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OMD – VILE ELECTRODES

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 22.05.2013

Schon 2010 war das Orchestral Manoeuvres in the Dark – kurz OMD – nach vielen Jahren wieder aus dem Dornröschenschlaf erwacht und dieses Jahr haben die Herren McCluskey und Paul Humphreys mit der CD „English Electric“ nochmals nachgelegt. Die Ü40-Gemeinde war indes sicherlich eher der alten Hits wegen in den Ringlokschuppen gepilgert, darunter auch eine stattliche Anzahl Engländer (was sich mit dem sukzessiven Abzug der britischen Streitkräfte aus der Region bald sicherlich ändern wird). So schafften es OMD in den großen Saal, allerdings mit etwas vorgezogener Bühne und locker platzierten Barhockern und Stehtischen, so dass etwa 1000 Jünger dem Auftritt ihrer Synthiepop-Heroen beim Feierabendbierchen entgegen fieberten.

Die durften jedoch zunächst eine gute halbe Stunde dem Duo VILE ELECTRODES lauschen. Sängerin Anais Neon und Knöpfchendreher Martin Swan stammen ebenfalls von der Insel. Ihre Inspirationsquellen finden sich vornehmlich in den 80ern bei NEW ORDER oder eben OMD und da die beiden ein Faible für alte Synthesizer haben, lässt sich ihr Stil am ehesten als Retro-Elektro-Pop bezeichnen. Die Zwei nutzen derzeit die „English Electric“ Tour von OMD, um ihr in Kürze erscheinendes Longplayer-Debüt „The future trough a lens“ zu promoten, können jedoch schon auf ein paar EPs verweisen. Trotzdem durften die wenigsten aus dem Publikum bereits mit Titeln wie „Drowned cities“, „Proximity“ oder „Play with fire“ vertraut gewesen sein, aber Dank der großen Nähe zu OMD fand der Sound von VILE ELECTRODES gleich begeisterte Zuhörer. Wie im Netz auf zahlreichen Fotos zu bestaunen hat Sängerin Anais eine Schwäche für Latex und Fetischklamotten, passte sich an diesem Abend aber wohl dem Anlass an und präsentierte sich im langen Latexrock und Glitzeroberteil mit Kapuze eher gemäßigt. Mit 7 Songs demonstrierten VILE ELECTRODES ihre Bandbreite vom dunkleren Stampfer über verspielten Pop bis zum langsam verträumten „The last time“, wobei Anais ihre angenehme Stimme öfters in erstaunliche Höhen trieb. Die Beiden schafften an diesem Abend mühelos, was manch anderem Support schon verwehrt blieb: Die eher als stur geltenden Ostwestfalen zügig aufzutauen und Anais war nach eigenen Angaben mit der Resonanz (auch am Merchstand) mehr als zufrieden. Allen, denen die Musik von CLIENT zusagt aber auch Fans von KOSHEEN sei das Duo wärmsten ans Herz gelegt. Darüber hinaus könnten VILE ELECTRODES auch etwas Abwechslung auf die üblichen schwarzen Festivals bringen.

Um 21.30 Uhr betraten dann OMD in Urbesetzung die Bühne, zunächst Malcolm Holmes an den Drums und Martin Cooper an den Keys, später auch Paul Humphreys an weiteren Keys während eines Intros mit einer Art Flugzeug-Ansage. Doch der Aufforderung „Please remain seated“ kam nun kaum noch jemand nach, als letztlich Andy McCluskey vors Mikro trat und die Vier mit dem neuen Titel „Metroland“ ihr Set eröffneten. Andy machte im weißen Hemd dabei den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben, als er zwischen großer Schlagergestik seinen unnachahmlichen Tanzstil pflegte. Die Bühne war mit Backdrops aus verschiedenen langen Bahnen versehen, deren eine Seite in Anlehnung an die Covergestaltung mit langen Schwarz-Weiß-Balken versehen war. Die andere Seite diente den Abend lang titeldienlichen Videosequenzen. Von ganz neuem Futter ging es mit „Messages“ 33 Jahre zurück in die Anfangstage der Diskographie, was die eingefleischten Fans gleich zu großem Jubel antrieb. Auch an „Tesla Girl“ konnten sich viele noch erinnern, bevor OMD mit „Dresden“ ihre aktuelle Single präsentierten. „History of modern (Part 1)“ befindet sich auf dem 2010-Album gleichen Namens, reiht sich allerdings im Stil nahtlos ein und wurde als Aufforderung zum Tanz vom Publikum entsprechend angenommen, ehe Andy seinen Kollegen Paul als eigentlichen Star des Abends ansagte und ihm seinen Platz vorne am Mikro für „(Forever) live and die“ überließ. Im Zuge dieser Darbietung flog dann sogar Unterwäsche auf die Bühne, je oller, je doller, kann man da nur sagen…

Mit „If you leave“ (und einer 80er-typischen Saxophon-Einlage) folgte einer meiner Lieblings-OMD-Songs, was nicht zuletzt an der Verwendung für den Film „Pretty in pink“ liegt. Hiermit landeten OMD 1986 ihren einzigen großen Top-Ten-Hit in den USA. Für mich war seinerzeit Andrew McCarthy ein guter Grund, mir dieses (aus heutiger Sicht) belanglose Teeniefilmchen anzuschauen, heute noch viel bekannter ist jedoch der damalige „Duckie“-Darsteller John Cryer, ständig zu sehen als Loser in der Serie „Two and a half men“.
Nach dem neuen Song „Night Cafe“ war dann mit „Souvenir“ die Kuschelzeit im Ringlokschuppen angebrochen und Paul durfte noch mal ans Mikro. Das Kuscheln fand jedoch mit „Joan of Arc“ und „Maid of Orleans“ gleich wieder sein Ende, denn nun hieß es wieder Mitklatschen und Abfeiern. Andrew genoss sichtlich den frenetischen Applaus und ließ das spacige „Our systems“ vom aktuellen Album folgen. Während „Talking loud and clear“ und „Kissing the machine“ drehte er immer mehr auf, tanzte wie ein Derwisch über die Bühne und hielt so den Stimmungspegel, selbst wenn das Publikum bei den neuen Stücken nicht so textsicher mitsingen konnte. Das änderte sich dann wieder schlagartig bei „Pandoras’ box“: „It’s a long, long way“ erschallte es aus 1000 Kehlen und nach „Sister Marie says“ wurden dann zum Ende des Sets mit „Locomotion“, „Sailing on the seven seas“ und schließlich „Enola Gay“ noch mal drei große Hits aus den Jahren 1983, 1991 und 1980 rausgehauen. Doch schon während OMD die Bühne verließen wurden erste Zugabenrufe laut und als das Quartett wenig später zurückkam, blieb Andys Frage „Schlafenszeit?“ rein rhetorisch. Für „Walking on the milky way“ durfte die Crowd noch mal kräftig „Hey, hey“ schmettern und mit den Armen wedeln, ehe OMD eine zufriedene Fanschar mit einem ihrer ersten Songs „Electricity“ in die viel zu kalte Mainacht entließen.

Wie nun schon einige Male in den letzten Jahren, waren wir Zeuge eines großartigen Comebacks einer weiteren 80er-Institution geworden, die doch eine umfangreichere Hitliste vorweisen konnte, als uns spontan in Erinnerung geblieben war. (Übereinstimmend konnten wir dabei feststellen, dass wir darunter einige gar nicht spontan mit OMD in Verbindung gebracht hatten). Unsere Wunschliste wird langsam kürzer, aber TALK TALK oder TEARS FOR FEARS stünden noch drauf…

Setlist OMD
Intro
Metroland
Messages
Tesla Girl
Dresden
History of Modern (Part 1)
(Forever) Live and die
If you leave
Night café
Souvenir
Joan of Arc
Maid of Orleans
Our system
Talking loud and clear
Kissing the machine
Pandoras’ box
Sister Marie says
Locomotion
Sailing on the seven seas
Enola Gay

Walking on the milky way
Electricity

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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