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NEUWERK FESTIVAL 2007

Ort: Düsseldorf - Stahlwerk

Datum: 28.12.2007

Kurz nach den oft gar nicht so harmonischen Weihnachtsfeiertagen bekam die schwarze Elektronik Szene in Düsseldorf die Gelegenheit, die vor lauter Völlerei möglicherweise eingerosteten Körper wieder in Schwung zu bringen. Das Neuwerk Festival stand auf dem Speiseplan, ein noch junges Pflänzchen in der bundesdeutschen Veranstaltungslandschaft. Hinter dem Begriff steckt eine Booking und Management Agentur, die mittlerweile eine ganze Reihe an interessanten Acts im Aufgebot hat, von denen immerhin gleich 7 den Fans an diesem Abend einheizen wollten. Was bei den Temperaturen draußen sicherlich nicht das schlechteste Vorhaben war. Schon gegen 18 45 Uhr sollte es in der Landeshauptstadt losgehen, die sonst bei derartigen Konzerten eher hinten ansteht, von daher waren wir neugierig, wie das Zuschaueraufkommen denn wohl ausfallen würde. Anscheinend lechzten die Anhänger dunkelharter Beats so kurz vor Jahresende noch einmal nach Live Beschallung, der mittelgroße Saal war rappelvoll, so dass selbst der Opener schon vor einer respektablen Menge musizieren konnte.

PATENBRIGADE: WOLFF

Und denselbigen gaben die Hauptstädter von der PATENBRIGADE: WOLFF, die als erstes ihrem Namen alle Ehre machten und die Bühne sachgemäß mit Klebeband absicherten. Dahinter nahmen Sven Wolff (DUST OF BASEMENT) und Lance Murdock (ein Pseudonym aus dem Simpsons-Universum) ihre Plätze hinter den Keyboard(-Attrappen) ein, während ein Gehilfe, möglicherweise der obligatorische Azubi sich dem Bierkonsum widmete. Die Herren fabrizieren ihrem eigenen Selbstverständnis nach „Electro Ambient für Turm-Kranführer“, dieser fällt zumeist rhythmisch und instrumental aus, gespickt nur mit einigen Samples. Daran gut zu erkennen der Titel „Ostberliner Bauarbeiter“, der bereits 2004 auf einer gleichnamigen MCD zu finden war. Das Ganze wurde von leider nicht so gut erkennbaren Projektionen sowie einigen Show-Elementen untermalt. Beispielsweise wurde ein Tastengerät mal eben kurzerhand zertrümmert, worauf der „Azubi“ mit seinem Besen einkehren musste. Es dauerte eine Weile, bis sich die Anwesenden mit dem skurrilen Treiben angefreundet hatten, dann aber wurde durchaus wohlwollend applaudiert. Genau wie auch die nachfolgenden 4 Acts verließen die Malocher nach einer halben Stunde wieder ihren Arbeitsbereich. Als Starter für diesen langen Abend eine durchaus launige Angelegenheit.

MODCOM

Instrumental sollte es dann auch weitergehen: Niemand Geringeres als Ronan Harris himself stellte als nächstes sein Projekt MODCOM der weiter angewachsenen Fanschar vor. Nachdem er beim Advanced Electronics Festival im Frühjahr leider abgesagt hatte, also meine erste Begegnung mit dieser 1-Mann-Soundmachine. Zur Einleitung einmal ein Zitat über das Selbstverständnis von MODCOM: „Die Musik des Projekts basiert auf dem Live-Einsatz von analogen modularen Synthesizern und analogen Sequenzern. Sounds und Sequenzen werden live generiert, modifiziert, manipuliert und gemischt.“ Und genau das geschah in den nächsten 30 Minuten. Ronan lächelte freundlich, feuerte ein wenig mit den Händen an und fummelte ansonsten an allerlei Geräten herum. Das klang dann alles ein wenig „normaler“ als bei den Vorgängern und regte insbesondere die vielen VNV-Supporters zum Tanzen an. Zur Setlist gehörte u.a. eine Variation des „eigenen“ „Chrome“, sehr gut wiederum an den benutzten Samples zu erkennen. Gegen 20 Uhr zog der Glatzkopf sich zurück, um sich auf den späteren Headliner-Auftritt vorzubereiten bzw. sich vorne in die Zuschauerscharen einzureihen, um der nachfolgenden Truppe seine Aufwartung zu machen…

STRAFTANZ

Es sollte weitergehen mit STRAFTANZ. Regelmäßigen Clubgängern dürften die Herren durch den gleichnamigen Hit in jeder Dunkeldisko wahrscheinlich ein Begriff sein. Und davon waren wohl einige anwesend, denn in den ersten Reihen wurde es langsam aber sicher eng. Der Fronter hatte sich in einen luftigen orangefarbenen Overall geworfen, was mir irgendwie sehr bekannt vorkam. Ah… AGONOIZE bevorzugen doch so was ähnliches. Und dann gab es knallharten Electro auf die Ohren, garniert mit 2 leicht bekleideten Damen in Lack, die ab dem vierten Titel die Aufgabe übernahmen, nicht wirklich synchron zueinander zu tanzen und bei „Gummimann“ ein wenig die Neunschwänzige Katze zu schwingen. Zwischendurch durften sie sich als Nummerngirls betätigen und Schilder mit den Songtiteln über die Bühne tragen (sehe nur ich die Parallelen zu WELLE:ERDBALL?). Für den Song „Praise the panic“ hatte man sich dann einen Überraschungsgast mit ins Boot geholt. Kein geringerer als Miland „Mille“ Petrozza von der legendären Thrash Metal Band KREATOR enterte die Bühne. Genremix Deluxe sozusagen. Das Problem war nur, dass Mille weder genau wusste, wie er sich jetzt verhalten (er ist ja sonst eher ein ruhiger Charakter), noch wann sein Gesangs(?)-Part einsetzen sollte und man somit den Eindruck bekam, als hätte man sich das alles erst 5 Minuten vor Showbeginn ausgedacht. Vielleicht war es auch so, dann will ich nichts gesagt haben. Es war auf jeden Fall ein interessanter und ungewöhnlicher Einfall, leider werden die wenigsten Electrofans den Herren gekannt haben. Und zum Schluss kam dann das, auf das wohl alle gewartet hatten. Als letztes Lied wurde dem Publikum „Straftanz“ in der West-Version (durchaus angebracht, wenn man in Düsseldorf aufspielt) um die Ohren gehauen, bevor man die Band unter reichlich Applaus verabschiedete. Ich muss ja gestehen, dass ich das alles nicht wirklich spannend fand , aber vielleicht habe ich auch nur den Witz nicht verstanden. Wenngleich ich zugeben muss, dass man sich bei der Show wirklich Mühe gegeben hat und diese auch gut ankam.

ABSURD MINDS

Dieses Stimmungslevel konnten erstaunlicherweise die 4 Herren von ABSURD MINDS im folgenden nicht halten, dem ungleich besseren Song Material zum trotze. Die 1995 von Stefan Großmann und Tilo Ladwig gegründete Electro Formation blickt bereits auf einige Veröffentlichungen zurück und konnte sich mittlerweile auch dem Ruf, lediglich ein PITCHFORK-Klon zu sein, entziehen. Seit dem Jahre 2006 verstärkt Toralf Nickisch von den Dresdnern LEGACY OF MUSIC die Truppe, zumeist agierte er hinter den Keys, hin und wieder duellierte er sich aber auch mit dem unermüdlich tigernden Großmann hinsichtlich der Vocals. Zusätzlich verstärkten noch Live E-Drums den kraftvollen aber jederzeit melodischen Electro, der hin und wieder auch ein paar wavige Einflüsse parat hält. Mit „Stop the Fall“ und „Regain the Throne“ vom sehr gelungenen 2005er Werk „Noumenon“ hatte man 2 starke Songs im Gepäck, aber auch „I’m dying alone“ sowie insbesondere das deutschsprachige „Herzlos“ konnten zum Mitsingen animieren. Dennoch blieb das Publikum vergleichsweise ruhig, die beiden Fronter wirkten ein wenig verhalten und die aggressive Bühnenshow der Straftänzer hatte möglicherweise die Sinne leicht abgestumpft. Musikalisch dennoch ein solider Gig mit ein klein wenig Luft nach oben.

FROZEN PLASMA

Inzwischen war es in den vorderen Reihen des Stahlwerks richtig kuschelig geworden und man stand dicht gedrängt, um dem Auftritt von FROZEN PLASMA beizuwohnen. Unter anderem fanden sich auch ein paar kreischende Damen ein, die es wohl speziell auf Vasi abgesehen hatten, durfte man denn ihren Rufen glauben. Dieser quittierte dies mit einem verschmitzten Lächeln, um sich dann hinter seinem Computer wieder auf die Musik zu konzentrieren. Derweil hatte Felix schon den Mikroständer an die Seite geschafft, um sich frei quer über die Bühne bewegen zu können. Und das tat er auch ausgiebig, während er Songs wie „Condense“, „Crossroads“ und „Hypocrite“ zum Besten gab. Zwischendurch merkte man dann doch, dass Felix etwas die Puste ausging. Vielleicht waren das aber auch noch die Nachwehen vom Darkstorm Festival wenige Tage zuvor. Zum Schluss bot man dann noch „Irony“ und den wohl treibendsten Song „Warmongers“ feil, bevor man sich nach einer halben Stunde wieder verabschiedete. Die beiden Herren waren auf jeden Fall gut drauf und haben einen packenden Auftritt abgeliefert, der besonders von Felix‘ intensiver Stimme getragen wurde. Und auch sein Bewegungsdrang schien nicht mehr ganz so unkoordiniert und ausgeprägt zu sein wie noch vor einem Jahr, als ich die beiden zuletzt auf der Bühne gesehen habe.

[:SITD:]

Als Quasi-Co-Headliner waren nun die Haudegen von [:SITD:] am Start, die mittlerweile auch schon zu den Routiniers des Genres zu zählen sind. Insbesondere die energievollen Live-Auftritte haben dem Trio über die Jahre eine treue Fangemeinde beschert, und so schien das Gedränge im Stahlwerk ein weiteres Mal an Intensität zu gewinnen, als man mit dem Opener „Stammheim“ loslegte. Erstaunlicherweise blieb dies der einzige Track vom aktuellen Werk „Bestie:Mensch“, anstelle dessen griff man auf immerhin 4 Songs des Klassikers „Stronghold“ zurück. Möglicherweise wollte man die zur Verfügung stehenden 50 Minuten bestmöglich mit bekannten „Gassenhauern“ füllen, was ja auf einem Festival auch nicht die falscheste Strategie ist. Dennoch gab es im Set durchaus Überraschungen: „Rose-Coloured Skies“ wurde in einer neuen Version präsentiert und mit „Wake Up“ hatte man eine spezielle Bearbeitung eines Originals von PZYCHO BITCH im Gepäck, welche die [:SITD:]ler schon lange nicht mehr in ihrem Live Set hatten. Dieser Titel genau wie das vorhergehende „Suffering in Solitude“ wurde von Tom eingesungen, währenddessen Carsten sich (wie von vielen anderen Konzerten bekannt) eine kleine Pause gönnte. Ansonsten gab der Herr in der Mütze und mit weißer Bandkleidung alles und feuerte das Auditorium unermüdlich an. Vor so vielen Menschen spielen auch die Ruhrgebietler nicht alle Tage. Mit „Laughingstock“, „Richtfest“ und dem unvermeidlichen „Snuff Machinery“ zog man am Ende noch mal alle Register, zu einer Zugabe kam es bei dem engen Zeitplan aber nicht. Bei der Gesamtlänge des Abends auch kein Beinbruch, denn der Gig an sich war wieder sehr überzeugend. Nun aber lechzten die schwarzen Seelen nach ihren absoluten Lieblingen!

Setlist [:SITD:]
Stammheim
Lebensborn
Rose-Coloured Skies 2007
Suffering in Solitude
Wake Up [:SITD:]-Remix
Laughingstock
Richtfest
Snuff Machinery

VNV NATION
können sich ihrer deutschen Anhänger gewiss sein, das hat auch die letzte Tour noch einmal gezeigt, dennoch schien insbesondere Ronan von dem enthusiastischen Empfang geradezu überwältigt zu sein. Er grinste auch im folgenden wie ein Honigkuchenpferd, gerade diese ehrliche Freude hat dem gebürtigen Iren so viel Sympathie eingebracht. Neben ihm agierte natürlich Mark Jackson an den E-Drums und die beiden Keyboards wurden von 2 namhaften Gästen bearbeitet. Bei dem Line Up bot es sich geradezu an, Tom von [:SITD:] und Vasi von FROZEN PLASMA hinter den Geräten Aufstellung nehmen zu lassen, letzterer hat diesbezüglich ja schon Erfahrung. Mit dem eindringlichen „Arclight“ ging die Reise los, „Chrome“ und „Nemesis“ folgten mit pulsierenden harten Beats. Danach mussten wir leider den Anstrengungen des Abends Tribut zollen und wir zogen uns ein wenig in den Vorraum zurück, wo einem die grandiose Stimmung aber ebenso wenig entgehen konnte. Die Setlist enthielt alle nötigen Highlights/ Klassiker, so dass an diesem Freitag kaum jemand enttäuscht nach Hause gepilgert sein dürfte.

Setlist VNV NATION
Arclight
Chrome
Nemesis
Carbon
Epicenter
Farthest Star
Illusion
Legion
Honour 2003
Perpetual

Rubicon
Standing Motion

Beloved

Saviour

Insbesondere die straffe Organisation und die kurzen Pausen ließen kaum Langeweile aufkommen, wenngleich es eine Formation weniger auch getan hätte. Nichtsdestotrotz bewies das Neuwerk Festival seine Tauglichkeit in allen Bereichen: Ein gutes, homogenes Line Up in einer angemessenen Location an einem geschickt gewählten Termin. Ich denke, nicht nur wir würden uns eine Neuauflage in ähnlicher Qualität wünschen!

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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