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ORANGE BLOSSOM SPECIAL 19

Ort: Beverungen – Glitterhouse Garten

Datum: 23.05.2015

Eigentlich hatte ich mir den Pfingstsamstag ganz anders vorgestellt. Um 11.30 Uhr wollte ich schon im Garten des Glitterhouse Labels in Beverungen nähe Höxter stehen und den ersten Blues- und Grunge-Rock-Klängen des heutigen Openers SHE KEEPS BEES aus den USA lauschen. Da lockte die 19. Ausgabe des Festivals der Indie-Plattenfirma mit spannender Musik unterschiedlicher Färbung und ich war alles andere als fit! Immerhin schaffte ich es am späten Nachmittag endlich, mich auf den zweistündigen Weg zu machen, wobei im wahrsten Sinne des Wortes THE GREAT BERTHOLINIS und ihr reich instrumentierter Indie-Pop sowie ROCKY VOTOLATOs Folk-Indie-Punk auf der Strecke blieben, weil diese beiden Kapellen just zu der Zeit spielten, als ich durchs Weserbergland kurvte. Ebenfalls ohne mich fanden leider auch die Auftritte von HUSKY mit Alternative-Folk aus down under, der drei Däninnen von BABY IN VAIN und der kanadischen Bluegrass-Truppe THE DEAD SOUTH statt. Immerhin hatte ich aber noch das Vergnügen mit EAST CAMERON FOLKCORE und SIVERT HØYEM. Außerdem empfing mich im weitläufigen Garten hinter der Glitterhouse-Villa eine rund 2000-köpfige Festivalgemeinde unterschiedlichen Alters in bester Stimmung. Dazu hatten sicherlich nicht nur die bereits aufgetretenen Bands beigetragen, sondern auch das reichhaltige Speisen- und Getränkeangebot, das zu durchaus moderaten Preisen angeboten wurde. Auch an Merchandise-Angeboten mangelte es nicht und wenn eine Plattenfirma einlädt, macht es ja durchaus Sinn, auch Tonträger anzubieten. Alles in allem bot sich mir eine sehr entspannte Atmosphäre und ich ärgerte mich gleich noch einmal, dass ich den Tag größtenteils im Bett verbringen musste, nachdem ich von dem dreitägigen Festival terminbedingt eh nur den Samstag mitnehmen konnte.

Nun denn, es gab das Beste daraus zu machen und die Damen und Herren von EAST CAMERON FOLKCORE aus Austin/Texas waren ja quasi auch direkt von der Straße direkt auf die kleine Stage katapultiert worden. Das OBS sollte der Ausgangspunkt ihrer aktuellen Tour sein und die Kapelle war am gleichen Tag erst über den Großen Teich geflogen, wirkte jedoch deutlich frischer als ich. Eilig wurden die zahlreichen Instrumente in Stellung gebracht, dann konnte es um kurz vor 21.00 Uhr auf der rappelvollen Bühne auch schon mit „Robin Hoods Rise“ und Ausschnitten einer Rede von Mario Savio, dem Wortführer der 1960er US-Studentenproteste, losgehen, ehe die Band mit rauem Gesang und krachender Instrumentierung in die Vollen ging. Die Nummer stammte wie das nachfolgende abwechslungsreiche „Sallie Mae“ vom 2013er Debüt „For Sale“, das beim Hamburger Label Grand Hotel van Cleef erschienen ist, während der Titeltrack „Kingdom of Fear“ dem sieben Wochen alten gleichnamigen Nachfolger entnommen worden war. Auch hier gab es durchaus ruhige Passagen, doch brodelte es bei Jesse Moore (Guitar/Vocals), Blake Bernstein (Acoustic Guitar/Brass/Vocals), Eric Lopez (Bass), Luke Abbey (Drums), Phil Patterson (Mandolin/Vocals), Mary Beth Widhalm (Cello/Vocals), Blue Mongeon (Sax/Harmonica/Guitar/Vocals) und April Perez-Moore (Keys/Vocals) ganz gewaltig. Nicht nur, dass der Achter voller Temperament und Spielfreude steckte, die Texaner haben auch eine Menge zu sagen und halten mit ihrer Meinung zu Gott und der Welt auch nicht hinter dem Berg. Stattdessen beweisen sie mit ihren Songs Haltung, etwa wenn es um das in ihrer Heimat bereits allgegenwärtige Fracking geht, über das sie mit „Fracking Boomtown“ ein wütendes Lied geschrieben haben oder sich in „Our Home“ damit beschäftigen, wie sich Austin immer mehr verändert und für die Leute, die diese Stadt wirklich lieben immer unerschwinglicher wird und stattdessen Spekulanten das Sagen übernehmen. Mit ihren kraftvollen Songs, die wie bei „When We Get Home“ auch mal eine Spur ruhiger, aber nie weniger eruptiv ausfallen konnten, kamen EAST CAMERON FOLKCORE hervorragend beim OBS-Publikum an, das nicht nur das druckvolle „Enemy of The Times“ kräftig beklatschte, sondern auch bereitwillig die Arme in die Höhe reckte, damit das Musikerkollektiv ein Foto für die Freunde im fernen Amerika machen konnte. Keine Frage, dass nach 70 Minuten Spielzeit nicht nur lang anhaltender Applaus, sondern auch laute Rufe nach einer Zugabe fällig waren. Daraus wurde leider nichts, denn der Spielplan war straff durchorganisiert und schließlich musste auch noch die Spielstätte für SIVERT HØYEM präpariert werden.

Während hier eifrig gewerkt wurde, konnte man an der Mini-Bühne nicht nur Zeuge einer virtuosen Luftgitarren-Show werden, sondern sich auch selbst beim „Aireoke“ versuchen. Zu Klängen von BON JOVI, RAGE AGAINST THE MACHINE, VAN HALEN oder auch AC/DC zeigten zunächst CHUCK AIRY und GEEKY GISBERT ihr Können, das sie auch schon bei Weltmeisterschaften in Finnland unter Beweis gestellt haben, bevor sich auch mutige Zuschauer der Luftgitarre hingeben konnten. An der gleichen Stelle hatten sich vorab bereits CUB & WOLF aus Malmö präsentiert, die gerade ihren selbstbetitelten Erstling in die Plattenläden gebracht haben und einen Alternative-Folk-Indie-Lo-fi-Rock-Mix zu Gehör brachten.

Doch zurück zur Hauptbühne, wo zahlreiche Kabel verlegt wurden, um Christer Knutsens Tasteninstrumente mit Strom zu versorgen und auch für Cato Salsas Gitarren und Effektgeräte sowie Siverts Sechssaiter war noch einiges an Kabelage von Nöten, nur von einem Drumkit war weit und breit nichts zu sehen. Das sollte sich auch nicht mehr ändern, denn SIVERT HØYEM, der vor 15 Jahren schon mal mit seiner damaligen Band MADRUGADA beim ORANGE BLOSSOM SPECIAL war, hatte für heute ein eher ruhiges Set zusammengestellt, das auf die Anwesenheit eines organischen Schlagzeuges verzichten konnte. Nichtsdestotrotz ging es auch mit einem getragenen Einstieg wie ihn „Prisoner of The Road“ offerierte, nicht weniger mitreißend bei dem Norweger zur Sache. Von der ersten Sekunde an zog der ehemalige MADRUGADA-Sänger das Auditorium in seinen Bann, zunächst nur von Christer begleitet, bevor zu „Where Is My Moon?“ auch der bärtige Cato die Stage enterte. Vom 2006er Album „Exiles“ stammte das intensive „I’ve Been Meaning To Sing You The Song”, während mit „Into The Sea” vom gleichen Silberling das Tempo etwas anzog und die Bühne in blaues Licht getaucht wurde. Nicht nur beim nachfolgenden MADRUGADA-Song „Honey Bee“ vom selbstbetitelten Longplayer aus 2008 herrschte im Publikum andächtige Stille – die Hinweise an den Bühnenpfosten „Reden ist hinten – schweigen ist vorn“ hätte es an dieser Stelle vermutlich gar nicht gebraucht, aber ähnliche Schilder sollten in jeder Konzertvenue gut sichtbar aushängen! Zum brandneuen „Fool To Your Crown“ erstrahlte auch der Bühnen-Kronleuchter wieder einmal. Im Übrigen machte diese Nummer Lust auf mehr; bis die neue Langrille erscheint, werden allerdings noch einige Monate vergehen. „Irgendwann in 2016“ ist mit dem neuen Werk zu rechnen. Welchen Song der glatzköpfige 39-jährige im Sinn hatte, als er ein paar Akkorde spielte, die nicht zu „Endless Love“ gehörten, weiß ich nicht, Salsa klärte ihn aber schnell über seinen Fehler auf und schon konnte der Titeltrack der letzten Veröffentlichung aus 2014 mit rhythmischer Unterstützung aus der Technik-Trickkiste starten. Langsam wurde es zwar ein wenig kalt im Garten, doch das Lied erwärmte ruckzuck das Herz, was in gleichem Maße auch für „Long Slow Distance“, dem Titelsong der vorletzten Langrille galt, die 2011 rauskam. Einen Hauch Country-Feeling versprühte derweil „Don’t Pass Me By“, während das Geschehen rot illuminiert wurde, um schließlich mit der MADRUGADA-Nummer „The Kids Are On High Street” (2005 auf „The Deep End“ erschienen) kraftvoll zu enden.

Nach einer knappen Stunde konnte es das kurz vor Mitternacht natürlich noch nicht gewesen sein und es brauchte gar nicht lange, bis das Trio wieder an seine Plätze zurückgefunden hatte und ein weiteres Stück der MADRUGADA-Diskografie gespielt wurde. Die Wahl war auf das dramatische „Strange Colour Blue“ vom 1999er „Industrial Silence“ gefallen und auch das Finale wurde von einer Neuinterpretation eines alten Klassikers bestritten. Nur war es diesmal kein Song der wunderbaren MADRUGADA, sondern von BRUCE SPRINGSTEEN: „I’m On Fire“ wurde als letzter Gruß zu Gehör gebracht – wie wir jetzt wissen, ein Lied von der ersten Platte, die sich Sivert gekauft hat. „Born In The USA“ heißt sie und steht bestimmt nicht nur bei Herrn Høyem und mit im Regal.

Setlist SIVERT HØYEM
Prisoner of The Road
Where Is My Moon?
I’ve Been Meaning To Sing You The Song
Into The Sea
Honey Bee (MADRUGADA-Song)
Fool To Your Crown
Endless Love
Long Slow Distance
Don’t Pass Me By
The Kids Are On High Street (MADRUGADA-Song)

Strange Colour Blue (MADRUGADA-Song)
I’m On Fire (BRUCE-SPRINGSTEEN-Cover)

Gern hätte ich (und alle anderen Anwesenden vermutlich auch) den Skandinaviern noch ein bisschen länger zugehört – schließlich hatte ich den Samstag über ja auch einiges verpasst, doch der zweite OBS-Tag war zweifelsohne zumindest in Sachen Live-Musik beendet. Vor mir lagen allerdings auch noch mal knapp zwei Stunden Rückfahrt und auch wenn die Musik durchaus heilende Wirkung auf mich hatte, war es ganz klar für mich an der Zeit, mich auf den Weg zu machen. Wer sich fragt, in welchem Zusammenhang er den Begriff „Orange Blossom Special“ bloß schon mal gehört hat, dem sei gesagt, das JOHNNY CASH einen gleichnamigen Song hat, der auch Pate für das ORANGE BLOSSOM SPECIAL am Firmensitz der Glitterhouse Records stand. Ursprünglich war das Ganze mal eine Grillparty mit Live-Musik, die für die Label-Kunden gedacht war. Inzwischen ist es ein rundum gelungenes familiär-kleines Festival, das aus gutem Grund schon weit im Voraus ausverkauft ist. Im nächsten Jahr hoffe ich auf eine bessere Konstitution und mehr Zeit, um alle drei Pfingsttage in Beverungen verbringen zu können, schließlich wird dann auch die 20. Jubiläumsausgabe gefeiert!

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