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NICK CAVE & THE BAD SEEDS – LES HOMMES SAUVAGES

Ort: Dresden - Junge Garde

Datum: 21.06.2009

Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres. Während die Finnen sich an ihrem Mökki betrinken, im hauseigenen See planschen und eventuell nie wieder aus diesem heraus kommen, feiert Deutschland diesen Tag mit NICK CAVE & THE BAD SEEDS!!! Jawohl, es ist der einzige Auftritt in unserer Bundesrepublik, der uns in Dresden im Amphitheater der Jungen Garde zuteil wird. Keine Frage, das dürfen die Terrorverleger sich nicht entgehen lassen und so vertreiben wir die fiesen Regenwolken aus der Stadt, pünktlich zur Ankunft klart der Himmel auf. Also heißt es Vorhang auf für den Support LES HOMMES SAUVAGES!

Die Berliner beschallen uns mit einem Sound, der sich irgendwo zwischen Country, Rock und Chanson befindet. Die melancholisch gehaltenen Texte pendeln zwischen der englischen, deutschen und französischen Sprache. Gitarrensoli voller klassischem Blues lassen mich und den Rest des Publikums zurücklehnen und abchillen – perfekt für einen Sonntagnachmittag.
Die Assoziationen, die Szeneveteran Kristof Hahn (Ex-SWANS) hervorruft, sind reichhaltig, wie zum Beispiel beim wunderschön verträumten „Regenland“, bei dem man sich nur unschwer der Vorstellung entziehen kann, wie er Tage und Nächte lang einsam dem gegen das Fenster prasselnden Regen zusieht. „Gundel Gaukelei des Rock n Rolls“, Viola Limpet verzaubert mit ihrer angenehm tiefen und klaren Stimme und rundet die ganze Geschichte geschmeidig ab. So ist der Sound dieser Band dunkel und düster, aber nicht traurig und bitter; zwar melancholisch und schwermütig, aber auf eine sanfte und liebliche Art. Für viele der hier Anwesenden mit ihrem Debüt „Playtime“ sicherlich ein absoluter Geheimtipp!

20.30 Uhr: Ein schmetternder Jubel bricht aus, als NICK CAVE & THE BAD SEEDS die Bühne betreten. Augenplötzlich legt sich ein Schleier voller Romantik, Melancholie und arschkickender Power über die Junge Garde – und niemand wagt es zu entfliehen. Die Fans schlagen sich den Takt von Opener „Tupelo“ inbrünstig auf die Brust, während Nicholas Edward Cave sich nach diesem Auftakt erst mal seine Gitarre vom Roadie stimmen lassen muss. Nun ja, auch ein professioneller Allroundkünstler darf mal aufgeregt sein. Der australische Musiker läuft benommen über die Bühne und motzt, dass es zu hell ist – „like fucking daytime“ – Recht hat er. Dennoch, dem umfassenden Weltschmerz können wir uns auch zu dieser Tageszeit nicht entziehen. So weisen alle Texte des australischen Künstlers eine starke Nähe zur Romantik auf und haben häufig Bezug zur religiösen Transzendenz. Ein melancholischer Mantel umhüllt nahezu jeden Song und so schafft es Nick Cave jeden einzelnen davon zu einem kleinen Kunstwerk auferstehen zu lassen – fernab von dem 08-15 Schema eines typischen Mainstream Titels. Musikalisch haben wir es hier sowieso mit absoluten Vollblutprofis zu tun, „Red Right Hand“ beginnt mit tanzenden Pianotönen und zerschlägt im Abgang Raum und Zeit – das Publikum tobt vor Euphorie und die Stimmung könnte wohl unmöglich besser sein. Nick Cave hüpft wie ein Spring-ins-Feld voller Leben über die Bühne und reißt dabei immer wieder alle Geräte mit dem Mikrokabel um. Einzelne Songs sind hier nicht hervorzuheben, so lebt er jeden einzelnen voller Leidenschaft aus. Zu „The Ship Song“ wird nun die Akustikgitarre ausgepackt, auf Kommando fängt die Junge Garde zu Schunkeln an – ein Song voller unendlich schöner Pein und phantastischen Luftschlössern – verlieben könnte nicht schöner sein…

Die Metaller neben uns brechen zu „Moonland“ in einen Vorzeige-Gothentanz aus, Nick schwingt Hüfte und Tanzbein, während die Mannschaft der Bad Seeds wie in Trance ihre Instrumente bearbeitet. Von dieser ebenso völlig ergriffen, bemerke ich, dass der Applaus proportional zu jedem Song ansteigt und damit eine perfekt positive Korrelation bildet. Das Aus für die Metaller ist nun beim bebenden „Mercy Seat“ (welches GOETHES ERBEN übrigens ins „Sitz der Gnade“ übersetzten) erreicht, deren Nachbarn sich nun über einige lange Haare im Bier freuen dürfen. Dieser Song walzt und stampft alles platt und wirbelt tornadoartig den Dreck unter den Bänken auf – absolut genial. Das in den hinteren Reihen sitzende Publikum erhebt sich mittlerweile zum Applaudieren um der Begeisterung steigenden Ausdruck zu verleihen. Nick bewegt sich zum Piano und stimmt voller sich hingebender Passion „Loveletter“ an – würde ein Mensch zu diesem Zeitpunkt behaupten, es würde etwas Schöneres auf der Welt geben, ich würde ihn als Ketzer verurteilen!!! Zurück zum rockig krachenden Blues brennt mit „There She Goes My Beautiful World“ die Bühne, flammende Gitarrensoli schießen auf uns ein, Nick demoliert vor Besessenheit wieder die Bühne, „The Weeping Song“ endet in einer atemberaubenden Klangkulisse und „Papa Won’t Leave You, Henry“, bei dem Nick sich mit dem Mikrokabel fast stranguliert, explodiert in einer beispiellosen Rockhymne. Was für ein Jubel, als Herr Cave sich entblättert, dabei haben alle der hier Anwesenden ihre kreischende Groupie-Zeit wohl schon lange hinter sich gelassen. Nach „Stagger Lee“ und der ersten Verabschiedung ertönt ein gefühlter 10minütiger fanatischer Applaus, bevor der Abend angefangen mit „Breathless“ und weiteren 5 Zugaben ohne einen geringsten Verlust an Kraftreserven auf sein Ende zusteuert. „Get Ready For Love“ liefert eine hochexplosive Rock-Ekstase und „Lucy“ lässt Wunderkerzen hell werden – der Himmel fängt an zu tanzen, ich kann nicht anders und zerfließe…

Sirenartiger Jubel bricht aus. Hochachtungsvoll bedankt sich das Publikum, ehrwürdig ziehen die Herrschaften von dannen und für mich ist nun eines klar: Hinreißend bittersüße und wohlschmerzende Romantik ließe sich nicht besser im folgenden Namen vereinen: Nick Cave!!!

Setlist NICK CAVE & THE BAD SEEDS
Tupelo
Dig Lazarus Dig
Red Right Hand
Deanna
Midnight Man
The Ship Song
Henry Lee
Moonland
The Mercy Seat
Love Letter
There She Goes My Beautiful World
The Weeping Song
Papa Won’t Leave You Henry
Stagger Lee

Breathless
Straight To You
We Call Upon The Author To Explain
Jesus Of The Moon
Get Ready For Love
Lucy

Copyright Fotos: Christin Kersten

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