Konzert Filter

PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB – GRABBEL AND THE FINAL CUT

Ort: Hamburg – Markthalle

Datum: 05.05.2012

Manchmal muss es ja ein bisschen komplizierter sein. Deshalb habe ich mir PHILLIP BOA terminbedingt auch nicht in meiner Heimatstadt Osnabrück, sondern in der Freien und Hansestadt Hamburg angesehen. Herr Figgen (so steht’s in Boas Pass) ist momentan mit seinem VOODOOCLUB auf Best-of-Tour und seinem Ruf waren rund 1000 Zuschauer in die nahezu ausverkaufte Markthalle gefolgt waren. Nicht wenige davon dürften Fans der ersten Stunde gewesen sein, entsprechend hoch war das Durchschnittsalter auf und vor der Stage, das auch von der Supportband GRABBEL AND THE FINAL CUT gehalten wurde.

Die vier Herrschaften aus Lüneburg durften in Cottbus und Hamburg für PHILLIP BOA eröffnen und starteten den Abend um 20.50 Uhr mit temperamentvollem Shoegaze und Noisepop. Hier verorten Christian Grabowski (Drums), Sascha Kotzur (Gitarre), Gernot Dornblüth (Bass & Gesang) und Stefan Zachau (Gesang & Gitarre) ihre Musik, die sie bereits seit 1989 machen. Zwischendurch ruhte das Projekt GRABBEL AND THE FINAL CUT jedoch 15 Jahre, bis 2011 das New Yorker Label Captured Tracks auf die Heidjer aufmerksam wurde und mit rund 20 Jahren Verspätung Anfang des Jahres die Debüt-EP „Get Your Feet Back On The Ground“ veröffentlicht werden konnte. Von diesem Werk stammte auch der Opener „The Finest Thing“, mit dem das Quartett bei den Hanseaten durchaus zu punkten wusste. Nach einem flotten Aufgalopp wurde es mit Teardrops“ zunächst etwas getragener, doch auch diese Nummer nahm schnell wieder Fahrt auf. „Dark Side“ spielte gekonnt mit wechselnden Geschwindigkeiten, ehe der „Psycho Popsong“ wieder ordentlich Gas gab. Das Stück ging durchaus ins Bein und wurde mit freundlichem Applaus bedacht, bevor es zu „Feedback Party“ ein großes Hallo im Publikum gab (vermutlich waren aus dem nahen Lüneburg einige Fans mitgereist). Mit viel Tempo und einem straighten Rhythmus erinnerte der Track ein wenig an die RAMONES und zählte definitiv zu den Höhepunkten des 45-minütigen Gigs. Nicht ganz so überzeugend fand ich dass folgende „Palm Trees“, das auf mich ein bisschen zu fahrig wirkte und den roten Faden vermissen ließ. Dafür ging es mit „Out of Work And On The Dole“ (wie auch der „Psycho Popsong“ auf dem Erstling vertreten) und „Blow“ noch einmal in die Vollen. Ein netter Einstieg, dem alsbald der Hauptact folgen sollte.

Setlist GRABBEL AND THE FINAL CUT
The Finest Thing
In Between Years
Oppa Yo!
I’ll Be Fine
Teardrops
Dark Side
Psycho Popsong
Feedback Party
Palm Trees
Out of Work And On The Dole
Blow

Viel musste auf der Bühne ja auch nicht mehr verändert werden, da das Equipment bereits größtenteils an seinem Platz war. Kollege Toett hatte seinen Platz an den Keys und der Percussion links von Moses Pellbergs Drumkit, brauchten sich nur noch Bassist Maik T. und Gitarrist Oliver Klemm rechts und links am Bühnenrand aufstellen, was sie um 21.55 Uhr auch taten, um zunächst ohne den Chef den Opener „Fine Arts In Silver“ anzuspielen. Lange sollte es nicht dauern, dann enterte auch der wie immer im korrekten dunklen Zwirn gekleidete Fronter die Stage. Von der ersten Minute an hatte der Dortmunder seine Fans im Griff und so konnte der wilde Ritt durch die Jahrzehnte beginnen. Immerhin blickt PHILLIP BOA auch schon auf 28 Jahre mit seinem VOODOOCLUB zurück. Eine Zeit, in der 16 Studioplatten, diverse Sampler-, Live-, Solo- und natürlich außerdem zwei VOODOOCULT-Platten entstanden sind. „Bells of Sweetness“ (bei dem auch die blonde Pia Lund auf den Plan und ans Mikro trat) stammte beispielsweise vom 1996er „She“, während der erste Höhepunkt der Show „Albert Is A Headbanger“ auf „Hair“ von 1989 zuhause ist. Vom headbangenden Albert wollte Frau Lund jedoch nichts wissen und verschwand im Off, während es vor und auf der Bühne ordentlich abging (Phillip griff erstmals an dem Abend auch zur Gitarre) und die ersten Pogotänzer im Publikum gesichtet wurden. Temporeich und mit Pias Gesang schloss sich „Drinking And Belonging To The Sea“ an, denen spontane „Boa“-Gesänge der Zuschauerschaft folgten, zu denen die zierliche Sängerin an die Congas wechselte, um das etwas ruhiger geratene „Pretty Bay“ rhythmisch zu begleiten. Unter wahren Schlagzeugsalven drückte „This Is Micheal“ erneut aufs Gaspedal, was sich auch beim nächsten Klassiker „Get Terminated“ naturgemäß nicht ändern sollte. Fettes Geschrammel, Trommelgewitter und Kreischlaute aus Pias Mund gab es derweil bei „Hell“ zu hören. Quasi zur Beruhigung folgte dann erst einmal das doch etwas getragener „Diamonds Fall“ vom gleichnamigen letzten Album, das 2009 erschienen ist, bevor es mit „Ernest Statue“ vom 1990er „Hispanola“ knackig weiter ging. Mitunter hörte man etwas Ähnliches wie Dudelsackklänge, die Toett seinem Keyboard entlockte, um wenig später mit dem elf Jahre alten „Speed“ (vom „The Red“) Alarm zu schlagen. Die Nummer trug leicht technoide Züge und führte bei Herrn Boa zur Vorführung seines bekannten Tanzstils, der mit seinen zuckenden Bewegungen immer ein wenig so wirkt, als würden permanente Lichtblitze auf den musikalischen Leiter der Kapelle abgefeuert. Danach war erst einmal „Fiesta!“ und einmal durchschnaufen angesagt, um dann mit „Annie Flies The Lovebomber“ die gesamte Markthalle wieder in Bewegung zu setzen. Während des Vortrages von „Pfirsicheisen“ hatte die Saitenfraktion zunächst Pause, dafür bearbeitete Pia zum wiederholten Male die Congas und auch der Dudelsack-Sound kam erneut zu Gehör. Am Ende waren auch Maik und Oliver wieder mit von der Partie und gemeinsam verwandelte man mit der Hymne „Container Love“ die Location in einen Hexenkessel. Mit „Sirens From Hell“ ließen es die Herren ohne Kollegin Lund noch mal amtlich krachen, um auf diese Weise nach 70 Minuten das reguläre Set zu beenden.

Lange ließen sich PHILLIP BOA und seine Spießgesellen jedoch nicht bitten und so konnte der Zugabenblock rasch mit dem geschmeidigen „Punch And Judy Club“ starten. Gitarrist Klemm hatte zu diesem Zweck zur akustischen Klampfe gegriffen, wechselte für „I Don’t Need Your Summer“ aber wieder zum elektrischen Instrument, wohingegen beim rasanten „I Dedicate My Soul To You“ der Bassmann das Sagen hatte. Hymnisch schloss sich „Rome In The Rain an, bevor „So What“ wenig später den Reigen mit Volldampf beendete; doch die gestandenen BOA-Fans, die auch mit „Pia“-Akklamationen nicht sparten, wussten natürlich, dass noch zwei ganz entscheidende Lieder fehlten: „And Then She Kissed Her“ und „Kill Your Ideals“. Beim ersten Song nahm sich Boa eine kleine Auszeit und überließ das Feld seiner Ex, der bei dieser Nummer sogar einmal ein Lächeln über das sonst so strenge Gesicht huschte. Selbstverständlich wurde sie nicht nur für diese Gemütsregung mit tosendem Beifall bedacht, der Song zählt einfach zu den besten Sachen, die PHILLIP BOA AND THE VOODOOCLUB im Gepäck haben. Gleiches gilt auch für „Kill Your Ideals“, bei dem noch mal alle Anwesenden steil gingen und sogar die Hauptperson des Abends sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Bestimmt ist Ernst Ulrich Figgen eigentlich auch ein ganz umgänglicher Typ, der nur auf der Bühne die Rolle des knurrigen Künstlers spielt.

Auf jeden Fall stieg er noch in den Graben hinab, ging mit den Fans in den ersten Reihe auf Tuchfühlung und verabschiedete sich dann nach 105 Minuten Spielzeit gemeinsam mit seiner Band von seinem Auditorium, das erschöpft, aber doch auch sehr zufrieden wirkte und vermutlich zu einem Großteil bald nach Hause fuhr, um den Babysitter abzulösen.

Setlist PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB
Fine Art In Silver
Bells of Sweetness
Albert Is A Headbanger
Drinking And Belonging To The Sea
Pretty Bay
This Is Michael
Get Terminated
Hell
Diamonds Fall
Ernest Statue
Speed
Fiesta!
Annie Flies The Lovebomber
Pfirsicheisen
Container Love
Sirens From Hell

Punch And Judy Club
I Don’t Need Your Summer
I Dedicate My Soul To You
Rome In The Rain
So What

And Then She Kissed Her
Kill Your Ideals

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu GRABBEL AND THE FINAL CUT auf terrorverlag.com

Mehr zu PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB auf terrorverlag.com