Konzert Filter

OLLI SCHULZ – ALBERTA CROSS

Ort: Bielefeld – Lokschuppen

Datum: 09.02.2024

Bielefeld wurde an diesem Freitag die Ehre zuteil, OLLI SCHULZ‘ große Konzerttour zu eröffnen. Pünktlich zur Veröffentlichung des fünften (bzw. achten, wenn man die drei Platten von OLLI SCHULZ & DER HUND MARIE mitzählt) Albums „Am Rand der Zeit“ hat sich der inzwischen 50-jährige Singer-Songwriter, Podcaster, Schauspieler und Moderator gemeinsam mit seiner vierköpfigen Band auf den Weg gemacht und fand in der Puddingstadt gleich einmal den mit nahezu 3.000 Fans ausverkauften Lokschuppen vor. Immerhin musste das Publikum auch mehr als zehn Jahre warten, bis der Wahl-Berliner mal wieder in der Ostwestfalen-Metropole Station machte. Damals war er mit seinem bis dato erfolgreichsten Longplayer „Feelings aus der Asche“ unterwegs und konnte die große Halle des ehemaligen Industriegemäuers nicht in Gänze füllen. Umso mehr freute er sich heute über das „Sold out“, trug sich gar mit dem Gedanken, Bielefeld eine U-Bahn zu schenken und die ganze Stadt zu unterkellern. Derlei Unterfangen waren natürlich in der Kategorie ‚Räuberpistolen und abstruse Hirngespinste‘ einzuordnen, aber immerhin hatte Olli einen Gast mitgebracht.

Um selbigen anzukündigen, entere Herr Schulz um 20 Uhr die Bühne und kündigte ALBERTA CROSS an. Hm… Ist das nicht eigentlich eine Indie-Band? Ja, aber sie besteht im Kern aus dem Musiker Petter Ericson Stakee, der die Combo 2005 in London mit dem Bassisten Terry Wolfers gegründet hat. Kollege Wolfers ist bereits 2013 wieder ausgestiegen und seitdem ist Petter entweder solo oder mit ‚Freunden‘ aktiv. Da OLLI SCHULZ nach eigener Aussage kein Geld für eine ganze Band ausgibt, fand sich der gebürtige Schwede allein auf der großen Stage ein und gab eine halbstündige Kostprobe seines Könnens. Den Anfang machte das reduzierte „Find a Home Out There“, das mit freundlichem Applaus bedacht wurde, ehe mit „Never Gonna Walk Away“ ein brandneues Stück auf dem Programm stand. Neben der Gitarre zählte auch ein Tasteninstrument zum Repertoire des sympathischen Hutträgers, der bisweilen etwas jaulige Gesangstöne von sich gab. Davon war beim getragenen „Rolling Thunder“ jedoch nichts zu hören, hier sorgten vielmehr Klavierakkorde für eine minimalistische Instrumentierung, während „You Remind Me of…“ mehr Schwung ins Geschehen brachte und mit schrammeligen Gitarrensounds erahnen ließ, wie sich der ALBERTA-CROSS-Sound in Bandstärke anhört. Mit einem sehr emotionalen Song über New York verabschiedete sich Petter schließlich von seinem Auditorium, er sollte jedoch im Laufe des Abends noch einmal in Erscheinung treten.

Nun war es nach einer kurzen Umbaupause jedoch an der Zeit, den Hauptprotagonisten der heutigen Veranstaltung gebührend zu begrüßen. Deshalb brandete auch frenetischer Beifall auf, als OLLI SCHULZ, Ben Lauber (Drums), Arne Augustin (Keys), Max Schröder (Gitarre) und Isa Poppensieker (Bass) ihre Arbeitsplätze für die kommenden knapp zwei Stunden einnahmen. „So muss es beginnen“ vom „Feelings aus der Asche“-Album machte den Einstieg perfekt und mit „Falsch erzählt“ und Hamse nicht“ standen gleich zwei neue Lieder auf der Setlist, die mitrissen und sogar dafür sorgten, dass Olli eine seltene Mitmachaktion startete. Bei „Hamse nicht“ durfte die Zuschauerschaft in ein „Ach nöö nee“ und „Der schon wieder“ einstimmen, ehe es „Passt schon“ ordentlich grooven ließ und sich Olli daran erinnerte, wie er vor vielen Jahren mal mit WALTER SCHREIFELS in Bielefeld gespielt hatte und von einer Konzertbesucherin zu einem anschließenden Puffbesuch eingeladen wurde. Das Freudenhaus entpuppte sich schließlich als ein Reihenhaus, 30 Minuten Fahrzeit von der Konzert-Venue entfernt und bewohnt von zwei Ü-Sechzigern im Lack-Outfit. Der Gedanke an diese Begegnung hat den Entertainer möglicherweise auch zu den Ausführungen inspiriert, mit denen er eine Person im Publikum in die Schranken wies, die ununterbrochen lautstark redete. Es war eine der beliebten Nonsens-Stories, mit denen sich Schulz heuer eher zurückgehalten hat, aber in der Tat frage ich mich auch immer wieder, warum die Leute gerade in den vorderen Reihen nicht einfach den Mund halten können und den Künstler:innen die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdient haben. Mag sein, dass der eine oder andere so auch die Konfettikanone verpasst hat, die Max aka DER HUND MARIE am Ende des wunderbaren „Schrecklich schöne Welt“ (2012 auf „SOS – Save Olli Schulz“ veröffentlicht) gezündet hat. „Bessere Version“ wurde mit einem ausführlichen Instrumentalteil gefeiert und wie das Leben musikalisch verpackt klingen könnte, brachte „So schreibt man seinen Song“ zu Gehör. Die Nummer „Stadtfest in Bonn“ ist auf der neuen Platte ein gelungenes Duett mit INA MÜLLER, die aber verständlicherweise nicht mit auf Tour kommen konnte. Stattdessen übernahm der Backliner Inas Part und gab gemeinsam mit Olli ein altes Showpärchen. Ein toller Track, der mit einer wirklich fantastischen Performance vorgetragen wurde! Bunte Lichterketten beleuchteten die Bühne bei „Als Musik noch richtig groß war“, das er nicht nur seiner Tochter gewidmet hat, sondern auch allen Eltern, die für diesen Abend frei bekommen hatten. Der nächste Song „Silvester“ präsentierte sich deutlich getragener, was zweifellos daran lag, dass just in der Silvesternacht 2023/24 Ollis Sohn geboren wurde und das Lied darauf einzahlt. Für „Spielerfrau“ ging Olli unplugged ins hintere Drittel der Location – er wollte wohl testen, ob er die Anwesenden zur absoluten Stille bewegen konnte. Ob dieses Unterfangen allerdings auf Dauer gut für seine Stimme ist, wird sich vermutlich im Laufe der Konzertreise zeigen. Die Fans fanden es auf jeden Fall super. „Einfach so“ ging derweil ins Bein, bevor OLLI SCHULZ von seinem Zusammenleben mit der exzentrischen Malerin I C Kraemer erzählte, bei der er Anfang des Jahrtausends ein paar Monate gemeinsam mit vielen Tieren auf dem Land gelebt hat. Von Zeit zu Zeit kochte die Dame eine ganz besondere Bolognese; erstaunlicherweise, ohne dass der für den Einkauf zuständige Mieter jemals Hackfleisch kaufen musste. Allerdings nahm womöglich die Anzahl der Katzen zwischenzeitlich ab. Eine typisch-schräge Olli-Geschichte, von denen ich gern noch mehr gehört hätte! Aus dieser Zeit stammte auf jeden Fall auch „Der Moment“ – laut Olli der erste Song, der ihm wichtig war und der schließlich 2003 auf dem Debüt „Brichst du mir das Herz, dann brech’ ich dir die Beine“ erschienen ist. Seinerzeit war Max Schröder sein Nachbar in Hamburg und als DER HUND MARIE sein Sidekick für drei Longplayer. Einen weiteren schrägen Augenblick schenkte uns der gebürtige Hanseat mit dem Musical zur von ihm erschaffenen Figur „Kommissar Ärmchen“; einem Unterwasserdetektiv, der sich um Kredithaie und haschsüchtige Hummer kümmert, die Perlen aus Muscheln klauen, um ihre Sucht zu finanzieren. Auf der Stage fanden sich zu diesem Zweck extra riesige Hai-; Hummer-, Seestern- und Oktopus-Figuren ein und das Auditorium erhielt den ausdrücklichen Auftrag, das Geschehen zu filmen und online zu stellen. Für „Phase“ nahm Olli erneut ein Bad in der Menge, um wenig später zu erläutern, wie es wäre, wenn er sich aus lauter Liebe in ein Auto verwandeln würde. Die geliebte Person müsste auf jeden Fall nie mehr tanken, weil die Karre nur von der Liebe angetrieben würde. Allerdings würde er dann aus Sorge auch schon mal hupen, wenn die Nacht in fremden Betten verbracht würde. Diese Überlegungen mündeten schließlich im fulminanten „Wenn die Music nicht so laut wär‘“ vom 2006er „Warten auf den Bumerang“, bei dem gleich einmal „Skandal im Sperrbezirk“ von der SPIDER MURPHY GANG auf Bielefeld umgedichtet wurde und auch die Bandvorstellung in musikalischer Form vonstattenging. Neben NENAs „99 Luftballons“ und JOACHIM WITTs „Goldener Reiter“ wurde etwa MARKUS‘ „Ich will Spaß“ mit der Zeile „Sie will Spaß, sie spielt Bass“ für Isa umgedichtet.

Damit endete dann auch um 22:15 Uhr das reguläre Set ziemlich ausgelassen, aber das konnte es ja noch nicht gewesen sein und so kehrte OLLI SCHULZ wenig später allein mit seiner Akustikgitarre ins Rampenlicht zurück und performte „Koks & Nutten“ – ein Lied, das er eigentlich nie live spielt und das allen gewidmet war, die trotz ihres Talents im Showgeschäft irgendwie unter die Räder gekommen sind. Für den „Phosphormann“ kehrte die restliche Mannschaft an ihre Plätze zurück und gemeinsam ließ man es noch einmal ordentlich krachen, bevor es vor dem großen Backdrop mit dem aktuellen Albumcover ziemlich voll wurde. Olli rief nämlich zur großen Kissenschlacht, an der auch Petter von ALBERTA CROSS, der Sänger und Autor RASMUS ENGLER, diverse Crew-Mitglieder und der Bielefelder Cartoonist Ralph Ruthe teilnahmen. Eigentlich hätte auch Sebastian Krumbiegel hier in Aktion treten können, denn der PRINZEN-Sänger hatte sich zum Tourauftakt ebenfalls im Lokschuppen eingefunden. Die Kissenschlacht griff selbstverständlich auch auf die Crowd über und sorgte für viel Heiterkeit, ehe der Gig mit dem beschwingten „Wenn die Sonne wieder scheint“ und Luftschlangen-Fontänen seinen vergnüglichen Abschluss fand und die OLLI-SCHULZ-Anhängerschaft in die erstaunlich laue Freitagnacht entlassen wurde. So lässt sich ins Wochenende starten!

Setlist OLLI SCHULZ

  • So muss es beginnen
  • Falsch erzählt
  • Hamse nicht
  • Passt schon!
  • Schrecklich schöne Welt
  • Bessere Version
  • So schreibt man seinen Song
  • Stadtfest in Bonn
  • Als Musik noch richtig groß war
  • Silvester
  • Spielerfrau
  • Einfach so
  • Der Moment
  • Kommissar Ärmchen
  • Phase
  • Wenn die Music nicht so laut wär‘
  • Koks & Nutten
  • Phosphormann
  • Wenn es gut ist
  • Wenn die Sonne wieder scheint

Copyright Fotos: Jörg Rambow

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu ALBERTA CROSS auf terrorverlag.com

Mehr zu OLLI SCHULZ auf terrorverlag.com