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NITZER EBB – DIE KRUPPS – FORMALIN

Ort: Dortmund – FZW

Datum: 23.04.2011

JOIN IN THE RHYTHM OF MACHINES TOUR 2011

Ostersamstag, Temperaturen deutlich jenseits der 20°C-Marke und Dortmund auf dem besten Weg zur Meisterschaft. Nein, der BVB hat mich nicht in den Pott gezogen, es waren vielmehr zwei Urgesteine der dunkel-elektronischen Musik, die zur „Join In The Rhythm of Machines Tour“ ins FZW gebeten hatten. Namentlich standen DIE KRUPPS und NITZER EBB auf meinem Zettel, beide Bands zählen zu den Aushängeschildern in Sachen EBM und Industrial – auch wenn es in den letzten Jahren eher ruhig um beide war. NEP-Fronter Douglas McCarthy hatte zwischenzeitlich mit dem Techno-Produzenten Terence Fixmer unter dem Projektnamen FIXMER/MCCARTHY gemeinsame Sache gemacht, aber im letzten Jahr waren NITZER EBB mit DEPECHE MODE auf Tour und auch eine neue Studio-Platte ist rausgekommen. Neues Studio-Material haben auch DIE KRUPPS versprochen, doch davon später mehr.

Zunächst einmal hatten die EBM- und Industrialpioniere von einem jungen Duo Verstärkung erhalten, das allerdings schon recht früh auf die Bühne geschickt wurde. Daher fand die erste Hälfte des FORMALIN-Gigs auch ohne mich statt – und ohne jede Menge Schwarzkittel, die um 18.45 Uhr entweder noch draußen in der Sonne standen oder ganz einfach noch gar nicht vor Ort waren. Die Hauptstädter beschränkten sich auf E-Drums und einen Laptop, beides vom arg mageren Blondschopf Gabor bedient, während am Mikro Tominous für die verzerrten Vocals sorgte. „Berlin City Industrial“ nennen die Herrschaften ihren Sound und konnten mit ihrer direkten, harten Musik durchaus den einen oder anderen Anwesenden zum Tanzen animieren. Für mich gab’s mit „This Isn’t Love“, der aktuellen Single „My Fetish“ und „Resistance“ drei Tracks vom letztjährigen Debüt „Bodyminding“ zu hören. Insbesondere die Bässe von „My Fetish“ massierten den Magen und auch wenn’s natürlich in erster Linie Konservenkost war, war der Einstieg mit FORMALIN durchaus okay.

Das Schöne bei den Elektro-Fricklern ist ja, dass sie meistens nicht viel Zeit für den Change Over brauchen. Und so waren auch für DIE KRUPPS nach schlanken 15 Minuten bereits alle Stecker eingestöpselt und es konnte um 19.30 Uhr mit einem Intro vor vollem Haus losgehen. Den Anfang machte „High Tech Low Life“ vom 1992er „I“, bevor es mit dem 1995er „Isolation“ in die Vollen ging. Lichtblitze zuckten über das tanzende Volk hinweg, das ebenso wie die Band auf der Bühne schon ein wenig in die Jahre gekommen war. Mit „Crossfire („II- The Final Option“ – 1993) gab’s einen knackigen Stomper auf die Ohren, bevor Sänger Jürgen Engler einen neuen Song ankündigte. „Als wären wir für immer“ zeigte sich ruhiger als die Vorgänger, dabei aber auch böser und stoischer. Aus der Feder von Ralf Dörper (Samples) stammte das grandiose PROPAGANDA-Cover „Dr. Mabuse“, für das Drummer Nook ein paar eröffnende Sätze von sich geben durfte, ehe Engler wieder das Mikro übernahm. Auch „Beyond“ kündete von der lang erwarteten neuen Platte und brachte zu dunklen Mitklatsch-Melodien Gitarrist Marcel Zuercher in Pose. Im Anschluss nahmen sich die Düsseldorfer, die seit 1980 zu den Vorreitern der internationalen Szene zählen, einer NITZER-EBB-Nummer an: „Blood Money“ stand auf der Setlist und DIE KRUPPS ließen es ordentlich krachen. Auch das abgefeierte „Amboss“ war ursprünglich nicht von den KRUPPS, sondern von VISAGE, zählt aber inzwischen zum festen Bestandteil der Band-Diskografie. Immerhin kommt bei diesem Song live auch die berühmte Stahl-Percussion von Jürgen Engler zum Einsatz, die an diesem Abend noch ein einige Male mehr Verwendung fand. „The Grear Divide“ ging straight nach vorn, bevor das selten gespielte „Germaniac“ (eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Wiedervereinigung) mit Sirenengeheul begann. Nach diesem Elektro-Stomper gab’s im FZW kein Halten mehr und auch zu „The Dawning of Doom“ wurde ausgelassen getanzt. Blitzschnell schloss sich „Metal Machine Music“ an, während wenig später Jürgen zum druckvollen „Fatherland“ die Nähe der Fans suchte. Erst reichte er sein Mikro in Richtung Publikum, dann begab er sich selbst in den Graben, um schließlich mit seiner Mannschaft, die von Rüdiger Esch am Bass vervollständigt wurde, nach einer guten Stunde Spielzeit von der Stage zu gehen. Mit „Bloodsuckers“ kehrte der Fünfer allerdings noch einmal zurück und ging noch schnell einmal von Null auf 100. Zum Schluss stand Engler auf seinen Stahlröhren und dass alles um gerade mal 20.40 Uhr.

Setlist DIE KRUPPS
Intro
High Tech Low Life
Isolation
Crossfire
Als wären wir für immer
Dr. Mabuse (PROPAGANDA-Cover)
Beyond
Blood Money (NITZER-EBB-Cover)
Der Amboss (VISAGE-Cover)
The Great Divide
Germaniac
The Dawning of Doom
Metal Machine Music
Fatherland

Bloodsuckers

Es war tatsächlich noch sehr früh am Abend. Draußen schien zwar nicht mehr die Sonne, aber es war immer noch erstaunlich warm, als um kurz nach 21.00 Uhr Musik aus dem Off erklang und Nebel über die Bühne waberte. Wenig später erschienen Drummer Jason Payne, Programmierer und Sänger Bon Harris sowie natürlich Douglas McCarthy im edlen Zwirn inklusive Spiegel-Sonnenbrille. Für den ersten Track „Getting Closer“ vom 1990er „Showtime“ kamen Douglas und Bon nach vorn an die Mikros, ansonsten hielt sich Mr Harris dezent im Hintergrund und überließ dem Chef das Feld. „Down On Your Knees“ befahl der wenig später seinem Auditorium. Der Track vom 2010er Studioalbum „Industrial Complex“ fraß sich umgehend ins Hirn und brachte die Füße in Bewegung, was auch für das angenehm monotone „Shame“ galt. So muss der NEP-Sound halt einfach sein: Auf die Ohren und ins Bein! Selbst den Herrn an den Drums hielt es deshalb bei „Hearts And Minds“ nicht mehr auf dem Hocker und Jason spielte kurzerhand im Stehen weiter. Das flotte „Let Your Body Learn“ wurde mit Begeisterung aufgenommen, wozu bunte Lichtblitze zuckten, ehe es mit „Once You Say“ zunächst einen relativ neuen Track vom letzten Longplayer gab, dem mit dem 21 Jahre alten „Lightning Man“ einer der größten Erfolge der Engländer folgte. Technische Probleme am Stützpunkt von Bon Harris verzögerten den Ablauf dann für einen kurzen Moment, bevor „To The Hilt“ als Verbeugung vor den KRUPPS gespielt wurde. Immerhin nennen NITZER EBB ihren Co-Headliner des Abends als wichtigen musikalischen Einfluss auf die eigene Musik und auch eine gemeinsame Kollaboration hat es ja bereits gegeben. Der KRUPPS-Hit kam beim britischen Dreier ein wenig entschleunigt daher – ganz so wie es zum Stil der Kapelle passt. Zu Mr McCarthy passte es auch, wie er bei „Godhead“ hüftschwingend über die Stage stolzierte, während seine Mitstreiter den Zuschauern zeitweilig den Rücken kehrten. Das tat schließlich auch Douglas, nachdem die Fans ihm zu leise waren und er deshalb schon gehen wollte. Natürlich ging er nicht wirklich, aber er hatte schon recht, denn so richtig viel kam von der Dortmunder Crowd nicht, wenngleich den Schwarzkitteln zweifelsohne das gesamte Programm im FZW gefallen hat. So ging’s schließlich mit „Murderous“ und dem sehr tanzbaren „Join In The Chant“ weiter und blitzten Lichtgewitter zum knackigen „Promises“ auf die Anwesenden nieder. Mit dem Hirnfresser „Control I’m Here“ schlossen NITZER EBB ihre reguläre Show nach einer Stunde, ließen sich dann auch ein wenig bitten, bis donnernde Beats von „Warsaw Ghetto“ aus den Anfangstagen der Truppe kündeten. Der letzte NEP-Beitrag waren schließlich die feinen Rhythmen, die „I Give To You“ parat hielt, dann waren die Insulaner um 22.15 Uhr wieder im Off verschwunden.

Zu früh, um schon wieder nach Hause zu gehen? Einen kleinen Aufschub gab es ja noch (mal ganz davon abgesehen, dass im FZW noch Disco-Betrieb auf dem Programm stand), doch dafür musste zunächst noch ein wenig auf der Bühne gewerkelt werden. Da das KRUPPSche „Röhren-Xylofon“ wieder in Position gebracht wurde, war die Richtung klar: NITZER EBB und DIE KRUPPS würden gemeinsame Sache machen! Welcher Song lag da näher als „Machineries of Joy“? Genau bei dieser Nummer – einem Remake des KRUPPS-Titels „Wahre Arbeit – Wahrer Lohn“ – hatten die beiden Bands bereits 1989 einmal zusammengearbeitet und es immerhin mit einem EBM-Track in die US-Billboard-Dance-Charts geschafft. In Dortmund wussten alle Beteiligten mit dem deutsch-englischen Gemeinschaftswerk zu überzeugen und so endete der Abend letztlich kurz vor 22.30 Uhr – zumindest was den Live-Musik-Anteil anging.

Setlist NITZER EBB
Getting Closer
Down On Your Knees
Shame
Hearts And Minds
Let Your Body Learn
Once You Say
Lighting Man
To The Hilt (DIE-KRUPPS-Cover)
Godhead
Murderous
Join In The Chant
Promises
Control I’m Here

Warsaw Ghetto
I Give To You

Machineries of Joy (NITZER EBB & DIE KRUPPS)

Copyright Fotos: Dani Vorndran

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