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NEUE VAHR SÜD (SCHAUSPIEL)

Ort: Hamburg – Altonaer Theater

Datum: 19.04.2011

Dieser Tage wird der Zivildienst 50 Jahre alt, die Bundeswehr ist eine Freiwilligenarmee und der Atomausstieg wird nicht nur in linken Kreisen heftig diskutiert. Doch wie war das alles 1980? Darauf gibt SVEN REGENERs Roman „Neue Vahr Süd“ eine ebenso hintergründige wie amüsante Antwort und die Bühnenadaption ist noch bis Ende April im Altonaer Theater zu sehen, wo auch der Regner-Erfolgsroman „Herr Lehmann“ bereits begeistert gefeiert wurde. „Neue Vahr Süd“ ist zwar nach diesem Buch erschienen, erzählt jedoch die Geschichte von Frank Lehmann, als dieser noch in Bremen, genauer gesagt in einem der Hochhaussilos in der Neuen Vahr Süd lebte bzw. in einer reichlich chaotischen WG im Ostertor, Bremens Studentenviertel. Lehmann ist Anfang 20, hat eine Lehre zum Speditionskaufmann hinter sich und leider irgendwie versäumt zu verweigern, dabei ist doch nach Meinung seines prolligen Kumpels Harry eher der „Hippie-Typ“.

Was passiert, wenn sich jemand, der wie Frank Lehmann gern mal Sachen hinterfragt, dem Bundeswehr-Drill unterziehen muss, während er am Wochenende mit den unterschiedlichsten linken Revoluzzern in einer Wohngemeinschaft ohne Strom, Wasser und Toilette (Stichwort: Katzenstreu) politisch und didaktisch korrekte Diskussionen über sich ergehen lassen muss, wobei natürlich auch die Liebe für Irrungen und Wirrungen sorgt, brachte das Ensemble unter der Leitung von Georg Münzel, der auch gemeinsam mit Anja del Caro für die Bühnenfassung von „Neue Vahr Süd“ verantwortlich zeichnete, äußerst kurzweilig auf die Bühne. Allen voran begeisterte Sven Fricke in der Rolle des Frank Lehmann, der manches Mal an sich und der Welt zweifelte und es zudem gar nicht schätzt, wenn man in der dritten Person über Anwesende spricht. Für absurde Komik sorgten in gleicher Weise die Bundeswehr-Szenen als auch die auf Weltveränderung ausgelegten Aktionen, Meetings und Vollversammlungen der sozialistisch-kommunistisch-marxistisch-leninischen Aktivisten, bei denen sich schon die Begrüßung der zahlreichen Splittergruppen gewaltig in die Länge ziehen konnte. Dazwischen tauchte immer wieder der bierselige Harry (Applaus für Johannes Flachmeyer) auf. Ein Relikt aus der Neuen Vahr Süd, der so gar nicht in die gelehrige Studentenwelt passte, aber manchmal entwaffnend klar sah: „An Eurer Wohnung müsst ihr aber noch was machen, hier sieht’s ja auch wie bei Luis Trenker im Rucksack!“.

Gespickt mit musikalischen Einsprengels der späten Siebziger/jungen Achtziger hielt die Inszenierung über die gesamte Aufführungsdauer von gut zwei Stunden (die Pause nicht mitgerechnet) die Spannung und komprimierte auf diese Weise hervorragend die 630 Seite starke Vorlage aus der Feder von SVEN REGENER (Mastermind, Sänger, Gitarrist und Trompeter bei der wunderbaren Kapelle ELEMENT OF CRIME). Wie den gebürtigen Bremer Regener, der einen Teil seiner Jugend ebenfalls in der Neuen Vahr verbracht hat, verschlägt es seinen Hauptprotagonisten am Ende nach Berlin, wo die Geschichte von „Herrn Lehmann“ seinen bekannten Lauf nimmt. Übrigens war SVEN REGENER als Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) selbst beim Bund, um dort politisch zu arbeiten, was aber nach eigenem Bekunden keine so gute Idee war. Wie seine Romanfigur hat auch er das Gelöbnis verweigert, wurde aber als Fackelträger zu einer solchen Veranstaltung eingeteilt.

Karten für die verbleibenden Vorstellungen gibt es unter www.altonaer-theater.de.

Copyright Fotos: Joachim Hiltmann

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