Konzert Filter

MATTHAU MIKOJAN – THE JADE – PUPPETS ON STRING

Ort: Leipzig - Four Rooms

Datum: 18.10.2008

MATTHAU MIKOJAN – der neue Star am finnischen Rockhimmel? So wird er zumindest von der Plattenfirma angepriesen. Klar, muss die ja auch. Nachdem er sich letztes Jahr von seiner Band BLOODPIT getrennt hatte, entschied er, auf eigenen Pfaden zu wandeln und brachte im März 2008 sein Debüt-Album auf den Markt, welches er jetzt mit der Schraubelocker Tour 2008 kräftig promotete. Kollegin Steph und ich wollten wissen, was an den Gerüchten rund um den Bruder des Ex-NEGATIVE Gitarristen Sir Christus dran ist und machten uns auf zum letzten Gig der Tour – im gemütlichen Four Rooms zu Leipzig.

Gegen halb acht ist der Außenbereich der kleinen Eckkneipe bereits am Überlaufen. Schreiende kleine Glitzermädchen, die lautstark HIM und Konsorten aus dem Autoradio hören – na das kann ja was werden. Der Star des Abends, Matthau, stellt sich erst mal ganz gemütlich auf eine Zigarette vor den Laden – alles starrt – und verdrückt sich in die gegenüberliegende „Marios Kneipe“. So ist es richtig. Nachdem die Tore eine Stunde später als geplant endlich geöffnet werden, lässt die erste Vorband auch nicht mehr lange auf sich warten. Das Spektakel kann beginnen und wird eingeleitet von der Leipziger Melodic Rock Band PUPPETS ON STRING. Die einheimische Lokalgröße startet mit röhrenden Riffs, prasselnden Beats und leichten Grunge-Einflüssen kombiniert mit düsteren männlichen und himmlisch-lieblichen weiblichen Vocals. Die 20 anwesenden Teenies sind völlig hin und weg und applaudieren als wären es 100! Mit dem Coversong von MADONNAs „Frozen“, einigen aus eigener Feder stammenden Stücken und seinen Extremitäten zum Wackeln bringenden Kreischeinlagen versüßen sie uns etwa 30 Minuten lang die Wartezeit. Sänger Marc alias „Fagrata“ lacht diabolisch, die Mädels tanzen wild, mir fällt der Kuli aus der Hand – oh je! „Das beste Publikum, das wir je hatten“, merkt Marc noch an und gibt die Musizierfläche frei.

Wo kommen nur plötzlich all die glitzernden Teufelshörner-Girlies her? Wir stehen im Wald. Doch als die nächste Band THE JADE aus diesem hinausrufen, wird diese Frage auch ganz schnell vergessen. Mit ihrem punkigen Hau-Drauf-Rock prügeln die Finnen die letzte Müdigkeit aus unseren schlaffen Körpern. Voller Power rotzt Frontmann Wille Rosen die Lyrics zu „Wake Up“ und dem PET SHOP BOYS Cover „It’s A Sin“ herunter. Der mittlerweile größer gewordene Mädelsschwarm lässt die Beinchen schwingen und die Arme rodeomäßig kreisen. Da drängelt dich sogar Star des Abends, Matthau Mikojan unters Volk. „Roses Are Burning“ beeindruckt mit eingängigen Melodien, krachenden Chords und reißenden Beats. Die Mädels fahren zu Recht drauf ab. Diese Jungs haben ihre Hausaufgaben gemacht und ein Bienchen verdient. Das perlt nur so runter. Etwas schwermütiger wird es mit der wundervollen Version des THE DOORS – Klassikers „The Chrystal Ship“, bevor wir uns mit der ersten offiziellen Single „Drowing“, zu welcher Tu-nicht-gut Wille zuckersüß das Tamburin schwingt, wieder etwas dynamischeren Klängen widmen. „Are you ready to rock?“ schreit es aus der kleinen Kehle. Klaro!!! Beim letzten Song tobt der Saal und ich bin sprachlos wie eine so kleine Menge so laut schreien kann. Der akustische Cortex ist begeistert und verlangt nach mehr. Doch nach 45 Minuten, in denen wir kräftig den Fuß stampfen ließen und die männlichen Begleiter der Teenies an der Bar sich tüchtig ein Bier nach dem anderen hinter die Binde kippten, ist es auch schon wieder vorbei. Diesen fetten Applaus haben sie sich todsicher verdient. Doch die Zugaberufe verhallen – der Zeitplan ist zu dieser Stunde noch streng.

Zurück vor die Tür und Frischluft schnappen. Diesen Gedanken hatten wohl nicht nur wir. Matthau neben uns hüpft mit seinen mit Paketklebeband befestigten Fellschuhen verwirrt auf und ab und stößt affenähnliche Schreie aus. Die Fans beobachten angespannt ihren hyperaktiven, Kippen auf die Straße werfenden Star und freuen sich, ein paar Worte mit ihm wechseln zu dürfen, während Steph und ich uns an dem Diebstahl von HANOI ROCKS-Aufklebern von der Damentoilette ergötzen. Zurück an die Bar, die uns erst einmal vom JADE-Gitarristen Pekko versperrt wird, machen wir uns auf in den Kampf – den Stehplatz auf der Heizung sichern – während die Teenies sich bereits beim Soundcheck fotografierend in den Wahnsinn treiben. Doch dann 20 Minuten vor Mitternacht lässt ein lauter Knall Steph und mich fast von unserem beneidenswerten Heizungsplatz fallen. Aha, wohl ein Zeichen, dass es losgeht. Matthau erklimmt samt Gitarristen und Drummer die Bühne – Kreischalarm! Doch was ist das, Matthaus Mikro funktioniert nicht. Stopp! Anhalten! „What the hell?!” Schnell reparieren und noch mal von vorne. Na also, geht doch! Die Verstärker werden aufgedreht und aus ihnen dröhnt der geliebte aggressive Rock à la MATTHAU MIKOJAN. Heute erwartet uns eine Jam-Session der Musiker, quasi ein wünsch-dir-was-Konzert. Denn auf diesem letzten Gig der Tour wurde bis auf die ersten zwei Songs „Ditch“ und „From My Mouth To Me and To You“ die Setlist einfach mal weggelassen und Spontanität aufs Programm geschrieben. Knallharter Rocksound, quietschende Soli und der animalisch agierende Matthau mittendrin – ein Schmaus für Körper und Geist. Bei dem GUNS N’ROSES Cover „Mr. Brownstone“ wird die Gitarre bis zum Äußersten beansprucht. Da hat aber jemand ganz schön geübt – oder einfach das Talent mit Löffeln gefressen. Steph spricht aus, was wohl alle denken: „Sehr geil!“ Frauencharmeur Matthau weiß wie er die kleinen Mädels beeindruckt. Die deutsche Ansage „Mein Arsch ist wund vom Ficken“ schießt ein wie eine Bombe. Warum auch immer, alle haben sich plötzlich ganz doll lieb. Da versteh ich den Jubel über die Ankündigung, dass Anfang 2009 das neue Album erscheinen wird, schon eher.

Fette Gitarren, gängige Beats, fordernder voluminöser Gesang – hach, ich fühl mich wie im Paradies. Verwunderlich ist nur das ständige Rufen von „Schaaatzi“ aus diversen Mädchenmündern. Und wieder stehen wir im Wald. Aber Matthau hat auch seine Problemchen. So flucht er über den Mikroständer, der ihm ständig wegrutscht. Außerdem muss er seine Gitarre erst mal stimmen – natürlich nicht ohne passende Trommeleinlage, so dass sogar aus dem banalen Stimmen seines Musikinstrumentes ein kleiner Song gezaubert wird. Aufmerksam fragt er fast nach jedem Song „What do you wanna hear?“. Doch irgendwie scheinen die feschen Mädels nun von der Schüchternheit gepackt. Wir aber nicht. So bringen wir ihn lieber mit „GUNS N’ROSES!!!“ – Rufen zum lachen. Wie Springbälle hüpfen die Anwesenden zu den eingeweidezerfleischenden Sounds von Songs wie „Stiletto Heels“ oder „One More Time“ . Die Stimmung ist am Kochen, die Luft wird knapp. Ich bin gespannt, wann die ersten Unterwäschestücke fliegen werden. Unter Jubel reißt Matthau eine Saite von seiner Gitarre ab. Hmm, brauch’ er wohl ne Neue. Nach einem wundervoll groovenden Basssolo gibt’s BILLY IDOLs „Sweet 16“ auf die Ohren – das vibriert bis zum Haaransatz. Bei seinem bekanntesten Stück „Fortunate To Cry“ verwandelt sich das kleine süße Four Rooms in ein Tollhaus, so dass unser Stehplatz mit dem Decknamen Heizung einzustürzen droht. Fast furchterregend, wie die Mädels reihenweise durchdrehen. Aber zu meckern gibt’s hier auch wirklich nichts. Mit seinem Hausmannskost-Rock ohne geschmacksverstärkende Zusatzstoffe muss Matthau einfach gnadenlos begeistern. Nach weiteren Cover-Songs wie zum Beispiel dem INXS Cover „Elegantly Wasted“, haut Matthau einfach irgendwelche Töne in die Saiten und fragt ein Mädel in der ersten Reihe „Is it ok?“ Sie reagiert nur mit „Harder“ – nichts passiert. Nach einigen Sekunden wundert sich Matthau „Oh, I thought it was fun“, worauf ich in lautstarkes Gelächter ausbreche… womit ich aber auch allein da stehe. Matthau grunzt daraufhin wie ein Schwein, was zur Paarung ansteht, fragt nach Wünschen, keiner reagiert und spielt so einfach frei nach Schnauze. Die weiteren Tracks seines gleichnamigen Debütalbums und diverse andere Coversongs lassen den Körper so in Aktion treten, dass sogar das Abendessen zurück in den Magen geschubst wird – ganz große Klasse. Das Publikum ist mittlerweile so in Trance versunken, dass es auf alles mit einem Yeaahhh antwortet. So sind wir und Matthau doch leicht verwundert, als selbige Reaktion auf die Frage „Are you tired?“ ertönt. Nun gut, dann gibt’s jetzt zum Aufwachen eine finnische Version des Klassikers „Born To Be Wild“, die leicht an das hungrige Kämpfen von Buschmenschen erinnert, die mit ihrem Stammesangehörigen um die letzten Keulen ringen. Doch nach 19 Songs wird auch ein großer starker Finne müde und gibt nun endlich den seit Anbeginn weilenden „You Got It“ – Rufen nach. Der ROY ORBISON Titel samt Matthaus souliger Stimme entführt alle in einen hormontrunkenen Liebestaummel – rette sich wer kann. Drummer und Basser verlassen die Bühne. Leichte Trauer macht sich breit. Doch Ruhe gilt zu bewahren. Noch ist es lange nicht vorbei. So bedanken sich alle Anwesenden bei der Promoterin Corinna Schade, die diese Tour ermöglichte und nehmen eifrig die beiden Musiker wieder entgegen, bevor mit dem NEW YORK DOLLS Cover „Pills“ weiter das Gehörorgan in die Mangel genommen wird. Dabei ist Wille von THE JADE, der sich im Publikum versteckt hat auch fällig. Schnell holt er das Tamburin und eine Buddel Alkohol und mischt sich unter die musizierende Gruppe.

Da es das letzte Konzert der Tour ist, wird Matthau nachgiebig und kann sich den Bitten der Mädels einfach nicht entziehen. Flink wechselt er an die Drums, Drummer Simo Stenman übernimmt den Gesangspart, während THE JADE Gitarrist Pekko an die Gitarre muss. Bühne frei für Simos Wunschsong „Wicked Game“ von Chris Isaak, bei dem alle mal eine Strophe singen dürfen … tobender Applaus. Die Musiker verlassen das Geschehen. Außer Basser Jann. Der steht ganz verlassen auf der Bühne und schnappt sich kurzerhand jammernd das Mikro: „They left me here. Don’t know what to do. I have just the guitar in my hand. Was jetzt kommt, hab ich auch noch nicht erlebt. Jann fängt ein „We want more“-Geflehe an, in dem das Publikum natürlich ganz schnell einfällt. Matthau, der sich schon an die Bar verflüchtig hat und sich ein neues Bier ordert, verschiebt seinen Feierabend dann doch noch mal ein wenig nach hinten und erklimmt nun wieder die Bühne, während die schlafenden Eltern im Sofabereich genervt wieder einnicken. Tja, die Technik schläft leider auch schon. So schnappt sich Matthau die Akustikgitarre und gibt einen weiteren GUNS N’ROSES Song „Passion“ zum Besten. Feuerzeuglose Hände schwingen – meins wartet in meiner Hosentasche sehnlichst auf seinen Gebrauch, denn natürlich ist auch in diesen Hallen absolutes Rauchverbot. Jann muss aus Rache auch noch mal ran und wankelt ziemlich angeheitert hin und her. Eine allerletzte Jam-Session ertönt, bevor sich Matthau zum dritten und letzten Male verabschiedet. „See you next year“. Hastig wirft er sein Plek in die Menge, was wildes Gerangel nach sich zieht und vorbei ist der ganze Spaß. Erschöpft macht sich alles an die Bar oder in den Raucherbereich um den angebrochenen Abend mit angeregten Gesprächen mit den Musiker, die sich gerne noch ein wenig um ihre Fans kümmern, ausklingen zu lassen. Was gibt es noch zu sagen? Ein großartiges Konzert, dessen Besuch sich zweifellos gelohnt hat, geht zu Ende. Die Körper sind entkräftigt, die Stimme am Ende. Freuen wir uns auf das kommende Album und die dann anstehende Tournee frei nach dem Motto „I’m too fortunate to cry“.

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu MATTHAU MIKOJAN auf terrorverlag.com

Mehr zu PUPPETS ON STRING auf terrorverlag.com

Mehr zu THE JADE auf terrorverlag.com