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OLLI SCHULZ

Ort: München - Muffathalle

Datum: 21.02.2008

Nagel von MUFF POTTER hat es mit „Wo die wilden Maden graben“ getan und für TOMTE hat Hilmar Bender zum Stift bzw. zur Tastatur gegriffen. Die deutsche Indie-Musiker-Gilde schreibt heuer gern über den Touralltag, gleiches schwebt auch OLLI SCHULZ vor, der jedoch ganz neue Wege geht, was die Suche nach einem Verlag angeht. In fünf deutschen Großstädten stellt der Wahlberliner mit Hamburger Wurzeln seinen Fans und einem jeweils wechselnden Lektor Geschichten aus seiner Zeit als Roadie und Plattenverkäufer vor – und natürlich nicht zu vergessen auch den zahlreichen Medienvertreter im Publikum. Ganz offensichtlich war das Interesse groß an der Kombination aus Lesung und Konzert, die sich hinter dem Titel „Lesen und Singen mit OLLI SCHULZ“ verbarg. In München sollte die Veranstaltung eigentlich im Cafe des Muffatwerkes stattfinden, aufgrund des regen Zuspruchs wurde jedoch die große Halle bestuhlt, die sich auch mit rund 400 Zuschauern weitestgehend gefüllt hatte.

Pünktlich um 21.00 Uhr startete Olli mit einem grandiosen Video. Zum Song „Roadie“ von PETER MAFFAY sah man den Protagonisten des Abends in unsäglichem Lederkutten- & kurze Jeanshosen-Outfit als Roadie schuften, ein gelungener Einstieg, den sich der interessierte Leser in Auszügen auf Ollis Homepage anschauen kann. Schnell die Kippe ausdrücken, dann betrat OLLI SCHULZ die Bühne, auf der zwei Tische samt Stühlen parat standen. Der größere natürlich für den Chef himself, der kleinere für Rasmus Engler, der an diesem Donnerstag als Lektor fungierte, während einen Tag später in Berlin Harry Rowohlt (dem ein oder anderen vielleicht auch aus der Lindenstraße bekannt) diese Funktion übernehmen würde. Tags zuvor war Olli in Frankfurt, wo man ihm doch tatsächlich das Manuskript geklaut hatte, was der Autor äußerst asozial fand und entsprechend kommentierte. So bekamen wir eine andere Story aus Ollis Roadie- bzw. genauer gesagt Stagehand-Zeit zu hören, die sich 1996 in Güstrow/Mecklenburg-Vorpommern zugetragen hat. Während Olli auf Punk stand, regierte in den Charts der Eurodance, der auf einem NDR-Festival in Meck-Pomm zelebriert werden sollte, bei dem er einen Job angenommen hatte. Als sei dieses musikalische Genre nicht schon schlimm genug, folgte am zweiten Festivaltag ein Schlageroverkill, alles in allem ein guter Grund für die Überschrift „Kein Rock’N’Roll in Güstrow“. Auf äußerst unterhaltsame Weise schilderte Olli, was sich im wilden Osten abgespielt hatte, wobei sich Engler Notizen machte, zwischendurch auch mal Fragen zum Text stellte oder Olli sich bei ihm Expertentipps holte. Wir wissen jetzt, dass Ordner im Bühnengraben sich kurz vor dem Beginn eines BACKSTREET BOYS-Konzertes, dem 8.000 minderjährige Mädels entgegenfiebern, ähnlich fühlen wie die Alliierten vor der Landung in der Normandie. Außerdem gibt es unter den Security-Leuten eine „Scheiße-Theorie“, die mit der erlösenden Spannung zu tun hat, die sich bei den völlig überdrehten und hysterischen Fans breit macht, wenn ihre Stars die Bühne betreten. Ich will das an dieser Stelle mal nicht näher ausführen. Bevor der Hauptact des Vollplayback-Popspektakels (BACKSTREET BOYS) jedoch die Stage entern konnte, mussten alle Kameras im Publikum eingesammelt werden. Ein böser Patzer in der Logistik, der jedoch relativ schnell behoben werden konnte und dazu führte, dass unzählige ostdeutsche Teenager die Genitalien von Ricky, Markus und Peter zu sehen bekamen als sie ihre Filme vom Entwickeln abholten. Die Securities hatten sich einen Spaß erlaubt und ihre Schwänze mit zig konfiszierten Pocketkameras fotografiert. Ich muss zugeben, wirklich eine amüsante Vorstellung. Dass die zahlreichen Liebesbriefe an die BACKSTREET BOYS, die Olli während seiner Nachtschicht auf der zu bewachenden Bühne in einem Meer von Kuscheltieren („Friedhof der Kuscheltiere“) zu lesen bekam, ebenfalls sehr unterhaltsam waren, will ich auch sofort glauben. Nicht minder kurzweilig war die erste Stunde in der Muffathalle vergangen, doch Olli hatte noch schockierende Enthüllungen zu machen. Die 400 Seiten Rock ’N’ Roll, die er zu Papier gebracht hat, sind nämlich entstanden, nachdem er zwei Jahre lang als Geisel in Horseworld gelebt hatte. Horseworld ist ein 30 Meter tiefer Brunnen auf der Hamburger Trabrennbahn, in den die Pferdebesitzer ihre Traber lebendig geworfen haben, wenn sie nicht mehr die gewünschte Leistung brachten. Dort unten haben sich die Gäule eine eigene Welt mit Crepes-Ständen, Geldautomaten und Bierzelten geschaffen und dort ist auch immer noch Ollis böser Geist. Rasmus Engler – Enthüllungsjournalist durch und durch – hat sich auf die Suche nach diesem Brunnen gemacht, was mit einem entsprechenden Video eindrucksvoll belegt wurde, bevor es um 22.10 Uhr in die Pause ging.

Die fiel doppelt so lang aus, wie eigentlich angekündigt, da es Probleme mit verstopften Klos gab, doch dann konnte Olli um 22.40 Uhr mit seinem musikalischen Best of-Programm, das er chronologisch und individuell auf den Charakter seines Publikums zusammengestellt hatte, loslegen. Bekanntermaßen hatte er seine Band und den Hund Marie (MAX SCHRÖDER) zuhause gelassen, also startete Herr Schulz allein mit seiner Akustikgitarre bewaffnet und dem „Song ohne Grund“ von seinem 2003-er Debüt „Brichst du mir das Herz, brech’ ich dir die Beine“. Seine „derben Reime“ sind übrigens auch der Grund, weshalb ASSAD, BUSHIDO und SIDO nicht mehr rappen wollen. Wenn’s doch nur so wäre… Das Auditorium war auf jeden Fall begeistern von dem Lied, in dem auch noch BAP, HERBERT GRÖNEMEYER, JULI, KLAUS LAGE und SILBERMOND ihr Deutschrock-Fett wegbekamen. „Backstage-Baby“ hatte Olli eigentlich für PETER MAFFAY geschrieben: Ein Porno-Rocksong, der auf exzessive Vorkommnisse backstage bei einem BIBBY MC BENSON-Gig (Ollis alter ego) beruht und für alle unfassbar vom arroganten Herrn Maffay abgelehnt wurde. Beim folgenden „Rock’N’Roll Livestyle“ ging Olli mit der Konformität in der Rock-Welt hart ins Gericht, bevor der „Ossi-Flüsterer“ (Olli über Ollis vermittelnden Einsatz bei besagtem Festival) sich als „Bettmensch“ outete. Mit diesem Track vom „Beigen Album“ sang der bekennende „24“-, „Lost“- und Sopranos“-ganze-Staffeln-auf-einmal-Seher eine Hymne auf seine eigene Person, um sich anschließend der Verwahrlosung des Menschen anzunehmen. Dafür war das treibende „Dann schlägt dein Herz“ bestens geeignet. Bis hierher ging es eher munter zur Sache, doch „Rückspiegel“ von der aktuellen „Bumerang“ brachte eine nachdenkliche Note ins Spiel. Wie es klingt, wenn Alt-Punks zu Indie-Rockern werden und eine akustische Gitarre in der Hand haben, bekamen wir mit dem RAZZIA-Cover „Kaiserwetter“ zu hören. Mehr davon wird es übrigens im April auf Vinyl geben. MAX SCHRÖDER und OLLI SCHULZ haben eine EP mit RAZZIA-Neuinterpretierungen gemacht, von der wir einen kleinen Vorgeschmack bekamen. Nicht gut zu sprechen war der großgewachsene Musiker auf seinen Kollegen Brian Molko von PLACEBO, der sich beim Hurricane 1998 hinter der Bühne von einer recht arroganten Seite gezeigt haben muss. Dafür wurde Molko, der Haarausfall hat und sich wie ALANIS MORISSETTE schminkt, von Olli auch mit einem Fluch belegt. Weitaus entspannter waren da die kanadischen WEAKERTHANS, die ihm eine gewisse Nachlässigkeit seiner Fahrer- und Merchandisingtätigkeit nachsahen als sie erfuhren, dass der Grund für dieses Verhalten in seiner Wahl zum „Human of The Week“ lag. Der Song mit wildem englischen Text wurde heftig beklatscht und gefolgt von der Frage, ob es wirklich sein könne, dass heutzutage alle depressiv seien und einen Psychiater benötigten. Bei Opa Herbert Schulz, der auf dem Hamburger Fischmarkt als Händler stand, gleichzeitig aber auch Südsee-Perlen nach Ami-Land verkaufte und von seinen dortigen Kunden nur „Pearl Herbert“ genannt wurde, gab’s so was jedenfalls nicht und die Hauptperson in „Was macht man bloß mit diesem Jungen?“ fand in der Liebe Erlösung von allzu trüben Gedanken. „Elefanten“ thematisierte wenig später eine Beziehung, die schon lang nicht mehr funktioniert, bevor „Die Ankunft der Marsianer“ näher rückte. Den Song hatte er für einen Kumpel geschrieben, der so gelangweilt vom Einkaufen war, dass er dringend auf neue Produkte wartete, die wieder richtig Spaß machen. Die Anwesenden hatten zweifelsohne richtig Spaß an der Show, die sich leider gegen 23.40 Uhr dem Ende zuneigte. Eine Zugabe gab es jedoch noch. Das Publikum durfte sich was wünschen und sogar Anfragen nach Songs, die es noch gar nicht gibt, wurden erfüllt. „Der Rumäne“ ist nämlich nicht in Ollis Repertoire, in Windeseile bastelte er jedoch sehr zur Freude der Zuschauer einen sinnentleerten Text zusammen, dann kam mit „Nimm mein Mixtape, Babe“ tatsächlich das letzte Stück eines kurzweiligen Abends.

Auch wenn (oder gerade weil) Ollis Lesevortrag sicherlich ob der atemberaubenden Geschwindigkeit nicht der Norm entsprach, fesselte seine Geschichte die Münchner von der ersten bis zur letzten Minute. Ich hege keinen Zweifel, dass Herr Schulz auch einen Verlag für „Horseworld“ finden wird und freue mich schon jetzt auf die kompletten 400 Seiten. Der zweite, musikalische Teil war nicht weniger unterhaltsam, zumal auch hier kleine Anekdoten nicht fehlen durften und die Musik auch in der akustischen Variante ohne Band und den Hund Marie zu überzeugen weiß. Ab März ist OLLI SCHULZ übrigens auch mit einem Best of seiner Songs und sicher auch vielen Geschichten in der Republik unterwegs, bevor dann im Herbst das neue und vierte OLLI SCHULZ & DER HUND MARIE-Album erscheinen soll.

Setlist
Song ohne Grund
Backstage-Baby
Rock’N’Roll Lifestyle
Bettmensch
Dann schlägt dein Herz
Rückspiegel
Kaiserwetter (RAZZIA-Cover)
Human of The Week
Was macht man bloß mit diesem Jungen?
Elefanten
Die Ankunft der Marsianer

Nimm mein Mixtape, Babe

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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