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PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB

Ort: Herford - X

Datum: 07.03.2009

Faulheit kann man Herrn Ernst Ulrich Figgen, besser bekannt als PHILLIP BOA ja nun wirklich nicht vorwerfen. In schöner Regelmäßigkeit veröffentlicht der Dortmunder mit Wahlheimat auf Malta mit seinem VOODOOCLUB neue Longplayer. Zuletzt war es vor drei Wochen soweit, „Diamonds Fall“ heißt das neueste Werk und auch die entsprechende Tour, die Herrn Figgen, seine Ex-Frau Pia Lund und den VOODOOCLUB in den gut gefüllten X Club nach Herford führte. Wenn man bedenkt, dass die seit 1984 existierende Independent Band ihren internationalen Durchbruch 1989 mit dem Song „Container Love“ hatte, wunderte es nicht, dass die große Mehrheit der Zuschauer bereits den 30. Geburtstag hinter sich hatte, aber vom Senioren-Tanztee waren wir an diesem Samstag Abend glücklicherweise weit entfernt.

In Ermangelung einer Supportband besetzten kurz nach 20.30 Uhr zunächst David Rebel (Gitarre), Maik T. aka The Leach (Bass), Moses Pellberg (Schlagzeug) und Toett (Keyboard & Percussion) zu den Klängen von „Bela Lugosi’s Dead“ ihre Arbeitsplätze, bevor der exzentrische Meister himself die Bühne betrat und mit „Fine Art In Silver“ einen angemessenen Auftakt der Veranstaltung bot. Es durfte getanzt werden und für ostwestfälische Verhältnisse zeigte sich die Zuhörerschaft sogar recht aufgeräumt und in Feierlaune, auch wenn die ersten Reihen Phillips Frage nach dem Titel des den Taxifahrern gewidmeten Songs nicht beantworten konnten. Gemeint war natürlich „DJ Baron Cabdriver“, wahrscheinlich ist die Nummer vom aktuellen Album aber einfach noch zu neu und muss sich erst ins Hirn der Fans fressen, die mit Ausnahme von „Fiat Topolino“ sämtliche Tracks der Langrille zu hören bekamen. Insgesamt waren diese Stücke durchweg etwas ruhiger als die liebgewonnenen Klassiker, bewiesen jedoch ausnahmslos ihre Live-Tauglichkeit. Die Dame und Herren auf der Stage werden halt auch nicht jünger und zeigten sich nicht unbedingt altersmilde, aber doch an der einen oder anderen Stelle recht melancholisch. Beispielsweise beim Titelsong „Diamonds Fall“, der in Nebel getaucht als zuckersüße Ballade daherkam. Streicher sorgten bei „Jane Wyman“ für die nötigen Emotionen, während für „The Ballad Of Pia and Toett“ David seinen Sechssaiter gegen die Percussions tauschte, um so für eine druckvolle Untermalung des auf deutsch von Pia allein vorgetragenen Liedes zu sorgen. Dass man sich aber immer noch auf donnernde Sounds versteht, stellte das verquere„60’s 70’s 80’s 90’s 10“ eindrucksvoll mit coolen Langäxten unter Beweis. Mitunter griff auch PHILLIP BOA zur elektrischen Gitarre, zum ersten Mal bei „Annie Flies the Lovebomber“ vom erfolgreichen 1988-er „Hair“, das mit fetter Percussion gut zur Sache kam und Bewegung ins schwarze Indie-Volk brachte, das mit dem neuen „Coppergirl“ und dem kongenialen „Love On Sale“ (1993 auf „Boaphenia“ erschienen) gleich zwei weitere Dancefloor-Kracher serviert bekam. Natürlich durften auch Alltime-Faves wie der Stomper „This is Michael“ und ganz vorne weg „Container Love“ nicht fehlen. Dank knackiger Aufwärmübungen beim flotten „Altantic Claire“ (ohne den fehlenden Band-Vorstand intoniert), des High Speeders „I Dedicate My Soul To You“ und des 2005 als Singleauskopplung vom „Decadence & Isolation“-Silberling veröffentlichtem 80er-Jahre-Elektro-Smashers „Burn All The Flags“ war das Publikum gut bei Stimme und „Container Love“ konnte bestens abgefeiert werden. Das reguläre Set wurde wenig später unter Lichtgewittern mit „Black Light“ beendet, bei dem sich Phillip und Pia einem melancholischen Zwiegesang hingaben, der mit einem tollen Instrumentalteil kombiniert wurde, zu dem Boa mal wieder ausführlich den ihm eigenen leicht strangen Bewegungsabläufen frönen konnte. Der Herr pflegt einen sehr eigenen Tanzstil, der jedoch ganz hervorragend zu seinem Wesen passt, also weiter so! Außerdem war die Speerspitze des deutschen Indies wohl gut gelaunt und den Ostwestfalen wohlgesonnen, denn für Herford hatte man wieder „Speed“ auf die Setlist genommen.

Zunächst wurde der Zugabenreigen um kurz vor 22.00 Uhr allerdings vom verspielten „LHMWT1E“ eröffnet, bei dem Frau Lund passend zum Song und ihrem Outfit, bestehend aus einem schwarzen Minihängerchen und gleichfarbenen hohen Stiefeln, eine schwarze Augenklappe trug, während ihr Ex-Gatte sich seines Seidenschals entledigte, den er zum dezent dunklen Anzug umgelegt hatte. Allein die Nennung des dann folgenden Titels (viel mehr als diese Trackansagen gab es während des ganzen Konzertes kaum an Kommunikation von Boa) führte zu Begeisterungsstürmen und die Fans durften sogar wählen, wie schnell sie „Diana“ hören wollten und entschieden sich natürlich für sehr schnell und bekamen obendrauf auch noch brettharte Gitarrenriffs, die „Albert Is A Headbanger“ im Gepäck hatte. Und siehe da – auch darauf verstanden sich die Herrschaften vor der Stage, die am Ende zu Recht nicht mit Applaus für die knackige Darbietung sparten. Pia, die sich beim gelungenen „Speed“ mit seinem treibenden Elektro-Rock eine Auszeit genommen hatte, war zu „And Then She Kissed Her“ selbstverständlich wieder zur Stelle. Ohne den blonden, weiblichen Gegenpart zu PHILLIP BOA wäre diese PB&TVC-Hymne letztlich auch gar nicht vorstellbar. Der Malteser Musiker hatte sich bei dem Lied verdrückt und so rückte Leadgitarrist David noch einmal in die erste Reihe vor, bevor sich Pia und die Band um 22.15 Uhr verabschiedeten. Da der stets leicht versnobt wirkende Indie-Dandy im Vorfeld drei Zugaben angekündigt hatte und davon noch eine ausstand, kehrten wenig später sämtliche Akteure noch einmal ins diffuse Scheinwerferlicht zurück, um mit der Granate „Kill Your Idols“ ein fulminantes Finale hinzulegen. Es wurde noch einmal heftig geklatscht und mitgesungen, dann war nach gut 100 Minuten endgültig Schluss.

PHILLIP BOA mag menschlich ein wenig schwierig sein (wie man so hört), als Musiker hat er den Bogen auf jeden Fall raus. Als Konserve sind seine Songs schon absolut hörenswert, live legen er und der VOODOOCLUB allerdings noch eine Schippe drauf. Gerade die Percussion-Einlagen haben dem Sound noch eine extra Portion Drive verpasst, aber auch an den Keys machte Toett eine erstklassige Figur. Dahinter brauchten sich die Drums ebenso wenig wie die Langäxte verstecken. Und dass Pias hoher Gesang den perfekte Kontrast zu Boas belegter Stimme bildet, ist seit inzwischen einem Viertel Jahrhundert kein Geheimnis mehr.

Setlist
Fine Art In Silver
The World Has Been Unfaithful
The Race Is Over
Annie Flies the Lovebomber
Coppergirl
Love on Sale
DJ Baron Cabdriver
Diamonds Fall
Atlantic Claire
Jane Wyman
This Is Michael
The Ballad of Pia and Toett
I Dedicate My Soul to You
60’s 70’s 80’s 90’s 10
Burn All The Flags
Valerian
Container Love
Black Light

Lord Have Mercy With The 1-Eyed (LHMWT1E)
Diana
Albert is a Headbanger
Speed
And then she kissed her

Kill Your Ideals

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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