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MIA. – THE SODAPOP DIARIES

Ort: Bielefeld - Kamp

Datum: 30.04.2004

2 Tage nachdem MIA noch in Bochum vor einem erlauchten 1Live-Publikum auftreten durften, ging es nun ins etwas kleiner dimensionierte Bielefelder Kamp, das auch schon seit einiger Zeit ausverkauft war. Ich war sehr gespannt, wie die Songs der „Stillen Post“ live funktionieren würden und ob es etwaige Reaktionen fanatischer Linker wegen der „Was es ist“-Single geben könnte. Diese wurde ja von manchen Seiten wegen angeblicher Deutschtümelei heftigst diskutiert. Zunächst mal war ich aber überrascht, dass die Straße vor dem Kamp abgesperrt war und draußen sogar noch Karten von Amateur-Händlern angeboten wurden, MIA goes big! Drinnen fanden sich schließlich schätzungsweise 500 Menschen ein, die vorzugsweise aus dem jungen, weiblichen, alternativen Lager stammten. Die meisten ein wenig zerzaust gestylt, aber „hip“ zerzaust, schöne junge Menschen mit korrekten Gedanken. Trotz meines Alters über der 30 Jahre-Marke wurde ich eingelassen und freute mich zunächst mal auf die Vorband.

Diese sollte SWOSH! heißen, so war es überall angekündigt. Ich hatte mich auch schon auf der Homepage der Alternative Rocker umgesehen, die erst eine Limited EP draußen haben. Aber es kam anders: Der Junge mit der Gitarre stand auf der Bühne! Ein gewisser Michael Walmsley aus Wuppertal, der sonst in einer Band zockt (THREE.MINUTE.POETRY), nun aber alleinunterhaltend unter dem Namen THE SODAPOP DIARIES mit einer Akustikgitarre ein paar Lieder zum besten gab. Singen kann der Mann und seine Ansagen fielen auch recht unterhaltsam aus: „Wo wohnen die Katzen? – Im Miezhaus“ HA HA – Neben einer Coverversion einer mir unbekannten Truppe gab es auch ein Duett mit Diane Müller von den Solingern FOX FORCE 5. Der Bandname stammt natürlich aus Pulp Fiction (Uma Thurmans Pilot!). Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei und auch wenn der sympathische Michael beim Publikum gut ankam und sogar eine Zugabe spielte, war diese Lagerfeuermucke „not my cup of tea“. In Heidelberg war TONI KATER die Vorgruppe, das wäre schon eher was für mich gewesen.

Dann aber formierte sich das Publikum zum Katzenmosh. Die Mädels, die einen stämmigen Freund dabei hatten, waren dabei eindeutig im Vorteil. Nach einem leicht psychedelischen Intro stürmten die 5 MIAs auf die Bühne, in recht eigenwilliger Farbkombination. Mieze mit rosa Kleid und der Rest (Gunnar, Robert, Andi, Ingo) mit orange-roten Klamotten. „Komm mein Mädchen“ war ein wunderbarer Einstieg und sofort wurde klar: Bielefeld rockt, es wurde fanatisch mitgesungen, frenetisch gehüpft und faszinierend Miezes Bewegungen gehuldigt, die augenscheinlich unter den Achseln nicht rasiert ist. Ob das auch zum neuen weiblichen Selbstbewusstsein gehört? Im Laufe des Abends spielte man so ziemlich alle Tracks des aktuellen Albums, von dem „Blaue Flecken“ und „PRO Test“ zu meinen Lieblingssongs gehören. 2 mal gab es Instrumentalsessions, welche die hübsche Sängerin dazu nutzte, in neue Kleidchen zu schlüpfen: erst gelb, dann hell-beige. Aber auch die Musikalisten konnten sich umkleiden, nahezu ganz in weiß bis auf eine Protestfaust als Logo. Derweil sang Mieze eine Liebesballade allein mit einem Kassettenrecorder, ähnlich wie es die NEUBAUTEN vor Monatsfrist taten. Mit Stücken wie „Alles neu“ und „Machtspiele/ Tanz drauf“ wurde auch das erste Album „Hieb- und Stichfest“ nicht unberücksichtigt gelassen, die Anwesenden waren damit bestens vertraut. Miezes Ansagen fielen zumeist sehr charmant aus, wenn sie Gefühle propagierte oder den Umweltschutz betonte („der ist weder cool, noch uncool, einfach nur wichtig!“), bewegungstechnisch war sie immer auf dem Sprung, mal ekstatisch, mal einstudiert gezügelt. Jedenfalls merkte man dem Quintett die unbändige Spielfreude und die Lust auf die noch bis September währende Tour an, teilweise schien man fast überwältigt von den Reaktionen der ostwestfälischen Fans zu sein.

Irgendwann kam dann das mit Spannung erwartete „Was es ist“, bzw. es kam nicht richtig, denn man verfälschte es fast bis zur Unkenntlichkeit. Neben der recht amüsanten Verwendung eines Jagdhorns wurde fast der gesamte Refrain weggelassen und stattdessen immer wieder „sagt die Liebe“ gesungen. Außer der ersten Strophe erinnerte nur noch wenig an den konfliktreichen „Klassiker“. Also mal ehrlich, wenn ich schon so ein Stück schreibe, dann muss ich auch die Courage besitzen, es so zu spielen. Oder ich lasse es gleich ganz sein, jedenfalls hat mich persönlich dieser faule Kompromiss etwas enttäuscht (allerdings wird dieser Titel immer in dieser Form dargeboten). Das war aber auch die einzige Enttäuschung, „Hungriges Herz“ wurde zum Triumph und „Sonne“ schloss den Hauptteil des Sets perfekt ab. Das Lied wurde sogar zweigeteilt, nachdem man kurz hinter der Bühne verschwunden war, nahm man den jugendwahnkritischen Song noch mal auf. Aber das war natürlich noch nicht alles, so einfach ließen die durchgeschwitzten Leiber die Hauptstädter nicht davon kommen, die mit 2 älteren Stücken (eins davon war „Verrückt“) ihre Präsenz nach 105 Minuten beendeten. Alle Seiten waren überglücklich und es hatte so etwas wie ein Energieaustausch zwischen Künstlern und „Kunden“ stattgefunden, der noch eine ganze Weile im verrauchten Kamp nachhallte…

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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