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THE NATIONAL – ST. VINCENT

Ort: Köln - Tanzbrunnen

Datum: 11.06.2014

Um 22.00 Uhr ist Nachtruhe am Tanzbrunnen in Köln. So wollen es die Nachbarn der am Rhein gelegenen Open-Air-Konzertstätte. Vorher darf aber ruhig ein bisschen Krach gemacht werden – insbesondere, wenn der so wohlklingend ist, wie die Mucke der seit 1999 unter dem Namen THE NATIONAL agierenden US-amerikanischen Indie-/Alternative-Institution aus dem Big Apple. Da Matt Berninger und seine Mannen nicht allein in die Domstadt gekommen waren, musste es an diesem schönen Mittwochabend entsprechend früh losgehen, damit die Zeit reichte und auch der Support ST. VINCENT eine angemessene Spielzeit für sich beanspruchen konnte.

Vermutlich waren daher um 18.45 Uhr noch längst nicht alle vor Ort, die sich ein Ticket für die Kölner Show (die letzte von sechsen in Deutschland) gekauft hatten. Annie Clark, die Dame hinter ST. VINCENT, wusste die Anwesenden jedoch allein durch ihre Erscheinung zu fesseln. Am Lidschatten hatte die 31-jährige definitiv nicht gespart und ihre Frisur wirkte ein wenig, als sei sie in die schweren Pfingstgewitter geraten (die übrigens den Bahnverkehr im halben Ruhrgebiet lahm gelegt hatten) und hätte danach auch noch keine Gelegenheit gehabt, das Haupthaar zu richten. Das Outfit war zweifellos ein bisschen speziell, was man problemlos auch auf die Musik und die Bühnenshow übertragen konnte. Zumindest brauchte es beim Opener „Rattlesnake“ einen Moment, bis ich mich mit dem Elektronik-Sound anfreunden konnte. Ansonsten agierte das Fräulein Clark auch nicht allein, sondern hatte sich der Unterstützung einer dreiköpfigen Begleitband versichert. Während die Chefin in die Saiten griff, bearbeitete jeweils ein Herr die Felle bzw. Tasten, während eine zweite Lady sich um einen Moog-Synthesizer kümmerte und zu „Regret“ ebenfalls zur Krachlatte griff. „Digital Witness“ zeigte sich nach dem etwas sperrigen Einstieg deutlich eingängiger und bot einen ersten Ausblick auf die synchronisierten Bewegungsabläufe der beiden Frauen, die gern einstudierten Gesten zeitgleich ausführten. Gegen Ende des 45-minütigen Sets konnte man ähnliches auch bei tanzbaren „Birth In Reverse“ zwischen der Asiatin und ihrem Kollegen an den Keys beobachten. Im Übrigen hatten die Musiker ein rosafarbenes Treppenpodest dabei, auf dem Annie mit ihrer Klampfe Aufstellung nahm, sodass nun wirklich niemand sagen könnte, er habe die Fronterin nicht sehen können. Beim vergleichsweise getragenen „Every Day Disappears“ wirkte sie fast wie ein zerbrechliches Püppchen, wohingegen sie wenig später bei „Marrow“ am Fuße der Treppe eine Art Anfall vortäuschte. Alles in allem ein interessanter Einstieg in den Abend, auch wenn ich mir manchmal mehr Drive gewünscht hätte. Gelegentlich wirkten die Akteure nämlich ein wenig lustlos; mag aber auch sein, dass sie so die unterschwellige – und sicher gewollte – Monotonie der Songs unterstreichen wollten.

Setlist ST. VINCENT
Rattlesnake
Digital Witness
Cruel
Every Tear Disappears
Prince Johnny
Cheerleader
Marrow
Regret
Birth In Reverse

Im Mittelpunk des Interesses stand naturgemäß aber der Hauptact THE NATIONAL, der nach einem kurzen Intro wenige Minuten nach 20.00 Uhr loslegte. „Start A War“ vom 2007er Longplayer „Boxer“ fungierte als nette Lockerungsübung, die bereits großen Anklang fand, während Mr. Berninger kaum auf der Stage stand und schon merkte, dass ihm zu warm war und das Jackett ins Eck flog. Der Fünfer hatte sich ebenfalls personell verstärkt, denn eine Bläsersektion bestehend aus Posaune und Trompete ergänzte den Sound aus Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug, für den die Brüder Aaron und Bryce Dessner sowie Brian und Scott Devendorff verantwortlich zeichneten. Mit „Don’t Swallow The Cap“ vom aktuellen Silberling „Trouble Will Find Me“ (#11 der deutschen Charts) gaben die Herrschaften gleich mal ordentlich Gas und mit seinem sonoren Bariton sorgte Matt nicht nur bei „I Should Live In Salt“ für hymnische Momente. Das druckvolle „Anyone’s Ghost“ (vom Top-Ten-Album „High Violet“ aus 2010) sorgte für Begeisterungsstürme und mit „Bloodbuzz Ohio“ ging es sogleich mit dem nächsten Hit dieses Longplayers in die Vollen. Flott schloss sich „Sea of Love“ an, ehe mit dem leisen „Hard To Find“ die Zeit für große Gefühle gekommen war. Das atmosphärische „Afraid of Everyone“ gewann besonders durch den Einsatz der Bläser und zeigte Berninger ganz in seinem Element, bevor „Squalor Victoria“ erstmals das Klavier zum Einsatz und den Sänger zum Kreischen brachte. Dazu klatschte das Publikum ausdauern und ich hätte es begrüßt, wenn die Geräuschkulisse beim eindringlichen „I Need My Girl“ oder auch dm verhaltenen „Green Gloves“ an meinem Standort nicht ganz so heftig gewesen wäre. Insbesondere bei den etwas ruhigeren Nummern stört es schon gewaltig, wenn irgendwelche Leute meinen, ihren Tratsch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ausführlich besprechen zu müssen. Besuche ich dafür zu einem Konzert? Stelle mich in eine der vorderen Reihen? „This Is The Last Time“ ging derweil erneut ins Bein und auch „Abel“ („Alligator“ – 2005) ließ es wieder amtlich und in bester THE-NATIONAL-Manier krachen. Die Mischung machte es einfach, deshalb passte auch das getragene „Apartment Story“ gut ins Bild, bevor das spannungsgeladene „Humiliation“ zum großen Schrammel- und Schrei-Finale anhob. Beim Schmachter „Pink Rabbits“ waren übrigens nicht rosafarbene Karnickel das Thema, sondern ein Getränk, das aus Milch, Erdbeersirup und Tequila besteht. Matt gefiel es, so zu tun, als habe er davon schon zu viel gehabt, ruderte jedoch sofort zurück und betonte, er sei mitnichten betrunken – und griff zur Weinflasche, ehe es mit „England“ und „Graceland“ gekonnt weiterging. „Fake Empire“ markierte mit fettem Gebläse das Ende des regulären Sets, dem sich noch ein Zugabenblock anschloss, schließlich musste ja erst um 22.00 Uhr Zapfenstreich sein.

Für die Rückkehr auf die Bühne bedurfte es allerdings ausführlicher Akklamationen, bevor der PERFUME-GENIUS-Track „Learing“ zum Besten gegeben werden konnte. Bei „Mr. November“ hielt es den Frontmann nicht mehr auf der Stage und schwupps fand er sich mitten im Auditorium wieder. Im Schlepptau das Mikrofonkabel, dass immer länger und länger wurde, weil Matt eine wirklich lange Tour durchs Publikum machte, das ob dieses Umstandes geradezu aus dem Häuschen war. Dabei waren ja nun eigentlich wirklich keine Teenies vor Ort… Für „Terrible Love“ hatte schließlich nicht nur der Vokalist an seinen Arbeitsplatz zurückgefunden, auch die ST-VINCENT-Truppe trudelte wieder ein, um an ihrem letzten gemeinsamen Abend auch noch einmal zusammen zu singen. Es ging einmal mehr richtig steil und zur Belohnung spendierten die Kölner nicht enden wollenden Beifall. Für das emotionale Finale setzten THE NATIONAL auf Akustik und performten „Vanderlyle Crybaby Geeks“ ohne großes Tamtam. Noch ein letztes Abklatschen mit den Fans, dann war’s das auch schon um 21.50 Uhr und nach einer kurzen Abschiedszeremonie verschwanden die New Yorker im Off. Am Tanzbrunnen hinterließen sie ganz offensichtlich eine begeisterte Zuschauerschaft, die bei bestem Open-Air-Wetter einen perfekten Konzertabend genossen hatte.

Setlist THE NATIONAL
Start A War
Don’t Swallow The Cap
I Should Live In Salt
Anyone’s Ghost
Bloodbuzz Ohio
Sea of Love
Hard To Find
Afraid of Everyone
Squalor Victoria
I Need My Girl
This Is The Last Time
Green Gloves
Abel
Apartment Story
Humiliation
Pink Rabbits
England
Graceland
Fake Empire

Learning (PERFUME-GENIUS-Cover)
Mr. November
Terrible Love
Vanderlyle Crybaby Geeks

Copyright Fotos: Daniela Vorndran

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