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PARADISE LOST – LACUNA COIL – KATATONIA

Ort: Nürnberg - Hirsch

Datum: 11.11.2013

Von einem Montags-Auto spricht man, wenn bei ebenjenem Lieblings-Vehikel während der Produktion irgendein dummer Fehler unterlaufen ist, wenn das gute Stück lieber in der Werkstatt statt on the road ist und damit zum Aggressor seines Besitzers mutiert. Montags-Konzerte sind da nicht anders: Das Feier-Wochenende steckt noch in den müden Knochen, im Job jagt am Morgen ein Meeting das nächste, unbeantwortete Mails türmen sich im Posteingang und irgendwie stellt sich dieses untröstliche Gefühl ein, der Tag habe einfach zu wenig Stunden. Ende vom Lied: Man fühlt sich wie eine Montags-Produktion, zu nix im Stande und mit allem überfordert. Wie soll da nur der Montag Abend enden? Richtig! Nicht anders! Denn die anstehende lang ersehnte Veranstaltung wird kurzerhand eine Stunde und dann noch einmal ne weitere halbe Stunde nach vorn verlegt! Panik macht sich breit. Vor allem beim heutigen Aufgebot! Sind Vorbands weil weniger bekannt und manchmal auch weniger hörenswert, bisweilen zu überhören, haben PARADISE LOST für ihre diesjährige Jubiläums-Tournee mit KATATONIA und LACUNA COIL zwei Übergrößen ihrer Genres inkl. Headliner-Charakter am Start. Deshalb hilft alles Jammern nix! Die Kutte übergeworfen, das Zopfband gelockert und die Beine in die Hand genommen, um noch rechtzeitig am Start zu sein.

Um 18:30 also starten KATATONIA ihre meisterliche Reise durch die Welt des Dunkelmetalls und dürfen sich über einen zum Bersten gefüllten Hirschen freuen. Die Schweden mit ihrer atmosphärischen und progressiven Mischung aus Dark, Doom, Gothic und Death-Metal waren in diesem Jahr mit „Dethroned & Encrowned“, einer akustischen Neuauflage des 2012er „Dead End Kings“ Albums, auf eher ruhigen und weniger metallischen Pfaden unterwegs. Vielleicht haben sich einige der anwesenden Fans aus diesem Grund erhofft, einer kleinen KATATONIschen Jam-Session beizuwohnen. Doch Überraschung! Das 10 Jahre alte „Viva Emptiness“ feiert dieser Tage Jubiläum, Grund genug, die Platte live in voller Länge zu würdigen. „Inside The City Of Glass“ eröffnet das einstündige Set der Dunkelmetaller und Jonas Renkses unglaublich sanfte und gleichzeitig eindringliche Stimme zieht das Publikum auf der Stelle in ihren Bann. Während „Wait Outside“, „Wealth“ und natürlich „Ghost Of The Sun“ den Klampfen-IQ von Bandgründer Niklas „Blakkheim“ Nyström und Gitarrist Per „Sodomizer“ Eriksson sowie Basser Niklas „Nille“ Sandin in Form eindringlich berührender Riffmelodien und stimmig wechselnder Rhythmen unter Beweis stellen, versteht es Drummer Daniel Liljekvist, seine Bandkollegen perfekt akzentuiert, feinfühlig und kraftvoll zu untertrommeln. Ein wahres Gottesgeschenk zaubern KATATONIA dank großartigem Sound in den nebeligen Hirschen-Himmel. Zu den leuchtenden Fixsternen zählen „Omerta, „Evidence“ und natürlich das großartige „Burn The Remembrance“. Als KATATONIA nach einer guten Stunde die Bühne räumen, blicken ihnen verträumt verzückte Metallermienen hinterher. Das irgendwie beunruhigende Gefühl, den absoluten Höhepunkt dieses Konzertabends leider schon hinter sich zu haben, beschleicht die Magengegend und will in einem Bier ertränkt werden. Schließlich erwarten zwei weitere Hochkaräter ein auf den Punkt hörwilliges und moshbereites Publikum.

Setlist KATATONIA
Inside the City of Glass
Wait Outside
Omerta
Evidence
Complicity
Walking by a Wire
One Year From Now
Wealth
Burn the Remembrance
Will I Arrive
A Premonition
Criminals
Sleeper
Ghost of the Sun

Seit Anfang des neuen Millenniums besetzen die Italiener LACUNA COIL eine chartdienliche Nische irgendwo zwischen Pop, Gothic und Alternative Metal. Diese durchaus massenkompatible Mischung weist ordentlich Charmepotential auf und scheint dem alternativen Metaller damit natürlich schon wieder zu populär. Vielleicht liegt es also daran, dass sich zu Beginn dieser schmackhaften italienischen Vorspeise um 20 Uhr weniger Kuttenträger vor die Bühne verlieren also noch bei KATATONIA. Auch mit der aktuellen Scheibe „Dark Adrenaline“ bieten die sechs Mailänder beim genauen Lauschen jedoch ein außerordentlich dynamisches und abwechslungsreiches Album mit eingängigen Melodien voller Energie und gefühlvoller Texte. Absolut songdienlich und höchsten Ansprüchen genügend ist dann auch, was Christina Scabbia und Andrea Ferro ihren Goldkelchen heute Abend entlocken. Der Opener „I Don’t Believe In Tomorrow“, „Kill The Light“, das atmosphärische „Heaves’s A Lie“ oder „Our Truth“ brillieren mit unverschämt eingängigen Refrains und wirkungsvoll platzierten Riffs. Beste Voraussetzungen zum ausgiebigen Moshen, Posen und Mitgrölen bieten ihre Bandkollegen Trommler Christiano Mozatti, Klampfer Cristiano Migliore und Marco Emanuele Biazzi sowie Basser Marco Coti Zelati mit ihrem perfektem Sound. Mit „Without Fear“ geben LACUNA COIL kurz ihren italienisch-schmalzigen Schmachtgenen nach, setzen aber mit „Swamped“ und besonders „Intoxicated“ gesanglich einmal mehr ein qualitatives Ausrufezeichen. Ein in sich stimmiger, hochprofessioneller und mitreißender italienischer Abend findet nach einer guten Stunde in „Trip The Darkness“ und „Spellbound“ einen feurigen Abschluss und sorgt für eine weitere ausländischen Investition fürs CD-Regal.

Setlist LACUNA COIL
I Don’t Believe in Tomorrow
Kill the Light
Fragments of Faith
Heaven’s a Lie
The Game
Our Truth
Upsidedown
Without Fear
Swamped
Intoxicated
Trip the Darkness
Spellbound

Grünes paradiesisches Licht kündigt um 21:15 die letzten verlorenen Helden dieses Abends an. Die fünf Engländer PARADISE LOST aus Halifax befeuern seit 1988 die dunkelmetallische Musikwelt mit ihrer einzigartigen Mischung aus Death, Doom und Goth. Für alle, denen PARADISE LOST auch nach 25 Jahren Bandgeschichte noch nichts sagen, ist damit wohl musikalischer Hopfen und Malz verloren. Für den Rest bietet sich heute die einzigartige Gelegenheit, Zeitzeuge der metallischen Glanzleistung zu werden, zu der sich die beiden Gitarristen Gregor Mackintosh und Aaron Aedy, Schlagzeuger Adrian Erlandsson sowie Bassist Steven Edmondson nebst Mastermind und Sänger Nick Holmes anschicken. Eine ausgiebige musikalische Zeitreise durch paradiesische Leckerbissen verspricht dieser Abend für dunkelmetallische Gehörgänge. Das energetische „Mortals Watch The Day“ eröffnet den Trip in die Vergangenheit auf angemessene Art und Weise und … upps? Was ist denn da passiert? Holmes sonst so eindringliche melancholisch-schwere Stimme ist zeitweise kaum zu hören, die paradiesischen Gitarren verschwinden im Nebel und mit ihnen der Bombensound beider Vorbands! Wie gut, dass sämtliche anwesenden Langhaarträger die Lyrics lässigst auswendig beherrschen, gerne aushelfen und sich den Rest einfach dazu denken. Im allgemein frenetischen Jubel gehen solche kleinen Aussetzer ohnehin verloren und sind spätestens beim ersten Überhit “ Remembrance“ schon wieder vergessen. Dabei springen PARADISE LOST munter zwischen Patina-schwerem Material wie „Gothic“ und dem anschließenden jüngeren melodiösen „Faith Divides Us – Death Unites Us“ oder „Tragic Idol“ hin und her, herrlich professionell farblich und stimmungsvoll nebelig in Szene gesetzt. Oder sind Falten in grünem Licht etwa weniger zu sehen, verschwinden gar durch Rotlicht-Einstrahlung und Beleuchung? mhm… Die für PARADISE LOST so unverwechselbaren Hooks lassen wenig Zeit zum Hirnen über so irdisch-weibliche Themen wie Faltenbildung. Denn das mitreißende „Never For The Damned“ knallt aus den Boxen und will tänzerisch untermalt werden, bevor „Isolate“ den ersten Ganzkörper-Puschel-Alarm des Abends einläutet. „Say Just Words“ beendet den offiziellen Teil der Jubiläums-Show nach nur 10 Songs auf eher abrupte Art und Weise. Kein Wunder also, dass die Meute lautstark weitere Kostproben einfordert. Mit „Rotting Misery“ steigen PARADISE LOST in das Zugaben-Set ein und pumpen der aufgeheizten Menge ordentlich mosh-fähiges Material in die Lauscher, bevor es mit DER PL-Hymne „One Second“ wieder andächtig still wird im Saal. „True Belief“ beendet den energetischen Teil im verlorenen Paradies mit einem nachhaltig schwermetallischen Hammer, der durch „Over The Madness“ seinen schwermütig-melodiösen Meister findet. So vergehen 25 Jahre Musikgeschichte wie im Flug und nach knappen 80 Minuten ist der dunkle Zauber aus und vorbei. Da bleibt keine andere Wahl, als sich zu „One Second“ in die heimischen Federn zu kuscheln und dabei über vergangene Lieben zu sinnieren. Hach schön!

Publikum: 50 % Damen, 50% gepflegte Langhaar-Vertreter – und mindestens genauso alt wie die Helden auf der Bühne.
Sound: Je früher der Abend, desto besser der Sound.
Vom Konzert gelernt: Need new old staff! BAM!

Setlist PARADISE LOST
Mortals Watch the Day
So Much Is Lost
Remembrance
Gothic
Enchantment
Faith Divides Us – Death Unites Us
Tragic Idol
Never for the Damned
Isolate
Say Just Words

Rotting Misery
One Second
True Belief
Over the Madness

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