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MELT! 2010 – TAG 2

Ort: Gräfenheinichen - Ferropolis

Datum: 17.07.2010

Nach nicht einmal drei Stunden Schlaf wurde es gegen 9/ 10 Uhr so heiß im Zelt, dass erst der Kopf und dann schließlich der ganze Körper dort raus musste. Aber wir sind ja auch nicht zum Schlafen hier. Nach einer Regenerationsphase sind wir dann gleich zum Badestrand gelaufen und haben uns erfrischt. Diese Idee hatten noch viele andere Besucher und dank einem mitgebrachten Ghettoblaster ging dort die Party gleich wieder weiter. Gegen 15 Uhr sind wir dann auf das Festivalgelände zurück, so „früh“ war ich glaube ich noch nie da. Aber es hatte einen wichtigen Grund: der offizielle Getränkelieferant spendierte Freibier. Und so hatten wir auf dem noch spärlich besuchten Gelände die Möglichkeit, die zahlreichen und witzigen Promo-Aktionen mitzumachen, zum Beispiel Feuerzeuge gravieren lassen, Masken mit eigenem Gesicht basteln, etc. Wie schon im vergangenen Jahr war es auch wieder möglich, das Melt! von oben aus den Baggern zu sehen. Da gab es sogar in luftiger Höhe Konzerte und Kunstinstallationen. So wird Ferropolis immer mehr Teil des Melt!.

Das erste DJ-Set von KRAUSHAAR & GRADMANN fand auch schon statt und so sind wir kurz auf der Big Wheel Stage abgezappelt und haben es uns noch mal in einer der Lounges gemütlich gemacht. Und da ist dann das Schreckliche passiert: Beim Hinsetzen auf ein Bodenkissen machte es laut Ratsch und meine ganze Hose war am A… eingerissen. Naja, was soll’s, interessiert hier eh keinen.

Gegen 17 Uhr ging es dann zur Mainstage zu PHILIPP POISEL, der mit seiner Truppe übrigens auch unser direkter Zeltnachbar war. Dazu muss ich aber gestehen, dass wir auf dem VIP-Zeltplatz genächtigt haben. Entdeckt wurde POISEL von HERBERT GRÖNEMEYER und veröffentlichte vor zwei Jahren sein erstes Album „Wo fängt der Himmel an?“. Zusammen mit seiner Band spielt er akustischen Pop mit tiefsinnigen Texten auf Deutsch. Ganz nett anzuhören und ideal am chilligen Spätnachmittag platziert. So konnte man sich irgendwo hinlegen und der Musik lauschen.

BLOOD RED SHOES aus Brighton waren die nächste Band auf der Mainstage. Das Duo unterbrach dann die gelassene Stimmung und rockte ordentlich los. Dass sie dabei nur zu zweit auf der Bühne standen, hörte man der Musik nicht an. Die adrette Laura-Mary Carter singt und spielt Gitarre, Steven Ansell an den Drums und singt ebenfalls. So minimal besetzt verstanden es die beiden aber bestens mit solidem Indie-Rock das Publikum zu unterhalten. Stimmlich erinnert Carter ein wenig an Brian Molko von PLACEBO.

Es stand wieder ein Rundgang an und führte uns zuerst zu HOLY GHOST. Das New Yorker Duo spielte eine Mixtur aus Synthie-Dance und 70-er-Jahre-Funk. Geschmackssache, so sind wir dann gleich weiter zur Beachbühne, wo gerade der Berliner DANIEL HAAKSMAN auflegte, eine lässige, tanzbare, aber auch irgendwie chillige Mischung aus Minimal-House und lateinamerikanischen Elementen. Und so teilte sich auch das Publikum, einige groovten ab, die anderen lagen am Strand und nickten mit den Köpfen.

Freude am Tanzen machten dann auf der Big Wheel Stage das unter dem gleichnamigen Label vertretene Minimal-House-Duo MAREK HEMMANN und MATHIAS KADEN aus Jena. Noch bei vollem Sonnenschein sorgten die beiden für Partystimmung und schwingende Körper.

Bevor wir dann zu einem der coolsten Acts des Festivals gingen, machten wir noch einen Abstecher zu HURTS. Das englische Duo war mit Band da, allesamt im eleganten Zwirn im Stil der 30er-Jahre gekleidet. Das Outfit passte perfekt zum pathetischen und theatralischen Elektrosound der Band, Synthie-Pop mit einem Hauch Melancholie, wie er sich bei Wave-Bands der 80er aber auch in der heutigen Zeit finden lässt. Für das Melt! eine eher ungewöhnliche Musik, aber bereichernd, dem Publikum jedenfalls gefiel es.

Und dann war es an der Zeit für einen der wahren Hauptacts überhaupt. „Vom Vintage verweht“ heißt sein neuester Geniestreich. Und der Titel ist bei ihm auch Programm, optisch wie musikalisch. Ganz in Jeans gehüllt stand nun DENDEMANN mit seinen Mannen in feinste 80er-Jahre Trainingsanzüge gehüllt auf der Bühne und rockte von der ersten Minute bis zum Schluss die Massen. Ein Wortspielakrobat, der seinesgleichen sucht, musikalisch untermalt mit bekannten popkulturellen Versatzstücken und allem, was der klassische Hip Hop zu bieten hat. Das ganze nervende Gangstergedöns und Dicke-Eier-Gehabe sucht man hier glücklicherweise vergebens. Vielmehr macht DENDEMANN mit seiner derben Stimme anspruchsvolle Texte, die so genial verwinkelt sind und teilweise so schnell vorgetragen werden, dass dem Zuschauer schwindlig wird. Dazu dann die besagten Samples bekannter Songs und ab und an auch mal die Schrummelgitarre. Aber alles geht 100 Prozent nach vorne und scheppert ordentlich. Hier gab es auch ordentlich Crowdsurfing und die Security hatte einiges zu tun, um am Pressegraben die Leute abzufangen und wieder rauszuschaffen. Aber alles war friedlich und so wurde das Publikum Teil eines genialen Konzertes.

Das nächste Konzert war nicht meine Idee, aber man muss sich in der Gruppe ja leider auch mal hinten anstellen. Und so geht es nach einem solch glorreichen Konzert nun zu JAMIE T. Zu Beginn des Konzertes wirbelte dieser mit Gitarre und einer dermaßen hässlichen Klappbrille mit zwei Glaspaaren auf der Bühne herum, dass dachte, man habe es hier mit einem halbwüchsigen Spinner zu tun. Später nahm er dann glücklicherweise das Nasengestell ab und die ganze Sache sah schon viel besser aus. Musikalisch unterhielt JAMIE T mit seiner Band das Publikum mit fröhlichem Spaß-Pop-Rock wie er auch im Radio läuft. Nicht mein Fall, aber das Publikum war unterhalten und so ist das nun mal auf dem Melt!: So viele verschiedene Sachen, dass einem nicht alles gefallen kann.

Aufgrund des Ausfalls der DIRTY PROJECTORS spielten THE FUTUREHEADS nun nicht auf der Mainstage sondern im Intro Zelt. Da war dann natürlich entsprechend brechend voll. Aber wenigstens war es inzwischen dunkel und das passt zu dieser Band besser. Ich bin nicht unbedingt ein Rockfreund, aber manche Bands können mich doch schon begeistern, vor allem live. Vor einiger Zeit waren das hier schon FRANZ FERDINAND und nun stehen THE FUTUREHEADS dem in nichts nach. Die Band rockte das Zelt gewaltig. Obwohl eine moderne Band aus England, spielen sie erfreulicherweise nicht diesen typischen Brit-Pop-Rock, sondern orientieren sich eher an klassischem englischen Rock und erinnern sogar ein wenig an THE CLASH. Hier zeigt sich wieder die geniale Strategie des Melt! Rock meets Elektro. Denn normalerweise würde jemand wie ich nie in den Genuss eines solchen Konzertes kommen.

Was haben APHEX TWINs „Com to Daddy“, BJÖRKs „All is full of Love“ und SQUAREPUSHERs “Come on my Selector” gemeinsam? Richtig, alle haben ganz schön kranke, aber geniale Clips. Und das haben sie alle CHRIS CUNNINGHAM zu verdanken. Der Videokünstler ist aber auch als Musiker unterwegs. Hier auf dem Melt! hat er das Publikum sowohl musikalisch als auch (vor allem) optisch ganz schön verstört. Musikalisch erinnert CUNNINGHAM stark an APHEX TWIN, eine rhythmischer Alptraum aus Bass, Breakbeats, Clics und Distortions. Der „Noise“ ist aber fein strukturiert und wirkt somit wider erwarten hör- und tanzbar. Das ist die große Kunst bei Musiker seiner Art. Fasst noch interessanter als die Musik war jedoch die Videoperformance, die auf zwei riesigen Leinwänden auch noch den Besucher in der letzten Reihe aufschrecken lies: Kleine Mädchen, im Bett liegend Kinder… Alles keine schlimmen Vorstellungen. Aber durch exakt zur Musik passenden Morphings kann sich das schnell ändern. Ein sehr „sehenswertes“ Konzert, was noch lange nachwirken wird. Zu Hause musste ich mir erstmal wieder „Come to Daddy“ ansehen und „Windowlicker“. Denn das ist nämlich auch von CHRIS CUNNINGHAM.

Nach diversen weiteren Sets sind wird dann am Strand hängen geblieben und haben dort bis in den Morgen reingefeiert und getanzt.

Copyright Fotos: Kai-Uve Altermann

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