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NENA – HEY MIRACLE

Ort: Halle/ Westf. – Gerry Weber Stadion

Datum: 29.08.2015

Gabriele Susanne Kerner alias NENA ist ein Phänomen. Optisch, weil die so-called „Rock-Oma“ mit ihren 55 Lenzen überaus jung geblieben ist, aber natürlich vor allem auch musikalisch, da sie sich in ihrer weit mehr als 30 jährigen Karriere immer wieder neu erfunden hat. Im Gegensatz zu anderen Heroen der NDW, die heuer durch Reality Shows tingeln müssen, füllt sie immer noch große Arenen, wenngleich an diesem wohl temperierten Samstag zumindest der Innenraum des Gerry Weber Stadions vergleichsweise luftig wirkte. Dennoch wollten ca. 4500 Zuschauer aller Altersklassen das Spektakel erleben, doch bevor es dazu kam, sollte noch ein „Wunder“ auf der Bühne stehen.

Und das kam so: Das ortsansässige Westfalen-Blatt hatte einen Contest für lokale Musiker ausgerufen, der Sieger sollte für die Grand Dame NENA eröffnen, dementsprechend groß war der Andrang. Sieger waren letztlich die Detmolder „Wunderkinder“ HEY MIRACLE, die höchstselbst von der gebürtigen Hagenerin ausgesucht worden waren. Pünktlich um 19 Uhr enterten die Ostwestfalen die Stage, ihre verständliche Aufgeregtheit kaum verbergend. Neben den beiden Mädels Liza Paulsen (Gesang)/ Vivi Schmidt (Bass) kamen auch noch Drummer Lukas Schmidt, Gitarrist Alex Nolte und ein Gastsaitenzupfer zum Zuge. 5 Songs lang bot sich nun die Möglichkeit, vor großen Publikum aufzutreten, ein paar eigene Fans hatte man augenscheinlich auch mitgebracht. Und der Alternative Rock der Combo ist auch durchaus hörbar, zumindest in konservierter Form, denn live hatte man doch mit großen Soundproblemen zu kämpfen. So war Lizas Stimme zunächst kaum wahrzunehmen, auch später ging alles in einem riesigen Soundbrei unter, was der sympathischen Ausstrahlung des blutjungen Quintetts keinen Abbruch tat. So sollte man sich durchaus mal Songs wie „Step By Step“ oder „Alive“ von der gleichnamigen EP zu Gehör führen. Wer weiß, wo man den tatendurstigen Lippern in Zukunft noch begegnen wird…

Setlist HEY MIRACLE
Waves
Step By Step
Love, Fake, Fun
We lose it
Alive

Nun war es an der Zeit für den Hauptact des Abends, der seine Anhänger (insbesondere eine besonders euphorische Damenriege an vorderster Front) aber noch ein wenig warten ließ. Nachdem bereits das Intro eingespielt worden war, wurde noch mal ein paar Minuten verzögert, bevor es gegen 20 15 Uhr dann endlich losgehen konnte. Und man wurde sofort eingefangen von der Energie der Mit-50erin, die unaufhörlich auf der Bühne herumwirbelte und dabei erstaunlich unprätentiös wirkte. Authentisch nennt man das wohl, wenn nichts einstudiert wirkt, die Spielfreude mindestens genauso wichtig wie die musikalische Perfektion ist und die Ansagen einfach so aus dem Augenblick heraus entstehen. Für die Fotographen ist ein tanzender Derwisch natürlich weniger angenehm, doch hier handelt es ja nur um eine “Randgruppe”. Neben der sportlich-schlanken Dame agierten noch bis zu 8 weitere Musiker, darunter 2 Keyboarder, und auch die nächste Generation NENA kam zum Zuge: Tochter Larissa und der langhaarige Sohn Sakias unterstützten die Mama gekonnt als Background-Sänger. Es folgte ein wilder Ritt durch die langjährige Diskographie der Deutschen, natürlich wurden einige ihre alten Klassiker gespielt, aber auch 6 Tracks vom aktuellen Werk und Namensgeber der Tour “Oldschool” kamen zum Zuge. Zwar erhielten Songs wie “Nur geträumt” oder “Leuchtturm” erwartungsgemäß mehr “Response”, aber auch das 2015er Material wurde von Vielen ordentlich abgefeiert. Dabei gab es bei Erscheinen durchaus Diskussionen über die von SAMY DELUXE produzierte Scheibe, die teils einen recht eigenwilligen Klang aus trendigem Electro Chic und 80er Retro kredenzt. Platz 4 in den Charts und überwiegend wohlwollende Kritiken sprechen für diesen Wagemut, den man so manchem alteingesessenen Künstler wünschen würde. Mit “Fragezeichen” wurde es an diesem Abend zum ersten Mal beschaulicher, dementsprechend machte es sich Frau Kerner auch mit Klampfe auf einem Hocker am Bühnenrand gemütlich. Dies sei ”eines ihrer Lieblingslieder”, ließ sie verlauten, korrigierte sich aber schnell: “Eigentlich sind ja alles meine Lieblingslieder”. “In meinem Leben” und das emotionale “Liebe ist” rundeten diesen etwas ruhigeren Block ab, bevor es wieder in die Vollen ging. Das angenehm selbstironische “Berufsjugendlich” wie auch das “uralte”/ etwas weniger bekannte “Zaubertrick” zauberten dann wieder fast rotzrockige Töne in das beschauliche Halle. Man fühlte sich, auch angesichts der Outfits der Gitarreros, fast in selige 80er Hair Rock-Zeiten zurückversetzt.

Und das ist auch das Erstaunliche an diesem Abend: NENAs musikalisches Spektrum ist überaus vielschichtig, wirkt dabei aber immer homogen. Von klassischem Pop-NDW, über punkig angehauchten Rock, Electro Beats, bis hin zu fast schlagerartigen Balladen (das in meinen Ohren eher gruselige “Wunder geschehen”) ist alles dabei… und es passt zusammen. Als besonderes Highlight durfte ihr Sprössling einen eigenen Song namens “Wegbereiter” intonieren, der durchaus Lust auf mehr machte. Erstaunlichweise klingt seine Stimme stark nach XAVIER NAIDOO, der noch vor genau einer Woche in dieser Location seine Visitenkarte abgegeben hatte. Zum Abschluss des Hauptteils musste natürlich das obligatorische “99 Luftballons” performed werden, das mittlerweile totgenudelt ist, aber durch ausufernde Jam Parts so frisch wie möglich rüberkam. 2-3 große Bälle (Mit dem Aufdruck “Love”) wurden passenderweise dem Publikum zum Spielen gegeben. Ansonsten waren Bühnenaufbau und Effekte erstaunlich schlicht. Nur ein simples Backdrop, hier sollte es um Live Musik gehen. Rau, ungeschliffen und… ja das Wort hatten wir schon… authentisch. Danach war für kurze Zeit Schluss. Doch es dauerte nicht lange, und man füllte die Zeit bis 22 Uhr mit 2 weiteren Songs, das unkaputtbare „Irgendwie…“ wurde noch mal aus allen Kehlen mitgesungen, und die Tribüne hielt es längst nicht mehr auf den Sitzen. Wie häufiger sorgte das emotionale „Zusammen“ für den endgültigen Kehraus, nicht ohne dass sich NENA noch einmal für das intensive Erlebnis mit den Zuschauern verabschiedete. Ein stimmungsvoller Abend, nicht überragend, aber sehr unterhaltsam, und vor allem kein trauriger Abgesang einer in die Jahre gekommen Sängerin, die nur von ihren alten Hits lebt. So darf es ruhig noch eine Weile weitergehen…

Setlist NENA
Haus der drei Sonnen
Nur geträumt
Kreis
Betonblock
Willst Du
Fragezeichen
In meinem Leben
Liebe ist
Peter Pan
Wegbereiter
Leuchtturm
Berufsjugendlich
Zaubertrick
Oldschool, Baby
Genau jetzt
Wunder geschehen
99 Luftballons

Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann
Zusammen

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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