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MELT! 2008 – TAG 2

Ort: Gräfenheinichen - Ferropolis

Datum: 19.07.2008

Zu meiner Verwunderung wache ich kurz vor High Noon völlig ausgeruht in meinem Zelt auf. Was ist denn hier los? Nirgends Musik und nur wenige scheinen bereits wach zu sein. Totenstille herrscht auf dem Campingplatz. So geht es ja nicht! Also fix ins Auto und mit einer Prise Black Metal für das Kontrastprogramm und neue Freunde sorgen. Tagsüber ist das Melt! das langweiligste Festival, was ich jemals erleben durfte. Da die Bands erst in den frühen Abendstunden loslegen, besteht der Nachmittag aus Kaffee Trinken, Grillen, Baden und dem ein oder anderen Bierchen – und das bei wahlweise Sonne oder mächtigen Regenschauern – Gähn! Unser Konzertabend beginnt mit SECRET GUESTS, die kurzfristig mit SUPERPUNK die Plätze getauscht haben. SECRET GUESTS ist eine dieser Bands, an die ich mich schon wenige Stunden später nicht mehr erinnern konnte. Netter und harmloser Pop-Rock, den man heutzutage an jeder Straßenecke hört. So richtig kommt das Publikum an den Sound nicht ran und so vertreiben sich die Dreckspatzen die Zeit mit wildem Pfützentanz. Wenn das die Mutti sieht!

Ganz anders sieht es bei den Hamburger Musikanten von SUPERPUNK aus. Habe ich eine junge Truppe von kleinen Punkern erwartet, erscheinen diverse Herren des leicht älteren Semesters auf der Bühne und brillieren mit süßem und nettem Gute-Laune-Pop-Punk, der nicht wehtut, der nicht beißt, aber für anständige Unterhaltung sorgt. Songs wie „Baby, ich bin zu alt“, „Ich find alles gut“ oder das neue „Das war das Motz“ verschönern den Abend und sorgen für ungetrübten Planschspaß in den benachbarten Pfützen. Alles Freaks hier! Da bleib ich lieber beim Gerstensaft und schließe mich Sänger Carsten Friedrichs an, der mit „Ich trinke“ eine Ode an den Alkohol abliefert. Feines Konzert.

Leider ziehen erneut dunkle Wolken auf. Es dauert auch nicht lange und es gießt wie aus Rohren. Der Platz vor der Bühne wird innerhalb weniger Minuten zum einsamsten Ort auf diesem Festival. Selbst der Pressebereich steht kurz davor, evakuiert zu werden, weil die orkanartigen Winde dem Zelt ordentlich den Marsch blasen. Erneut machen die Veranstalter alles richtig und warten mit dem Auftritt der Deutschen Ausnahme-Band THE NOTWIST. Als der Regen ein wenig nachlässt versuchen wir kurz unser Glück im Melt!-Klub, wo RUMMELSNUFF für Matrosen-Stimmung sorgt. Leider vergeblich – die Schotten sind dicht, der Anker eingeholt. Also zurück zu NOTWIST, die ihr Set soeben begonnen haben. Zunächst mächtig rockig und wütend, verliert sich der Gig mit zunehmender Dauer in einem dichten Elektro-Brei, der mir gar nicht schmeckt und auch das Publikum aus dem Spiel nimmt – Schade. Also fix zur Bar, um für den weiteren Abend Energie auftanken.

War irgendwas in meinem Kaffee? Bereits vor dem Auftritt der Briten von STEREO MC’s packt mich das Tanzfieber und meine Beine kreisen wild um die Pfützen. Einst haben sie den britischen HipHop auf die musikalische Weltkarte gebracht. Das Doppel Rob Birch und Nick Hallam haben Anfang der 90er mit ihrem Welthit „Connected“ die Welle ins Rollen gebracht. Mittlerweile steht ihr neues Album „Double Bubble“ in den Läden und auf der Setlist ihrer Konzerte. Was soll ich sagen? Ich bin begeistert. Rob tänzelt wie ein junger Bub über die Bühne – singt, rappt, reimt und was weiß der Geier noch. Er ist der Dompteur – die Fans die aufgebrachten Tiere, die er zu bändigen hat. Alles tanzt und feiert einen der heißesten Auftritte des Melt! 2008. Mit „Connected“ schleicht sich der Überhit ins erste Drittel und sorgt für feuchten Betonboden vor der Hauptbühne. Einziger Wehrmutstropfen ist die kurze Spielzeit. Nach nur 45 Minuten ist das Spektakel vorbei. Hammer!

Jeder schwärmt von FRANZ FERDINAND. Ich nicht! Das letzte Album „You Could Have It So Much Better“ hatte meiner Meinung soviel Seele wie ein leeres Aquarium. Ob sie es live besser drauf haben? Oh Ja! Die Schotten fahren mächtig Krach auf und können auch die muffligsten Kritiker aus ihren Zelten holen. Songs wie „Fade Together“ oder das geniale „Do You Want To“ können live auch mich begeistern. Etliche Gitarrensoli sowie die Mimik des obercoolen Frontmann Alex Kapranos führen zu anhaltender Begeisterung und lassen die 60 Minuten wie im Fluge vergehen.

Apropos vergehen – musikalisch vergehen kann es einem beim folgenden Auftritt – ROISIN MURPHY. Die Ex-Frontfrau von MOLOKO zieht nun schon seit einigen Jahren solo durch die Landen und hat mit Ruby Blue (2005) und „Overpowered“ (2007) bereits zwei Alben am Start. Diese beiden stellt sie dem tanzwütigen Publikum vor und liefert dabei eine recht ansehnliche Show ab. Zusammen mit zwei Tänzerinnen/ Sängerinnen schafft sie es spielend, die Blicke auf die Bühne zu richten. Mehrere Kostümwechsel lassen keine Langeweile aufkommen, die musikalisch bei mir schon dem ersten Song eintritt. Seelenloser House mit einigen Pop-Einflüssen ist eben keine echte Musik ;-). Die Musik raschelt aus dem Computer, der Gesang hoffentlich nicht. So schlummere ich neben all den Dauerzapplern gemütlich ein und erwache putzmunter nach einigen Stunden in meinem Zelt.

Copyright Fotos: Enrico Ahlig

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