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NDR 2 PAPENBURG FESTIVAL 2014

Ort: Papenburg - Meyer Werft Gelände

Datum: 06.09.2014

Nach so vielen Jahren im (Online) Musik Journalismus kann einen ja nicht mehr allzu viel in Ekstase bringen, doch die heutige Veranstaltung versprach Besonderes. Das vom NDR 2 präsentierte Papenburg Festival fand 2014 in der 7. Auflage statt, und auch wenn das Line Up nicht unbedingt außergewöhnliche Acts aufbot, so waren doch Location und Setting einzigartig zu nennen. Der Konzertgrund ist nämlich normalerweise ein Parkplatz der Meyer Werft, die als Hauptarbeitgeber der Region bekanntermaßen die ganz großen Kreuzfahrtschiffe herstellt. Die Fertigstellung eines solchen Gefährts war dementsprechend auch der Anlass der musikalischen Spätauslese an diesem September Samstag, der sich wettertechnisch von der allerbesten Seite zeigte. Noch während der gut 2-stündigen Fahrt zwischen den „Ballungsräumen“ Ostwestfalen und Emsland zogen dunkle Wolken auf, die Gefahr bestand, dass das Konzertereignis mehr oder weniger ins Wasser fallen könnte, doch letztendlich löste sich alles in Wohlgefallen auf und es blieb den ganzen Tag über trocken und bestens temperiert. Auch verkehrstechnisch hielten sich die Probleme im Rahmen dessen, was eine Veranstaltung mit 25.000 Besuchern eben so mit sich bringt. Zumal auch die Sperrung des Emstunnels und das zeitgleiche Hafenfest die Lage noch etwas erschwerten. Zumindest wir standen nur ein paar Minuten im Stau, bis wir auf einen örtlichen Acker geleitet wurden, bei dem sicherlich bei entsprechender Feuchtigkeit die Gefahr bestanden hätte, ihn nicht mehr aus eigener Kraft zu verlassen. Aber nun auf ins Gefecht. Wir strömten mit den Massen Richtung Meyer Werft und schon von weitem war die „Quantum of the Seas“ zu sehen, der neueste Luxusliner für die sieben Weltmeere. Dagegen machte sich die Bühne davor direkt klein aus, auf welcher bereits der „Special Guest“ musizierte, der auf den Namen WINGENFELDER hörte. Hinter diesem etwas unspektakulären Namen verbergen sich die Gebrüder Kai und Thorsten, die man landläufig eher als Fronter/ Songwriter der verblichenen FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE kennt. Dementsprechend befanden sich in der Setlist neben „eigenem“, deutschsprachigem Material auch ein paar Gassenhauer der FURY-Ära. Optisch bekamen wir nichts mehr von dem Auftritt der Herren plus Band mit, aber der Klassiker „Won’t forget these days“ (allen Anhängern von Hannover 96 sicherlich bestens bekannt) begleitete uns auf den letzten Metern Richtung Konzertort, was bereits eine leichte Gänsehaut auslöste. Das Groß-Ereignis konnte beginnen…

Und das Adjektiv „groß“ war durchaus wörtlich zu nennen, denn bereits um diese relativ frühe Zeit (16 Uhr) war es brechend voll auf dem riesigen Platz, an dessen Ende man ein Riesenrad und wie üblich haufenweise Ess- und Getränkestände aufgeboten hatte. Fast schien es, als sei heute das ganze Emsland auf den Beinen. vorzugsweise Generationen-übergreifend mit der ganzen Familie. Immerhin war das Event bereits seit 7 Monaten ausverkauft, die Macher hatten mit ihrem Konzept anscheinend alles richtig gemacht. Der Eintrittspreis von nur 25 Euro ist auch wahrlich spottbillig zu nennen, jeder einzelne der 4 Haupt Acts alleine liegt bei Konzerten deutlich darüber. Möglich ist dies nur durch die Unterstützung von Sponsoren der Meyer Werft, welche im Gegenzug eine umfangreiche mediale Berichterstattung erhält. „Quid pro Quo“ – wie der alte Lateiner zu sagen pflegt. Dass viele Besucher sich auch nicht zwingend als Fans einer bestimmten Band outeten, sondern eher entspannt der Gesamt-Atmosphäre huldigten – geschenkt. Dementsprechend sympathisch und normal auch die Anwesenden, die lediglich vereinzelt ein wenig zu sehr dem Alkohol zusprachen. Größere Zwischenfälle oder Verletzungen waren jedenfalls den gesamten Tag über nicht zu vernehmen, wie Vertreter von Feuerwehr, Polizei und entsprechenden Hilfskräften später zu Protokoll gaben. Nachdem wir uns Richtung Bühne und Fotograben gekämpft hatten, ging es auch schon wenig später mit der 2ten Band des Tages weiter…

REVOLVERHELD haben mittlerweile auch schon mehr als 10 Jahre Bandgeschichte hinter sich, und nachdem man zunächst zumindest von Kritikerseite eher belächelt worden war, hat man mittlerweile sogar eine Art Frieden mit der Indie-Journaille geschlossen. Mit den 4 Alben hat man sich auch durchaus von leicht verdaulichem Pop Rock hin zu etwas mehr Anspruch entwickelt, ohne die Massentauglichkeit außer Acht zu lassen. Und die Live-Künste der Band um den mittlerweile auch solo aktiven Johannes Strate sind eh eine Bank. Vor einem nett anzusehenden Backdrop passend zur aktuellen Scheibe „Immer in Bewegung“ (wie alle Vorgänger in den deutschen Top Ten platziert) legte der Kern der Band verstärkt um 2 Live Musiker gleich mit dem entsprechenden Titeltrack los. Wie fast alle jungen Burschen heutzutage hat sich auch Herr Strate etwas Bartwuchs zugelegt, passend zur gesteigerten Reife der Band, die musikalisch nichts anbrennen ließ und bereits zu dieser recht frühen Stunde ein enormes Publikumsinteresse auf sich ziehen konnte. Dementsprechend enthusiastisch wurde formuliert: „Ich werd‘ die Welt verändern“ und zu „Hinter der Elbe New York“ gab es auch ein wenig Gesellschaftskritik hinsichtlich der Modernisierungsmaßnahmen in der Hansestadt. Als Schmankerl hatte man zu „Halt dich an mir fest“ noch einen besonderen Gast auf der Bühne: Carlotta Truman, 14-jährige Finalistin von „The Voice Kids“ der Jahre 2009 und 2014, die natürlich in der Sendung von Johannes gecoached worden war. Ein schöner, emotionaler Moment. Nach weiteren Songs wie „Spinner“, „Das kann uns keiner nehmen“ oder „Ich werde nie erwachsen“ kündigte man mit dem allseits bekannten „Freunde bleiben“ als Quasi-Zugabe bereits das Ende der Show an, die man nur als rundum gelungen bezeichnen kann. Demnächst dann bei Raabs diesjährigem Bundesvision Song Contest in Aktion…

Mittlerweile hatte sich der Platz bereits vollständig gefüllt, und auch auf dem Deich zur Seite hatten sich unzählige Menschen eingefunden, die das wahrlich beeindruckende Zusammenspiel von Bühne, Publikum und Kreuzfahrtschiff genossen. Nach einer kleinen Stärkung unsererseits war dann auch bereits der nächste Act an der Reihe. Die Umbaupausen waren allgemein sehr kurz gehalten, zudem gab es launig gemeinte Anmoderationen von regional bekannten NDR 2-Moderatoren. Als nächstes war mein persönlicher „Liebling“ BOSSE (plus Band) an der Reihe, den wir erst kürzlich in Gütersloh in weitaus intimerem Rahmen erleben durften. Der sympathische Herr aus Hemkenrode besticht live durch eine unglaubliche Authentizität ebenso wie durch Spielfreude und sehr launige „Labereien“ zwischendurch, die ihn als „Künstler zum Anfassen“ ausweisen – eine Phrase, die hier wirklich mal greift. Neben ihm auf der Bühne wieder seine altbekannten Mitmusiker, u.a. Theofilos Fotiadis (Bass), Thorsten Sala (Gitarre) und die bezaubernde Background-Sängerin Valentine Romanski. Der nun folgende Gig führte zu folgenden Erkenntnissen: BOSSE versteht sein Handwerk auch auf einer solchen Riesen-Veranstaltung, ist aber dennoch besser vor „seinen“ Fans in verrauchten Clubs aufgehoben. Der Sound fiel auf dem Gelände doch teils sehr unterschiedlich aus, war es mittig vorne noch laut und druckvoll, klang es rechts doch eher leise, und man konnte die Ansagen nur mit gesteigerter Aufmerksamkeit vernehmen. Zudem wurde deutlich, dass es sich bei den allermeisten Anwesenden eher um Radiohörer handelte, welche Singles wie beispielsweise „Schönste Zeit“ abfeierten, wunderschöne Stücke à la „Istanbul“ oder das abschließende „Tanz mit mir“ aber weniger kannten. Zudem war der gute Axel wohl der einzige Künstler des Abends, der keine Heerscharen weiblicher Groupies hinter sich herzieht. Nichtsdestotrotz eine wunderbare Performance mit Reggae-Elementen, Mitsingspielen, lustigen Anekdoten (u.a. von Begegnungen mit Schafen beim morgendlichen Jogging) und natürlich tollem Liedgut. Hier seien u.a. das melancholische Highlight „3 Millionen“, „Du federst“, „Frankfurt Oder“ oder auch das mit einem tollen Refrain ausgestattete „Alter Strand“ genannt. Ein magischer Moment gelang Herrn BOSSE, als er sich „todesmutig“ ins Publikum begab, um dort einem Mädel namens Greta seine Aufwartung zu machen, die zu Tränen gerührt mit ihm gemeinsam singen durfte und natürlich auf den beiden riesigen Bildschirmen an den Bühnen zu bewundern war. Diesen Moment wird die Dame wohl niemals vergessen… Aber auch das Gros der übrigen Besucher dürften Rampensau Axel und seine perfekt eingespielte Begleitcombo mit ihrem Mix aus Indie, Pop und ansatzweise Rock überzeugt haben. Demnächst dann wieder in der lokalen Kaschemme ihres Vertrauens, wo der Schweiß von der Decke tropft…

Der vorletzte Act des Tages (und vielleicht der heimliche Headliner) war bereits an dem gesteigerten Aufkommen von Cowboy-Hüten in den vordersten Reihen zu erkennen. Die „German Cowboys“ von THE BOSSHOSS waren mit ihrer Posse in die Stadt geritten und sollten für ordentlich Alarm in Papenburg sorgen. Die Bühne war nun ordentlich gefüllt, kein Wunder bei der recht großzügigen Besetzung der Band, die mittlerweile auch schon seit 2004 miteinander musiziert und live noch die TIJUANA WONDERBRASS- aka HIGH VOLTAGE HORNS-Bläser Sektion am Start hatte. War man ursprünglich überwiegend als (sehr erfolgreiche) Cover-Combo am Start, hat man sich diesbezüglich längst in Richtung Eigenkompositionen entwickelt und mit den Alben chart-technisch immer größere Erfolge eingefahren. Das aktuelle „Flames of Fame“-Werk konnte beispielsweise die Vize-Meisterschaft in den Top Ten erringen. Einen gewissen Anteil daran dürfte auch die Sendung „Voice of Germany“ haben, wo sich die beiden Vorturner Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss Power“ Vollmer als Juroren verdingen durften und einen sehr locker-sympathischen Eindruck hinterließen. Live machten sie bei einsetzender Dämmerung an diesem Abend ihrem Ruf alle Ehre und zogen eine Show vom Leder, die man einfach nur als „mitreißend“ bezeichnen muss, selbst wenn man mit ihrem Countryeseken Pop Rock nicht allzu viel anfangen kann. Insbesondere die Ladies gingen ordentlich steil und eine ganze Horde weiblichen Geschlechts durfte dann gegen Ende auch auf die Bühne, um als „BossHosstessen“ mit der Band abzufeiern, nicht unsexy das Ganze. Derweil schossen die Hauptstädter Country-Hymnen wie „I keep on dancing“, „Don’t gimme that“ oder „Bullpower“ aus den stark tätowierten Ärmeln, posten wie die Weltmeister, spielten auch mal im Liegen und setzten exotische Instrumente wie das Theremin ein. Von Boss Burns perfekt bedient, der sich ansonsten immer wieder auf dem Steg in Szene setzte, was in Kombination mit dem Luxusliner dahinter äußerst bildstark aussah. Natürlich ließ er sich auch eine Runde Crowdsurfing nicht nehmen (zu „Backdoor Man“), nach der er „völlig verwundert“ feststellte, dass vorne ja nur Frauen anwesend wären. Ein Glück aber auch… Mit dem ausgiebig zelebrierten und sehr groovigen CAMEO-Cover „Word Up“ verabschiedete man sich schließlich von der restlos begeisterten Masse und hatte damit gleichzeitig auch sein vorletztes Sommer-Konzert gegeben. Ein absolut überzeugender Ausritt der wilden Country-Jungs, die ihren Ruf als Rampensäue abermals bestätigten. Zu erleben übrigens auch zeitgleich live im TV auf 1 Plus, die immerhin 4 Stunden von dem Festival berichteten und möglicherweise Alec, Sascha und Co. zusätzlich motiviert haben. Fett.

Fehlte nur noch der Headliner der Veranstaltung und gleichermaßen die einzige internationale Band des Tages, wobei SUNRISE AVENUE ja mittlerweile von den Deutschen „adoptiert“ worden sind, nicht zuletzt durch Samu Habers launige Voice Of Germany-Auftritte. Dort war er ja Kollege der beiden BossHosse, so dass es natürlich backstage ein paar nette Witzeleien gab. Ansonsten war auch für die „finnischen Finnen“ (O-Ton Samu) dieser Gig das Ende der sommerlichen Konzertreise, wobei im Internet eine Aussage des Fronters zu finden ist, nachdem er die gemeinsamen Aktivitäten mit der Band für eine Weile auf Eis legen wolle, da es sich bei der Quelle um eine Klatsch- und Tratsch Website handelt, ist das wohl mit Vorsicht zu genießen. Dennoch war nicht zu übersehen, dass die Nordländer ein wenig müde wirkten, ohne es an Motivation missen zu lassen. Vielleicht war das nach der vorherigen, hochenergetischen Performance auch nur ein subjektiver Eindruck. Jedenfalls gab es jetzt „nur“ Musik auf die Ohren, unterstützt von einem riesigen LED-Backdrop, auf dem es allerlei nette Animationen und Bilder zu sehen gab. Denn wie Herr Haber richtig anmerkte: „I don’t dance“ – hier gab es nur perfekten Pop Rock zu hören, mal treibend mal schmachtend und ohne besonders große Ecken und Kanten. Den (vor allem) weiblichen Fans war es egal, die in den vordersten Reihen schon fast hysterisch agierten. Und während sich der 5er von „Angels on a Rampage“ über „Forever Yours“ (analog des Sängers Tattoo) bis hin zu „Welcome to My Life“ spielte, machten wir uns auf in Richtung Auto, noch einmal die tolle Atmosphäre aufnehmend, die gerade auch durch die vielen Lichter in der Dunkelheit noch einmal verstärkt wurde. Zurück ging es vorbei an riesigen Besucherströmen und über die hell erleuchtete Brücke in Richtung Parkplätze, immer noch finnischen Schmuse Rock in den Ohren, der langsam verblasste…

Setlist SUNRISE AVENUE
Unholy Ground
I Can Break Your Heart
Lifesaver
Afraid of the Midnight
Little Bit Love
I Don’t Dance
Angels on a Rampage
Forever Yours
Choose to Be Me
Girl Like You
If I Fall
Letters in the Sand
Out of Tune
Welcome to My Life

Hurtsville
Fairytale Gone Bad
Hollywood Hills

Nach 7 Stunden auf dem Gelände waren wir nun langsam an der körperlichen Belastungsgrenze angekommen, schließlich sind wir nicht mehr die Jüngsten und die Rückreise stand ja auch noch an. Aber die Eindrücke des Tages sollten noch lange nachhallen, ein gut aufeinander abgestimmtes Mainstream Line Up (absolut positiv gemeint), eine absolut einmalige Kulisse, bestes Wetter und eine friedliche Kulisse boten beste Samstags-Unterhaltung. Ich hoffe, dass die Fertigstellung des nächsten Kreuzfahrers nicht allzu lange dauert und schon bald wieder Event Feeling im Emsland aufkommen wird. Für die Region hat die Veranstaltung bereits Kult- und Pflichtcharakter. Kurz erwähnt seien nur 2 kleinere Kritikpunkte: So sollte man die Parkplätze auf den Weiden durchaus etwas ausleuchten, die Rückfahrt könnte man damit mit Sicherheit erleichtern. Auch die Anordnung der Dixies überwiegend im hinteren Bereich des Geländes könnte man noch mal überdenken, da es im Laufe des Tages kaum noch ein Durchkommen dorthin gab, was insbesondere den Ladies zu schaffen machte. Hier darf man gerne auch weiter vorne (vielleicht oben am Deich) noch einige dieser mobilen Geräte aufstellen. Aber in Anbetracht der restlichen Orga sind dies natürlich nur Peanuts, so dass wir am Ende nur konstatieren können: Danke Papenburg für einen besonderen Tag!

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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