Ort: Osnabrück – Rosenhof
Datum: 08.03.2025
Samstag, 18 °C bei strahlendem Sonnenschein und das Anfang März, da werden abends etliche Grills auf bundesdeutschen Terrassen und Balkonen geglüht haben. Für mich war das heuer keine Option, denn PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB gaben sich im Rosenhof die Ehre, ‚singles + songs from their catalogue‘ zu spielen. Die Osnabrücker Konzertstätte im ehemaligen Kino am Rosenplatz war nahezu ausverkauft, theoretisch wäre im großzügigen Fotograben noch Platz gewesen, denn zum Fotografieren wurde dieser nicht genutzt, es durften aus nächster Nähe keine professionellen Fotos gemacht werden. Im Übrigen hat Ernst Ulrich Figgen aka PHILLIP BOA überhaupz gern ein wenig Abstand zu seinen Fans. Die nahmen ihm dies nicht übel, sind wie der 62-jährige über die Jahre auch älter geworden und freuten sich darauf, gemeinsam in der Vergangenheit zu schwelgen, immerhin wurde die Kapelle bereits vor 40 Jahren gegründet und auf der Setlist standen bis auf zwei neue Stücke Lieder, die bis in die Anfangstage der Indie-Avantgarde-Pop-Band zurückreichten.
Um 20 Uhr enterte jedoch zunächst eine einzelne Dame die Stage, die sich auch gar nicht groß vorstellte und stattdessen nach einem kurzen Gruß zur E-Gitarre griff. Auf sich allein gestellt, musste sie leider gegen eine nicht unerhebliche Geräuschkulisse ankämpfen, denn die Gäste spendeten zwar höflichen Applaus, stellten aber vielfach ihre Gespräche nicht ein. Ihre vergleichsweise ruhigen Songs wie das eröffnende „Invisible Strings“ verloren sich so ein wenig, doch die in London lebende, deutsch-britische Folkrock-Singer-Songwriterin, Producerin, Plattenlabel-Eignerin und Filmemacherin war mit Herzblut bei der Sache und scheute sich auch nicht, Lieder zu spielen, die erst am Abend zuvor, beim Tourauftakt in Wilhemshaven zum ersten Mal außerhalb ihres Schlafzimmers performt wurden. Dafür wechselte sie ans Keyboard und unternahm zu „What Would Love Do?“ allerhand technische Spielereien mit dem Tasteninstrument und ihrer Stimme. Beim zweiten, flotteren Track namens „Digging For Gold“ kam zusätzlich auch noch ein kleines Xylofon zum Einsatz. Auch beim Titeltrack ihres Albums „What Is Left“, das vergangenen Oktober erschienen ist, griff die blonde Musikerin in die Tasten, ehe sie zum Abschluss ihres 30-minütigen Vortrags abermals für „Everything Else Pales“ die Gitarre bearbeitete. Gerade bei dieser Nummer zeigte sich, dass zumindest vor annähernd 1.000 Besuchern eine etwas üppigere Instrumentierung geholfen hätte, die Aufmerksamkeit des Auditoriums zu fesseln. Die Musik war definitiv nicht uninteressant, bis auf die ganz höhen Töne verfügte die mir bis dato gänzlich unbekannte Sängerin über eine angenehme Stimme und das Rätsel, mit wem wir es denn überhaupt zu tun hatten, löste sich nach einer weiteren knappen halben Stunde auch auf. VANESSA ANNE REDD ist nämlich aktuell auch Teil des VOODOOCLUBs und dort insbesondere für die weiblichen Vocals zuständig.
Setlist
- Invisible Strings
- Dark Minds
- Bus Driver
- What Would Love Do?
- Digging For Gold
- What Is Lefr
- Everything Else Pales
Also sahen wir sie gegen 21 Uhr zu den Klängen des Intros „Bela Lugosi’s Dead (ein BAUHAUS-Klassiker) gemeinsam mit Moses Pellberg (Drums), Oliver Klemm (Gitarre), Detlef „Toett“ Götte (Percussion, Keyboard, Samples & Programming) und Thomsen Slowey Merkel (Bass) erneut ihren Platz auf der Bühne einnehmen, der sich von der Bühnenmitte an den linken Rand verschoben hatte. Im Zentrum stand natürlich PHILLIP BOA, der ebenso wie seine Band mit kräftigem Applaus begrüßt wurde und wie gewöhnlich im schwarzen Zwirn gekleidet war. Die Indie-Legende ist nicht für lange Reden bekannt und so ging es mit „Til The Day We Are Both Forgotten“ vom 2012er „Loyalty“ direkt los, um mit „Get Terminated!“ gleich den ersten Hit vom 1993er Top-10-Album „Boaphenia“ hinterherzuschicken. Mit annähernd 20 Alben (neues Material ist im Zuge der Re-Edition Serie für den 25.04.2025 angekündigt, dann erscheint der BOA-Klassiker „Hair“ zusammen mit den brandneuen Songs auf „The Honeymoon Files“) und diversen EPs und Kompilationen blickt PHILLIP BOA auf eine umfassende Diskografie zurück, was auch erklärt, weshalb er mitunter einen Blick in sein Textbuch werfen musste, das dezent auf der Bühne für ihn platziert war. Im Zweifel hätten vermutlich auch die Fans aushelfen können, die nicht müde wurden, die alten Hits mitzusingen. Beim getragenen „Rom In The Rain“ (My Private War“ – 2000) sorgte Vanessa mit der Akustikgitarre für besondere Akzente, bevor dank „Euphoria“ erneut ein wahrer Stomper auf dem Programm stand. „Bay Rum“ ließ es derweil im Kopfnicker-Modus etwas ruhiger angehen – die Anwesenden auf und vor der Stage brauchen möglicherweise inzwischen auch mal eine kleine Verschnaufpause, ehe sie eine Nummer wie das treibende „Atlantic Claire“ (1994 auf „God“ veröffentlicht) gebührend abfeiern können. Den Großmeister selbst suchte man an dieser Stelle allerdings vergeblich auf der Bühne. Stattdessen verschwand Phillip im Off und Vanessa übernahm allein den Gesang und begab sich bei dieser Gelegenheit näher ans Publikum. Beim nachfolgenden „Happy Spider“ war Boa wieder mit von der Partie. Als skurrilen Song kündigte er das Lied an, das 1989 auf „Hair“ erschienen ist und ein wenig an eine Polka erinnert. Weiter ging’s mit „Albert Is a Headbanger“, bei dem der Hauptprotagonist des Abends erstmals selbst zur elektrischen Gitarre griff. Die krachende Nummer stammte ebenfalls von „Hair“ und dass es gewisse Ähnlichkeiten zu „Tötet Onkel Dittmeyer“ von den ANGEFAHRENEN SCHULKINDERN gibt, ist kein Zufall. Schließlich war Moses Pellmann früher auch mal ein Schulkind und übernimmt noch immer bei den Weihnachtsshows der Osnabrücker Anarcho-Institution die Percussions. Wo wir schon dabei sind: auch Oliver Klemm ist ein Osnabrücker, darüber hinaus steht PHILLIP BOA bei der Osnabrücker Agentur The Living Proof Agency unter Vertrag und auch die Licht- und Tontechnik kommt auf dieser Tour mit Osnalight aus der Hasestadt. Die Verbundenheit ist also groß und so wurde weiter gemeinsam gefeiert. Dazu gehörten auch zwei neue Songs, zunächst einmal das smoothe „Carly“ und später, als erste Zugabe, die neue Single „When The Sidewalks Ends“, deren Ankündigung zwar zunächst einen einzelnen Buh-Ruf erntete, deren Sound dann aber sogleich ins Ohr ging. Bis dahin ging es jedoch mit „Lunatics Over Brighton“ und „Rain Poets“ zunächst einmal zurück in die ungestümen Anfangstage des 1988 veröffentlichten Albums „Copperfield“. Zwischen diesen beiden Tracks gab es mit dem coolen „Fine Arts In Silver“ einen rhythmusbetonten Höhepunkt auf die Ohren, der mit viel Applaus bedacht wurde. Zu „Standing Blinded On The Rooftoop“ vom 2014er „Bleach House“ durfte entspannt getanzt werden, bevor „Annie Flies The Love-Bomber“ für einen erneuten Abriss sorgte. „Diana“ vom 1985er-Debüt „Philister“ ging auf die Hüften und markierte um kurz nach 22 Uhr zudem das Ende der regulären Spielzeit. Für dieses Stück fand sich Vanessa erneut bei Toet ein und bearbeitete dort eine Art Bierfass, um der Percussion den letzten Schliff zu verpassen.
Nach einer kurzen Pause kehrte der Sechser an seine Arbeitsplätze zurück und auch wenn das Auditorium offensichtlich besonders die alten Hits liebte, wusste auch „When The Sidewalks Ends“ zu überzeugen und schließlich standen ja auch noch eine ganze Reihe Oldies but Goodies auf der Setlist. Mithilfe von „Loyalty“ bedankte sich PHILLIP BOA für die Loyalität und Treue seiner Anhängerschaft, die sogleich noch mit dem straighten „This Is Michael“ („Hispañola“ – 1990) und dem wunderbaren „And Then She Kissed Her“ vom 1991er „Helios“ bedacht wurde. Insbesondere dieses Stück wurde noch einmal amtlich abgefeiert, doch auch wenn die Band nochmals von der Bühne ging, war noch nicht Schluss, denn zum Hit „Container Love“ entwickelte sich fast so etwas wie ein Moshpit, der mit „Kill Your Ideals“ vom 1986er „Aristocracie“ dann auch nicht mehr aufzuhalten war. Phillip bearbeitete ein letztes Mal seine E-Gitarre und die Stimmung näherte sich dem Siedepunkt, um schließlich mit „Sirens From Hell“ für einen großartigen Schlusspunkt zu sorgen. PHILLIP BOA ging ebenso wortlos wie er gekommen war, er VOODOOCLUB blieb noch einen Moment länger und verabschiedete sich von den Fans, dann war nach 105 Minuten der gemeinschaftliche Ausflug in die Jugend auch schon wieder Geschichte.
PHILLIP BOA zählt zweifellos zu den wichtigsten Independent-Musikern, die Deutschland zu bieten hat, zu den exzentrischsten zählt er jedoch sicher auch. Die Interaktion mit der Zuschauerschaft beschränkte sich auch im Rosenhof mal wieder auf das Nötigste, mehr als die Nennung des nächsten Songtitels ist von ihm eher nicht zu erwarten, doch das weiß man im Regelfall, wenn man eines seiner Konzerte besucht. Denn die meisten Anwesenden dürften Wiederholungstäter:innen gewesen sein, die einen abwechslungsreichen Abend mit großartiger Musik und einer gelungen Lightshow erlebt haben. Die Fotoregeln waren wie bereits erwähnt sehr streng, weshalb es bei uns auch keine Pics gibt. Nichts desto trotz war es ein tolles Konzert, bei dem höchstens Pia Lund gefehlt hat, aber die Zeiten sind lange her und Vanessa hat ihre Sache auch gut gemacht und war offensichtlich mit viel Freude bei der Sache, während der Dortmunder mit Wahlheimat in London wie üblich einen recht strengen Eindruck vermittelte. So ist er halt, der Herr Figgen.
Setlist
- Bela Lugosi’s Dead (Intro)
- Til The Day We Are Both Forgotten
- Get Terminated!
- Life After Being a Zombie
- Rome In The Rain
- Euphoria
- Bay Rum
- Atlantic Claire
- Happy Spider
- Albert Is a Headbanger
- Deep In Velvet
- Carly
- Lunatics Over Brighton
- Fine Art In Silver
- Rain Poets
- Standing Blinded On The Rooftop
- Annie Flies The Love-Bomber
- Diana
- When The Sidewalks Ends
- Loyalty
- This Is Michael
- And Then She Kissed Her
- Container Love
- Kill Your Ideals
- Sirens From Hell

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