der Bühne zusammen, während hinter dieser ein Krankenwagen vorfährt. Doch Gefahr ist nicht in Sicht. Klassiker wie „Dope Show“ und „Sweet Dreams“ strotzen vor rhythmischer Masturbation und wilderfreuten Tanz- und Singeinlagen auf Seiten des Publikums. Ob dieser Patzer auch als Showeinlage zu verbuchen ist, wage ich fast zu bezweifeln: Nachdem der Schockrocker den Song „We’re From America“ eingeleitet und bereits die erste Strophe vertont hat, schwankt er plötzlich zu einem anderen Song um, welches in einem thrashig-krachenden Geschrammle ausartet, um darauf beim zweiten Versuch im korrekt platzierten hitverdächtigen „We’re From America“ wie eine Dampfwalze Druck auszuüben. Das lässt sich der Roadie nicht gefallen – Manson wird abgeführt. Licht aus, verstummte Musik, die Fans brechen in forderndes Pfeifen aus. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, es ist eine Stunde später!!! Unter trommelfellzermürbendem Applaus kommt die Fraktion mit Taschenlampe bewaffnet wieder hervor und stimmt die erste und einzige Zugabe „Beautiful People“ an. Bizarr grinsend hüpft Manson auf und ab, während wir leicht darüber verwirrt sind, dass die Besetzung an Gitarre und Bass untereinander getauscht wurde. Die Stimmung ist am Überkochen, als plötzlich Schelm Jacoby von PAPA ROACH auf die Bühne gehastet kommt, Manson anpogt und sich schließlich auf ihn wirft. Ring frei!!! Nach eskalierendem Ringelpietz mit Anfassen rennen beide wild nach Rache ringend davon. Zehn Sekunden später wird mit den Bühnenabbauarbeiten begonnen. Es ist 22.22Uhr!

Fazit: Manson hat es immer noch perfekt raus sich zu verkaufen, obwohl seine Riesenschockerzeiten wohl endgültig vorbei zu sein scheinen. Aufsehenserregende Show, die mit einem handelsüblichen Konzert so nicht vergleichbar ist und garantiert im Gedächtnis verweilt. Dennoch: Für 40 Euro weniger als 2 Stunden Musik geboten zu bekommen, grenzt hingegen schon an eine Frechheit.

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