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M’ERA LUNA 2013

Ort: Hildesheim – Flugplatz Drispenstedt

Datum: 10.08.2013 - 11.08.2013

Bitte setzen Sie diese Reihe logisch fort: WGT, BLACKFIELD, AMPHI und? M’ERA LUNA natürlich! Auch die 14. Auflage des dunkelschönen Festivals zog wieder Zehntausende Anhänger gotischer Klänge aus aller Herren Länder nach Hildesheim, wo bereits am Samstag jede Menge Musik auf dem Programm stand. Unser Fotograf hat alles in zahlreichen Bildern festgehalten und pünktlich zum Start des akustischen sonntäglichen Frühschoppens fand auch ich mich vor der Main Stage auf dem Flughafengelände in Hildesheim-Drispenstedt ein. Wer ebenfalls erst am Sonntag dabei sein wollte und noch keine Karte hatte, durfte nicht zu lange warten, denn mittags waren sämtliche 25.000 Tickets an den Mann bzw. die Frau gebracht und das M’era Luna einmal mehr ausverkauft.

SCHWARZER ENGEL

Unter Berücksichtigung, dass ein Großteil der schwarzen Gemeinde schon zwei Nächte mit entsprechenden Partys auf dem Zeltplatz und einen kompletten Festivaltag hinter sich hatte, war das Infield um 11.00 Uhr bereits gut besucht. Den ersten Slot des Sonntags übernahm Dave Jason, seines Zeichens Mastermind von SCHWARZER ENGEL und live von Jens Lindmaier und Stefan Grießhammer an den Gitarren, sowie Bassmann Bert Oeler und Drummer Marcel Woitowicz unterstützt. Auf dem Zettel hatte der Stuttgarter einen Mix aus melodischem Black Metal und klassischer Musik, womit sich bestens die letzte Schlaftrunkenheit aus dem Körper treiben ließ. Genannt seien in diesem Zusammenhang die Songs „Schwarze Sonne“ vom jüngst erschienenen Album „In brennenden Himmeln“ oder auch „Die Königin der Nacht“ vom 2011er „Träume einer Nacht“. An der einen oder anderen Stelle ist der Sound des Herrn im ledernen Brustharnisch durchaus noch ausbaufähig, aber seine 20 Minuten hat der Schwarze Engel durchaus kurzweilig und zur Zufriedenheit der Anwesenden absolviert.

ASP & KAI MEYER

Jetzt schnell mal in den Hangar rüber und schauen, wie viele Leute sich zur M’era-Märchenstunde eingefunden hatten: auch hier war schon ne Menge los und so konnte Fantasy-Autor KAI MEYER sich über zahlreiche Interessenten freuen, die auch in den hinteren Reihe noch konzentriert zuhörten, während er aus seiner Arkadien-Reihe las und dabei von ASP unterstützt wurde. Inwieweit das Zuhören schwierig wurde, als 15 Minuten später wieder die Hauptbühne beschallt wurde, vermag ich nicht zu sagen, denn ich zog das gesungene doch ganz klar dem gesprochenen Wort vor.

UNZUCHT

Und so war ich dann auch bei den Kollegen von UNZUCHT wieder draußen am Start. Die vier Niedersachsen waren 2010 noch M’era Luna Newcomer und konnten sich in den letzten Jahren mit ihrer Melange aus Industrial, Rock und Synthiepop sowie unermüdlichen Live-Auftritten (u.a. zusammen mit MONO INC., END OF GREEN, COPPELIUS und JENNIFER ROSTOCK) in die Herzen ihrer Hörerschaft spielen. Entsprechend wurden Der Schulz (Vocals), De Clercq (Gitarre, Electronics und Vocals), Blaschke (Bass) und Fuhrmann (Drums) mit ausgiebigen Akklamationen und zahlreichen Luftballons vom Publikum empfangen. Der Vierer ließ sich auch gar nicht lang bitten und gab beispielsweise mit dem Stück „Unzucht“ ordentlich Gummi. Der Herr mit dem Gehstock und dem Gesangsjob war für diesen Zweck eigentlich ein bisschen zu warm angezogen, aber auf dem M’era geht’s ja nun einmal nicht ohne die passende Optik. „Deine Zeit läuft ab“ ging ratzfatz ins Bein und „Für die Ewigkeit“ vom am 20.09.2013 erscheinenden Longplayer „Rosenkreuzer“ wurde amtlich abgefeiert. Der Schulz turnte im Graben rum, versuchte sich als Crowdsurfer und das Auditorium reckte die Arme, entweder um den UNZUCHT-Fronter auf Händen zu tragen oder die Sonnenstrahlen nachzuahmen, die an diesem Sonntag immer mal wieder hinter den Wolken verborgen blieben. Bei „Kleine geile Nonne“ übernahm zunächst De Clercq mit nacktem Oberkörper das Mikro, während die Mannschaft treibende Industrialbeats über das Gelände schickte. Es durfte getanzt werden und auch „Der Engel der Vernichtung“ ließ nichts anbrennen und ging noch einmal steil. Wer jetzt noch nicht wach war, gehörte eindeutig zurück ins Zelt.

Setlist UNZUCHT
Intro
Todsünde 8
Unzucht
Deine Zeit läuft ab
Für die Ewigkeit
Kleine geile Nonne
Engel der Vernichtung

COPPELIUS

Diejenigen, die COPPELIUS Ende 2010 live erlebt haben, erinnerten sich vielleicht daran, dass seinerzeit UNZUCHT als Support fungierten und wie der Zufall es wollte, wiederholte sich an dieser Stelle genau diese Konstellation, denn als nächstes war das Berliner Sextett gelistet, das seinen Musikstil als Wood Metal oder auch Kammer Core bezeichnet. Bevor es damit losgehen konnte, musste jedoch die Bühne präpariert werden, wozu auch eine Art Litfasssäule gehörte, aus der während des halbstündigen Gigs immer wieder ein Gehilfe der Band eilte, um beispielsweise noch eine Kaffeetasse anzureichen. BEI COPPELIUS ist die Zeit irgendwann zu Beginn des 19. Jahrhunderts stehen geblieben; entsprechend waren die Herren auch in feine Anzüge gewandet, dass die blasse (mit Schminke inszenierte) Gesichtsfarbe auch eine Eigenheit jener Zeit war, hoffe ich allerdings nicht. Auf jeden Fall kannte man damals noch keinen Metal. Den gibt’s bei COPPELIUS nämlich auf die Mütze, allerdings unter zur Hilfenahme von Kontrabass, Cello und Klarinette. Es wurde also allein schon mit dem Zuckerfee Intro und der Ouvertüre spezieller und erst recht, als mit „Bitten Danken Petitieren“ auch Vocals ins Spiel kam. Zwischen den Stücken führte Diener Bastille durchs Geschehen, griff jedoch beim THE-INCHTABOKATABLES-Cover „Dreadful King“ auch selbst zum Mikro, während das düstere „Reichtum“ vom Klarinettisten Comte Caspar performt wurde und das metallische „Locked Out“ dem Organ von Max Copella entsprang. Mit viel Schmackes agierte der Sechser bei „Risiko“, für das Cellist Graf Lintorf in den Mittelpunkt rückte. Nicht vergessen wollen wir natürlich den Schlagzeuger Nobusana und Sissy Voss am Kontrabass.

Zuckerfee Intro
Ouvertüre
Bitten Danken Petitieren
I Get Used To It
Reichtum
Locked Out
Dreadful King (THE-INCHTABOKATABLES-Cover)
Risiko
Habgier

EDEN WEINT IM GRAB

Ein fliegender Wechsel war nun für mich angesagt, denn im Hangar waren bereits EDEN WEINT IM GRAB oder kurz E.W.I.G. zugange. Auch dieses Sextett war aus Berlin angereist und brachte neben gängigen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagwerk Cello und Violine mit ins Spiel. Das Sagen hat Alexander Paul Blake, der bereits seinen growlenden Gesang zum Besten gab, als ich mich vor der Indoor-Bühne einfand. Wie man vor „Undine“ bekundete, haben E.W.I.G. lange darauf gewartet, in Hildesheim spielen zu dürfen. Da war dann wohl auch eine ganze Menge Lampenfieber mit von der Partie, die dazu führte, dass es mit dem Einsatz bei „Friedhof der Sterne“ nicht so recht klappen wollte. Schließlich hatten sich Mr. Blake, Marco Eckstein (Gitarre), Motte (Gitarre), Zeus X. Machina (Drums), Markus Freitag (Cello) und Kathrin Bierhalter (Violine) jedoch auf ihr gemeinsames Tun fokussiert und das romantische Lied für die Liebenden konnte mit viel Druck präsentiert werden. Für mich war mit „An die Nacht“ Schluss mit morbidem Dark Metal aus der Hauptstadt, denn es zog mich wieder ans Tageslicht.

THE 69 EYES

Ganz so todessehnsüchtig wie bei EDEN WEINT IM GRAB geht es bei den 69 EYES nicht zur Sache, aber die finnischen Goth’N’Roller haben die Schwermut ja praktisch schon aufgrund ihrer Nationalität im Blut. Die Helsinki Vampires zählen zu den alten Recken im Music Biz, blicken sie doch schon auf 23 Jahre Bandgeschichte und zehn Langrillen zurück. Auch beim M’era Luna sind die fünf Düstermänner alte Bekannte, die sich von ein paar Regentropfen und einem dunklen Himmel nicht ins Bockhorn jagen lassen. Also wurde auf und vor der Bühne ausgiebig gerockt, schließlich musste die mit 40 Minuten knapp bemessene Zeit ja auch sinnvoll genutzt werden. Dabei setzten die Nordmannen um Sänger Jyrki69 musikalisch auf Bewährtes und spielen eine Auswahl ihrer Hits – nicht ein Song vom letztjährigen „X“ hatte es auf die Setlist geschafft. Stattdessen waren Klassiker wie „Gothic Girl“, „Dance d’Amour“, „Brandon Lee“ und natürlich „Lost Boys“ angesagt, womit sie zwar auf der sicheren Seite waren, aber ein bisschen mehr sollten die Finnen ihren eigenen Neuzugängen schon zutrauen. Immerhin hat es für „X“ hierzulande einen 47. Chartplatz gegeben – so schlecht kann die Mucke bei den Fans also nicht angekommen sein. Gelegentlich darf man aber natürlich auch mal in alten Zeiten schwelgen, dafür wurde im Hangar ja frische Kost serviert.

Setlist THE 69 EYES
Framed In Blood
Gothic Girl
Sleeping With Lions
Tonight
Dance d’Amour
Wasting the Dawn
The Chair
Brandon Lee
Lost Boys

IN THE NURSERY

Wobei das so ganz nicht stimmt, denn IN THE NURSERY aus Sheffield/ Great Britain haben bereits satte 32 Jahre auf dem Buckel. Aber sie sind mir noch nie über den Weg gelaufen und deshalb war klar, dass ich diese „Bildungslücke“ bei ihrem ersten M’era-Luna-Auftritt schnellstens schließen musste. Neben DEAD CAN DANCE zählen IN THE NURSERY zu den Begründern der Neoklassik und den Vorreitern des Martial Industrials. Keine Frage, dass ihr Sound tief in den Achtzigern verwurzelt und zu einem Großteil synthetisch ist, aber die Anwesenheit eines Drumkits und einer zusätzlichen Percussion-Einheit ließ bereits erahnen, dass die kommenden 40 Minuten auch sehr treibend und rhythmusbetont daherkommen würden. Und fesselnd waren sie! Nachdem die Rhythmusfraktion mit aller Vehemenz gestartet war, gesellten sich die Sängerin und der Mann an den Saiten und Tasten hinzu. Mit einer dramatischen Note rockte der Vierer gemeinsam, leider ging zu diesem Zeitpunkt der Gesang ein wenig unter, aber wenn ich ehrlich bin, hätte es den gar nicht zwingend gebraucht. „Hymn Noir“ legte zunächst verhalten los, um dann wieder kraftvoll nach vorn zu drängen und bei „A Reboirs“ waren es einmal mehr die Trommeln, die gewaltig Krach machten und den Hörer in ihren Bann zogen. Für das finale „L’Esprit“ eilte der Perkussionist mit zwei Tschinellen nach vorn, kehrte schließlich jedoch zu seinen Fellen zurück und auch der weibliche Part von IN THE NURSERY drosch auf die vertikal angebrachten Schlaginstrumente ein. Ein großartiger Ausflug in cineastisch anmutende Gefilde. Dass IN THE NURSERY seit 1996 im Rahmen der sogenannte „Optical Music Series“ alte Stummfilme mit einem neuen Soundtrack versehen und live aufführen, passt da sehr gut ins Bild.

TANZWUT

Draußen fand man sich derweil im Mittelalter wieder, denn TANZWUT hatten die Stage okkupiert, was bedeutete, dass die Sackpfeifen gut zu tun hatten, um dem „Merseburger Zauberspruch“ die passende Untermalung zu geben. Passenderweise stolzierte just in diesem Moment ein großer schwarzer Vogel auf langen Stelzenbeinen durch die Menge, fehlte bei „Gift“ eigentlich nur noch Schneewittchen oder die böse Stiefmutter. Immerhin hatte es auf der Bühne ja einen Teufel mit roten Hörnern und einer gleichfarbigen weiten Hose, der wenig später vom „Rückgratreißer“ sang und dem zu diesem Zweck eigens ein Galgen mit entsprechenden Skelett-Teilen zur Seite gestellt wurde. Ein Evergreen bei jeder TANZWUT-Show ist natürlich das ÄRZTE-Cover „Bitte bitte“, das auch beim diesjährigen Mera-Gig nicht fehlen durfte. Da hatte auch die Sonne ein Einsehen und schob sich wieder vor die Wolken, bevor die Berliner Mittelalter-Rocker noch einen instrumentalen Abschiedsgruß sandten und auf ihre Herbst-Tour verwiesen. Dann geht es auf Höllenfahrt – genauso heißt im Übrigen auch der Silberling, der am 06.09.2013 das Licht der Plattenläden erblicken wird.

CLAN OF XYMOX

Ihre Hausbesetzertage haben CLAN OF XYMOX vermutlich inzwischen lange hin sich gelassen, aber dort haben die Niederländer um Ronny Moorings ihre Wurzeln und sich 1984 gegründet. Seither haben unsere westlichen Nachbarn fast alles an stilistischem Wandel durchlebt, was die dunkle Popmusik zu bieten hat. Von Dark- über New Wave, House- und Dance-Musik bis hin zu elektronischem Gothic Rock haben CLAN OF XYMOX überall dort gewildert, wo ihr musikalisches Herz gerade Läuterung witterte. Das blieb natürlich nicht fruchtlos, denn trotz Hungerperioden in den Neunzigern, in denen sich die Kapelle rar machte, können sie nach ihrem Comeback 1997 bis heute auf unzählige Veröffentlichungen zurückblicken. Für mich war zeitlich nur eine kleine Stippvisite drin, die visuell vielfarbig untermalt wurde. Auf die Ohren gab es tanzbaren Wave und bisweilen auch etwas weniger leicht zugänglichen Elektro wie „Hail Mary“ oder auch „Emily“, der einen Moment länger brauchte, um seine Wirkung zu entfalten. Ohne Zweifel hat der CLAN OF XYMOX aber zeitlose Klasse und wird vermutlich so lange Erfolg und Bestand haben, wie die Bandmitglieder Spaß an ihrer Musik behalten.

STAUBKIND

Ein vergleichsweise alter Bekannter in der schwarzen Szene ist auch Sven Louis Manke, den man von TERMINAL CHOICE oder eben auch STAUBKIND kennt. Im letzten Jahr war der Hauptstädter gemeinsam mit UNHEILIG auf Tour und schon ging auch das selbstbetitelte Album auf Position 37 der Charts. Der STAUBKIND-Sound ist halt durchaus dazu geeignet, das schwarze Publikum mit der neuen UNHEILIG-Hausfrauen-Fan-Fraktion zu verbinden. Waren die Damen bei Bands wie DIARY OF DREAMS oder ZEROMANCER noch einigermaßen überfordert, hatte der Graf im letzten Jahr dazugelernt und sich mit kuscheligeren Acts umgeben, zu denen ganz klar auch STAUBKIND zählen. Wir wollen es mal Düster-Pop nennen, was hier feil geboten wird, der jedoch durchaus auch mit treibenden Krachlatten einhergeht, wie der Opener „Gnadenlos“ und auch das folgende „Rette mich“ unter Beweis stellten. „Dein Engel schweigt“ kam glücklicherweise nicht ganz so schmachtend daher wie der Titel fürchten machte, aber natürlich ging’s ohne Kuschelalarm und Arme schwenken nicht. „So nah bei dir“ und „Angekommen“ waren Vertreter dieser Gattung, die zur Not auch von REVOLVERHELD recycled werden können. Mit „Ein Traum der nie vergeht“ hatte Manke bereits 2008 um 11.40 Uhr im Hangar beim M’era Luna auf der Bühne gestanden und damit ging’s dann auch noch mal in die Vollen, ehe das obligatorische Publikumsfoto gemacht wurde, für welches die Zuschauer noch einmal die Arme gen Himmel strecken durften. Ich bin schon schlechter unterhalten worden, brauchte jetzt aber dennoch ein Kontrastprogramm.

Setlist STAUBKIND
Gnadenlos
Rette mich
Nur ein Tag
Dein Engel schweigt
So nah bei dir
Angekommen
Fühlst du
Königin
Ein Traum der nie vergeht

[:SITD:]

Also schnell zurück ins Dunkle, denn indoor standen Beats, Trance und aggressive Sounds – kurz [:SITD:] auf der Running Order. Der Bandname ist eine Abkürzung des Ursprungsnamen Shadows In The Dark und so ähnlich klingt der mitreißende Elektrostyle des Trios: düster, apokalyptisch und hochenergetisch. Carsten Jacek (Stimme), Thomas Lesczenski (Musik und Stimme) und Frank D’Angelo (Musik und Backvocals) hatten sich in schwarz-weißen Fummel geschmissen und enterten die Stage nach einem Intro mit einer Westernmelodie, dessen Name bzw. der des dazugehörigen Filmtitels mir partout nicht einfallen wollte. Wer’s weiß, möge sich bitte melden! Großartig Zeit zum Nachdenken blieb allerdings auch nicht, denn im gut gefüllten Hangar gab’s wurde wenig später von vorn scharf geschossen. Auch wenn „Code:Red“ vielleicht nicht im High-Speed-Modus unterwegs war, gab’s kein Entkommen und es war eindeutig tanzen angesagt, bevor es mit „Lebensborn“ gewollt monoton ab durch die Mitte ging. Für mich war an dieser Stelle leider schon wieder Schicht, da ich mich für den strahlenden Sonnenschein und APOPTYGMA BERZERK entschieden hatte, die draußen zur besten Kaffee- und Kuchenzeit in den Startlöchern standen. Verflucht seien die Überschneidungen im Timetable.

APOPTYGMA BERZERK

Nun war es nämlich an der Zeit für ein wenig Party auf der Hauptbühne und wer könnte dies besser bewerkstelligen als die unverwüstlichen APOPTYGMA BERZERK? Nach diversen Line-Up-Wechseln ist Front-Sympath Stephan L. Groth die einzig verbliebene Konstante, der heuer gleich auch noch seinen Bruder Jonas am Keyboard mitgebracht hatte. Dazu ein modisch frisierter Audun „Angel“ Stengel (THE KOVENANT und die All Star Formation DOCTOR MIDNIGHT & THE MERCY CULT) an der Gitarre sowie Ted Skogmann, der die Felle bearbeitete. Feuer frei für eine interessante Setlist, welche mal eben die komplette (gitarrenlastige) Discografie ab 2004 aussparte. Bis auf eine Ausnahme am Ende, die aber nur logisch war. So kamen insbesondere die älteren Fans der Norweger auf ihre Kosten, die Klassiker wie „Non-Stop Violence“, „Kathy’s Song“ oder „Until The End of The World“ gebührend abfeierten. Wobei man die Songs in ein „modernes“ Gewand gesteckt hatte, insbesondere „Eclipse“ erkannte ich erst am Refrain. Während Stephan unermüdlich über die Bühne tigerte, hatte besonders Tastendreher Jonas seinen Spaß, der einige gelungene Backing Vocals beisteuerte und zu guter Letzt bei der brandneuen Single „Major Tom“ seinen großen Auftritt hatte. Mit Coverversionen haben die APOPs schon einige Erfolge feiern können und PETER SCHILLINGs NDW-Überhit ist diesbezüglich ja auch eine sichere Bank. Das halbe M’era-Luna sang lauthals mit – zumeist die deutsche Variante, während auf der Stage überwiegend in Englisch intoniert wurde. Bis eben zum Ende der „kleine“ Groth immer und immer wieder den Refrain in sehr manierlichem Deutsch skandierte, selbst nach dem Abgang der Berzerker kriegten sich Teile des Publikums noch nicht ein. Insofern alles richtig gemacht mit der Songauswahl, „Major Tom“ sollte in dieser aktualisierten, groovig-flotten Version auch in den Charts eine gute Rolle spielen. Ansonsten ein tolles „Oldschool Set“, das APOPTYGMA BERZERKs Auftritt zu einem der besten an diesem Sonntag werden ließ. „Shine On“ und Co. schien jedenfalls kaum jemand zu vermissen…

SETLIST APOPTYGMA BERZERK
Intro
Non-Stop Violence
Eclipse
Something I Should Know
Kathy’s Song (Come Lie Next To Me)
Love Never Dies
Starsign
Unicorn
Until The End of The Word
Major Tom (PETER-SCHILLING-Cover)

KIRLIAN CAMERA

Eiligen Schrittes kehrte ich in den Hangar zurück, wo KIRLIAN CAMERA bereits ihr Tagwerk begonnen hatten. Eigentlich bezeichnet eine Kirlian-Kamera ein Gerät, mit dem man elektrische Felder darstellen kann, was in esoterischen Kreisen als „Aura“ gedeutet wird. Gar keine schlechte Umschreibung für das, was die Italiener von KIRLIAN CAMERA da auf der Bühne veranstalteten: Maschinelle Rhythmen und Elektro- und Wave-Sounds trafen auf den magisch-mystischen Gesang von Frontdame Elena Fossi, die mit einem knappen Höschen bekleidet die Aufmerksamkeit der Herren evt. ein wenig fehlgeleitet haben könnte. Dazu eine Prise Neofolk, einen Hauch Trip-Hop und eine gute Portion Melancholie. Optisch wurde das Ganze noch um diverse Video-Installationen ergänzt und insbesondere die beiden Cover sind mir positiv im Gedächtnis geblieben. Zum einen die ULTRAVOX-Nummer „Hymn“, die in der KIRLIAN-CAMERA-Version in der Tat diesen Namen verdient und zum anderen das PINK-FLOYD-Urgestein „Comfortably Numb“. Bei PINK-FLOYD-Neubearbeitungen bin ich grundsätzlich sehr kritisch, aber hier haben die Musiker definitiv alles anders und damit auch absolut richtig gemacht. Nachdem die Azurri so in Schwung gekommen waren, haben sie die Anwesenden für längere Zeit auf den Dancefloor geschickt und sehr tanzbar nachgelegt. Die Italiener können also doch mehr als Eis und Pizza.

BLUTENGEL

Als ich wieder vor der Main Stage Aufstellung genommen hatte, wurden gerade die Damen, die für die Live Performance bei Herrn Chris Pohl (womit wir wieder bei TERMINAL CHOICE wären) zuständig sind, leicht bekleidet Gassi geführt bzw. nicht von der Leine gelassen. Natürlich durfte auch ein wenig Feuer nicht fehlen, weshalb im Hintergrund einige Feuerschalen brannten, aber auch ein gelegentlicher Funkenregen wurde wie bei „Reich mir die Hand“ gezündet. Auch die Damen durften ein bisschen mit dem Feuer spielen, während Bandmutti Ulrike Goldmann gekonnt ins Mikro hauchte. Musikalisch ließen BLUTENGEL allerdings nichts anbrennen und servierten perfekt arrangierten Elektro-Goth-Pop, der zwar keine Überraschungen barg, aber zum Tanzen einlud und ganz offensichtlich ganz nach dem Geschmack der Goten war. Nicht ohne Grund ist die aktuelle Langrille „Monument“ bis auf #4 durchmarschiert. Da machte es natürlich auch Sinn, gleich mal alle drei Single-Auskopplungen am Stück abzuspulen. Mit „Lebensrichter“ drückte die Kapelle, die inklusive Streicher, Drums, Keys und einem überdimensionierten Lehnstuhl angereist war, erneut auf die Tube und zum abschließenden „Engelsblut“ durften die adretten Ladies als silberfarbene Rauschgoldengel ins Rampenlicht treten.

Setlist BLUTENGEL (ab 18.15 Uhr)
Lucifer
Uns gehört die Nacht
Reich mir die Hand
Save Our Souls
You Walk Away
Kinder dieser Stadt
Lebensrichter
Engelsblut

ZEROMANCER

Eigentlich sollte an dieser Stelle etwas über IAMX stehen, doch nur eine Woche vor dem Festival musste Chris Corner seinen Auftritt aus gesundheitlichen Gründen absagen. ZEROMANCER aus Norwegen waren kurzfristig eingesprungen und zweifellos alles andere als ein eilig rangeschaffter Ersatz. Anfang des Jahres hatte sich der Fünfer mit der Platte „Bye-Bye Borderline“ zurückgemeldet, doch nach dem Intro gab es mit „Sinners International“ zunächst einmal eindringliches Ohrenfutter vom gleichnamigen Longplayer aus 2009. Sänger Alex Møklebust spricht wie viele seiner Landsleute ganz passabel Deutsch und begrüßte seine Fans auch gleich in ihrer (überwiegenden) Muttersprache, um dann mit „Doppelgänger I Love You“ einen fetten Dancetrack hinterherzuschicken. Lichtblitze begleiteten die stampfenden Beats von „Neo Geisha“, dem mit „Auf Wiedersehen Boy“ und „Flirt (With Me)“ weitere treibende Tanzmonster folgten. Ab durch die Mitte ging’s mit „LCYD“ und für mich schweren Herzens vor die Tür, um mir Oldschool Electronic Body Music zu geben.

FRONT 242

Erstaunlicherweise war eine halbe Stunde früher bei BLUTENGEL vor der Hauptbühne mehr los, als jetzt um 19.15 Uhr in Erwartung eines der EBM-Aushängeschilder überhaupt: FRONT 242. Ok, die Belgier hatten ihre große Zeit Mitte bis Ende der Achtziger Jahre, aber schließlich sind die Elektroniker doch eine Legende, die man mal gesehen haben muss, oder? Nun, so blieb mehr Platz für mich (ganz allein war ich natürlich nicht, wahrscheinlich verteilte sich das schwarze Volk einfach gut auf dem Flugplatz) und die wilde Fahrt konnte beginnen. Dafür wurde zunächst einmal ein langes Intro durch die Boxen gejagt, die Herren an den Knöpfchen und Reglern nahmen Aufstellung und auch Drummer Tim Kroker fand sich hinter seiner Schießbude ein. Zu „Moldavia“ kamen schließlich auch die beiden Vorturner Jean-Luc De Meyer und Richard Jonckheere ans Mikro. Die beiden sind inzwischen naturgemäß ein wenig in die Jahre gekommen, absolvierten ihren Auftritt jedoch äußerst geschmeidig und bewegungsreich. Bei „Body To Body“ agierten die beiden Tanzmäuse noch gemeinsam, ließen es mit „No Shuffle“ und „Don’t Crash“ allerdings zunächst ein wenig ruhiger angehen, ohne einen flotten Beat vermissen zu lassen. „7Rain“ legte schließlich eine Schüppe drauf und ab „Together“ war dann auch die Nebelmaschine endgültig im Dauereinsatz. Keinesfalls auf der Setlist fehlen durfte natürlich die Bandhymne „Headhunter“, die nach allen Regeln der Kunst zelebriert wurde und auch „Quite Unusual“ lud zu einem flotten Tänzchen. Knackig schloss sich „U-Men“ an, ehe „Religion“ noch einmal alle Register zog und „Im Rhythmus bleiben“ als Motto des Wochenendes den Gig formidabel beendete. Dem war nichts mehr hinzuzufügen und so verschwand das Quintett in seiner blau-weißen Arbeitskleidung auch recht sang- und klanglos im Off.

Setlist FRONT 242
Intro
Moldavia
Body To Body
No Shuffle
Don’t Crash
7Rain
Together
Headhunter
Take One
Triple X Girlfriend
Quite Unusual
U-Men
Commando Mix
Religion
Im Rhythmus bleiben

FRONT LINE ASSEMBLY

Ähnlich sollte es eine gute Stunde später auch der kanadische Fünfer halten, der den Hangar noch einmal zum Kochen bringen wollte. FRONT LINE ASSEMBLY standen noch auf meiner Liste, womit wir es abermals mit lang gedienten Industrial-/ EBM-Veteranen zu tun bekamen. Einzige Konstante bei dieser Kapelle scheint Bill Leeb (ex-SKINNY-PUPPY) zu sein, der die Fäden zusammenhält und nicht weniger als 15 weitere Musiker bei FLA zum Einsatz gebracht hat. Das silberne Bandjubiläum konnte der Mann deshalb 2011 genau genommen als einziger mit seiner Mannschaft feiern, aber vielleicht ist genau das der Grund, warum der Sound nichts von seiner Frische und Eindringlichkeit verloren hat. Nachdem das Intro verklungen war, ging es nämlich mit „Resonance“ direkt ans Eingemachte und auch „Final Impact“ schloss sich mit viel Druck an. Videoanimationen unterlegten das temporeiche „Killing Grounds“, bevor wummernde Melodien und verzerrter Gesang das scheppernde„Neologic Spasm“ begleiteten. Für die stampfenden Rhythmen von „Blood“ war ein Sechssaiter gefragt, während zuckende Lichtblitze und fette Drums „Plasticity“ ausmachten. Das flotte „Shifting Through The Lens” wurde kräftig mitgeklatscht, was ebenso für „Surface Patters“ galt. Weitere Sound- und Lichtgewitter gingen mit „Millenium“ auf die Festivaljünger hernieder, ehe es beinahe nahtlos mit „Mindphaser“ auf die Zielgerade ging. Mr. Leeb agierte wie bereits beim vorherigen Song an den Trommeln und schon war eine weitere hochenergetische Stunde wie im Flug vergangen.

Setlist FRONT LINE ASSEMBLY
Intro
Resonance
Final Impact
Killing Grounds
Neologic Spasm
Blood
Plasticity
Shifting Through The Lens
Surface Patterns
Millennium
Mindphaser

NIGHTWISH

So ganz war das M’era Luna ja noch nicht vorbei, aber zur hereinbrechenden Dunkelheit gesellten sich Regentropfen, sodass ich es vorzog, ein wenig früher Richtung Heimat aufzubrechen. Außerdem muss ich gestehen, dass ich nicht gerade der größte NIGHTWISH-Fan auf dieser Welt bin. So überließ ich den Knödel-Gesang, für den aktuell die Niederländerin Floor Jansen zuständig ist und den Tarja Turunen einst Stil prägend geformt hat, anderen. Die Finnen beendeten in Hildesheim ihre weltweite Imaginaerum-Tour und werden den Symphonic-Metallern unter den Besuchern sicher noch gehörig eingeheizt haben.

Setlist NIGHTWISH (ohne Gewähr)
Crimson Tide (Hans-Zimmer-Song)
Dark Chest of Wonders
Wish I Had An Angel
She Is My Sin
Ever Dream
Storytime
I Want My Tears Back (mit Troy Donockley)
Nemo (mit Troy Donockley)
Bless The Child
Romanticide
Amaranth
Ghost Love Score
Last Ride of The Day
Imaginaerum

Mir bleibt nur die hoffentlich korrekte Setlist und die Feststellung, dass es der Wettergott über alles betrachtet wieder gut gemeint hat mit seinen ungläubigen schwarzen Schäfchen, die wieder reichlich Gelegenheit hatten, den unterschiedlichen dunklen musikalischen Spielarten zu frönen. Sehen und gesehen werden kam ebenso wie der Party-Faktor nicht zu kurz beim M’era Luna und damit es bereits jetzt etwas zum Vorfreuen gibt, läuft auch der Vorverkauf für 2014 schon. Das Synthie-Pop-Schwergewicht AND ONE, die Dark-Wave-Avantgardisten DEINE LAKEIEN und die Folkmetal-Instanz SUBWAY TO SALLY sind bereits bestätigt. Doch damit nicht genug, denn LACRIMAS PROFUNDERE, FAUN, LEÆTHER STRIP, LETZTE INSTANZ, DAS ICH, STAHLMANN, FEUERSCHWANZ, THE BEAUTY OF GEMINA und SÜNDENKLANG werden ebenfalls am 09. und 10. August 2014 die Bühnen in Drispenstedt stürmen.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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