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ORANGE BLOSSOM SPECIAL 15

Ort: Beverungen – Glitterhouse-Garten

Datum: 10.06.2011 - 12.06.2011

Beverungen? Ist das nicht da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen? Oder zumindest dort, wo der Hase im Pfeffer liegt? Jedenfalls findet das fünfzehnte Orange Blossom Special im Namen des Hasen statt und zwar in etwa dort, wo der Hund erfroren ist. Der genaue Bezug zu Meister Lampe bleibt ungeklärt, aber jedes Festival kann ein Maskottchen gut gebrauchen, soviel steht mal fest. Das etwas verschlafene Beverungen im schönen Weserbergland beheimatet Glitterhouse Records, samt Vereinsheim, der Standort für ein Plattenlabel, welches sich dem Sammelbegriff Americana auf die Fahnen schrieb, um den Deutschen ein wenig Heimatkunde in Sachen populärer Folk/ Country/ Rock-Musik angedeihen zu lassen. Was als europäische Vertriebsstelle des nicht minder großartigen Sub Pop-Labels begann, beschert der deutschen Hörerschaft seit nunmehr fast zwanzig Jahren feinsten Alternative Country und einmal im Jahr gibt es eine kleine Werkschau mit befreundeten Musikern: Das Orange Blossom Special. „You’re at home baby“!

„Das beste kleine Open-Air Festival“ (Eigenwerbung) ist mit annähernd 2.000 Besuchern ausverkauft und für verspätet Anreisende, wie wir es sind, muss erst einmal ein Platz für ein elf Meter langes Vehikel aus Bulli und Wohnwagen gefunden werden. Hierbei müssen wir zum ersten Mal in drei Tagen mit Erstaunen feststellen, wie freundlich die Eingeborenen (die richtigen Beverunger) den Zugereisten begegnen und verhältnismäßig früh ist ein Stellplatz gefunden. Es wird noch viel obskurer, denn beim Einlass aufs Festivalgelände werden wir weder durchsucht noch sonstwie aufgehalten. So ganz ohne Security? Das muss man sich auch erst einmal trauen, geht aber gut, mehr als das, die Freundlichkeit der Veranstalter überträgt sich nahtlos auf die Musikbegeisterten und wenn Veranstalter Rembert Stiewe in einem Interview erwähnt, es hätte in der Geschichte des OBS nicht eine Schlägerei gegeben, darf dies ruhig geglaubt werden. (Ich möchte an dieser Stelle sicherheitshalber trotzdem bemerken, dass nicht jeder Sicherheitsdienstler per se übellaunig und in Pöbellaune ist, aber es gibt diese Klischees und an den meisten ist immer ein Körnchen Wahrheit.)

GOLDEN KANINE aus Malmö können wir aber noch mitnehmen und was sich dort unter dem Kronleuchter auf der im Vergleich winzigen Bühne abspielt, stimmt geradezu glückselig. Die Bläserfraktion aus Trompeten und Posaunen unterstützt den zeitweiligen Paargesang von Linus Lindvall und Andreas Olrog derart gekonnt, dass sich GET WELL SOON oder eine beruhigte Version von MUMFORD & SONS vorgestellt werden kann, dank des Banjos. Aber behalten wir lieber GET WELL SOON im Auge und stellen uns den etwas kauzigen Gesang FRISKA VILJORs um Joakim Sveningsson vor, dann sind wir nah dran. Nah dran am nahezu perfekten Auftritt, der dem ersten Tag in Beverungen gerecht wird. Es ist schön hier zu sein!
Der zweite Festivaltag ist von jeher der entspannteste; man ist angekommen, hat sich eingerichtet, bevor es zumeist am Sonntag schon wieder an die Aufräumarbeiten geht. Trotzdem ist 11 Uhr eine eher kuriose Zeit, um die erste Band auf die Bühne zu schicken, denn die meisten OBSler sind noch mit Frühstück und etwaigen Waschungen beschäftigt – die Dusche ein Schwimmbad und die Eier waren auch schon einmal hartgekochter. Da können die Norweger um WASHINGTON, die eigentlich aus Tromsø sind, natürlich nix dafür und zumindest frühstücken ließe sich im Glitterhouse-Garten ja auch. Aber gut die Hälfte der 2.000 Festivalgäste hat den Weg gefunden und so kann der Überraschungsgast des Wochenendes eine gute Stunde lang bei bestem Wetter ein Indie Folk-Kleinod nach dem Anderen raushauen, das im Glanze der Mittagsonne erstrahlt. Für die Meisten war das Geheimnis zu diesem Zeitpunkt eh gelüftet, da Rembert Stiewe tags zuvor die Wissenden aufforderte, lauthals den Namen der USA-Hauptstadt zu skandieren, wahrscheinlich im Versuch, einem ausbleibenden Besucherstrom vorzubeugen. Hat geklappt. So jedenfalls können Rune Simonsen, Esko Pedersen und Andreas Høyer dem Samstag ein gar frühes Highlight spendieren und dürfen beim nächsten Mal – so wie bspw. vor zwei Jahren – bestimmt wieder zu späterer Stunde ran.

Dass Line Up betreffend ließe sich gar behaupten, die verschiedenen Interpreten seien vom Bekanntheitsgrad vergleichbar, vielleicht von GISBERT ZU KNYPHAUSEN abgesehen, der langsam aber sicher eine deutschlandweite Ausnahmestellung bezieht. Alles entscheidend dabei der Faktor Zeit, wenn also eine Auftrittsdauer mindestens eine Stunde beträgt und das Publikum bereits am frühen Nachmittag fast vollzählig zugegen ist, spielt es wohl keine große Rolle mehr, ob Band XY um 14 Uhr oder um 20 Uhr die Bühne betreten darf. Weshalb es im Falle WASHINGTON vielleicht erst komisch anmutet, sie bereits um 11 Uhr zu „verheizen“, es aber streng genommen keine große Rolle spielt und um es noch genauer zu nehmen, ist dieser Punkt ein ganz außerordentlicher Vorteil dieser Veranstaltung, den es zu würdigen gilt. Allzu genau nehmen sollte es niemand, wenn in der Einleitung vom Sammelbegriff des Americana die Rede gewesen ist und an MARIE FISKER aus Kopenhagen lässt sich gut sehen, wie Country und der langsame Indie-Rock der unsterblichen MAZZY STAR Hand in Hand gehen und dem OBS aus einem eventuellen Nischendasein befreit. (Generell ließe sich dies allerdings über fast alle Acts an diesem Wochenende sagen, da sie allzu oft keinem Schubladendenken entsprechen). Und wie sie da so steht, etwas arg streng aus der Wäsche schauend, und dieselbe Güteklasse bedient, wie eben erwähnte MAZZY STAR, da geht einem nicht gerade eben das Herz auf. Das Wetter ist eigentlich ebenfalls ein wenig zu streng heiter bis sonnig, der Kloß im Hals schwillt trotz alledem unweigerlich an, denn die Songs vom aktuellen Album „Ghost Of Love“ sind so wundervoll traurig/ schleppend, da hat gute Laune keine Chance. Es muss sein, es muss raus, die besten Songs waren noch immer die, die der Gefühlslage freien Lauf lassen, ungeachtet dessen, was sich um einen herum abspielt. So denn, ein wundervoller Auftritt.

Dem Abendrot entgegen, setzen SLIM CESSNA’S AUTO CLUB dem Wahnsinn ein wahres Denkmal, denn mit Stil bekloppt sein, dass können sie. Aus dem Dunstkreis von 16 HORSEPOWER und David Eugene Edwards (wiederum Glitterhouse-Urgesteine) und seit fast zwanzig Jahren dabei, ist dieser Redneck-Hardcore-Country erfrischend und genau an der richtigen Stelle dargereicht, hier werden Akkus aufgeladen, denn es soll Spaß bereiten und den haben wir. Zapfhahnmusik – fast anderthalb Stunden lang. Und dann der „unvermeidliche“ Gisbert, wie er im Freundeskreis gerne genannt wird (als Festivalgänger aus Überzeugung und generell als Konzertgänger sammeln wir „Gisi“-Konzerte wie Oma Rabattmarken), der es den Meisten Recht machen kann. Und warum nicht? Die Frage ist ernst gemeint, denn er ist einfach gut, seine Band ebenfalls, die LICHTER vs. ZU KNYPHAUSEN solo-Geschichte ist durch, mit Band werden die Karten neu gemischt. Texte sind weiterhin wichtig, aber die Texte stehen so einfach nicht im Raume herum, es darf sich ganz nebenbei noch auf gute Mitmusiker konzentriert werden. Der Seelenstriptease ist nicht so omnipräsent und deswegen gefällt es mehr, mir mehr, meine Mitstreiter sehen es genauso und nicken anerkennend mit den Köpfen. Wer hat, der kann, und wenn es mit GISBERT ZU KNYPHAUSEN so weiter geht, dann landet er irgendwann (in gar nicht allzu langer Zeit) in der Ahnengalerie der großen, deutschen Liedermacher, da wo HANNES WADER zuhause ist. Da gehört er irgendwie hin, ich würde es ihm wünschen.

Pfingstsonntag um 14 Uhr entlassen TAMIKREST aus der Wüste Malis einen kleinen Sandsturm aus Bluesrock, psychedelischen, wie hypnotischen Riffs und der etwas fremdartigen Art des afrikanischen Gesangs auf ihre Zuhörer. Das zündet nicht unbedingt in jeder Sekunde ist aber schön anzusehen, wie sie sorgfältig verhüllt und teilweise „turbanisiert“ dort stehen und ihrer Musik die nötige Professionalität angedeihen lassen. Definitiv eine der spannendsten Glitterhouse-Bands der letzten Jahre. Ein Aufeinandertreffen der Kulturen und deren Musiksozialisation stellt um kurz vor 21 Uhr der Auftritt der allseits gelobten YOUNG REBEL SET aus Stockton-on-Tees dar, die ihren britischen Pub-Rock der mit Bedacht vorgeglühten Masse darbieten. Vielleicht ein wenig viel der Vorschusslorbeeren, werden wir zwar Zeuge eines routinierten Auftritts ohne jegliche Höhen und Tiefen, aber im Vergleich zu unseren Nomaden aus der Wüste, vielleicht schon zu oft gehört. Um den Kollegen Oli Schröder (von Hififi.de) zu zitieren: „grandioser Post-Pogues-Pub-Suffrock“. Passt schon. Die Dänen von WHO KNEW konnten im Vorfeld bereits mit gutem Indie-Pop/ Rock gefallen und sind eine Art Geheimtipp auf deutschen Kleinst-Festivals (unter anderem bald beim Appletree-Garden in Diepholz), die in ihrer Heimat bereits für Furore sorgen konnten und in deutschen Landen noch einige Anhänger gebrauchen können. Eine gewisse Nähe zu den fantastischen WOLF PARADE ist sicher nicht ganz zufällig.

Seht es mir ein wenig nach, wenn der Sonntag ein wenig kurz geraten sein sollte und erlaubt es mir noch ein paar allgemeine Sätze übers OBS zu verlieren, mein erstes wohlgemerkt. Sicher nicht das letzte mit Sicherheit, nicht nur das entspannte Hippie-Feeling lässt mich nächstes Jahr wieder gen Beverungen fahren, sondern zuallererst die erlesene Auswahl an hochklassigen Bands und Interpreten aus aller Herren Länder, zu guter Letzt vor allem die Crew vom Glittterhouse-Garten um Rembert Stiewe. Einen besseren Gastgeber kann es nicht geben und wenn abschließend alle Beteiligten auf der Bühne stehen und sich ein Träne verdrücken und unter frenetischem Applaus die ganze Veranstaltung ausklingt, ist der Beweis erbracht, dass das OBS eine gar nicht so kleine Familie darstellt.

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