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MELT! 2010 – TAG 3

Ort: Gräfenheinichen - Ferropolis

Datum: 18.07.2010

Vormittags war es an diesem dritten Melt!-Tag recht bewölkt, es blieb aber trocken. Dadurch war es nicht so warm und wir haben bis sage und schreibe Mittag geschlafen, für ein Festival eigentlich undenkbar. Dann ging es gleich wieder zum Badestrand, um für die richtige Erfrischung zu sorgen. Unbegreiflicherweise verlassen viele Besucher das Melt! immer schon am Sonntagnachmittag. Das liegt wohl daran, dass es auch Zwei-Tages-Tickets zu kaufen gibt. So leerte es sich zwar etwas, wurde aber wieder ausgeglichen, indem die beiden Beach-Bühnen nicht mehr bespielt wurden.

Ab 16 Uhr sind wir dann zum Sleepless Floor, der wie immer vor dem eigentlichen Festivalgelände frei zugänglich für alle liegt und fast rund um die Uhr, vor allem wenn die Bühnen schweigen, feine elektronische Musik von namhaften DJs wie MONIKA KRUSE, MARKUS WELBY, ELLEN ALLIEN oder SASCHA FUNKE spielt und die Leute dazu im Sand von Rasensprenklern erfrischt abfeiern. Eine coole Atmosphäre, im Sonnenschein zu fetten Beats abzutanzen.

Wir sind dann am späten Nachmittag wieder auf das Festivalgelände gegangen und haben uns als erstes SLAGSMÅLSKLUBBEN angesehen. Der ungewöhnliche Name beruht auf der Übersetzung des Filmtitels „Fight Club“ ins schwedische. Denn aus dem hohen Norden kommt das Sextett. SMK, so die Kurzform, machen ihre Musik analog, was einen 80er-Jahre-Vegleich unumgänglich macht. Das hört man und das ist auch gut so. Zu den Beats und Bässen kommen noch zahlreiche PlingPlings und KlongKlongs hinzu. Und obendrauf kommen gelegentliche textliche Ergüsse, die aber keinesfalls zum Nachdenken anstrengen können und sollen. Das ist auch nicht Ziel der Band. Vielmehr verstehen sie es blendend, die Bühne rocken und einen äußerst tanzbaren Minimal-Elektro-Sound dem begeisterten Publikum entgegenzuhämmern. Sehr genial. Auch das eine Band, von der ich zu Unrecht noch nie gehört habe.

Dann mussten wir auch schon wieder weiterziehen zur Mainstage. Dort hatten bereits GET WELL SOON angefangen. Das Projekt des Mannheimer Konstantin Gropper war wieder eine der Ruhepunkte des Festivals. Anfang des Jahres legte der Musiker sein zweites Album vor, ein Konzeptalbum, welches sich mit Stoizismus befasst. Entsprechend bedeutungsschwanger sind auch die englischen Texte von GET WELL SOON. Eigentlich nichts für einen frühen Sonntagabend auf einem Festival. Aber dennoch passt es. Die melancholischen Pop-Balladen bestechen nämlich auch durch die umfangreiche Instrumentierung. Gropper holte sich noch fünf weitere Musiker mit auf die Bühne, bei den Studioaufnahmen waren es fast 20. So war die Musik auch teilweise sehr bombastisch, berauschend und vor allem sehr emotional. Ein schönes Konzert.

Bevor die beiden Hauptacts spielten, hatten wir noch etwas Zeit für einen elektronischen Abstecher auf die Gemini Stage, wo FRED FALKE ein Live-Set zum präsentierte. Falkes Revier ist House-Musik, aber damit gibt er sich nicht genug. Oft genug zeigte er schon, dass man elektronische Musik nicht nur auf einem Festival mit Rockmusik verschmelzen kann, sondern dass ganze auch in einem einzigen Lied schafft. So hat er schon GOSSIPs „Heavy Cross“ oder U2s „Magnificient“ elektronisch aufgebessert. Auf der Bühne stand der Franzose anfangs alleine, schraubte an den Reglern und spielte zeitweise sogar Gitarre. Später kam noch eine bezaubernde Sängerin dazu. Angenehmer, nicht langweiliger House-Sound.

Wenn sie schon auf der Main Stage spielen, muss man sie auch mal gehört haben. So denkt man doch häufig. Also haben wir auf dem Weg zum Sleepless Floor noch kurz bei BROKEN BELLS vorbeigeschaut. Das hat aber auch gereicht, denn die sieben Musiker konnten mich mit ihrem Pop-Soul nicht wirklich überzeugen. Das ist zwar nette Radiomusik, aber eben auch nicht mehr. So hatten wir auf dem Sleepless Floor noch ein wenig Zeit, um was zu trinken und zu tanzen.

Über GOLDFRAPP braucht man eigentlich nicht viel zu schreiben. Irgendwie wird auch der größte Radiohasser schon den einen oder anderen Hit des Londoner Duos gehört haben und als Ohrwurm nicht mehr so schnell losgeworden sein. Alison Goldfrapp spielte zu Anfang ihrer Musikkarriere in verschiedenen Gothic- und Punk-Bands. Zusammen mit ihrem Kollegen Will Gregory ist sie jetzt zwar eingängiger geworden und liefert radiotauglichen, poppigen Synthie-Sound, aber ihre Wurzeln hat sie dabei scheinbar noch nicht ganz abgelegt. Das ist auch gut, denn so hebt sich GOLDFRAPP trotz ihrer Popularität von der breiten Masse heraus. Leider war der Platz vor der Bühne so dermaßen voll, dass ein Durchkommen zum Pressegraben nicht mehr möglich war und wir das ganze Geschehen von hinten ansehen mussten. Aber so beeindruckte zumindest die einfache, aber sehr effektvolle Bühnendeko, bestehend aus einem riesigen aufblasbaren Halbkreis, der verschieden angestrahlt wurde. Die Hits wurden natürlich nicht ausgelassen und die Fans zeigten sich begeistert und feierten ordentlich.

Unweigerlich ging nun auch das 13. Melt! seinem Ende zu. Aber noch ein hochkarätiger Act und vermutlich der Hauptact schlechthin dieses Jahr stand auf der Bühne. Wir hatten uns bis ganz nach vorne vorgekämpft und so eine perfekte Sicht und, was bei der Band noch wichtiger ist, einen guten Platz bei den Bassboxen. Viele Melt!-Besucher waren noch Quark im Schaufenster oder sind mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gerannt, als MASSIVE ATTACK 1987 gegründet wurde. Anfang dieses Jahres ist erst ihr fünftes Album erschienen. Seit Jahren wird Robert del Naja wieder von Daddy G unterstützt. Auf der Bühne hatten die beiden noch gesanglich eine weibliche und eine männliche Stimme als Unterstützung und diverse Musiker. MASSIVE ATTACK zählt zu den Vertretern des Trip Hop, aber ob man bei vielen der Songs davon noch reden kann, sei dahingestellt. Was MASSIVE ATTACK ausmacht, sind und waren auch auf dem Konzert fette Bässe und eine mystische, fast düstere Atmosphäre. Die anspruchsvolle Soundstruktur machte sie auch auf dem Konzert zu Recht zu einem Top Act. Als optische Krönung diente eine gigantische, die ganze Bühnenrückwand einnehmende LED-Wand, die Bilder und vor allem diverse statistische Daten als Kritik an dem weltweiten gesellschaftlichen Gefälle demonstrieren sollte. Sehr interessant. Ein sehr gelungener und beeindruckender Abschluss des Melt! durch eine Musiklegende.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass es dem Booker wieder sensationell gelungen ist, bekannte Acts mit neuen zu kombinieren, Pop, Rock und Elektro zu mischen und Szenegrößen heranzuholen. Die Mischung macht hier zwischen den Baggern einfach das Besondere aus und trotz der vielen bekannten Bands geschickt am Mainstream vorbeizuschliddern. 20.000 Besucher, von denen etwa 30 Prozent aus dem Ausland kamen, feierten drei Tage friedlich bei schönstem Wetter ein tolles Festival. Und nun heißt es wieder ein Jahr warten bis zur 14. Auflage. Und wenn es dann soweit ist, rechtzeitig eine Karte besorgen, der Vorverkauf beginnt schon Monate vorher.

Copyright Fotos: Kai-Uve Altermann

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