Konzert Filter

MITHRAS GARDEN FESTIVAL III

Ort: Koblenz - SuppKultur

Datum: 28.10.2006

Alle paar Wochen eine gute Fahrt – So lautet unser Credo! Und so machten wir uns denn nach unserem Schweizer Triumvirat Abenteuer ein nächstes Mal auf gen Süden, um neofolkigen bzw. avantgardistischen Klängen zu lauschen. Die schöne Stadt Koblenz am Deutschen Eck ist freilich mit nur 3 Stunden Fahrtzeit viel näher gelegen, kein Problem also rechtzeitig vor 18 Uhr das Hotel zu erreichen. Zunächst sandten wir einen kleinen Spähtrupp aus, um die Location ausfindig zu machen, was sich als gar nicht so leicht herausstellte. Liegt das Suppkultur doch etwas versteckt auf dem Hinterhof eines Gewerbegebiets an der B9. Später hatten die Organisatoren allerdings Schilder und Leuchten aufgestellt, so dass das zahlreich erschienene Publikum, so es nicht schon aus der Nähe stammte, keine Probleme hatte. Stichwort Organisatoren: Hinter dieser bereits dritten Festivalausgabe steckt u.a. Axel Menz, der mit seiner Formation HEKATE ja nun selber auf dem Speiseplan stand. Nachdem es bei der vorherigen Auflage zu Irritationen wegen eines abgesagten Auftritts von SPIRITUAL FRONT gekommen war, konnte nunmehr ein interessantes und auch ideologisch völlig einwandfreies Line Up aufgeboten werden (was NICHT als Statement gegen SPIRITUAL FRONT gemeint ist!). Kurz nach 20 Uhr betraten wir den Club, der sich als gemütliches und leicht verwinkeltes Plätzchen präsentierte, derweil das eröffnende Duo NEBELUNG bereits mit seiner Darbietung begonnen hatte.

NEBELUNG, das sind gleichermaßen Stefan Otto (Gitarre, Gesang, Flöte) und Thomas List (Gitarre) wie ein aufstrebendes deutsches Neofolkduo, welches nun vor uns auf 2 Barhockern seine Tonkunst zelebrierte. Während ein beachtlicher Teil der Anwesenden den Klängen der Akustikklampfen lauschte, taten sich einige andere im hinteren Bereich eher durch lautes und sehr nerviges Schwätzen hervor. Ich kann verstehen, dass nicht jeder etwas mit dem oftmals ruhigen und rein instrumentalen Sound anfangen kann, aber deswegen muss man ja nicht gleich penetrant herumschreien. Dies war im Hinblick auf die recht leise/ zarte Performance schon einigermaßen störend. Ansonsten wirkten die beiden Herren auch noch recht schüchtern, zwischen den Titeln kam ihnen kaum mehr als ein „Danke“ über die Lippen. Nun müssen Neofolker nicht gerade Stimmungskanonen sein, aber ihre Bühnenpräsenz dürfen NEBELUNG gerne noch ausbauen. Zu den bisherigen Veröffentlichungen zählen lediglich eine 7inch namens „Reigen“ und die „Mistelttein“-CD, beide bei Eis & Licht publiziert. Dazu kommt noch der Sampler Beitrag „Sturm“, der in Koblenz das Set abrundetet. Ein kräftiges Stück, welches mit Abstand den besten Eindruck hinterließ, hier wirkte Stefans Stimme auch deutlich aggressiver. Danach wurde mit Vehemenz eine Zugabe gefordert, welche selbstverständlich eingelöst wurde. Ich bin schon jetzt auf die in Arbeit befindliche nächste Silberscheibe gespannt, dass das musikalische Potenzial vorhanden ist, konnte man in jeder Sekunde erkennen.

Danach stand ein Herr auf dem Programm, auf den ich mich im Vorfeld am meisten gefreut hatte: Der Katalane Demian unter seinem Projektnamen Ô PARADIS. Es dauerte nur wenige Minuten, da war die Bühne für ihn und seinen Keyboarder Raul vorbereitet. Und dieser Raul hatte es wahrlich in sich! Sah er zunächst mit Krawatte, Hornbrille und Westover wie der Prototyp eines spießigen Beamten aus, bot er im folgenden eine Performance, die einiges an Humor und absurden Nuancen zu bieten hatte. Überhaupt könnte man die beiden Herren sofort in einem Almodóvar-Film unterbringen, was nicht heißen soll, die Musik klinge in irgendeiner Art und Weise lächerlich. Vielmehr expressiv und avantgardistisch und insbesondere auch leidenschaftlich. Demian stellte klar: „My English is terrible, but the content is clear! Ja, das war er, wenngleich die meisten der oft als Miniaturen angelegten Songs in spanisch/ katalanisch verfasst sind. Mehrere Anwesende hielten sich nun nicht mehr zurück und reflektierten die Darbietung in ihrer eigenen Körpersprache. Instrumental wurde einiges geboten: Demian agierte an Bass und Schlagwerk, Herr Raul bediente das Keyboard und schlug ebenfalls hin und wieder zu. Dazu gab es einige herrlich absurde Aktionen zu sehen, so warf der Tastenmann urplötzlich seine Brille weg oder beide Musiker zeigten uns die Kunstform des „rituellen Ärmelaufkrempelns“. Die teils fast punkig angehauchte Attitüde, ganz einfach mal im Vorbeigehen schräg auf den Synthies herumzuklimpern, sorgte für weitere Unterhaltung. Die Lieder selbst basieren auf Loops/ Samples, garniert mit Liveklängen und dem mal zarten, mal explosionsartigen Gesang des Herrn mit der Baskenmütze. Von der aktuellen VÖ „Las Nubes que Mueren“ (eine Doppel CD mit „vergessenen“ Perlen) konnte mich insbesondere das stimmungsvolle „Las Vias Del Viento“ überzeugen. Auch hier durfte die Darbietung natürlich nicht ohne Zugabe zu Ende gehen, hierfür wurden dann sogar noch die Rollen getauscht. Raul agierte das 2te Mal in seinem Leben am Bass, während Demian an die Tasten wechselte. Im Verlauf des Stücks legte R. urplötzlich das Saiteninstrument zu Boden und zupfte alsdann hockend daran, worauf sich sein Kollege ein Lachen nicht verkneifen konnte. Eine wirklich außergewöhnliche Leistung in allen Bereichen, für die allein schon die Fahrt nach Koblenz lohnte. Laut Ô PARADIS’ MySpace-Seite liegt das neue Album namens „Cuando el Tiempo Sopla“ schon auf der Lauer!

Danach wurde ein Vorhang aufgezogen und die Wartezeit ein wenig verlängert. Zeit genug, sich einem Schwätzchen mit den beiden Herren am Steinklang Label Stand zu widmen. Dabei handelte es sich natürlich um keine geringeren als Gerhard von ALLERSEELEN und den Chef himself, auch aktiv bei STURMPERCHT (die gerade eine neue VÖ draußen haben) und RASTHOF DACHAU. Gut 40 Minuten später dann wurde die Stage freigegeben und 5 Herren im besten Alter nahmen an den Instrumenten Platz. Immerhin gleich 2 Schlagzeuge im Hintergrund plus Schlagwerk links vorne ergaben enorme rhythmische und percussive Möglichkeiten, die auch alsbald präsentiert wurden. Axel Menz setzte sich mit seiner wohlklingenden Stimme in Szene, während Achim Weiler wahlweise am Keyboard oder an der Drehleier agierte. Durch die Benutzung letztgenannter kam es teilweise zu Assoziationen an CORVUS CORAX, aber auch sakrale oder gar rockige Songs befanden sich im Repertoire des gut 1-stündigen Auftritts. Leider musste heute auf den weiblichen Gesangspart verzichtet werden, da der sich aktuell in einer Babypause befindet. So intonierte Axel das Lied „Fatherland“ dann auch alleine, zu dem ein Besucher neben mir introvertiert auf dem Boden kniete. Natürlich wurde auch der namensgebende Song des Festivals – eben „Mithras Garden“ – feilgeboten, garniert mit einer Naturräucherung. Ein ums andere Mal konnte man diesem Abend gar interessante Gerüche im Suppkultur erschnuppern. Zur Setlist gehörten weiterhin u.a. „Tempo di Lupi“ und am Ende das kraftvoll herausgebrüllte „Morituri te salutant“. Lediglich die ambitionierten Sprünge des Fronters irritierten dabei ein wenig. Die Verlängerung wurde in Form einer Komposition mit ausgedehntem Instrumentalteil präsentiert, welche durchaus etwas von Weltmusik meets SCHILLER-Flair besaß. In dem Zusammenhang seien der den ganzen Abend über währende gute Sound und die hervorragenden Lichteffekte gelobt, welche positiv zur Stimmung beitrugen.

Fehlte nun also „nur noch“ der Headliner des Abends, der auf den Namen GAE BOLG hörte. Dem Vernehmen nach hatte man schon am Nachmittag 2 Stunden geprobt und auch nun stellte man die Zuhörer vor eine längere Geduldsprobe. Über eine Stunde war nichts als der Vorhang zu sehen, so dass sich die Reihen doch schon ordentlich gelichtet hatten, als es gegen 1 Uhr morgens endlich losging. Auf der Bühne offenbarte sich eine absurde Szenerie: Mastermind Eric Roger und die beiden Kollegen Gaudinis TH+21 sowie Trublion 23 saßen an einem Tisch, um sich eine offensichtlich wohlschmeckende, alkoholische Flüssigkeit einzuverleiben. Dies erinnerte ein wenig an die Absinth-Inszenierung des Triumvirat Festivals, allerdings waren dort die Protagonisten nicht in fast durchsichtige Gewänder geschlüpft und frönten nebenbei der Strickarbeit! Dann kam Eric, zusätzlich noch in eine Art Talar geschlüpft (man entschuldige meine Unkenntnis), nach vorne, um ein Tonband zu starten, welches zusätzlich für Unterhaltung und Schmunzeln sorgte. Man stelle sich eine Art Ansage Template vor, zu welchem der beleibte SOL INVICTUS Trompeter mehrfach nur noch den Auftrittsort „Koblenz“ beisteuern musste. Sehr schräg, ebenso wie auch das nachfolgend abgespulte englische Stück, welches inhaltlich wie musikalisch ein wenig an Monty Python erinnerte. Dann aber ging es endlich los, Eric entschuldigte sich für die nötigen, langen Vorbereitungen und man begann mit den Neoklassischen Klängen. Ich bin mit GAE BOLGS Oeuvre nicht vertraut, von daher kann ich nur meine Eindrücke schildern. Eric und der Kollege links neben ihm mit der gelben Unterhose spielten Blockflöte und ergaben sich in choralartigen, künstlerisch sehr ausgefeilten Gesängen. Auch Trompete und Schlagwerk kamen zeitweilig zum Einsatz. Dazu hielt sich Urgestein Karl Blake, den wir ebenfalls mit SOL INVICTUS schon haben auftreten sehen, rechts im Hintergrund und sorgte mit seinem Saiteninstrument für ein gesundes Fundament (einmal ließ auch er seine Stimme erklingen). Der letzte Herr hinten links in der Mönchskutte widmete sich der Percussion, wenn er nicht gerade irgendwelchen eigenwilligen Aktivitäten nachging. So erzeugte er das eine Mal fröhlich umherspringend Seifenblasen, während er bei einem anderen Titel mit 2 Handpuppen im Henke-Stil für eine komödiantische Note sorgte. Ein wahrlich skurriler und dennoch musikalisch greifbarer Auftritt. Nach einer Stunde allerdings übermannte uns die Müdigkeit dermaßen, dass wir das absolute Ende von GB nicht mehr mitbekamen, ebenso wenig wie die angekündigte After Show Party in der Innenstadt.

Was wir bis dahin allerdings geboten bekommen hatten, war dem Eintrittspreis von nur 17 Euro überaus würdig gewesen. 4 Formationen, denen man nur selten auf den Bühnen dieser Welt begegnet und die allesamt eine eigene musikalische Vision weit abseits vom Mainstream frönen, stellten den Beweis auf, dass Avantgarde und Unterhaltung keinen Widerspruch darstellen. Mehr davon im nächsten Jahr bei der Neuauflage des Mithras Garden Festivals und wie man hört, stehen dafür schon einige interessante Ideen im Raum!

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu GAE BOLG auf terrorverlag.com

Mehr zu HEKATE auf terrorverlag.com

Mehr zu NEBELUNG auf terrorverlag.com

Mehr zu Ô PARADIS auf terrorverlag.com