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OLLI SCHULZ – GISBERT ZU KNYPHAUSEN

Ort: Osnabrück - Glanz & Gloria

Datum: 29.03.2008

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass OLLI SCHULZ zusammen mit WALTER SCHREIFELS in Osnabrück war. Damals spielte man in der rappelvollen Kleinen Freiheit, heute gastierte Olli mit GISBERT ZU KNYPHAUSEN im Glanz & Gloria, das nicht weniger gut gefüllt war. Während sich tagsüber langsam der Frühling ankündigte, herrschten im Keller unter dem ehemaligen Kreishaus bereits subtropische Temperaturen.

Da seine Band DER HUND MARIE im Moment verhindert ist, hatte der Wahlberliner sich zu seiner Solo-Tour verschiedene Gäste eingeladen. Seit einer Woche begleitete ihn nun schon der Winzersohn GISBERT ZU KNYPHAUSEN, den es aus dem beschaulichen Rheingau in die weite Welt und aktuell nach Hamburg verschlagen hat. Wie man hörte, klappte der Touralltag gut, bis auf das Bett wurde alles brüderlich geteilt und anders als sonst bei Supports üblich, spielte Gisbert nicht in der ersten halben Stunde seine Stücke, sondern wechselten sich die beiden Akteure ab. Damit es dem jeweils Pausierenden nicht zu unbequem wurde, standen gleich drei Sessel auf der Bühne, wobei der linke (inklusive Tischchen mit Bier) zunächst von Olli in Beschlag genommen wurde, da am heutigen Abend Gisbert beginnen durfte. Der hatte um 21.20 Uhr „Gute Nachrichten“ zu vermelden, die nur mit der Akustikgitarre vorgetragen wurden. Nach diesem getragenen Start ging es mit „Erwischt“ wunderbar schrammelnd weiter, wobei GISBERT ZU KNYPHAUSEN (der Gute betonte ausdrücklich, dass dies sein richtiger Name sei und er auch nicht wisse, was sich seine Eltern dabei gedacht hätten) eindeutig eher eine melancholische Ader hat, die auch bei „Spieglein Spieglein“ wieder deutlich zu Tage trat.

Nun sollte es jedoch erst einmal temporeich zur Sache gehen, da Olli das Mikro übernahm und mit „Dann schlägt dein Herz“ gleich einen Publikumsliebling spielte, den ich beim Osnabrück-Gig im vergangenen Jahr schmerzlich vermisst hatte. Was wären OLLI-SCHULZ-Konzerte ohne seine Anekdoten zwischen den Songs? Richtig! Sie wären nur die Hälfte wert! Entsprechend groß war auch das Interesse des Auditoriums, von den unterschiedlichen Publikumstypen in den verschiedenen Städten zu hören. In Gütersloh waren die Zuschauer tags zuvor wohl mucksmäuschenstill und verfolgen gebannt dem Treiben auf der Stage (besonders bei Gisberts eher ruhigen Passagen störte der Lärmpegel im Glanz & Gloria tatsächlich ein wenig) und in Erlangen kam so wenig Reaktion vom Publikum, dass Olli sich zwischendurch der Vitalfunktionen vergewisserte (die Erlanger Zurückhaltung lag aber nur darin begründet, dass es dort keinen Fußballverein gibt). Nicht so toll war anscheinend der Auftritt in Rostock. Olli war sich sicher, dass dort Steine zum Frühstück gegessen wurden und zeigte sich einigermaßen genervt von den Kommentaren mancher Rostocker Zuschauer. Der Abend in Magdeburg war dafür wieder toll, wenngleich Herr Schulz ein Problem mit der ostdeutschen FKK-Kultur zu haben scheint. Seine Schilderung eines Badeseebesuches fand deutliche Worte und auch das Saunieren ist ganz offensichtlich nicht sein Ding. Die wahre Geschichte, wie er an einem Mittwoch (Seniorentag) seinen ersten und wahrscheinlich auch letzten Saunabesuch erlebt hat, hat er in dem Song „Aufguss in Langwitz“ verarbeitet, den er sehr zur Freude seiner Zuhörerschaft zu Gehör brachte. Deutschrock und Rapper wie BUSHIDO, SIDO oder ASSAD waren Thema beim „Song ohne Grund“. Die Rapper haben nämlich eingesehen, dass Olli die fetteren Reime macht und wollen uns jetzt mit ihrem Müll verschonen. Außerdem hat Olli hat mit diesem Lied, das er bislang auf jedem seiner Konzerte gespielt hat, den Beweis angetreten, dass Bands wie TOKIO HOTEL, JULI, RAMMSTEIN oder BAP irgendwie alle nur bei ihm geklaut haben. Mit „Rückspiegel“ vom aktuellen Album „Warten auf den Bumerang“ zeigte sich der gebürtige Hamburger von einer etwas ernsteren Seite.

Eine gute Überleitung zu Gisbert, der mit „Sommertag“ sogar ziemlich viel Drive bewies. Entsprechend wurden auch die Gitarrensaiten in Mitleidenschaft gezogen, so dass Olli loszog, um für alle Fälle Ersatzsaiten parat zu haben. Ein kluger Gedanke, denn schon beim folgenden „So seltsam durch die Nacht“ war’s passiert. Da Olli kein großer Held im Saiteneinfädeln ist, passte es gut, dass sich im Auditorium auch Gunnar Ennen befand, der in der Nähe von Bielfeld lebt und in Gisberts Band ebenfalls für die Langaxt nebst Tasteninstrumenten zuständig ist und diesen Job fix übernahm. Da er schon mal auf der Stage war, bot sich natürlich ein Duett an, was mit „Neues Jahr“ sehr hörenswert ausfiel, da besonders das Zusammenspiel der beiden Gitarren eine Menge hergab, was von den Osnabrückern mit viel Applaus bedacht wurde.

Damit war wieder Olli am Zug, der übrigens erst seit einem dreiviertel Jahr Internet hat und eigentlich am liebsten DVDs schaut. Nix interessantes, wildes Künstlerleben, was seine Ex auch veranlasste Schluss zu machen. Er ist halt ein „Bettmensch“ – nach mehreren Staffeln „Lost“ mit dem Bett verwachsen und entsprechend halb Mensch und halb Bett. Und wer hätte gedacht, dass Ollis Mutter für den Refrain von „Wenn die Music nicht so laut wär“ verantwortlich ist? Tja, so kann’s kommen, wenn man jugendlicher Metalfan ist und Mama so richtig nix mit der Mucke anfangen kann… Mit „Weil die Zeit sich so beeilt“ gab es auch von Olli noch mal nachdenklichen Stoff – natürlich auch ein Song für eine Verflossene, der bereits 2003 auf dem Debüt „Brichst du mir das Herz, dann brech’ ich dir die Beine“ erschienen ist. Wie es aussieht, sollte man nicht mit den Gefühlen des Barden spielen, könnte schmerzhaft werden. Außerdem ist er eh kein Typ für eine Nacht und will erobert werden, wie wir erfahren durften. Erfreulicherweise wird es von OLLI SCHULZ UND DER HUND MARIE (Max Schröder) in absehbarer Zeit neue Konservenkost geben. Die Herrschaften haben sich nämlich mehrerer Stücke der inzwischen aufgelösten Punkband RAZZIA angenommen, von denen es im Glanz & Gloria „Kaiserwetter“ zu hören gab. Ein weiterer melancholischer Ausflug in die unendlichen Beziehungsgefilde folgte mit „Schon lange was defekt“, dann durfte zu „Unten mit dem King“ wieder gerockt werden. Im Anschluss musste Gisbert mit Entsetzen feststellen, dass Olli mit ihm duschen wollte, da er sich wie ein kleiner Bär fühlte, der im Sommer noch sein Winterfell trägt. Man konnte sich einigen, auf die gemeinsame Dusche zu verzichten, stattdessen wurde das Publikum beim kommenden Sommerhit der Saison 2008 in die Pflicht genommen. „Mach den Bibo“ wird man in diesem Jahr allenthalben singen und entsprechende Bewegungen vollführen. Damit will Olli seine erste Million machen und konnte zumindest die Hasestädter begeistern, auch wenn ein junger Herr in der ersten Reihe erst noch eine extra Aufforderung benötigte. Inzwischen war es fast 23.00 Uhr und es war Swingtime angesagt. Gemeinsam performten Olli und Gisbert „Was macht man bloß mit diesem Jungen?“, um sich so von den Fans zu verabschieden. Die dachten aber noch gar nicht an Abschied und riefen nach Verlängerung.

Sollten sie natürlich auch bekommen, den Anfang machte Gisbert, der diesmal mit dem ELEMENT OF CRIME-Song „Wer ich wirklich bin“ startete und seinen „Blues Nr. 135“ nachlegte. Auch Olli hatte noch einen Nachschlag in petto. „Der Moment“ wurde dabei der Crew (Gisbert und Faemke vom Merch-Stand) gewidmet, wohingegen „Nimm mein Mixtape, Babe“ einer Dame zugedacht war, die jetzt mit einem Idioten verheiratet ist und ein hässliches Kind hat – so kann’s gehen… Die letzten zwei Songs durften die Anwesenden bestimmen, die sich für „Kleine Meise, großes Herz“ entschieden, obwohl Olli hier nicht mehr ganz textsicher war und prompt noch eine weitere Saite riss. Ganz zum Schluss konnte sich „Die Ankunft der Marsianer“ gegen „Elefanten“ durchsetzen, wobei hier natürlich die Entstehungsgeschichte vom gelangweilten Kumpel nicht fehlen durfte, der dringend auf neue Produkte wartete, damit das Einkaufen wieder Spaß machte; den also nur noch Außerirdische wirklich bewegen würden.

Heiß war’s, eng war’s und mal wieder sehr amüsant und unterhaltsam. Olli bot erneut die besten Ansagen, die man sich nur wünschen kann und auch musikalisch überzeugen sowohl OLLI SCHULZ als auch GISBERT ZU KNYPHAUSEN, von dem Olli sagte, dass er ihm mit diesem Namen einfach zum eigenen doch eher platten Vor- und Zunamen gefehlt habe. Auch von Herrn ZU KNYPHAUSEN wird es bald einen Silberling geben, den ich Euch gern ans Herz lege. Bei OLLI SCHULZ reifen hingegen Überlegungen, zukünftig nur noch Verpackungen nebst Artwork zu liefern, in denen dann die gebrannten Rohlinge ihren Platz finden. Wir wollen hoffen, dass es so weit nicht kommen muss.

Setlist OLLI SCHULZ
Dann schlägt dein Herz
Wenn das Leben dich beißt
Saunaaufguss in Langwitz
Song ohne Grund
Rückspiegel
Bettmensch
Wenn die Music nicht so laut wär
Weil die Zeit sich so beeilt
Kaiserwetter (RAZZIA-Cover)
Schon lange was defekt
Unten mit dem King
Mach den Bibo
Was macht man bloß mit diesem Jungen?

Der Moment
Nimm mein Mixtape, Babe
Kleine Meise, großes Herz
Ankunft der Marsianer

Setlist GISBERT ZU KNYPHAUSEN
Gute Nachrichten
Erwischt
Der Blick in deinen Augen
Spieglein Spieglein
Flugangst
Sommertag
So seltsam durch die Nacht
Hurra, hurra! So nicht.
Neues Jahr

Wer ich wirklich bin (ELEMENT OF CRIME-Cover)
Verschwende deine Zeit (Gisberts Blues Nr. 135)

Copyright Fotos: Jan-Hendrik Kruse

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