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PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB – SASU

Ort: Münster – Metropolis

Datum: 10.09.2010

Für den Sommer 2011 ist ein neues Studioalbum des Indie-Urgesteins PHILLIP BOA angekündigt und damit die Zeit des Wartens nicht allzu lang wird, ist Ernst Ulrich Figgen (so der bürgerliche Name) mit seinem VOODOOCLUB auf exklusiver Best-of-Tour, die an diesem Freitag auch in Münster Halt machte und das ehemalige Kino „Metropolis“ am Hauptbahnhof überwiegend mit Ü-30-Fans füllte.

Mit dabei waren zudem SASU, die den Abend um 20.50 Uhr eröffneten. Der Vierer startete mit ruhigen, basslastigen Klängen und erntete für den Sprechgesang von Fronter Tyrone auch gleich freundlichen Applaus. Die Kapuze seiner schwarzen Jacke weit über den Kopf gezogen, verzichtete der Sänger komplett auf die direkte Ansprache seines Publikums und ließ stattdessen die Musik des SASU-Kosmos wirken. Es wurden Indie, Post-Punk und Shoegazing kombiniert und man präsentierte sich mal leicht depressiv, dann wieder recht fordernd und rhythmusbetont – insbesondere dann, wenn der Herr am Mikro selbst zum Sechssaiter griff. Der Gute zeigte sich zunehmend exaltierter und landete am Schluss der 30-minütigen Vorstellung auf der Bassbox, wo er hockte und kniete, um vollends in der SASU-Mucke zu versinken. Vereinzelt wurde in dieser ersten halben Stunde auch schon getanzt; es war zweifellos ein netter Start der musikalischen Reise, die 20 Minuten später ein ganzes Vierteljahrhundert umspannen sollte.

Zu diesem Zweck enterte zunächst der vierköpfige VOODOOCLUB die Stage, ehe zu blauen Lichtblitzen auch Mastermind PHILLIP BOA und die blonde Pia Lund, die heute mit einem silberfarbenen Hängerchen und hohen Stiefeln angetan war, den Ort des Geschehens betraten. Los ging’s mit viel Drive und „Euphoria“ vom 1993er „Boaphenia“, ehe BOA zu „Atlantic Claire“ („God“ – 1994) seiner ehemals besseren Hälfte Pia das Feld überließ. Mit „Diana“ ging’s ganz weit zurück, denn der Song, den Phillip auf der Langaxt begleitete, stammte von der ersten Full Length „Philister“, die 1985 das Licht der Plattenläden erblickte. Zu den Pling-Pling-Pianoklängen von NICK-CAVE-Lookalike Toett wurde vor der Bühne bereits ordentlich getanzt und im Anschluss der Refrain von „Lord Have Mercy With The 1-eyed“ mitgesungen. Nach diesem kurzen Abstecher in das aktuelle Album „Diamonds Fall“, dessen melodiöser Titeltrack ebenfalls auf der Setlist stand, ging es mit BOA-Standards vom 2000er „My Private War“ weiter, bevor das druckvolle „Love On Sale“ (auf „Boaphenia“ erschienen) den ersten Höhepunkt markierte. Toett zeigte hier erstmals sein Können an den Percussions und es durfte in Erinnerungen geschwelgt und getanzt werden. Nicht minder flott schloss sich „Burn All The Flags“ vom 2005er „Decadence And Isolation“ an, während das lange nicht gespielte „Punch & Judy Club“ („C90“ – 2003) schöne Melancholie verbreitete. Diese Stimmung wurde beim ruhigen „Valerian“ vom letzten Silberling noch durch wabernde Nebelbänke verstärkt, während PHILLIP BOA seine Gitarre mal wieder zur Seite stellte und sich stattdessen in den für ihn typischen schrägen Armbewegungen übte. „Speed“ vom 2001er „The Red“ ließ es wenig später amtlich krachen und wurde diesbezüglich von „Albert Is A Headbanger („Hair“ – 1989) locker getoppt. Nach dieser Granate gestand der Altmeister des Indie-Rocks mit Wohnsitz in Dortmund, auf Malta und in den Niederlanden, dass ihm der vulgäre und uncoole Text von „Black Tiger“ („The Red“) peinlich sei, das störte die Fans jedoch keineswegs und zu „Fine Art in Silver“ („Hair“) zeigte sich alsbald der erste Cowdsurfer im Metropolis. Die Nummer, die ohne Pias hohen Gesang auskam, ging durch Mark und Bein, Toett drosch erneut auf seine Trommel ein und das Publikum dankte mit reichlich (und verdientem) Applaus. Das schmissige „Get Terminated!“ („Boaphenia“) war lange nicht mehr Konzertbestandteil und wurde vielleicht auch deshalb ausgelassen (soweit Westfalen dazu in der Lage sind) abgefeiert. Mit reichlich Schmackes schloss sich „I Dedicate My Soul To You” vom 1986er „Aristocracie” an, um nach einem Bass-Solo von Maik T. aka The Leach an eine weitere BOA-Hymne abzugeben. Zu „Container Love“ („Hair“) werden vermutlich so ziemlich alle Fans schon mehr als einmal getanzt haben und wahrscheinlich brauchte Herr BOA bei diesem Lied auch keine Texthilfe. Vorsichtshalber liegt ihm zu Füßen ja stets ein Ordner mit den Lyrics – bei einem Output von 17 Studio-Longplayern sei allerdings auch verziehen, dass vielleicht die eine oder andere Textzeile nicht immer hundertprozentig sitzt. Das fulminante „Container Love“ war nach 70 Minuten das Ende des regulären Sets, doch das Auditorium forderte selbstredend noch Nachschlag, der umgehend mit dem sphärischen „Deep In Velvet“ („She“ – 1996) aufgetischt wurde. „So What“ („My Private War“) ging erneut in die Vollen und natürlich gab’s bei „This Is Michael“ (1990 auf „Hispanola“ veröffentlicht) in dem ehemaligen Lichtspielhaus kein Halten mehr. Blitzschnell rockte „Life After Being A Zombie” des “Helios”-Silberlings die Münsteraner, um nach einer zweiten kleinen Verabschiedung ins Off mit einem weiteren Track der 1991er Langrille für gute Stimmung zu sorgen. „And Then She Kissed Her“ war ein absolutes Highlight auf der Zielgeraden, dem nicht nur „Pia“-Rufe, sondern auch das fantastische „Kill Your Ideals“ („Copperfield“ – 1988) folgten. Die grandiose Indie-Breitseite brachte den Laden ein letztes Mal zum Kochen und wurde in aller Ausführlichkeit zelebriert, ehe PHILLIP BOA seine Fans nach 100 perfekten Minuten in den westfälischen Nieselregen verabschiedete.

Die Jahre sind weder an den Protagonisten auf der Bühne, noch an den Fans spurlos vorbei gegangen. Doch haben die Songs nichts an ihrer Faszination eingebüßt, sodass mir dieser kleine Ausflug in die Vergangenheit ausnehmend viel Spaß bereit hat. Ich bin gespannt auf das neue Album und werde auch beim nächsten Besuch des Herrn Figgen und seines VOODOOCLUBS in meinen Gefilden wieder mit von der Partie sein.

Setlist PHILLIP BOA AND THE VOODOOCLUB
Euphoria
Atlantic Claire
Diana
Lord Have Mercy With The 1-eyed
Rome In The Rain
Love On Sale
Burn All The Flags
Punch & Judy Club
Valerian
Speed
Albert Is A Headbanger
Black Tiger
Diamonds Fall
Fine Art in Silver
Get Terminated!
I Dedicate My Soul To You
Container Love

Deep In Velvet
So What
This Is Michael
Life After Being A Zombie

And Then She Kissed Her
Kill Your Ideals

Copyright Fotos: Daniela Vorndran

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