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NAGEL MIT KÖPFEN

Ort: Osnabrück - Rosenhof

Datum: 29.11.2007

NAGEL MIT KÖPFEN??? Dahinter verbargen sich Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt, Sänger und Gitarrist von MUFF POTTER, Thees Uhlmann, Fronter von TOMTE und Hilmar Bender, der vor einiger Zeit als Tourbiograf mit TOMTE unterwegs war. Die drei waren an diesem ungemütlichen Spätnovember-Abend in den Osnabrücker Rosenhof gekommen, um Dias zu zeigen, in die Abgründe des Internets zu tauchen, ein paar Songs zu spielen, zu labern, von unterwegs zu erzählen, vorzulesen und zwischendurch mal am Rotwein und Wodka-Orange zu nippen. Die drei Hohepriester der deutschen Indie-Unterhaltung befinden sich nämlich zzt. auf Lesereise und die zweite Station führte die Herren in das nahezu vollbesetzte ehemalige Kino am Rosenplatz, wo Nagel mit MUFF POTTER erst vor zwei Wochen zu Gast war und auch TOMTE keine Unbekannten mehr sind.

Den letzten Gig im Rosenhof im Oktober 2006 hatte Thees Uhlmann dann auch zum Anlass genommen, sich seit über einem Jahr mal wieder Wachs in die Haare zu schmieren, weil er sich noch gut an die „Du hast die Haare schön“-Gesänge seines fiesen Publikums erinnern konnte, als ihm in Osnabrück die Frisur verrutschte. An diesem Abend waren solche Zwischenfälle jedoch nicht zu erwarten, stattdessen harrte das Publikum gespannt der Dinge, als das Triumvirat um 19.40 Uhr mit Kartons und Penny-Plastiktüten die Bühne betrat, am Tisch Platz nahm, Getränke einschenkte, den Laptop in Position brachte und die Buchseiten glättete. Es folgten mehr als drei Stunden kurzweilige Unterhaltung, welche die Zeit wie im Fluge vergehen ließ. Während im Hintergrund eine Art Dia-Show ablief (den Anfang machte ein SCORPIONS-Foto, dessen Köpfe durch die drei Protagonisten der Veranstaltung ausgetauscht worden waren), gab Thees Weisheiten wie „Arroganz ist nur Dummheit in Geschenkpapier“ zum Besten und stimmte „So soll es sein“ aus dem TOMTE-Repertoire an, bevor Hilmar Bender die erste Geschichte aus dem TOMTE-Tourtagebuch „Die Chance der Schönheit. Tage mit TOMTE auf Tour“ vorlas, das er als Verantwortlicher des Merchandising-Standes geschrieben hat. Ort des Geschehens war Potsdam, inhaltlich war der sehr unterhaltsame Text u.a. von der Angst vor Günther Jauch bestimmt. Wie langweilig der Touralltag sein kann, erläuterte im Anschluss Nagel, der ebenfalls Literarisches besteuerte und aus seinem autobiografischen Roman „Wo die wilden Maden graben“ vortrug. Da wollte natürlich auch Thees nicht zurückstecken und zückte ein Buch mit Kurzgeschichten namens „Driving Home“, die sein Kumpel Jörn Morisse zusammengetragen hat und in dem sich auch der TOMTE-Sänger mit seinem Statement zu Weihnachten verewigt hat. Viele der Anwesenden werden Parallelen zur eigenen familiären Festtagsgestaltung gefunden haben und so wurde im Rosenhof eifrig gelacht und zustimmend genickt. Weiter ging’s mit Nagels Nazi-Zusammenstoß, seiner Fahrt mit der Nordwest-Bahn ins beschauliche Warendorf und den Song „Ich hab ihm ins Gesicht gespiien“, in dem er diese Episode musikalisch verarbeitet hat. Im Rahmen des multimedialen Antritts wurden dann einige lustige Autofilmchen, die Hilmar im Netz gefunden hatte, vor allem zur Freude von Thees gezeigt. Was TOMTE in Bad Gandersheim am Tag der Deutschen Einheit 2003 erlebt haben, wusste Hilmar im Anschluss pointiert zu berichten, während Nagel erschreckende Details über den gehässigen Tonfall auf Tour zu berichten hatte. Da werden offensichtlich Menschen, die man eigentlich gern mag, permanent fertig gemacht, weil es sonst keine Beschäftigung gibt oder man sich einfach zu sehr auf der Pelle hängt. Passend dazu hatte Thees wieder ein Liedchen parat: „Ich sang die ganze Zeit von Dir“ beinhaltet schließlich auch die Textzeile „Weißt Du, was Du mir bedeutest“ – manchmal wird so was ja auch in weniger schöne Worte gekleidet. Inzwischen waren die Zeiger der Uhr auf 20.50 Uhr vorgerückt, Zeit für die mehrfach angekündigte Rauchpause, ein Viertelstündchen später kehrte das Trio zur Freude der Anwesenden bereits wieder auf die Stage zurück und wir erfuhren, welche Aufwertung Berlin durch den Zuzug Nagels erfahren hat. Lt. Thees sind dies satte 100 % (der Liebe wegen wohnt auch er inzwischen in der Hauptstadt), was ihn auch veranlasste, Nagel einen Job zu geben. Der beantwortet jetzt nämlich Thees Mails und hat seinen Web-Blog (www.tomte.de) im Auge. Nach einem Ausflug nach Salzburg und ins Tauchparadies Hemmoor (Thees’ alte Heimat), sang Nagel in „Ich fühle mich so ungewohnt unbewohnt“ über zu hohe Erwartungen an Parties, was ihm ein anerkennendes „Du bist echt der deutsche JOE COCKER“ von Herrn Uhlmann einbrachte. Technische Probleme verzögerten zwar die Darbietung des von MUFF POTTER produzierten Werbetrailers für ein Münsteraner Tattoo-Studio, das schadete der Stimmung aber keinesfalls und letztlich durften wir uns auch davon überzeugen, dass der Laden für seine EUR 20,00 wirklich eine hervorragende Reklame bekommen hat. Wie weit es mit Sex, Drugs & Rock’N’Roll bei TOMTE her ist und was an dem Bandkrieg zwischen TOMTE und den SPORTFREUNDEn STILLER dran ist, war das nächste Thema von Hilmar, bevor der frischgebackene Vater Thees seine Kolumne zum Thema „Frische Väter“ (oder war’s „Frischer Feta“ wg. der angesprochenen Alliteration?) vom Stapel ließ. Wir wissen jetzt auf jeden Fall, dass Kinder zu haben zu 90 % ein Traum und zu 10 % die gottverdammte Hölle ist. Außerdem nerven entgegenkommende Eltern bei der Ausfahrt mit dem Teutonia-Kinderwagen, Bewohner Neu-Köllns mit Migrationshintergrund sind da angenehmere Zeitgenossen. Welche Probleme der Schweizer Zoll machen kann, bewies im Anschluss Nagel zum Amüsement des Auditoriums, dann durfte Thees seine abgrundtiefe Schlechtigkeit vermittels Milchtüten-Dias unter Beweis stellen. Der gemeinsame Vortrag des TOMTE-Songs „Schönheit der Chance“ gestaltete sich etwas schwierig, da Thees Textprobleme hatte, zu guter Letzt klappte aber auch dies und zusätzlich gab’s von ihm noch einen Internet-Tipp: www.traumdeutung.de weiß Bescheid, wenn’s ums Träumen geht! So war es 22.00 Uhr geworden und die drei Herren wollten sich bereits verabschieden, was die Zuschauerschaft natürlich nicht dulden konnte, so dass es noch eine Verlängerung gab. Hier erzählten die Jungs von ihren Erlebnissen mit Journalisten, die im Grunde überhaupt nicht wussten, mit wem sie es zu tun hatten (sehr zur damaligen Erheiterung von Hilmar und Nagel) und ähnlichen Treffen zwischen einem Johanniter-Sanitäter, der Thees für den Sänger der SPORTFREUNDE STILLER hielt und das Ganze noch toppte, indem er ihn zusätzlich noch zum TOMTE-Frontmann machte. Fehlte noch die Hundegeschichte von Hilmar, die mit den Worten „Welt = doof“ endete und Nagels Erinnerungen an ein Konzert irgendwo in der Provinz, die er aber erst offenbarte, als Thees vom Klo zurück war (der viele Rotwein, der auch ruhig billig sein darf…).Wie es ist, wenn Mama huldvoll vom Balkon der Großen Freiheit winkt und auf der coolen Backstage Party selbstgebackene Plätzchen verteilt, erläuterte Thees, ergänzt um seine Erlebnisse mit RICHARD ASHCROFT und COLDPLAY.

Das gemeinsam vermittels akustischer Gitarre vorgetragene „Poison Heart“ der RAMONES beendete dann um 22.50 Uhr den absolut unterhaltsamen Abend. Wer wollte, konnte noch eines der Bücher erwerben und auch signieren lassen. Für diejenigen, die diese Gelegenheit nicht ergriffen haben oder jetzt erst auf den Geschmack gekommen sind, hier noch mal die Titel:

Hilmar Bender: Die Schönheit der Chance. Tage mit TOMTE auf Tour – erschienen im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag
Jörn Morisse und Stefan Rehberger : Driving Home – erschienen bei Suhrkamp
Nagel: Wo die wilden Maden graben – erschienen im Ventil Verlag

Copyright Fotos: Jan-Hendrik Kruse

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