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NAGEL (LESUNG)

Ort: Osnabrück – Lagerhalle (Spitzboden)

Datum: 06.11.2010

16 Jahre lang hat Thorsten „NAGEL“ Nagelschmidt Musik mit seiner Band MUFF POTTER gemacht. Von Musik will er jetzt nichts mehr wissen und ist stattdessen auf Lesereise mit seinem zweiten Roman „Was kostet die Welt“. Zumindest sagte er das seinem Publikum im nahezu vollbesetzten Spitzboden der Lagerhalle. Dieser Abend sollte der letzte auf Tour sein, weshalb sich NAGEL auch einen besonders gelungenen Abschluss wünschte. Die Osnabrücker versprachen, ihren Anteil zu leisten, jedoch musste NAGEL feststellen, dass der dünne Applaus und die spärlichen Reaktionen nicht danach klangen. Aber im nahen Rheine aufgewachsen, kennt der 34-jährige natürlich seine Pappenheimer und weiß, dass es einfach ein wenig Zeit braucht, bis die Hasestädter auftauen.

Vielleicht gab es deshalb auch zunächst eine fernmündliche Einführung von Thilo Sarrazin, den mit NAGEL verbindet, dass er in etwa zur gleichen Zeit ein Buch veröffentlicht hat und jetzt auf Lesungen unterwegs ist. Allerdings ist es wohl so, dass bei NAGEL („dem optimal integrierten Ex-Punk aus Berlin“) das bessere Auditorium sitzt und zweifelsohne ist auch sein Buch deutlich weniger umstritten. Wer hätte aber gedacht, dass ausgerechnet NAGEL Sarrazins Job bei der Bundesbank übernehmen sollte? Entsprechendes Bildmaterial untermauerte dieses überraschende Jobangebot, aber es gab auch Fotos von der ersten Lesung, die ganz stilvoll in einem Weinkeller an der Mosel stattfand, wo jeder Besucher auch eine 0,7 Liter Flasche Riesling VOR der Lesung bekam, was dem Abend einen feucht-fröhlichen Verlauf bescherte… Aber genau in diesem Landstrich spielt ja auch der Roman um den Taugenichts Meise, der vom unerwarteten Erbe seines Vaters auf Reisen geht und zurück in Berlin feststellen muss, dass er irgendwie nicht mehr zuhause ankommt. Das letzte Geld ist allerdings auch noch nicht wie geplant verprasst, also geht es zur Zufallsbekanntschaft Flo tief in die westdeutsche Provinz auf das Weingut des Jungwinzers, den er in New York kennengelernt hat.

Die Kombination aus Berichten von seiner Lesereise, die mit passenden Bildern belegt wurden (Kuchen in Künzelsau, der Stadt, deren Namen NAGEL immer falsch ausgesprochen hat, schöne rechtsradikale Graffitis in Trier, Bücher zwischen Flaschen und die vielfältigen Trinksprüche an der Mosel, die bisweilen auch eine komplette Hausfassade einnehmen können und es NAGEL ganz besonders angetan haben) und gelesenen Romanpassagen, machte den Abend äußerst kurzweilig und der „Punker“ Thorsten Nagelschmidt (Auszug aus der Neuen Osnabrücker Zeitung), wunderte sich nicht sonderlich darüber, dass in der Ankündigung der Lokalpresse sein Hauptprotagonist Meise plötzlich zu Meisel wurde. Er blieb nach ein paar Versuchen, sich an die örtlichen Vorgaben zu halten, allerdings beim ursprünglich erdachten Namen und ließ seine Gäste an einigen Kapiteln seines Buches teilhaben. Besonders gut kam dabei die 5 ½ Seiten lange Abhandlung über das Pärchen Yannik und Andrea an, deren langweiliges Leben von Meise gedanklich bis ins kleinste Detail seziert wurde, bevor es ins Weinfest-Zelt ging, wo die Top-40-Band Skynamite ihr Unwesen trieb. Um zu verdeutlichen, wie schlimm es dort zuging, hatte NAGEL auch die passende Musik am Start (wer von den Anwesenden schon mal auf einem Schützenfest war, wusste bald, dass ein Weinfest sich nur durch die Auswahl der Alkoholika unterscheidet) und lud zudem noch einen Zuschauer auf die Bühne, der Flos Part lesen durfte bzw. musste, da Frederik aus Spelle durch NAGELS sanften Druck mangels Freiwilliger bestimmt wurde. Frederik machte seine Sache jedoch sehr gut und natürlich hatte NAGEL diesbezüglich auch noch eine Geschichte parat. Anfangs hatte er für diesen Part nämlich prominente Unterstützung (an der Mosel war das beispielsweise Linus Volkmann), später rekrutierte er seine Mitleser dann aus den Zuschauerreihen. Einmal traf es dabei einen Typen in der ersten Reihe, der parallel zu NAGEL in seinem eigenen Buch alles mitlas und deshalb natürlich prädestiniert für die Aufgabe war. Wie sich herausstellte, war es ein Italiener, der nur gebrochen Deutsch sprach, aber ein so begeisterter MUFF-POTTER-Fan war, dass er angefangen hatte, die Sprache zu lernen, um die Texte zu verstehen.

Nachdem NAGEL seinen Antihelden Meise schließlich auf dem Weinfest komplett hatte scheitern lassen, endete der vergnügliche Abend nach 2 ½ Stunden zumindest im Spitzboden. Eigentlich hätte der Herr Schriftsteller, der sich noch gut an die „NAGEL mit Köpfen“-Lesung vor drei Jahren im Osnabrücker Rosenhof erinnern konnte, bei der Thees Uhlmann, Hilmar Bender und er einigermaßen angeschlagen waren, noch nach Bielefeld fahren wollen, wo am gleichen Abend THE CASTING OUT im Kamp spielten, aber dafür hatte er einfach zu lange gelesen und gequatscht, weshalb er die Anwesenden bat, mit ihm noch das Ende seiner Lesetour zu feiern. Schließlich sollten ja auch noch Handynummern ausgetauscht werden, um tags darauf per Flashmob die örtlichen Reisebüros zu überfallen, um Reisen an die fiktiven Orte an der Mosel zu buchen, die sich NAGEL für seinen Roman erdacht hatte. Nicht ausgedacht waren jedoch die seltsamen Namen der Restaurants in Bernkastel-Kues, das ebenfalls im Buch Erwähnung findet. Allerdings sich die gastronomischen Betriebe nicht an der Mosel sondern im heimischen Rheine angesiedelt. Und dass NAGEL nichts mehr von Musik wissen will, hat ihm spätestens mit dem vertonten und verfilmten Buchabschnitt, der im gezeigten Videoclip in einer Karaoke-Bar spielt und den Text aus dem Friseursalon Kaiserschnitt aufnimmt, in dem sich Meise bei seinem Besuch in Bernkastel aus Langeweile die Haare schneiden lässt, keiner mehr geglaubt, weshalb ich gespannt bin, was es als nächstes von NAGEL zu hören oder zu lesen gibt.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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