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METAL ELITE CRUISE 2007

Ort: MS Galaxy

Datum: 03.10.2007 - 04.10.2007

Während heute in Deutschland jeder zu Hause bleibt und den Feiertag genießt, versammeln sich im Westterminal in Helsinki Heerscharen schwarzer Gestalten, um auf die erste finnische Metal Cruise zu gehen. Das Boot wirkt allerdings alles andere als metallisch: Von außen mit Tieren bemalt, innen mit teilweise edler Ausstattung bietet es alles, was der Ottonormalverbraucher bei einer Überfahrt braucht: zwei Pubs, mehrere Bars mit Bühne, ein Restaurant und natürlich den allseits beliebten Duty Free Shop! Aber so ein Schiff übersät von Metallern? Das dürfte eine interessante Erfahrung werden. Nach dreistündiger Warterei konnte die Reise von Helsinki nach Tallin dann um 6 Uhr abends endlich beginnen.

Mittwoch

Nur eine Stunde nach Einlassbeginn legen FOR SELENA AND SIN mit einem Akustikset im Pub los und zeigen, wofür Finnen so bekannt sind: Melancholische Töne der feinsten Sorte. Sängerin Annika wird dabei von ihren beiden Gitarristen unterstützt, auf Drums verzichtet die Band, aber dafür wäre auf der winzigen Bühne eh kein Platz gewesen. Neben Stücken vom ihrem Debütalbum „Overdosed On You“ gibt es Lady in Black als Zugabe. Ein gelungener Auftakt!

Auf zur Moonlight Bar, wo noch eifrig nach dem Ansager für die nächste Band VILLIELÄIN gesucht wird. Mit etwas Verspätung legt die gotisch/ symphonisch angehauchte Formation um Gesangsstudentin Emilia, die mal eben locker Höhen der Marke „Königin der Nacht“ aus „Die Zauberflöte“ erreicht, dann kurze Zeit später los und das erste, was ins Auge sticht, ist das doch etwas gewöhnungsbedürftige Outfit der Frontfrau. Meine Oma würde ihr Kleid wohl als Gardinenfetzen bezeichnen, aber stimmlich war sie immerhin top, auch wenn sie nicht ganz den Geschmack aller Anwesenden traf. Ebenfalls bemerkenswert waren die schwarzen Engelsflügel des Keyboarders und das halboffene Piratenhemd des Gitarristen, da will man wohl wirklich jedes Klischee bedienen. Musikalisch klingt die Band für mich wie eine seichtere Version von WITHIN TEMPTATION mit deutlich weniger Bombast und mehr folkloristisch inspirierten Melodien. In Sachen Performance könnten sie sich auch gerne etwas von den Niederländern abgucken, aber was will man erwarten, wenn quasi niemand vor der Bühne steht und die Leute doch lieber aus sicherer Entfernung zuschauen.

Auf zum ersten Highlight des Tages: NORTHER haben die Ehre, die Starlight Bar am anderen Ende des 200 m langen Schiffes (das göttliche Mousse au Chocolat vom Abendessen war spätestens nach 3 Gängen abtrainiert) einzuweihen. Wie üblich ertönt das nervtötende „Not Gonna Get Us“ von T.A.T.U. als Intro, ich frage mich echt, wer von den 5 auf diese Idee gekommen ist. Was Songauswahl und Auftreten der Band betrifft, bietet der Gig wenige Überraschungen, wie üblich wird mit „Betrayed“ begonnen, um dann das treibende „Throwing My Life Away“ hinterzujagen, dass die Menge und Köpfe ordentlich in Bewegung bringt. Dann wird noch kurz Produzent Anssi Kippo gegrüßt, der heute für den Sound zuständig ist, bevor die Band mit „Day Zero“ weitermacht. Warum man diesen Song immer noch live spielt, ist mir ein Rätsel, denn Gitarrist Kristian Ranta bekommt auch nach zwei Jahren den klaren Gesang im Refrain nicht hin, dafür glänzt er dann bei „Frozen Angel“, dem wohl am meisten gefeierten Song des Abends, der Titeltrack zu einem finnischen Film namens „Vares 2“ ist. Solider Auftritt, aber umgehauen hat es mich heute nicht.

Setlist NORTHER
Betrayed
Throwing My Life Away
Midnight Walker
Day Zero
Frozen Angel
Norther
Omen
Evil Ladies
Unleash Hell
C.U.S.
Of Darkness and Light
Death Unlimited

Und schon wieder eine Band mit Sängerin. MANZANA waren mir wärmstens empfohlen worden und alle Lobpreisungen waren wirklich begründet. Die Truppe aus Tampere, die sich als Pop Metal bezeichnet, in meinen Ohren aber eher als Rockband mit einer gehörigen Portion Grunge und Punk durchgeht, lebt förmlich von ihrer quirligen Frontfrau Piritta, die es wahrlich versteht, die Menge auf ihre liebenswerte Art mitzureißen. Ständig ist sie am Rumhüpfen, animiert die Menge ohne größere Aufforderungen und verliert dabei nie ihr Lächeln. Endlich wagen sich auch hier in der kleinen Bar mal Leute vor die Bühne, wurde auch Zeit. Demnächst darf man die Band übrigens auch in Deutschland und der Schweiz im Vorprogramm von den Landsmannen LOVEX bestaunen.

ENTWINE stellen sich als der heimliche Headliner des Abends heraus. Vor der Bühne ist es schon vor Beginn des Auftritts rappelvoll, dass das Publikum größtenteils weiblich ist, versteht sich von selbst. Ich stelle mich schon mal auf Gekreische und Gothic von der kitschigsten Sorte ein, aber dann überrascht mich der Fünfer mit einer rockigen Performance, die ich so nicht erwartet hätte. Auch Frauenschwarm Mika, der von einem Bekannten gern scherzhaft „The frog“ genannt wird, klingt weniger quarkig als erwartet, aber irgendwie scheint er Gefallen daran zu finden, seine Bandkollegen mit Wasser zu bespucken. Den Mädels gegenüber zeigt er sich jedoch als vollkommener Gentlemen, der immer wieder Händchen hält und sogar von den männlichen Fans angehimmelt wird. Während eines Songs relativ zu Beginn werden gar Höschen in die Luft gehalten! Ohne eine Zugabe werden ENTWINE natürlichen nicht gehen gelassen, bei der sie während „Twisted“ von PROFANE OMENs hyperaktivem Grunzer Jules Näveri tatkräftig unterstützt werden.

Setlist ENTWINE
Out of You
Someone to Blame
Fatal Design
Chameleon Halo
Bleeding for the Cure
Still Remains
Refill My Soul
Bittersweet
Everything for You
Stream of Life
Break Me
Surrender

Twisted
Curtained Life

Als ich zum letzten Mal an diesem Abend zurück in die Moonlight Bar komme, treffe ich auf eine handvoll Mittvierziger, die in Hemd und Krawatte zu BON JOVI tanzen. Was für ein Anblick! Auch von ULTRA MAYHEM, der nächsten Band, können sie nicht verschreckt werden, aber wer hier Assoziationen mit den Namenskollegen MAYHEM hegt, liegt mal ganz falsch. Nach den ganzen Gothicbands hätte ich gerne etwas Geknüppel gehabt, aber immerhin geht es stellenweise thrashig zu, auch wenn das Keyboard da irgendwie so gar nicht reinpassen will. Auch der Power Metal-ähnliche Gesang stößt bei mir auf wenig Anklang, doch – hurra- da ertönt plötzlich ein Grunzer, leider nur kurz. Als ich mich gerade entschließe, mich mal ein bisschen auf dem Schiff umschauen zu gehen, ertönt erneut etwas Gegrunze und ein Riff wird losgelassen, das endlich mal zum Moshen anregt. Mit etwas Verwunderung stelle ich dann eine Minute später fest, dass die Band „Master of Puppets“ von METALLICA angestimmt hat. Ein Blick in die Runde bestätigt, dass ich nicht die einzige bin, die etwas verdutzt drein guckt, das sollte die Band vielleicht doch noch mal üben. SLAYERs „Raining Blood“ und SEPULTURAs „Roots Bloody Roots“ klappen dann aber besser, was die anwesende Meute mit dem einzigen Moshpit des Abends honoriert.

Dass bei MOONSORROW gerade einmal eine halbvolle „Halle“ zu beobachten ist, wundert mich dann doch etwas. Während die Pagan Metaller in Deutschland locker kleine Clubs füllen, scheint sich ihre Popularität am heutigen Abend in Grenzen zu halten, was vielleicht aber auch am gothiclastigen Billing liegen mag. Trotzdem spielt die Band eine klasse Show und bietet mal einen nordischen Walzer, dann einen Dorfbewohner Reggae oder auch einen Bären Polka. Das klingt komisch, ist aber so, zumindest wenn man einen Blick auf die Setlist wirft, laut derer die Finnen einfach mal ihre Songs umbenannt haben. Da soll mal einer sagen, Finnen hätten keinen Humor. Angst vor schlechter Kritik haben sie anscheinend auch nicht, denn Gitarrist Henri tauscht zwischenzeitlich seinen normalen 6-Saiter in eine rosafarbene Hello Kitty Axt, Designer unbekannt. Allerdings scheint ihm niemand diese Geschmacksverirrung übel zu nehmen und wie üblich feiern die Fans eine ausgelassene Party, die ihren Höhepunkt in „Kylänpäässä“ und „Pakanajuhla“ findet.

Mittlerweile ist es nach 3 Uhr morgens, ein Großteil der Anwesenden hat sich in die Metaldisco verzogen oder bereits aufgegeben, einige haben den Weg bis in die Kabine gar nicht mehr geschafft und schlafen einfach in den wirklich bequemen Sesseln der Bar. Auch bei mir macht sich nach einem anstrengenden Tag (und mindestens 2 zu Fuß zurückgelegten Kilometern auf dem Schiff) so langsam Müdigkeit breit, aber erst sollen noch die deutschen Headliner DEADLOCK auf die Bretter, die vor ihrem ersten Gig in Finnland stehen (auch wenn wir uns technisch gesehen auf estnischen Gewässern befinden). Etwas skeptisch war ich ja schon, ob die fünf Jungs und eine Dame noch einmal die Menge mobilisieren können und auch wenn diese nicht gerade riesig ist, schaffen sie es dennoch. Immer wieder suchen sie dabei die Nähe der Fans, schütteln Hände und verteilen fleißig Plektren. Mit ihrem ganz eigenen corelastigen Deathmetal, einem guten Schuss Eingängigkeit und dem Duo Johannes (Growls)/ Sabine (klarer Gesang) geben die Süddeutschen noch mal so richtig Gas und blasen jedes Anzeichen von Erschöpfung in den Wind. Zwar überzeugt mich vor allem Sabines Gesang (ihre Stimme mag Geschmackssache sein, aber an der Technik kann man definitiv noch arbeiten) und Performance nicht so ganz, denn sie wirkt recht verloren auf der Bühne und eher wie das nette Mädchen von nebenan als wie jemand, der grad mit einer Metalband auf der Bühne steht. Dem mitreißenden Auftritt von der Band tut das aber keinen Abbruch. Ein gelungenes Ende der Nacht, auch wenn man die späten Spielzeiten fürs nächste Mal vielleicht doch überdenken sollte.

Um kurz vor 5 bin ich also immer noch/ wieder fit und beschließe, nun endlich mal in der Metaldisco, in der Cheforganisator Jari die letzten 2 Stunden auflegt, vorbeizuschauen. Wirklich voll ist es hier mal abgesehen von dem Gemütszustand einiger Leute nicht wirklich und Heavykaraoke, der Hauptgrund meines Besuchs, scheint auch schon vorbei zu sein. Dafür darf man die zweifelhaften Abendgarderoben einiger Damen (Leopardenmuster war schon vor 10 Jahren out und wird es hoffentlich auch weiterhin sein) und die Tanzkünste mutiger Herren belächeln. Neben etlichen Metal Oldies bekommt man aber immerhin TURISAS’ Coverversion „Rasputin“ zu hören, die bei mir solch gute Laune auslöst, dass ich erwäge, die Nacht durchzumachen. Möglich wär dies allemal gewesen, denn der Pub hat um 7 Uhr schon wieder aufgemacht, nachdem die Metaldisco dann auch den letzten rausgeschmissen hat. Eine Viertelstunde später revidiere ich diesen Plan jedoch und gehe lieber ins Bett, da 3 Stunden später die Möglichkeit besteht, das Schiff für 3 Stunden zu verlassen und sich Tallin anzugucken. Natürlich bleibe ich dann doch lieber liegen, warum war das Bett auch so verdammt bequem?!

Donnerstag:

Der Donnerstagmorgen beginnt um 10 Uhr und zwar für ALLE, denn dank Kabinenlautsprecher, die ich in diesem Moment verfluche, gibt es vom Organisatorenteam einen Weckruf mit dem Befehl, in der Metaldisco zur Heavykaraoke anzutreten. Meine Intuition sagt mir, dass dem keine 10 Seelen gefolgt sind. Um kurz vor 1 kommt dann aber mein persönlicher Weckdienst, schließlich steht Ari Koivunen, Gewinner des finnischen „Idol“, auf dem Plan. Der Milchbubi mit der grandiosen Stimme kommt erstmal ganz Rockstar mit Cappi, Zopf und Kippe auf die Bühne und scheint irgendwie nicht so ganz Bock zu haben. Das ändert sich aber im Laufe der ersten Songs, zuerst verabschiedet sich das Zopfgummi, dann das Cappi und nach einem weiteren Song lässt sich Herr Koivunen auch mal zum Bangen mitreißen. Seine Band macht allerdings schon ein bisschen einen auf dicke Hose, da stehen am Bühnenrand auch gleich mal eine paar Extragitarren, die natürlich alle nacheinander zum Einsatz kommen. Irgendwie ist es bezeichnend, dass sich anfangs nur weibliche Teenager vor der Bühne befinden, mit denen Heavy Ari, wie er gerne dank seiner Heavykaraoke Auftritte genannt wird, zaghaft flirtet. Zum Schluss ist er sogar so mutig, in die Menge zu springen und zusammen mit einem Mädchen, das sichtlich begeistert ist, seinen Song zu Ende zu singen. Musikalisch hat man der Wunderstimme 80er Hard Rock/ Metal, den man schon tausend Mal vorher gehört hat, perfekt auf seine Stimme zugeschnitten, aber wenn das Ganze so rockt, darf man darüber mal getrost hinwegsehen. Krönender Abschluss der ersten Metal Elite Cruise 2007!

Copyright Fotos: Juliane John

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