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NIGHTWISH – PAIN – INDICA

Ort: Erfurt - Messehalle

Datum: 21.03.2009

Ob man mit dem Wechsel von Tarja Turunen zur neuen Frontfrau Anette Olzon nach den Sternen oder doch nur nach einer schnell vorüberziehenden Sternschnuppe gegriffen hat, lässt sich wahrhaftig mehr oder weniger stark diskutieren (was übrigens vor den Hallen heute Abend auch tatkräftig getan wird). Aber egal wer letzten Endes das Mikro bei NIGHTWISH schwingt, ein Auftritt der finnischen Gladiatoren des Symphonic Metals ist jedes einzelne Mal ein Fest und Highlight, so dass nach der letzt jährigen European Passion Play Tour auch dieses Happening fest auf unserem Programm stehen muss. Somit finden wir uns an diesem, vor Sonne nur so strahlendem 21. März 2009 in Erfurt ein – der Stadt, welche uns heute in den Bann des Déjà Vu-Erlebnisses hüllen soll. Vorhang auf… Drinnen angekommen macht man sich beim Anblick der Massen leicht klar, dass eine andere Örtlichkeit als die Messehalle wohl gar nicht drin gewesen wäre. Die unzähligen Leute strahlen und stopfen sich mit Bier, Fischbrötchen und Bockwürsten voll, während die Landsmänner SONATA ARCTICA (vom Band kommend) vor der Bühne die Wartezeit verkürzen.

Punkt 20 Uhr – Runde eins – Ring frei für INDICA. Die fünf zuckersüßen Mädels aus Finnland erweichen auf Anhieb das Herz der Anwesenden und können mit ihrem selbsternannten Mystik Romanik Pop sehr schnell punkten. Die kesse rothaarige Frontfrau Jonsu, die zwischendurch auch mal zur Violine greift, verzaubert mit ihrer glasklaren Stimme und ihren schwebenden Tanzeinlagen, während Mitstreiterinnen Heini, Sirkku, Jenny und Laura uns den Marsch blasen. Mit Songs wie „Sirene Song“ und dem gänsehauterregenden KATE BUSH Cover “Wuthering Heights” verzücken sie eine knappe halbe Stunde das Publikum, welches sichtlich angetan ist. Erstklassige Show, selten hat eine Vorband soviel Spaß gemacht. INDICA – in Finnland schon ganz groß, haben beste Chancen auch in Zukunft in Deutschland für Furore zu sorgen!!!

Doch gestärkt mit kulinarischen Köstlichkeiten wird es nun Zeit, den Metallknüppel aus dem Sack zu holen. Vor knapp einem Jahr aufgrund Leipziger Rüpel ins Wasser gefallen, stehen die Schweden rund um PAIN heute ganz hoch auf dem Kurs und setzen zum gnadenlosen Angriff an – so lasset die Spiele beginnen!!! Mit Bomben Power und dem Opener „I’m Going In“, vom neuen Album „Cynic Paradise“ gehen sie blutrünstig auf die Vollen und rotzen Beats und Riffs weg, als könnte es nichts simpleres auf dieser Welt geben. Peter Tägtgren samt Gefolge peitscht, drischt, berserkt und vertreibt mit wuchtigen Chords und eingängigen Vocals alle bösen Geister und Gedanken. Für Nackenstarre sorgen Klassiker wie „End of The Line“, das bretterharte „Monkey Business“ oder das genial-griffige „Shut your Mouth“, dessen Melodie mein Ohr den ganzen Abend nicht wieder verlassen sollte. Würde die Tribüne heute Abend Raum für Sitzmetaller gewähren, ihre Ärsche würden definitiv Feuer fangen!!! Es gibt nichts hinzuzufügen, astreiner Auftakt…

Setlist PAIN
I’m Going In
End Of The Line
Zombie Slam
Just Hate Me
Same Old Song
Monkey Business
Shut Your Mouth

Ungeduldiges Pfeifen und völlig sinnfreier Jubel macht sich breit – wir natürlich mitten drin – alles wartet auf die Helden des Abends, während abermals Tony Kakko vom Band aus beruhigend auf uns einzuwirken versucht. Als die Lichter ausgehen und die Schweinwerfer zum Leben erweckt werden, hält halb Erfurt den Atem an. Man mag kaum glauben, wie sehr ein Anker und eine schiffsähnlich aufgebaute Bühne die Meute doch ins Staunen versetzen kann. Die Pyros schlagen Alarm, allgemeine Jubelhysterie sowie Liebestaumel bricht aus, als die Finnen mit ihrer schwedischen Kapitäns-Frau an Deck gehen. Mit dem Opener „7 Days To The Wolves“, entkoppelt aus dem aktuellen Album „Dark Passion Play“, welches rasant auf Platz Eins der deutschen Charts schoss, bricht sofort tiefster tobender Donnerschall aus. Bandküken Anette, neuerdings mit blonder Haarpracht, erscheint quirlig und liebreizend wie nie zuvor, so dass man ihr auch den ein oder anderen nichtgetroffenen Ton einfach nicht übel nehmen kann. Allen Experten, die nach dem Abgang von Tarja das Ende von NIGHTWISH prophezeit haben, sei gesagt, dass sie gottverdammt noch mal Unrecht hatten, was Plattenverkäufe, Chartseinstiege und prallgefüllte Konzertsaale wohl beweisen dürften. Es herrscht eine fast unbekannte Harmonie auf der Bühne und auch das Publikum scheint der süßen Schwedin aus der Hand zu fressen. Doch mit „Dead To The World“, welches uns zurück zur 2002 erschienenen „Century Child“-Platte führt, ist erst mal etwas Sense, was die Hysterie der Massen betrifft. Ob es daran liegt, dass dieses Stück nicht auf der aktuellen Scheibe zu finden ist, darf spekuliert werden. Ich für meinen Teil bin hemmungslos beigeistert und restlos zufrieden. Marco setzt sich in Action, während Tuomas und ich Feuer fangen und uns vor Aufregung in den Schutz der kreisenden Nackenbewegungen flüchten. Strahlebäckchen Anette empfängt das Volk und erfreut sich der schwedischen Begrüßungen. Ein akustisches Wahrnehmungsfest ist entfacht, als „Amaranth“ alle Fesseln fallen lässt und eine grenzenlose Euphorie ausbricht. Danach sorgt das gefühlslastige „Dead Boy’s Poem“ für tüchtig Schauer auf dem Rücken, was – wohl nicht nur mir – zeigt, dass Anette durchaus fähig ist, die alten Tarja-Stücke mit sehnsüchtiger, eindrucksvoller, gefühlvoller und absolut genialer Zerbrechlichkeit vorzutragen und somit Tuomas und Co. alles absolut richtig gemacht haben.

Wie zu erwarten war, schießt sich nun der Auftakt des Erfolgsalbums „Dark Passion Play“ (namentlich „Poet And The Pendulum“) in alle Rekorde, welches auf der einen Seite für wohliges Zittern und endlos glückseliges Schaudern sorgt, dann wieder den Nachbarn die eigenen Haarspitzen schmecken und gleichzeitig die Flaschengitarre hoch- und runter rocken lässt. Während Marco wie ein Derwisch in die Menge brüllt, drehen die Pyros ihre Kreise, bevor das rote, auf das Publikum prasselnde, Lametta ein orkanartiges „ooohhhhhhh“ auslöst – traumhaft, fesselnd, unbeschreiblich schön!!! Mit Nemo, welches mit seinen ersten Klaviertönen ein kollegiales Schluchzen entfacht, springen wir wieder zurück in ältere Tage des „Once“-Werks, bevor wir plötzlich von einem Schneeregen bedeckt und blauem Licht umhüllt, uns in eine finnische Winterlandschaft versetzt fühlen – traumhaft … Mit ihrer Kombination aus gefühlvoller Zerbrechlichkeit (die in meinen Augen mit Anette eine völlig neue wunderschöne Komponente enthält) sowie markerschütternder Härte und symphonischen Würzungen beamen sich NIGHTWISH seit eh und je ganz weit nach oben und scheinen einfach kein Ende zu finden. Anette, die immer wieder die Massen anfeuert und Tuomas und Marcos Namen schreit, verzieht sich jetzt erst einmal nach hinten. Alle lieben Marco – ähm – ich mein natürlich alles schaut auf Marco, der nun nach Feuerzeugen, Kameras und allem was fähig ist, Licht und kuschelige Atmosphäre zu erzeugen, fordert und nach zufriedenstellender Durchführung die ersten Akkorde zu „The Islander“ anstimmt und mich nun endgültig in andere Sphären katapultiert. Feuerkessel an, Hut für Tuomas raus, Akustikgitarre an – Marco Hietela erntet markerschütternden Applaus für diese musikalische Glanzleistung und Hochgenuss pur. Zu besonderen Freude meiner Kollegen Enrico und Tine soll nun aber „Escapist“ beitragen, welches genau wie das anschließende „Dark Chest Of Wonders“ von Pyros strotzt, an allen Ecken und Kanten kracht, donnert, scheppert und meine Nackenmuskulatur aufschreien lässt. Doch auch wenn es schwer fällt, selbst der Himmel schließt irgendwann seine Tore, so pfeffern uns die Hauptdarsteller des heutigen Abends mit „Ghost Love Score“ das erste der letzten Schmankerl entgegen. Während wir uns reif für Olympia bangen, bemerkt man, dass Alter positiv mit Klatscheinlagen korreliert – alles, was nicht festgenagelt ist, scheint das Tanzbein zu schwingen, Luftgitarre zu spielen und in Jubelarien auszubrechen – großartig!!! Es regnet Konfetti, Tuomas bangt sich den Haaransatz vom Kopf – Anette ist begeistert „You are amazing!!! What’s that in German? Ihr seid wuuuderbar!!!” Doch nun sollen auch die Herren an ihrer Seite zeigen, dass sie ihre linke Hirnhälfte benutzen können. Emppus Reaktion: „Ich will einen kleine Hunde buumsen!!!“. Mediator Marco ergreift das Wort: „Emppu lieben kleine Huunde …“ Noch kurz einige Erklärungen von Anette, die frei nach dem Motto „Ich bin für Weltfrieden“ erklärt, dass sie alle Länder liebe – bevor sie selber merkt, dass das gerade ziemlicher „Bullshit“ war, zeigen wir nun Thor, mit dem last supper „Wish I Had An Angel“, wo der Donner hängt.

Während ich lerne, dass Köpfchen bangen in Plateaus doch nicht die gesündeste Beschäftigung ist, bricht über uns ein Feuerwerk aus Pyros, Lametta und Lichtkegeln aus, welches nun, leider Gottes, auch diesen phänomenalen Abend mit einem hammergeilen Abgang in die Geschichtsbücher verbannt… Unter fundamenterschütterndem Jubel verlässt das Quintett aus dem hohen Norden sein Podium und beendet einen Konzertabend, der bei weitem nicht hätte genialer und perfekter sein können. Während nun das allgemeine lustige Bechertreten einsetzt, freue ich mich, unter mir nun bewusst werdenden heftigen Nackenschmerzen, bereits wie ein junger Seemann auf das diesjährige M’era Luna Festival, auf dem NIGHTWISH wieder an Deck gehen werden… Ei Ei Kapitän, volle Fahrt voraus!!!

Setlist NIGHTWISH
7 Days To The Wolves
Dead To The World
The Siren
Amaranth
Romanticide
Dead Boy’s Poem
The Poet And The Pendulum
Nemo
Sahara
The Islander
Escapist
Dark Chest Of Wonders

Ghost Love Score
Wish I Had An Angel

Copyright Fotos: Tine Kersten/ Enrico Ahlig

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