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METALLSPÜRHUNDE – GOTHIC LOGIC – ÜEBERMUTTER

Ort: Leipzig WGT Parkbühne

Datum: 12.05.2008

ÜEBERMUTTER. Hinsichtlich dieser frisch entbundenen Formation um das ehemalige „Supergirlie“ Luci van Org konnte man unlängst viele Kommentare im Netz lesen – und immer wieder waren auch negative O-Töne zu vernehmen. Das Konzept der Band sei zusammen geklaubt, so lässt sich zusammenfassen, und quasi eine Metamorphose aus RAMMSTEIN und NINA HAGEN. Nichts Eigenständiges. Alle Elemente schon mal da gewesen. Wenn auch bei ÜEBERMUTTER vielleicht musikalisch tatsächlich nichts Neues erfunden wird – und seien wir doch einmal ehrlich: Das funktioniert doch heute ohnehin nicht mehr – so finde ich das Konzept, welches die Formation ausmacht, ganz außerordentlich neu. Der satirisch-kritische Umgang mit dem Nationalsozialismus sowie der forcierte Feminismus ergeben im Komplettpaket mit dem hohen Frauenanteil und der Inszenierung der Band eine spannende Mischung. Lange schon habe ich keine Band mehr erlebt, die sich so sehr in ein konstruiertes und detailliert durchdachtes Konzept gefügt hat, welches sich dann noch als derart unterhaltsam entpuppt.

Zur Band gehört natürlich nicht alleine Luci van Org als personifizierte ÜEBERMUTTER; dazu kommt die Unheilsarmee, bestehend aus drei weiteren Damen an Bass, Gitarre und Schlagzeug, sowie ein vereinsamter Vertreter des männlichen Geschlechts an der zweiten Gitarre, der arg gebeutelte Unheiland. Dennoch dominiert van Org das Bild der Band ganz eindeutig. Der von einigen Kritikern benannte vermeidliche Hype um die Truppe aus Berlin ist an mir zumindest so lange spurlos vorbei gegangen, bis ich eines Tages im STERN auf ein Interview mit Luci van Org stieß. Und das, so kann ich konstatieren, hat mich keinesfalls abgeschreckt, sondern an vielen Stellen ziemlich überrascht. Deutlich wurde hier das ausgeprägte feministische Weltbild der Dame, welches den inhaltlichen Kernpunkt der ÜEBERMUTTER-Songs darstellt. Textlich kann der aufmerksame Hörer hier zudem auch den einen oder anderen ernst gemeinten Denkanstoss entdecken, ohne dass man in irgendeiner Weise dogmatisch daher kommt. Im Gegenteil: Dem geneigten Beobachter sollte es nicht entgangen sein, dass ÜEBERMUTTER eine Menge Sarkasmus und Humor mitbringen. Ich verweise an dieser Stelle nur just auf das Video zu „Heim und Herd“, wo dem Gemächt des armen Unheilands mit Hilfe von Eva Hermanns „Das Eva-Prinzip“ zu Leibe gerückt wird.

Das wurde nun auch an diesem überaus sonnigen Nachmittag in Leipzig deutlich. Pünktlich um 14:20h betraten ÜEBERMUTTER die Bühne der sonnenüberfluteten Parkbühne. Dass man keine Frau sein muss, um die Formation inkl. feministischer Tendenzen sehenswert zu finden, verdeutlichte ein flüchtiger Rundumblick. Auch van Org war erfreut über die zahlreichen Besucher und bedankte sich bei den vielen Kindern der Nacht, die für sie artig in der Sonne stehen würden. Die Damen auf der Bühne hatten sich in Uniform, Lackkorsage und ebensolche Stiefel mit arg hohem Absatz gehüllt und zudem trug Frau noch Fliegermütze. Einzige Ausnahme bildete hier die Drummerin, die ihr Gesicht komplett geschwärzt hatte und – natürlich – weder High Heels, noch Kopfbedeckung angelegt hatte. Van Orgs Mikro ähnelte einer mehrschwänzigen Peitsche, die im Laufe des Gigs immer wieder mal zum Einsatz kommen sollte, um das Publikum symbolisch, wie auch den Unheiland körperlich, zu traktieren.

Als taktisch klugen Opener wählte man „Mädchen Teil Zwo“, um somit gleich einmal die Marschrichtung anzugeben und direkt auf Luci van Orgs frühere musikalische Karriere anzusprechen. Insgesamt orientierte sich die Setlist komplett – das liegt nahe – am Debütalbum „Unheil!“, welches erst Anfang April veröffentlicht wurde. Die Überleitungen zu und Geschichtchen zwischen den einzelnen Titeln waren sicherlich nicht immer spontanen Gedanken entsprungen, dennoch ziemlich unterhaltsam. Zu „Weine mir ein Meer“ etwa wusste van Org zu berichten, dass der arme Unheiland – in seiner Rolle als für sämtliche Verfehlungen der gesamten männlichen Population Gegeißelten – manchmal bitterlich weine. Nach kollektiven Mitleidsbekundungen des Publikums folgten im Anschluss die als solche deklarierten Bibelstunden, Teil 1 und 2, mit „Am Anfang war das Weib“ und dem „Weihnachtslied“ „Brenne!“. Bei letzterem wurde der ohnehin schwer gebeutelte Unheiland erneut in die Mangel genommen und musste mit Stigmata an den Händen und ausgebreiteten Armen ein paar (sanfte!) Peitschenhiebe über sich ergehen lassen. Später kniete er vor Luci van Org nieder und bekam prompt eine Dornenkrone auf den Kopf gesetzt. Van Orgs Stimme bei der Textstelle „Brenne!“ ist dabei derart druckvoll und eindringlich, dass ich jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut bekommen habe. Wie diese Inszenierungen schon andeuten, so legte van Org auch durch ihre Zwischenbemerkungen nahe, dass ÜEBERMUTTER keine großen Freunde der institutionalisierten Kirche zu sein scheinen.

Langsam näherte sich die in diesem Falle wahrlich viel zu kurze Spielzeit von einer halben Stunde einem Ende. Ein paar Minuten verblieben jedoch noch, und so donnerte van Org dem Publikum ein „Wollt ihr…“ entgegen, welches augenblicklich durch ein lautstarkes „Jaaa!“ unterbrochen wurde – ohne das Ende der Frage abzuwarten, welches da wäre „… das totale Lied?“. Derartige Äußerungen und Textzeilen provozieren zweifelsohne und könnten schnell so ausgelegt werden, ÜEBERMUTTER faschistische Tendenzen zu unterstellen. Mit etwas Gabe zum Differenzieren sollte man hier jedoch den Sarkasmus erkennen können und sich folglich in der Lage sehen, ganz unbefangen über dieses Wortspiel zu schmunzeln. Es folgte „Unheil“ als letzte Darbietung des Auftritts. Resümierend haben mich ÜEBERMUTTER live ganz klar überzeugt. So gesehen meine persönliche Überraschung des WGT. Luci van Org zählte mit ihrer sehr souveränen und stets leicht lasziven Art sowie ihrem Zynismus ganz klar zu den unterhaltsamsten Figuren des Festivals. Das Publikum generell war von Anfang bis zum Ende wirklich überaus gut gelaunt und es herrschte immer wieder Interaktion, so dass weite Teile der gut gefüllten Parkbühne zweifelsohne bestätigen werden, dass der Auftritt ÜEBERMUTTERs ein echtes Highlight des WGT war.

Setlist
Mädchen Teil Zwo
Heim und Herd
Weine mir ein Meer
Am Anfang war das Weib
Brenne
Unheil

Im Anschluss an ÜBERMUTTER betraten GOTHIC LOGIC um kurz nach 15 Uhr die Bühne. Ein wenig deplaziert wirkten die eigenwillig zurecht gemachten Musiker dann schon im grellen Sonnenlicht. Die Fronterin, die den eigentümlichen Namen „Cherry Witch“ trägt, sah mit ihrer wasserstoffblonden und wild toupierten Mähne aus wie eine Schwester Cindy Laupers, der Drummer musizierte in Harlekin-Aufmachung und am Bass war eine Art Psychopath anzufinden. Dazu noch ein undefinierbarer Herr am synthetischen Gerät, welches er im Wechsel mit einer Gitarre bediente. Der Mikrophonständer Cherry Witchs war ganz in Ketten-Optik gehalten und zusätzlich mit einem Schädel dekoriert. Insgesamt keine Formation, die im hellen Sonnenschein spielen sollte. Die Performance selbst war den Outfits entsprechend recht theatralisch. Das wurde gleich deutlich, als Cherry mit weißer Maske vor dem Gesicht und eigenwillige Bewegungen vollführend den Gig eröffnete. Später etwa platzte dann noch eine Blutkapsel im Mund des Bassisten, woraufhin er sich über und über damit besudelte. Immerhin also Bonuspunkte beim Entertainment-Faktor. Zeitweise schoss man dann jedoch über das Ziel hinaus, bspw. als ganz am Ende des Auftritts die genannte Dame dazu überging, eine selbst gebastelte Sense (deren Plastik- oder Pappmaschee-Klinge zwischenzeitlich des Eifers wegen abfiel) mit einer Flex martialisch zu bearbeiten, so dass die Funken flogen. Nun ja. Das Publikum im Bereich direkt vor der Bühne war während der gesamten Spielzeit von etwas weniger als einer halben Stunde sehr ausgedünnt. Ganz vereinzelt wurde getanzt. Der Großteil der Besucher, die bei ÜBERMUTTER noch in der prallen Sonne gestanden hatten, suchte inzwischen Zuflucht im schattigen Randbereich der Parkbühne oder hatte die Location komplett verlassen.

Insgesamt lässt sich der Stil der Band sehr schwer beschreiben. GOTHIC LOGIC selbst sprechen von „Gothic Industrial Rock“, und das trifft es an sich schon recht gut. Zumindest werden Elemente aus allen diesen Genres irgendwie miteinander kombiniert. Zunächst versuchte ich, anhand einer Textanalyse mögliche Rückschlüsse auf das Herkunftsland von GOTHIC LOGIC zu ziehen – ein sehr heikles Unterfangen. Hin und wieder meinte ich, einzelne Worte aufgeschnappt zu die ich – abgesehen von eindeutig englischen Passagen – ganz klar dem französischen Sprachraum zugeordnet hätte. Aber: GOTHIC LOGIC sind de facto Japaner, wie eine spätere Recherche ergab. Sie gehören demnach zum musikalischen Underground in Tokio. In welcher Sprache sie allerdings ihre Songs wieder geben, ist damit zwar noch immer nicht einheitlich geklärt, ich konnte jedoch herausfinden, dass zumindest tatsächlich englischsprachige Titel darunter zu finden sind. So etwa „Church on fire“, welches als vorletztes Stück zum Besten gegeben wurde. Scheint so etwas wie ein Paradestück der Formation zu sein und ist als Live-Mitschnitt – allerdings nicht vom WGT – auch an diversen Stellen im Netz zu finden. Bei besagtem Titel werden auch die interessanten metallischen Effekte ganz deutlich, so eine Art Klacken, welche in mehreren Stücken von GOTHIC LOGIC zum Tragen kommen und ich ganz gut leiden mochte. Als einziges weiteres Stück konnte ich „Gishiki“ erkennen, was nun ja wiederum eher japanisch klingt.
Insgesamt ein nicht wirklich überzeugender Auftritt: Weder die Musik selbst noch die Bühnenshow waren nach meinem Geschmack. So sah das anscheinend auch das Publikum, und GOTHIC LOGIC verließen die Parkbühne letztendlich überaus abrupt und unverhofft. Selbst die Fans vor der Bühne konnten so schnell nicht reagieren, so dass ein reichlich verspäteter Applaus einsetzte, als die Musiker auf die Bühne zurück kehrten, um hier und da etwas abzubauen.

Die Parkbühne füllte sich erneut spürbar und hieß die Schweizer Formation METALLSPÜRHUNDE herzlich willkommen. Und das Publikum des WGTs konnte sich glücklich schätzen, denn die Truppe hatte insgesamt zwei niegelnagelneue Songs vom anstehenden Album mit im Gepäck, welches meines Wissens nach den Arbeitstitel „Böse Wetter“ trägt. Gleich zum Auftakt des Gigs präsentierte man das gleichnamige Stück und später dann noch „Herzlichen Dank“. Beide haben mir, um es vorweg zu nehmen, sehr gut gefallen und machten neugierig auf ein verheißungsvolles Neulingswerk. Viele Besucher waren in gleicher Weise angetan und schwangen kontinuierlich das Tanzbein, während sich Fronter Michel Frasse für Publikum und Fotografen immer wieder in Pose warf. Zwischendurch kündigte selbiger zudem eine (weitere) Weltpremiere an und tauschte seinen Posten innerhalb der Band mit Marion Altwegg, die bis dato noch an den Keys und am Theremin zu finden gewesen war. Es folgte eine Coverversion des Klassikers „Was hat dich bloß so ruiniert?“ und Marions vielleicht etwas dünnes Stimmchen und ihre leicht schüchterne Art gaben dem Titel einen ganz anderen Touch. Nachfolgend wurde „Obszöne neue Welt“ dargeboten, wobei Frasse dazu diverse 1000-Dollar-Blüten ins Publikum warf, nachdem er diese zuvor entweder in seinen Schrittbereich gedrückt oder mit der Zunge bearbeitet hatte.

Leider war hier auch schon das Ende der obligatorischen 30-minütigen Spielzeit und einer der Ordner verhinderte durch entsprechende Zettelzeichen, dass die METALLSPÜRHUNDE noch das eigentlich vorgesehene „Blut und Spiele“ anstimmten. Das Publikum forderte dennoch deutlich nach einer Zugabe, doch die Roadies vereitelten jegliche Hoffnung darauf, indem sie augenblicklich dazu übergingen, das Set abzubauen. Insgesamt ein wirklich toller Gig und ich hoffe, dass man zukünftig noch vieles von den METALLSPÜRHUNDEn hören wird.

Setlist METALLSPÜRHUNDE
Böse Wetter
Amokherz
Was hat dich bloß zu ruiniert?
Obszöne neue Welt
Herzlichen Dank

Copyright Fotos: Sandro Griesbach

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