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NEW MODEL ARMY – NORTH ALONE

Ort: Osnabrück – Hyde Park

Datum: 30.07.2015

Es war an diesem Donnerstag Ende Juli ja nicht das erste Mal, dass NEW MODEL ARMY in Osnabrück waren. Nicht unbedingt ein Kunststück, wenn man bedenkt, dass die Band aus Bradford/ UK bereits auf 35 Dienstjahre zurückblicken kann. Mit dem Hyde Park verbinden Justin Sullivan und seine Mannen (insoweit sie schon mit von der Partie waren) aber auch ein ganz besonderes Konzert, denn fast genau auf den Tag vor 15 Jahren waren NMA beim Park-Richtfest Headliner und haben quasi open air den Neubau der Osnabrücker Kult-Disse eingeweiht, der sich zu diesem Zeitpunkt noch im Rohbau befand und deshalb auch noch kein Dach hatte. Da war es natürlich heuer für Chefin Conny Overbeck Ehrensache, selbst hinterm Tresen zu stehen und mit Veranstalter Carlo Korte war ein weiteres Urgestein der Osnabrücker Musikszene am Start. Das Publikum war währenddessen durchaus ein paar Kilometer weiter angereist, wie die zahlreichen ortsfremden Nummernschilder bewiesen. Das Durchschnittsalter war wie erwartet deutlich höher als beim normalen Disco-Betrieb am Fürstenauer Weg, schließlich feierten NEW MODEL ARMY ihre größten Erfolge Ende der Achtziger/ Anfang der Neunziger und so hatten Mama und Papa heute mal Ausgang.

Ob der Support NORTH ALONE sich vor rund 25 Jahren schon mit dem Gedanken getragen hat, sich mal mit NEW MODEL ARMY die Stage zu teilen, weiß ich nicht, auf jeden Fall durften die Hasestädter an diesem Abend für ein wenig Lokalkolorit sorgen und die Meute in Stimmung bringen. Vermutlich wäre es dafür besser gewesen, wenn es wie an den vergangenen Tagen geregnet hätte, denn bei vergleichsweise lauen Temperaturen und trockener Witterung hielten sich zunächst doch noch einige NMA-Fans vor der Tür auf und bekamen deshalb nur Bruchstücke des treibenden Folk-Punk-Sounds von Manuel Sieg aka NORTH ALONE mit. Wer erst gegen Ende des 45-minütigen Gigs vor Ort war und die Musik nur hörte, könnte unter Umständen auch geglaubt haben, einen HOT-WATER-MUSIC-Auftritt verpasst zu haben. Am Ende gab’s nämlich mit „Trusty Chords“ ein Cover der Jungs aus Florida und die Stimme der beiden Fronter bringen durchaus ähnliche Eigenschaften mit. Will sagen: Chuck Ragan und Kollege Sieg klingen, als würden sie sich ausschließlich von Kippen und Schnaps ernähren. Der raue Gesang ist jedoch nicht das einzige Merkmal des NORTH-ALONE-Sounds, zu erwähnen ist auf jeden Fall auch die Fidel, die der Mucke besonderen Schwung verleiht. Im Übrigen waren natürlich auch noch die „üblichen Verdächtigen“ Gitarre, Bass und Drums vertreten. Dass dabei die Basstrommel ein HALFWAY-DECENT-Logo zierte und Manuel in einem Shirt dieser Band am Mikro stand, war übrigens kein Zufall, denn die Begleitung rekrutierte sich aus eben dieser Post-Hardcore-Kapelle, die ebenfalls ihr Headquarter an der Hase hat. Gemeinsam gaben die Herrschaften ordentlich Gas und zu einer Nummer wie „Hydrogen Peroxide“ durfte unbedingt auch getanzt werden. Nun braucht der Osnabrücker ja immer ein bisschen, um warm zu werden und wie üblich wurde auch noch ein gewisser Sicherheitsabstand eingehalten, doch wusste die Darbietung des Fünfers absolut zu gefallen und der Titeltrack des im März erschienenen Albums „Cure & Disease“ wurde vereinzelt sogar mitgeklatscht. Im Anschluss lud „Missing Heart Shadow“ zum Mitgrölen ein und nach den blitzschnellen und scheppernden Parts von „Some Other Day“ wurde es mit dem gefühlvollen „The Road Most Travelled“ auf der Zielgeraden noch einmal mitsamt A-cappella-Einlage und Clap-Hand-Unterstützung des Auditoriums richtig gefühlvoll, ehe es mit dem bereits erwähnten „Trusty Chords“ abermals in die Vollen ging. Ein schöner Einstieg in den Abend, der noch zu einer kleinen Zeitreise werden sollte.

Setlist NORTH ALONE
Old Dog Barking
The Last Inch
Razorless
Black Water
Pictures & Places
Scatter My Ashes Into The Sea
Hydrogen Peroxide
Inscription
Cure & Disease
Missing Heart Shadow
Some Other Day
The Road Most Travelled
Trusty Chords (HOT-WATER-MUSIC-Cover)

Wer allerdings dachte, NEW MODEL ARMY würden um 21.15 Uhr die Bühne entern und einen Gassenhauer nach dem anderen zum Besten geben, wird ein wenig enttäuscht gewesen sein. Weder „51st State“ noch „Vagabonds“ oder „Here Comes The War“ standen auf der Setlist, stattdessen wurden verstärkt Songs der letzten Alben präsentiert. Etwa der Opener „Stormclouds“, der 2013 auf dem zwölften Studio-Silberling „Between Dog And Wolf“ erschienen ist. Vom 2009er Vorgänger „Today Is A Good Day“ stammte das nachfolgende „States Radio“ und auch „March In September“ bewies, dass es den „jüngeren“ NMA-Stücken nicht an Energie und Biss mangelt. Dank „No Greater Love“ ging’s dann aber doch ganz weit zurück in der Diskografie, stammte diese eindringliche Nummer doch von der zweite Langrille „No Rest For The Wicked“, die 1985 das Licht der Plattenläden erblickte und alles andere als verstaubt war. Mit percussiven Akzenten von Bassmann Ceri Monger schloss sich das rhythmusgetriebene „Devil’s Bargain“ an, bevor „Guessing“ Tempo machte und ins Bein ging. Mr. Sullivan hätte sich vielleicht noch ein bisschen mehr Empathie von seiner Zuschauerschaft gewünscht, aber für norddeutsche Verhältnisse ging’s im Park-Rund bereits gut zur Sache und ein Song wie das mitreißende „No Mirror, No Shadow“ wurde ohne Zweifel kräftig abgefeiert, ehe Glatzkopf und Bartträger Marshall Gill bei „Wonderful Way To Go“ für grandiose Gitarren-Hooks sorgte und Justin seinen gewohnt irren Blick schweifen ließ. Den ruhigen ‚Countryside-Ghost-Song’ „Summer Moors“ verehrte der Fronter der Friedensstadt „because we are in Osnabrück“ – ob das jetzt für oder gegen die Stadt spricht, spielte dabei überhaupt keine Rolle, denn das Lied war einfach von einer besonderen Intensität, die im Zweifel für den Moment auch über die Mittelmäßigkeit meiner kleinen niedersächsischen Heimatstadt hinweghalf. „Christian Militia“ vom 1984er Debüt „Vengeance“ ließ daraufhin erneut nichts anbrennen und auch „Angry Planet“ gab keinen Grund zum Meckern. Die Krachlatten jaulten auf das Feinste und es gab nur eine Richtung: straight nach vorn! Da musste sich Sullivan für „Between Dog And Wolf“ zunächst auch einen Moment sammeln, ehe auf ein Neues ausgelassen getanzt werden durfte. Mit „High“ vom gleichnamigen Longplayer aus 2007 ging’s einmal mehr hochemotional zur Sache, während „Purity“ vom 1990er „Impurity“ mit Begeisterung aufgenommen wurde. Die Geigenklänge kommen dieser Tage vom Keyboard, für das Dean White verantwortlich zeichnete; bei „States Radio“ agierte der Mann übrigens auch einmal am Sechssaiter, ehe er sich wieder ans Tasteninstrument zurückzog. „I Love The World“ (von „Thunder And Consolation“ aus 1990) verwandelte die Konzertstätte endgültig in einen Hexenkessel und markierte zudem um 22.35 Uhr das Ende des regulären Sets.

Die zahlreichen Zugabe-Rufe machten es deutlich: die Anhängerschaft hatte noch nicht genug und beorderte die Briten ins Rampenlicht zurück, wo noch ein dreiteiliger Nachschlag inklusive des selten live gespielten „Knievel“ serviert wurde. Derweil schwelgte Justin noch ein wenig an Erinnerungen an den legendären Richtfest-Gig und prophezeite, dass es den Hyde Park wohl auch noch gäbe, wenn die Welt ansonsten in Schutt und Asche läge. Außerdem versprach er wiederzukommen – morgen oder 2043, wenn ansonsten die ganze Welt total verwüstet ist und nur noch der Park steht.. Ob das jeden der Anwesenden mit dem etwas abrupten Abgang nach dem finalen „Get Me Out“ versöhnte, weiß ich nicht, aber wenn man NEW MODEL ARMY kennt, weiß man, dass die Herren sich aufs Wesentliche konzentrieren und das sind im Zweifel einfach mal 95 Minuten erstklassige Musik. Klar, gegen ein paar der alten Hits hätte an dieser Stelle keiner was gehabt, aber auf der anderen Seite ist es auch schön, dass NMA nicht in ihrer eigenen Vergangenheit feststecken, sondern ihren ganz speziellen Style auch 2015 absolut zeitgemäß und ohne Brüche zelebrieren und sich dabei keinesfalls verbiegen, auch wenn sie mal so wie heute ungewöhnlich hart rocken.

Setlist NEW MODEL ARMY
Stormclouds
States Radio
March In September
No Greater Love
Devil’s Bargain
Guessing
Orange Tree Roads
No Mirror, No Shadow
Wonderful Way To Go
Summer Moors
Christian Militia
Angry Planet
Between Dog And Wolf
High
Purity
I Love The World

Knievel
Stupid Questions
Get Me Out

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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