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OLLI SCHULZ – WINSON

Ort: Hamburg - Grünspan

Datum: 01.05.2009

Maifeiertag, strahlender Sonnenschein und womöglich die letzte Gelegenheit OLLI SCHULZ in diesem Jahr bei einem Clubkonzert zu sehen. Gleich drei Gründe für einen Besuch in der Freien und Hansestadt Hamburg, sodass ich kurzentschlossen in einen Bummelzug stieg, um den Wonnemonat an der Waterkant zu beginnen. Vor 14 Tagen hatte ich bereits das Vergnügen, OLLI SCHULZ mitsamt seiner Begleitband HOME OF THE LAME live im Osnabrücker Rosenhof zu erleben, ich hatte also schon eine Vorstellung, was mich im mit 800 Zuschauern ausverkauften Grünspan erwarten würde. Allerdings hatte Olli als gebürtiger Hamburger mit momentanen Wohnsitz in Berlin bei den Hanseaten ein Heimspiel und einer schönen Tradition folgend, enden seine Tourneen stets auch „zu Hause“. Außerdem war der Support ein anderer: Während in der ersten Woche mit LEE BUDDAH getourt wurde, war im zweiten Teil WINSON mit von der Partie.

Der begann den Abend dann auch kurz nach 20.00 Uhr mit Fotos vom Publikum und dem Verschenken einer Luftgitarre, bevor es mit Musik losging, die mal von WINSONs akustischer Gitarre, meistens jedoch von seiner „Band in a Box“ produziert wurde. Nach einem ruhigen Start mit „Liebesspieler“ und „Liebeskummer is’ Luxus“, lebte Marcus WINSON seine leicht hyperaktive Ader aus, indem er atemlos zu seinen knackigen Computer-Beats über die Bühne fegte, was bei den Jungs von HOME OF THE LAME, die am Bühnenrand das Geschehen beobachteten, zu großer Heiterkeit führte. Übrigens haben die beiden Wahlberliner OLLI SCHULZ und WINSON schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet. Nicht nur, dass Olli für „Discomädchen“ eine Textzeile beigesteuert hat, auf dem 2006er-Album „Frag die richtigen Leute!“ gibt er bei „45mal/Minute“ den ebenso nörgelnden wie schmierigen Labelmann – eine Figur, die wahrscheinlich beide häufiger in natura erlebt haben. Höhepunkt des halbstündigen Auftritts war natürlich „Wovon lebt eigentlich Peter?“. Der im Berliner Jargon gesungene 2004er Indie-Hit vom Debütalbum „So sah die Zukunft aus“ wurde umgehend mitgeklatscht, während die Hamburger ansonsten ihre Kräfte ob der saunaähnlichen Temperaturen im Grünspan eher schonten und es bei freundlichem Klatschen beließen, wobei vereinzelte Zugaberufe schon zu hören waren, als WINSON als letzten Song eine vollelektronische Version von „Liebesspieler“ ankündigte. Durchaus ein launiger Auftakt!

Setlist WINSON
Liebesspieler
Liebeskummer is’ Luxus
Frag die Richtigen
Discomädchen
Was soll ich sonst tun?
Wovon lebt eigentlich Peter?
Liebesspieler (Electro-Mix)

Eine knappe halbe Stunde später war dann die Zeit fürs große Tourfinale gekommen. Von der ersten Minute an fraß das junge Indie-Publikum Olli aus der Hand und so wurde im Span mit einem musikalischen Rundumschlag die OLLI-SCHULZ-Diskografie abgefeiert. Erster Höhepunkt diesbezüglich war zweifelsohne „Dann schlägt dein Herz“ vom „Beigen Album“, das 2005 erschienen ist und nach wie vor nicht nur zu meinen Favoriten zählt. Nachdem Max Schröder aka DER HUND MARIE bei TOMTE so eingespannt ist, dass er nicht mehr mit OLLI SCHULZ spielen kann, tat sich einen neue Kooperation mit einem weiteren Schützling des Labels GRAND HOTEL VAN CLEEF auf, bei dem Olli seine ersten Platten veröffentlicht hat und dessen Mitbegründer Marcus Wiebusch (KETTCAR) ebenfalls zugegen war. Die Rede ist selbstverständlich von HOME OF THE LAME, die 2008 bereits mit Olli auf Lesetour waren. HOTL-Fronter Felix Gebhardt musste im Vorfeld noch den typischen OLLI-SCHULZ-Anschlag üben, den der Gitarrenvirtuose inzwischen nach Ollis Bekunden fehlerfrei beherrscht, darüber allerdings das Rasieren vergaß. Wie das Auditorium erfahren durfte, ist dieser Anschlag eigentlich nur entstanden, weil Ollis Fähigkeiten am Sechssaiter limitiert waren, inzwischen aber zu einem Trademark geworden ist, der auf keiner Platte fehlen darf. Als Beweis gab es umgehend „Wenn die Music nicht so laut wär’“ vom 2006er „Warten auf den Bumerang“, bevor es mit dem gleichsam melancholischen wie beschwingten „Weil die Zeit sich so beeilt“ vom ersten Longplayer „Brichst du mir das Herz, dann brech’ ich dir die Beine“ weiterging. Das Trennunglied, wurde von Felix auf der Mundharmonika und Drummer Christian Hake („Mr. Oktopus“ – O-Ton Olli)am Tamburin begleitet, während die Fans kräftig mitsangen, dann aber vom selbsternannten „deutschen Gentleman des Heroinrocks“ aufgefordert wurden, auf die obligatorische Frage, ob sie gut drauf seien, zukünftig nur noch mit einem knappen „Nö“ zu antworten. Insbesondere bei Konzerten der GUANO APES sei dies zu beachten, da dort die Floskel anscheinend bei jedem Song gebracht wird, wie Olli aus seiner früheren Tätigkeit als Stagehand zu berichten wusste. Weshalb bei „Ewig leben“ längere Zeit das Textfragment „Spring doch“ gespielt wurde, schien sich den Hamburgern erst ziemlich spät zu erschließen, zu guter Letzt hüpfte dann aber doch ein großer Teil des Grünspans, was WINSON im Übrigen schon während des gesamten Gigs im Off am Bühnenrand tat. Offensichtlich ist Olli der Fragen nach seinem Auftritt bei Stefan Raab mit seiner Bibo-Nummer inzwischen überdrüssig. Erstens wurde der Song „Mach den Bibo“ trotz entsprechender Bitten aus dem Auditorium nicht gespielt und zweitens geht der großgewachsene Singer-/Songwriter inzwischen zum Gegenangriff über, indem er erklärte, dass es als nächstes von ihm ein Konzeptalbum zum Thema „Der Adler ist gelandet“ gibt, das ausführlich erklären soll, wie es an der Spitze des Rock ’N’ Roll-Biz ist und was er mit der vielen Kohle macht, die er verdient. Der erste Track der Langrille mit dem bezeichnenden Namen „Lonely At The Top“ ist bereits fertig und wurde als erste Zugabe von Olli allein und mit einem Augenzwinkern performt. Zuvor erzählte er jedoch noch von verschiedenen Geschehnissen in anderen Konzertstädten, wobei natürlich die Geschichte aus Regensburg und dem Lied über einen Rumänen nicht fehlen durfte. Genauso wie die BUSHIDO-Story und die These, dass OLLI SCHULZ mit seiner Mucke die deutsche Rockmusik revolutioniert hat. Als Beweis gab es den Klassiker „Song ohne Grund“, der u.a. TOKIO HOTEL, SILBERMOND, MIA, POLARKREIS 18, TOMTE, HERBERT GRÖNEMEYER, KLAUS LAGE, BAP und WESTERNHAGEN verwurstete und immer wieder mit Begeisterung aufgenommen wird. Nicht ganz so angetan war man wohl in Dresden von Ollis Textänderung „Du bist wohl bei der Stasi“ bei seiner aktuellen Single „Geheimdienst“, die bisweilen die Kritiker trennt, mir jedoch sowohl live als auch als Konserve ausnehmend gut gefällt. Des Herren Komponisten Lieblingsstück der aktuellen Langrille „Es brennt so schön“ ist hingegen „So lange einsam“, was deshalb natürlich nicht fehlen durfte und bei dem Olli-Intimus Felix Gebhard ( der einzige neben dem Olli nach eigener Aussage auf einem Autobahnklo kacken kann) an der Gitarre wirklich alles gab. Es folgte eine humorige Bandvorstellung, bei der neben Gitarrist und Keyboarder Marcus Schneider Bassist Alexander Böll als fleischgewordener Mädchenschwarm mit dem Spitznamen „Sweet Sixteen“ vorgestellt wurde und das groovige RAZZIA-Cover „Kaiserwetter“ sowie der sprichwörtliche Schulz-Spagat beim swingenden „Was macht man bloß mit diesem Jungen“, zu dem sich der Hauptprotagonist des Abends in bester BRUCE-SPRINGSTEEN-Manier eine Dame zum Tanzen auf die Stage holte. Nach etwa 90 Minuten beendete der schnellste deutsche Countrysong „Die Ankunft der Marsianer“ das reguläre Set mit viel Wumms, aber natürlich gab’s noch einen Nachschlag, schließlich ist es eine schöne Gewohnheit, dass sich zum Schluss die Zuschauer noch ein Lied wünschen dürfen, was auf St. Pauli „Elefanten“ wurde – wie üblich textsicher von der Indie-Fangemeinde mitgesungen, auch wenn Herr Schulz einmal mehr ziemlich ungehalten auf einen Quatscher im hinteren Teil der Veranstaltung reagierte, der konsequent auch dann redete, wenn Olli seine Ansagen machte. Der guten Stimmung tat dies letztlich keinen Abbruch und so gab es mit „Bloß Freunde“ und „Rückspiegel“ zwei ruhige Stücke, um mit „Wenn die Sonne wieder scheint“, die Band für den abschließenden Paukenschlag wieder auf die Bühne zurückzuholen.

Wer wollte, konnte im Anschluss noch der Classicrock-Disco lauschen, für die auch Olli einige CDs aus seinem Fundus mitgebracht hatte, immerhin hat er in dem Laden vor einigen Jahren regelmäßig aufgelegt, was mit ein Grund dafür war, dass die letzte Tourstätte das Grünspan wurde. Die Mehrzahl der Anwesenden musste allerdings zunächst einmal etwas frische Luft schnappen, bevor dem Feiertag im Weiteren alle Ehre gemacht werden konnte. Mit dem wieder einmal gelungenen OLLI-SCHULZ-Gig war auf jeden Fall der perfekte Grundstein gelegt, auch wenn ich das Konzert in Osnabrück noch eine Idee rockiger in Erinnerung hatte und gar nicht zu verhindern war, dass sich in der Kürze der Zeit einige Sprüche wiederholt haben. Also nutze auch ich die Gelegenheit und erkundete das Nachtleben auf dem Kiez bis die letzten Läden zumachten und die Sonne wieder aufging. Wer übrigens in Hamburg eine 3-4-Zimmer-Wohnung weiß, möge sich bitte bei OLLI SCHULZ melden. Der Musiker will nämlich in die alte Heimat zurückkehren und braucht noch eine neue Bleibe sowie ein Rudel Sprayer, die ihm die neue Hafen-City zusprühen – in Hamburgs neuem Vorzeige-Stadtteil scheint er wohl nicht wohnen zu wollen. Außerdem gibt es OLLI SCHULZ im Sommer noch auf einigen Festivals zu sehen und im Herbst soll es auf N3 eine Musiksendung mit ihm geben. Wenn es nach mir geht, macht er die zusammen mit INA MÜLLER, aber mich fragt ja keiner…

Setlist OLLI SCHULZ
Wenn das Leben dich beißt
All You Can Eat
Ab jetzt tut’s mir nur noch weh
Dann schlägt dein Herz
Wenn die Music nicht so laut wär’
Weil die Zeit sich so beeilt
Wie sie
Ewig leben
So lange einsam
Kaiserwetter (RAZZIA-Cover)
Was macht man bloß mit diesem Jungen?
Geheimdienst
Isabell
Song ohne Grund
Die Ankunft der Marsianer

Lonely At The Top
Elefanten
Bloß Freunde
Rückspiegel
Wenn die Sonne wieder scheint

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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