Konzert Filter

ORKUS INTERNATIONAL FESTIVAL TOUR 2007

Ort: Hannover - Capitol

Datum: 02.11.2007

Die im Frühjahr verschobene Orkus Festival Tour konnte nun Anfang November in leicht modifiziertem Line Up endlich stattfinden. Insbesondere die beiden Headliner gehören nicht zu den ausgelutschten und ewig herumreisenden Gothic Koryphäen, die zusammen ungefähr 45 Jahre Existenz sprechen zudem eine sehr deutliche Sprache, was Konstanz angeht. So nutzten wir also den Brückentag (zumindest in NRW), um uns abermals in Richtung niedersächsische Landeshauptstadt aufzumachen.

Wirklich viele Leute waren leider noch nicht da, als wir das Capitol betraten, auch die Kirchenorgel namens Lola stand noch etwas verwaist auf der Bühne und wartete auf ihren großen Auftritt. So nahmen wir erst mal auf zwei Chill Out-Sesseln, die eigentlich nichts anderes waren als runde, harte Plastikstühle, Platz. Immerhin hatte man von dort aus einen guten Blick auf die Bühne. Doch überraschenderweise ging, kaum dass wir saßen, das Licht aus und Alexander Goldmann sowie Reiner Schirner von LOLA ANGST enterten die Bühne. Und das eigentlich eine halbe Stunde zu früh (im Hinblick auf die Ankündigungen der Capitol Homepage). Demnach verwunderte es auch nicht, dass kaum Zuschauer anwesend waren, was wohl auch den beiden Künstlern nicht unbedingt positiv auffiel. Nach der Ansage „Wir sind Blutengel aus Hannover und ich bin Chris Pohl“ von Alex und einem zaghaft eingeworfenen „Ich bin Constance“ von Reiner ging es los. Lola wurde malträtiert und der stampfende Beat von „Just Slaves“ vom aktuellen Album „Schwarzwald“ dröhnte aus den Boxen. Und ich war, wie schon auf dem M’era Luna, hin und weg. Live sind die beiden Herren fast noch besser als auf CD. Anscheinend war ich aber die Einzige, die ein leichtes Zucken in den Beinen nicht unterdrücken konnte. Irgendwie wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Auch beim folgenden “ Hello Happiness“ und dem wirklich tollen „Mr. Trisex“ regte sich nichts, außer verhaltenem Applaus seitens der ersten Reihe, die aber eher so aussah, als hätte sie sich schon mal Plätze für den nachfolgenden Auftritt der DOPE STARS INC. gesichert. Anscheinend verloren auch Goldmann und Schirner ein wenig die Lust und so wurde kurzerhand die Interaktion mit dem Publikum eingestellt und nur noch das Programm runtergespielt. Man kann es ihnen nicht verdenken. Zum Schluss gab es dann noch „She’s a dark DJ“ und „Am I dead??“ vom Debütalbum „The council of love“ auf die Ohren, bevor Alex und Reiner nach knapp 35 Minuten die Bühne wieder verließen. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich ein bisschen enttäuscht war, da mir vom Auftritt am Vorabend in München von fliegenden Socken, Bierfontänen und einer Menge Spaß berichtet wurde. Aber was will man machen, wenn das Publikum nicht mitmacht?! Trotzdem insgesamt ein solider Auftritt. Ich hatte Spaß an der Mischung aus Synth Pop, Electroclash und EBM gemischt mit Orgelklängen. Es war durchaus schön, LOLA ANGST mal wieder live gesehen zu haben, nachdem die Tour im Oktober ja aufgrund eines Schienbeinbruchs von Alexander abgesagt werden musste.

Setlist LOLA ANGST
Just Slaves
Hello Happiness
Wild Boars on the floor
Final War
Mr. Trisex
Fräulein Kurva Sloboda
She’s a dark DJ
Am I dead??

Im Anschluss sammelten sich zumindest ein paar leidlich gestylte weibliche Anhänger, um den römischen DOPE STARS INC. zu huldigen. Meiner Meinung nach ist das Ego der Herren um Sänger Victor Love zwar ein wenig größer als das musikalische Können, aber das soll jeder selbst für sich beurteilen. Jedenfalls agierten nun 4 trendige Südländer auf der Bühne, drei an den Saiteninstrumenten vorne plus ein Keyboarder im Hintergrund. Das Line Up war ja in letzter Zeit ein wenig modifiziert worden. So gab es nun also Electro Rock mit ordentlich Bratgitarren und simplen Songstrukturen zu hören, was immerhin ein wenig mehr Applaus als beim Opener erntete. Von „Stimmung“ zu sprechen, wäre dennoch maßlos übertrieben, so dass auch die Italiener ihre Enttäuschung nur mühsam verbergen konnten. Vielleicht ist so auch die geringe Spielzeit von noch nicht einmal einer halben Stunde zu erklären, die nach ein paar Titeln der beiden bisherigen Longplayer mit einer wummernden „Ace of Spades“ Coverversion (MOTÖRHEAD) abgeschlossen wurde.

Italien die 2te. Nach der „gewöhnlichen“ Pizza nun also das Gourmetgericht. KIRLIAN CAMERA existieren bereits seit 1980, doch Live Auftritte, insbesondere in unseren Breitengraden, besaßen bislang Seltenheitswert. Was auch an der bei Linken nicht ganz unumstrittenen Vergangenheit der Formation um „Legende“ Angelo Bergamini liegt, der sich in seiner langen Karriere als ebenso kreativ wie streitbar gezeigt hat. Nun wurde es auch das erste Mal voll vor der Bühne, einigen Besuchern konnte man direkt ansehen, dass sie nur auf dieses besondere Ereignis hingefiebert hatten. Das Licht wurde gedimmt und 4 Menschen in Sturmhauben betraten salbungsvoll die Szenerie. Nach einer andächtigen Schweigeminute nahm man dann die Plätze hinter den Instrumenten ein, Herr Bergamini blieb vermummt, während Sängerin Elena Fossi uns glücklicherweise ihr Antlitz zeigte. Und nicht nur das, ab der 5ten Nummer ward sie nur noch sehr leicht in Hotpants und knappem Oberteil bekleidet. So weit so bekannt so gut. Doch auch musikalisch wurde nun Qualität geboten: Zunächst präsentierte man mit „Illegal Apology of Crime“ und dem Titelstück gleich 2 Songs von der aktuellsten VÖ „Coroner’s Sun“, die man in der Special Edition für „läppische“ 30 Euro am Merch erwerben konnte. Hierzu nahm die sehr ansehnliche Lady auch einen E-Bass zur Hilfe, während das Resttrio die elektronischen Tasten bediente. Die asiatisch wirkende Sarah Crespi griff alsbald auch zur Violine und präsentierte u.a. ein sehr gelungenes klassisches Solo. Einmal trat Angelo salbungsvoll nach vorne und rezitierte einen deutschen Text, ansonsten blieb es an Frau Fossi, für die Vocals zu sorgen. Sie tat dies z.B. beim PINK FLOYD-Cover „Comfortably Numb“ und dem älteren „Heldenplatz“. Während der Darbietungen verblieb das Gros der Anwesenden ehrerbietend ruhig, nur um danach in Ovationen auszubrechen. Übrigens das einzige Mal an diesem Abend. Dementsprechend durften auch 2 Zugaben nicht fehlen, der Klassiker „Eclipse“ beendete so eine ca. 60 minütige Darbietung, die außer etwas mehr Spielzeit nichts zu wünschen ließ, zumal uns in der Verlängerung sogar der Bandchef sein wahres Geicht zeigte und sich seiner Maske entledigte…

Nach einer weiteren kurzen Umbaupause sollte es um 23.30 Uhr mit dem Headliner, den Kaliforniern von LONDON AFTER MIDNIGHT, weitergehen. Doch zunächst blieb die in rotes Licht getauchte Bühne leer und FRANK SINATRAs „My Way“ tönte in einer ziemlich flotten Punkversion aus den Boxen. War bei KIRLIAN CAMERA das Capitol noch gut gefüllt, hatten sich die Reihen inzwischen etwas gelichtet und das Restpublikum harrte der Dinge die da kommen würden. Zum Intro von „Feeling fascist?“ vom neuen Album „Violent Acts of Beauty“ betraten dann auch Mastermind Sean Brennan und seine Livecrew die Bühne. Und ab da wurde gerockt. Laut und schnell. Passend dazu 2 kreischende Groupies in der ersten Reihe, die ich zwar nicht sehen, aber dafür umso deutlicher hören konnte. Nachdem auf das neue Album fast 7 Jahre gewartet werden musste und der Veröffentlichungstermin immer wieder verschoben wurde, wurden die Zuschauer an diesem Abend mit reichlich neuen Songs versorgt. Doch folgten auf „Republic“ erst mal die beiden Klassiker „Your best nightmare“ vom 1994 erschienen Album „Selected scenes from the end of the world“ und das ruhigere „Shatter (all my dead friends)“ von der „Psycho Magnet“-VÖ aus dem Jahre 98. Nach diesem kurzen Ausflug in sanftere Gefilde durfte aber wieder gerockt werden was das Zeug hält. Auf „Nothing’s sacred“, bei dem der Text wohl noch nicht so ganz saß und die Band mit einigen Startschwierigkeiten zu kämpfen hatte, und „The kids are all wrong“ folgte mit „America’s a f***ing disease“ eine „Hommage“ an George W. Bush. Nicht wirklich verwunderlich, da LONDON AFTER MIDNIGHT nach eigener Aussage eine politisch eher liberale Einstellung vertreten und ihre Fans öffentlich dazu auffordern, an den Wahlen teilzunehmen. Bleibt nur die Frage, was all die Musiker machen werden, wenn George W. Bush abgedankt hat?! Und dann endlich: Das heiß ersehnte „Kiss“, der wohl bekannteste Song der Formation. Die Band lief noch mal zu Höchstformen auf, bevor seitens der Musiker noch ein paar Erinnerungsfotos von der Zuschauermenge geschossen wurden. Damit war das offizielle Set beendet, aber natürlich ließ man sich noch zu einer Zugabe hinreißen. Insgesamt war der Auftritt sehr gelungen und auch den kleinen Aussetzer konnte man verzeihen. Die Mischung aus Punk, Deathrock und ein wenig Glam hatte wirklich Spaß gemacht und wir konnten nach einem kurzweiligen Konzertabend den Schauplatz in Richtung Heimat verlassen.

Setlist LONDON AFTER MIDNIGHT (ohne Zugabe!)
Feeling fascist?
Republic
Your best nightmare
Shatter
Heaven now
Nothing’s sacred
The kids are all wrong
America’s a f***ing disease
Kiss

Auch wenn, wie ich finde, die Bandauswahl in dieser Kombination etwas unglücklich gewählt war, war jeder Auftritt für sich auf jeden Fall sehens- und hörenswert. Und trotz der etwas sterilen Atmosphäre, die durch die schnellen Umbauphasen und das leicht unterkühlte Publikum erzeugt wurde, kann man diese Orkus Tour durchaus als gelungen bezeichnen. Wenn beim nächsten Mal wieder so interessante Acts an Bord sind, dann gerne wieder.

Copyright Fotos: Karsten Thurau

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu DOPE STARS INC. auf terrorverlag.com

Mehr zu KIRLIAN CAMERA auf terrorverlag.com

Mehr zu LOLA ANGST auf terrorverlag.com

Mehr zu LONDON AFTER MIDNIGHT auf terrorverlag.com