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OLIVER USCHMANN (LESUNG)

Ort: Osnabrück - Glanz & Gloria

Datum: 05.03.2009

Kennt Ihr Hartmut? Den erdachten Mitbewohner von OLIVER USCHMANN, der immer für eine Überraschung gut ist? Nein? Dann wird’s aber Zeit! Die Osnabrücker hatten an einem nieseligen Donnerstag Abend im Glanz & Gloria Gelegenheit, Bekanntschaft mit dem halsenden Ex-Philosophie-Studenten zu machen. OLIVER USCHMANN hatte zur Lesung aus seinem neuesten Hui-Roman „Murp!“ geladen und immerhin 50 Zuschauer bevölkerten den Keller unter dem ehemaligen Kreishaus, als es kurz vor 21.00 Uhr multimedial mit einem Video losging.

Zum vierten Buch der „Hartmut und ich“-Saga gibt es nämlich sogar ein Lied, das Uschmann gemeinsam mit BOSSE aufgenommen hat. „Wie wir zu leben haben“ heißt der Song, zu dem die beiden im DDR-Museum in Berlin ein Video gedreht haben, das es als Appetizer auf der Leinwand im Hintergrund zu sehen gab, bevor der Autor aus seinem Werk las. Für diejenigen, die Hartmut noch nicht kannten, skizzierte er kurz die Figur des subversiven Lebenskünstlers, der für allerlei Chaos und Unterhaltung im Leben des Ich-Erzählers sorgt (man darf sich in diesem Zusammenhang mal wieder die Frage stellen, wie autobiografisch die Erzählungen wohl sind). Nach dem Ende der schrägsten Männer-WG in Bochum, der Dequalifizierung von Akademikern und dem Umzug aufs Land zu „Wandelgermanen“ in einen renovierungsresistenten Altbau, sind die beiden Protagonisten nunmehr mit ihren beiden Frauen on the Road und veranstalten „Kunstpausen“ auf deutschen Rasthöfen. Für Hartmut natürlich die Gelegenheit, allerlei Missstände in dieser Republik aufzudecken und ein „Manifest gegen die Vollkommenheit“ zu schreiben.

OLIVER USCHMANN hatte zu diesem Zweck einige unterhaltsame Passagen ausgewählt, in denen beispielsweise der regelmäßige Kontakt mit einem Verkehrspolizisten thematisiert wurde, dessen größtes Anliegen die Ladungssicherung ist. Mindestens genau so interessant waren jedoch die Erklärungen des 31-jährigen Schriftstellers und Journalisten zu seinen Recherchen (etwa unter Truckern) und den Erlebnissen auf seinen Lesereisen. Wie er mit westfälischem Slang seine vortägliche Begegnung mit rund 25 ostdeutschen Hooligans im Bielefelder Etap-Hotel und sein eigenes prolliges Auftreten dort (Herr Uschmann ist im 190er Benz unterwegs und hört aus Gründen der Entspannung ICE CUBE) beschrieb, war definitiv mehr als einen Lacher wert. Ganz trendy wurde zudem nicht nur gelesen, sondern dank modernster Beamer-Technologie auch das World Wide Web in die Veranstaltung einbezogen. Mithilfe eines virtuellen Rundganges durch die Ruhrpott-Wohngemeinschaft (www.hartmut-und-ich.de) lernte das Publikum Hartmuts Bildungsbegriff kennen (Playstation & Klaus Kinski), bevor es eine weitere Episode aus dem Buch zu hören gab. Diesmal legte sich Hartmut mit einem Team von „Wundervolle Wissenswelt“ an ( „Galileo“ durfte er nicht schreiben), die auf einem Rastplatz unsinnige Experimente machten, während das Auditorium zum einen lernte, dass Chefs besser nicht studiert haben sollten, weil sie sonst nicht aggressiv genug sind und zum anderen, was denn eigentlich „murpiges“ Verhalten ist. Es ist das zweckfreie Interesse an irgendwelchen unnutzen Dingen und sinnloses Zeitvergeuden, das vor der Pause noch mit einem Katzenvideo aus dem Hause Uschmann visualisiert wurde.

Untermauert wurde die Murp-Theorie außerdem mit ebenso murpigen Germanenwissen (als Testfragen auf der Hui-Homepage nachzulesen), was ebenso wie die geniale Demonstranten-Story aus dem ersten Buch ganz hervorragend zum zwei Tagen später erwarteten NPD-Aufmarsch nebst Gegendemo in der Hasestadt passte. Schon mal darüber nachgedacht, dass die Römer ganz schlimme Imperialisten waren und die Germanen seinerzeit die linke Antifa bildeten? Dann ging es aber auch schon weiter zum Superstau, in den so ziemlich alle Personen des Buches verwickelt waren. Die Passage zählt zu den Höhepunkten des Romans und durfte entsprechend selbstverständlich nicht fehlen. Nachdem die Umsiedelung eines kompletten Dorfes gescheitet war, stand über Tage der Autobahnverkehr still, was ganz im Murp-Sinne zu stundenlangem Zeit vertrödeln führte. Der Besatzung des rollenden „Vorsprung“-Klassenzimmers behagte diese Zwangspause gar nicht, denn die Abiturienten eines Gelsenkircheners Gymnasiums wurden auf diese Weise in wichtigen Schlüsselkompetenzen auf das Berufsleben vorbereitet. Neben Japanisch, Mandarin und Zeitmanagement sind dies vor allem Mobbing und Magersucht. Wahrscheinlich inzwischen gar nicht mehr so weit hergeholt und von Hartmut schonungslos aufgedeckt und angeprangert.

Blieb nach Hinweisen auf drei neue Bücher, die bis Mitte nächsten Jahres erscheinen sollen und auf die Möglichkeit, auf der Website Wünsche zu äußern, wie es mit der WG weitergehen soll, noch ein weiteres Amateur-Video und die beliebteste Geschichte, wie Hartmut einen eigentlich ganz unschuldigen Drogendealer mit einer Close Line niedergestreckt hat. Als Rausschmeißer noch mal „Wie wir zu leben haben“ und schon waren zwei amüsante Stunden wie im Flug vergangen. Nur seltsam, dass die studentische Zuhörerschaft sich trotz deutlich spürbarer Erheiterung zwischendrin mit Applaus so schwer tat.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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