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NURSE WITH WOUND – JOB KARMA – ELDAR – S.E.T.I. – MILITIA – SATORI – FJERNLYS

Ort: Leipzig WGT Volkspalast (Kuppelhalle + Kantine)

Datum: 24.05.2010

Unfassbar, gerade erst hat das Festival begonnen, und schon haben wir wieder den letzten Tag. So schnell sollte mal die Arbeitszeit vergehen. Also schnell aufstehen (leider war es schon wieder nach Mittag) und fertigmachen. Als ich aus der Dusche kam, dachte ich schon wieder, Opfer eines Zeitsprunges geworden zu sein… denn es war dunkel, so dunkel, dass man Mitten am Tag Licht anmachen musste. Und wir wollten noch ins Heidnische Dorf. Egal, Plan ist Plan und es geht los. Ins Auto haben wir es noch trocken geschafft, aber sobald wir drinnen saßen, ging es los, das reinste Unwetter mit Platzregen, ein wenig Hagel und überflutete Straßen. Das ging vielleicht 15 Minuten so und dann war alles vorbei und wir am Heidnischen Dorf angekommen. Perfektes Timing. Allerdings war im Dorf der Boden total vermatscht, gemütlich Sitzen also Fehlanzeige. Schade, aber so fiel es dann wenigstens nicht schwer, pünktlich im Volkspalast zu sein.

Den Beginn macht das Leipziger Ambient-Projekt FJERNLYS. 2006 noch als Soloprojekt von Knut Enderlein, einem der Loki Foundation-Chefs und Member von INADE und EX.ORDER gegründet, sind inzwischen Johannes Riedel (CIRCULAR) und nun eine Dame namens CKS als scheinbar dauerhafte Unterstützung dazugekommen. Das war auf jeden Fall keine schlechte Idee, denn so bekommt der feine und gut strukturierte Ambient-Sound neben Enderlein noch einen weiblichen Stimmpart, sowie eine dezente und kaum hörbare Gitarre, Violine und Viola. Das Konzert war wie immer ein sehr angenehmes, regelrecht entspannendes und nicht zu düsteres Hörerlebnis.

Anders sah es da schon beim Umzug in die Kuppelhalle aus. Das englische Dark Ambient-Duo SATORI existiert bereits seit etwa einem Viertel Jahrhundert und die beiden verstehen es, düstere Soundkollagen zu schaffen. Cold Spring-Labelchef Justin Mitchell und Neil Chaney (PESSARY) verwandelten, hinter ihren Laptops verschanzt, den Volkspalast in einen Vorhof zur Hölle, so düster und dämonisch der Sound, optisch noch untermalt durch ein Video im Hintergrund. Auch ein sehr nettes Konzert.

Ein Highlight des Tages wäre die belgische Industrial-Percussion-Band MILITIA gewesen. Da hatten sich sicherlich viele, mich eingeschlossen, drauf gefreut und im Rahmen dieser Konzertreihe hätte es auch sehr gut gepasst. Auch lagen bereits an den Tagen zuvor A5-Flyer herum, die auf das MILITIA-Konzert hinweisen. Auf der Rückseite Bandbeschreibung, Foto und Diskografie. Da kamen dann Fragen auf: Wer sind diese drei Herren? Was sind das für Platten? Und wieso kommen MILITIA aus Italien? Wie dann restlos alle mir bekannten Besucher konstatierten, waren also die „falschen“ MILITIA am Start und spielten Folk-Rock, was nicht wirklich in den heutigen Programmablauf passte. Sind die „echten“ ausgefallen und wurden jetzt kurzerhand ersetzt? Wer weiß. Wir haben jedenfalls die Gelegenheit genutzt und machten einen kurzen, aber wie sich später herausstellen sollte, sehr lohnenswerten, Abstecher in die Moritzbastei.

Dann gab es noch schnell einen kleinen Snack und wir haben es noch auf die letzten Minuten der Dark Space Ambient-Formation S.E.T.I. geschafft. Ein Mann, ein Laptop, ein Video und düsterer Sound aus den Weiten des Alls. Leider verpasst, aber immerhin noch kurz reingehört.

Der nächste Auftritt sollte Gerüchten zufolge ausfallen, stand dann aber doch putzmunter auf der Bühne. Gerüchte können gerade auf einem Festival ja leicht entstehen, wo keiner so richtig Infos hat. Da braucht doch nur einer was erzählen, und alle streuen es weiter. Jedenfalls war nichts dran, dass ELDAR aus Spanien nicht spielen sollten. Und ich war angenehm überrascht vom Konzert. Das Duo Marc Merinee und Merce Spica aus Barcelona hat zwar schon diverse Veröffentlichungen herausgebracht, ist aber erstmalig 2009 bei Cold Meat Industry auf einem „richtigen“ Label untergekommen. Das Album „Sapere Aude“ hatte mir nicht so gut gefallen, aber was die beiden hier auf der Bühne präsentierten, klang ausnehmend gut. Abwechselnd an Trommel, Keyboard und Mikrofon spielten sie einen schönen martialischen und bombastischen trommellastigen Mix aus Industrial und Ambient, wobei beide dazu stimmlich zu Wort kamen und Spica sogar ein Stück richtig sang. Ein feines Konzert, wer hätte das gedacht. Einziger Wermutstropfen war der stark verzerrte Gesang Merinee. Diese sollte ein wenig mehr in seine echte Stimme vertrauen und dieses alberne Verzerre lassen.

Unser vorletzter Akt des WGT 2010 waren JOB KARMA aus Polen. Das Projekt von Maciek Frett und Aureliusz Pisarzewski hatte ich bisher nur vom Namen gekannt. Eigentlich sehr ärgerlich, denn das Konzert war wirklich fesselnd und irgendwie schwer zu beschreiben, rhythmischer und treibender Post-Industrial vielleicht, aber eben weniger industriallastig? Oder doch eher melodischer Dark Ambient? Ich kann es nicht beschreiben. Auf jeden Fall äußerst hörenswert. Der Hammer an dem Konzert war aber auch das Video, welches im Hintergrund lief. Abstrakte und surrealistische Abhandlungen, mal in schwarz-weiß oder knallbunt. Die Sequenzen hatten teilweise etwas Biblisches. Wer das gemacht hat, ist wirklich kreativ und hat Talent. Bei JOB KARMA wurde Sensationelles geboten, sowohl für Auge als auch für Ohr. Schön, dass man immer noch so überrascht werden kann.

Finale. Noch ein Konzert und der WGT-Marathon für 2010 sollte schon wieder vorbei sein. NURSE WITH WOUND, die englische Experimental-Legende seit mehr als 30 Jahren stand auf der Bühne. Neben Steven Stapleton und Andrew Liles noch Colin Potter, Matthew Waldron (IRR. APP. (EXT.)) und ein weiterer Herr, später noch am Saxophon, auf der Bühne. Eine junge Sängerin lieh einem Stück ihre Stimme und entschwand dann umgehend wieder der Bühne. Was kann man von einer experimentellen Band wie NURSE WITH WOUND erwarten? Das sieht wahrscheinlich jeder anders, aber man konnte bei jedem einzelnen merken, dass es wahre Musiker waren, sei es am Bass, Gitarre, Saxophon oder an den elektronischen Geräten. Das Konzert bestand aus einem Song, den man grob in drei Teile aufteilen konnte, anfangs eher ruhiger Ambientklang, in der Mitte stärker und industriallastiger und der letzte Part… ja, man könnte fast meinen Rock. Das Konzert war, wie auch die Alben, keine leichte Kost, aber durchaus interessant und fesselnd. Die scheinbar wahllos entstehenden Arrangements der einzelnen Künstler scheinen doch ein schlüssiges Gesamtes zu ergeben, und da liegt ja die Herausforderung in der Experimentalmusik. NURSE WITH WOUND ist schon zu Recht eine Legende. Interessant und krank war auch das Video im Hintergrund, in dem z.B. Matratzen rückwärts gespielt vom Himmel fallen, Möbel einen Abhang herunterpoltern und sehr verstörend: eine Wohnung mit Menschen darin, die immer mehr in Flammen steht. Man muss es gesehen haben. Nach einer Stunde war leider alles vorbei und der letzte Life-Ton verklungen.

Jetzt stand „nur“ noch die Abschiedsparty an. Aber diesmal warn wir so clever und ersparten uns den überfüllten Mainstream-Elektro-Zirkus-Laufsteg in der Moritzbastei. Stattdessen ging es in den Süden von Leipzig in das „verwunschene Haus“: es gab nur Kerzen als Lichtquellen, ein wärmendes Feuer brannte auf dem Hof, es lief Neofolk und andere ruhige melancholische Musik, nichts war kommerziell, alles war frei, weil jeder was mitbrachte, das Haus war mit Blüten und Düften arrangiert. Toll, hier haben wir noch sehr atmosphärisch und bei angenehmen Tanz und Licht bis zum Morgengrauen gefeiert. Wo und was das ist? Findet es selber raus, sonst bleibt es kein Geheimtipp mehr. Ein toller Abschluss eines gelungenen Wave Gotik Treffens und das Warten auf das nächste beginnt…

Copyright Fotos: Kai-Uve Altermann

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