Konzert Filter

NAGEL (LESUNG)

Ort: Osnabrück – Lagerhalle

Datum: 06.05.2014

NAGEL werden die meisten als Sänger, Gitarristen und Texter der seit Ende 2009 aufgelösten Band MUFF POTTER kennen. Schon 2007 debütierte Thorsten Nagelschmidt jedoch erfolgreich mit seinem autobiografisch geprägten Roman „Wo die wilden Maden graben“, in dem er das Leben des Sängers einer Punk-Kapelle beschreibt. Das dazugehörende Hörbuch wurde zwei Jahre später von Farin Urlaub, Axel Prahl und Nagel eingelesen. 2010 kam das nächste Buch „Was kostet die Welt“ in die Läden, das auch eine musikalische Umsetzung fand. Außerdem wollen wir nicht vergessen, dass es von ihm auch eine Linoldruckserie namens „Raucher“ gibt, die in den letzten Jahren bei Ausstellungen im ganzen Bundesgebiet gezeigt wurde. Aktuell laufen die Arbeiten am Erstling der vor zwei Jahren gegründeten Band NAGEL und auch an einem dritten Buch feilt der Wahl-Berliner, der diesmal eine Sammlung von Fotos und Stories zum Besten geben möchte. Sozusagen als Test, wie die Geschichten ankommen, befindet er sich aktuell auf einer Lesereise, die ihn erneut auch in die Osnabrücker Lagerhalle geführt hat.
Dieses Mal jedoch nicht in den kleinen Spitzboden, sondern in den großen Saal. Der Gewohnheit folgend, ist der 37-jährige allerdings zunächst einmal unters Dach marschiert, wo sich die dort tagenden Denkmalschützer bereits freuten, einen geradezu jugendlichen Interessenten in ihren Reihen begrüßen zu können. Doch musste der weitgereiste Literat der kleinen Runde einen Korb geben, denn sonst hätte er im Erdgeschoss doch eine ganze Reihe Leute enttäuscht, die sich auf einen kurzweiligen Abend freuten und selbigen schließlich auch bekamen. Nicht nur mit Texten und Bildern bestens ausgestattet, hatte NAGEL extra für die Tour einen Laserpointer angeschafft, um Details auf den Pics besser visualisieren zu können. Nach Auskunft des Herstellers war dieser Zeigestab besonders für Baustelle und Kirche geeignet, weshalb der Hauptprotagonist des Abends entschied, dass seine Lesung wohl irgendwas dazwischen sein müsse. Nach einigen Bemerkungen zur regionalen Presse (eine Meldung handelte beispielsweise davon, dass in einer Kita 100 Würstchen gestohlen worden waren und auch noch die Quarkbällchen auf der Verlustliste standen), ging es an die erste Geschichte, die nach Vancouver führte, wo NAGEL auf wundersame Weise eine digitale Spiegelreflexkamera geschenkt bekam und einen skurrilen Tag mit der Schenkenden verbrachte. Teil des großzügigen Präsentes waren auch die Fotos, die sie selbst geschossen hatte und von denen das Publikum auch einige zu sehen bekam. Sie waren samt und sonders verschwommen, offensichtlich konnte die Dame mit dem Apparat wirklich nicht viel anfangen und war mit der im Tausch erhaltenen Polaroid möglicherweise besser bedient. Die Geschichte, die mit einem Bild aus Bremen unterlegt war („infamous youth“) hatte mit der Hansestadt eigentlich gar nichts zu tun und beschäftigte sich stattdessen mit selbstbeigebrachtem Englisch und der Problem von 1:1-Übersetzungen (Vorfreude = Prejoy?). In Phnom Penh traf NAGEL nicht nur ne Menge wirklich netter Leute, die seltsamerweise häufig Klamotten mit Hakenkreuzen trugen, weil sie die stylish fanden, sondern hatte auch nach dem Verzehr einer ganzen „Happy Pizza“ heftige Drogenerfahrungen zu durchleben.

Nach einer kurzen Pause fanden sich die Anwesenden in Kiew wieder, wo der Chronist Fotos von Fotografierenden gemacht hatte: Eine Kleinfamilie lichtet sich vor Trümmern und Barrikaden am Maidan ab. Ziemlich beklemmend, weshalb das strange Eichhörnchen gerade recht kam. Herr Nagelschmidt (dessen Nachname auch schon alle möglichen Abänderungen erfahren hat) ist ja bekennender Alleinreisender (auch wenn das bisweilen als autistischer Zug ausgelegt wird) und kämpfte sich in dieser Eigenschaft durch den Dubliner Linksverkehr. Beim Anblick des Dosenbiertrinkers, der auf einer Bank neben einer Bronzestatue Platz genommen hatte, wäre dann aber doch ein Beifahrer nicht schlecht gewesen, der mal kurz das Lenkrad hätte übernehmen können, damit ein unfallfreies Foto hätte geschossen werden können, aber es ist ja auch so noch mal gut gegangen. Ein paar Dias weiter befanden wir uns in Algier, wo MUFF POTTER 2007 auf Einladung des Goethe-Institutes unterwegs waren und den einzigen Jam ihrer Bandgeschichte erlebten. Abgestiegen war man übrigens in einem Hotel mit Telefon in der Nasszelle – allerdings ohne Tasten oder Wählscheibe. Beim Auschecken stellte sich in dieser 5-Sterne-Nobelherberge dann die Bedürftigkeit der Kapelle heraus, es wurden nämlich die Taschen gefilzt, da einige Handtücher in den Zimmern fehlten. In Istanbul wollte NAGEL eigentlich für ein deutsches Magazin vom AMY-WINEHOUSE-Konzert berichten, das jedoch gecancelt wurde (einen Monat später was sie tot). Stattdessen ging es zu einem Punkfestival und noch einmal auf Entdeckungstour durch die Stadt am Bosporus, in der auch dem Ruhrpott ein Denkmal gesetzt wurde, wie ein Grafitto verriet. Dass der Baedecker Reiseführer von 1907 eine ganz eigene Interpretation des Begriffes „Moslem“ („Mooslehm“ geschrieben) hat, wusste er ebenfalls optisch zu belegen.

Damit endete dann der Vortrag nach immerhin 110 Minuten ein wenig abrupt. Die eine oder andere kurze Anekdote zum Abschied hätte vielleicht noch kommen dürfen, aber immerhin stand NAGEL im Anschluss auch noch für Autogrammwünsche zur Verfügung. Es war auf jeden Fall mal wieder ein Vergnügen, ihm zuzuhören (nebenbei wurden auch noch Textkorrekturen vorgenommen) und man darf gespannt sein, ob es diese und andere Erlebnisse zukünftig als Buch zu lesen geben wird. Ich würde es mit Sicherheit lesen!

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu NAGEL auf terrorverlag.com