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MELT! 2008 – TAG 3

Ort: Gräfenheinichen - Ferropolis

Datum: 20.07.2008

Erneut begrüßt mich eine gespenstische Stille – bin ich auf dem Friedhof oder was? Wieder soll es bis 16.30 Uhr dauern, bis endlich Live-Musik von der Hauptbühne erschallt. Bis dahin vertreibt man sich die Zeit mit Baden, über das mistige Wetter Fluchen, den Abreisenden beim Packen zusehen und und und. Dann ist es endlich soweit. Los geht der letzte Tag mit den LOS CAMPESINOS! Was für ein selten dämlicher Name – laut dem Programmheft ein Potpourri unbeschwerten Indie-Pops. Kauderwelsch wäre wohl das passende Wort. Hier wird einfach mal alles zusammen geschmissen, was nicht bei drei Staub gefangen hat: Triolas, Geigen, Glockenspiele, einfach alles wird hier in den Indie-Topf geworfen. Bis auf die niedliche Sängerin bleibt hier nur das musikalische Chaos in Erinnerung – und bevor ich es vergesse, der völlig zugedröhnte Sänger. Anscheinend gehört das zum guten Ton, sich im gleichen Medikamentenschrank zu vergreifen wie das Publikum.

Bevor es zum allerletzten Ritt geht, verlassen wir das Festivalgelände und kehren zum Wagen zurück. Die letzte Suppe wird hintergewürgt und schnell zurück. Nachdem NEON NEON auch nicht gerade für Begeisterungsstürme gesorgt haben sollen, verändert sich das Bild schlagartig bei GET WELL SOON. Ja, es gibt ihn noch, den gut gemachten, ideenreichen Indie-Rock. Konstantin Gropper und seine Truppe jagen einen Ohrwurm nach dem nächsten in die begeisterte Masse. Diverse Instrumenten kommen ins Spiel und werden, anders als bei LOS CAMPESINOS!, sinnvoll eingesetzt. Verspielt aber nicht übertrieben, unterhalten sie das Publikum mit Nummern wie „If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting“ oder „Christmas In Adventure Parks“. Nur ihre Version von „Born Slippy“ mag bei mir keine Jubelarien ausrufen. Dafür umso mehr das abschließende „Lost In The Mountains (Of The Heart)“. Starker Auftritt und eine der positivsten Überraschungen des Festivals.

So kann es weitergehen. Leider hält man sich nicht dran und setzt die BATTLES auf die Hauptbühne. Klar, John Starnier ist weltweit bekannt als ehemaliger Drummer von HELMET. Darüber hinaus tummeln sich bei dieser Supergroup noch Math-Gitarrist Ian Williamns, Physik-Gitarrist Dave Konopka und der Elektroniker Tyonday Braxton. Leider gibt es keinen Sänger und so kloppen und zocken sich die BATTLES eine Stunde lang durch den pseudointellektuellen Musikwald. Nur gelegentlich vernehmen meine Ohren Stimmen – klingt nach Mickey Mouse – alles seltsam hier. Technisch kann man den Herren sicherlich nichts absprechen. Aber Seele besitzt diese Kopfmusik nicht. Am Reißbrett entworfene Musik, die nach Live-Techno klingt, wird mich wohl niemals begeistern können. Dafür regnet es nicht – wenigstens etwas!

Eigentlich kann es nur besser werden. Weit gefehlt. HOT CHIP aus London dürfen die Fans für den BJÖRK-GIG einheizen. Mich friert es eher. Einfältige House-Musik mit komischem Gesang und echten Instrumenten – nicht sonderlich unterhaltsam. Auch Sänger Alexis Taylor ist nicht gerade der geborene Entertainer und so quälen mich HOT CHIP eine Stunde lang mit ihrem Nerd-Pop. Da es direkt nach BJÖRK gen Heimat geht, kann ich mir die Jungs nicht mal schön trinken – Himmel hilf! Mit der Aussage, dass der Sound heut nicht optimal war und beim nächsten Mal alles besser wird, verabschieden sich die Schlafmännchen.

Nun sollte die für die Presse organisierte Baggertour starten. Leider macht uns eine Isländische Künstlerin einen Strich durch die Rechnung. Aufgrund der auf den Baggern bereits installierten Laser können wir leider nur bedröppelt von dannen ziehen. Da ist auch der Chef machtlos. Genauso wie die ca. 13.000 Fans, die nun auf BJÖRK warten. Diese müssen nämlich unter schrecklicher Musik leiden. Was da die Audience beschallt, erinnert an weibliche Tibetanische Mönche bei der ersten Chorprobe – grauenhaft! Also schnell Pommes verdrücken und auf die Exzentrikerin warten. Zur Überraschung aller beginnt die Show sogar pünktlich. Das hätte nun wirklich keiner erwartet. Die Lichter gehen aus, der Jubel brandet auf, Fanfaren durchfahren die Nacht. Das Intro „Brennið Þið Vitar “ raubt einem bereits den Atem. Ergreifend und faszinierend zugleich beginnt die kleine große Künstlerin mit „Earth Intruders“ ein fantastisches Live-Set, welches große Hits, große Show und jede Menge Inszenierung beinhaltet. Musikalisch eigentlich nicht meine Baustelle, kann mich BJÖRK dennoch fesseln. Ihr erster Live-Auftritt in Deutschland seit fünf Jahren, wird dem Melt! noch lange in Erinnerung bleiben. Die Wucht der Musik wird durch eine wunderschöne Lasershow noch weiter verstärkt. Dramatisch und herzzerreißend durchdringt „Pagan Poetry“ auch den gefühlskältesten Körper. Wunderschön und mittels des Chors ergreifend vorgetragen. Nach den beiden Zugaben „Anchor Song“ und „Declare Independece“ erkläre ich auch meine Unabhängigkeit und flüchte in mein Auto, um den befürchteten Stau zuvor zu kommen. Brumm, Brumm, Brumm – der Wagen rollt.

Setlist BJÖRK:
Brennið Þið Vitar
Earth Intruders
Hunter
Pagan Poetry
The Pleasure Is All Mine
Desired Constellation
Vertebrae By Vertebrae
Jóga
Overture
Immature
Army Of Me
Triumph Of A Heart
I Miss You
Cover Me
Wanderlust
Hyperballad
Pluto

Anchor Song
Declare Independence

Das Melt! 2008 ist somit Geschichte und ich um eine Erfahrung reicher. Metaller sind augenscheinlich die „Normalos“. Zumindest auf dem Melt! wurden aus braven Studenten und Schülern echte Freaks, die drei Tage lang mächtig die Sau rausließen. Und fragt mich bitte nicht, ob ich Trips habe! Da fällt mir ein Buch ein: „Trips, Drogen und die Suche nach dem Sinn des Lebens“ – so werdet ihr ihn nie finden. In diesem Sinne… See You @ Melt! 2009!

Copyright Fotos: Enrico Ahlig

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