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PLACEBO – THE MIRROR TRAP

Ort: Hamburg – Barclaycard Arena

Datum: 31.10.2016

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich an einem Montagabend 250 km zu einer Halloween-Party nach Hamburg fahren würde, tendierte gegen Null. Dass ich trotzdem auf einer gelandet bin, lag daran, dass ich eigentlich mit einer Geburtstagsfeier gerechnet hatte. Nicht damit, vom Gastgeber mit „Blut“ bespuckt zu werden und auf erschreckend dürre Männer in Skelett-Kostümen zu treffen. Weshalb es trotzdem ein grandioser Abend war? Weil all das vor großer Kulisse in der Barclaycard Arena bei PLACEBO passierte! Brian Molko und Stefan Olsdal feiern dieser Tage ihren 20. Jahrestag und haben dazu alte und neue Fans eingeladen, die es sich in der nicht ganz ausverkauften Konzert-Venue auch nicht nehmen ließen, den beiden und ihren Live-Musikern ein kleines Ständchen zu bringen.

Zuvor hatten jedoch THE MIRROR TRAP pünktlich um 20 Uhr die Bühne geentert. Der Sechser ist im schottischen Dundee zuhause und servierte einen hochenergetischen Alternative-Indie-Rock’n’Roll’n’Pop’n’New-Wave-Mix, der in geringelten Matrosen-Outfits zu Gehör gebracht wurde. Auch am Make-up hatten die Jungs angesichts des Tages der Untoten nicht gespart, bewiesen in der ihnen zur Verfügung stehenden halben Stunde jedoch, dass sie noch quicklebendig waren. Serviert wurde in erster Linie Mucke vom ersten digitalen Longplayer „Simulations“ – im Wesentlichen mit viel Tempo und Druck, sieht man einmal von „Joyride“ ab, das von „the ghost of Elton John“ vorgetragen wurde. Damit war der Herr an den Tasten gemeint, der zuvor eher an einen wild gewordenen Derwisch erinnerte und auch anschließend wenig vom Performer eines Liebesliedes hatte. Was nicht bedeuten soll, dass THE MIRROR TRAP nicht zu überzeugen wussten! Das sympathische Sextett erntete verdienten Applaus und begeisterte mit seinen „dark & moody sounds“ (vgl. „Piranhas“) das PLACEBO-Publikum durchaus – auch wenn das nach eigenem Bekunden gar nicht so einfach ist, wenn man wie ein Idiot aussieht. Ob die Verkleidung womöglich von höherer Stelle verordnet wurde? Wie auch immer, mit „New Trance“ ließen es die Schotten noch mal ordentlich krachen, ehe „Under The Glass Towers“ für ein fettes Schrammelfinale sorgte.

Setlist THE MIRROR TRAP
Second Life
Bleach Your Bones
Something About Forever
American Dreams
Joyride
No I.D
Piranhas
New Trance
Under The Glass Towers

Kurz vor 21 Uhr senkte sich dann erneut Dunkelheit über die Arena und über die riesige Leinwand im Bühnenhintergrund flimmerte als Intro ein Video zu „Every Me Every You“. Besser hätten PLACEBO die Crowd wohl gar nicht in Stimmung bringen können und so wurde die verkleidete Musiker-Schar mit Begeisterung begrüßt. Drummer Matt Lunn, Bill Lloyd und Nick Gavrilovic an Tasten und Saiten sowie Fiona Brice (Keys, Geige, Perkussion und Gesang) hatten sich halloweenmäßig in Schale geworfen und sogar die Bühnencrew war kostümiert und hinter der Stage war zudem ein beleuchteter Kürbis aufgestellt worden. So weit, so amerikanisch. Ein wenig besorgniserregend war allerdings Stefans hautnahes Skelett-Outfit, in dem der nie besondern kräftig wirkende Schwede extrem knöchern aussah. Am liebsten hätte ich ihm vom Fotograben aus etwas zu essen zugesteckt, doch da hieß es ja aufzupassen, keine „Blut“-Salve von Mr. Molko abzubekommen. Der Fronter genehmigte sich nämlich große Schlucke einer dunkelroten Flüssigkeit, die ihm nicht nur übers weiße Hemd lief, sondern im hohen Bogen auch in Richtung der Fotografen gespien wurde. Ansonsten gab’s keine besonderen Vorkommnisse, sieht man einmal davon ab, dass Brian zwischendurch ein wenig wirres Zeug redete – möglicherweise war der rote Trank, der auch noch einmal nachgeschenkt worden war, ja kein alkoholfreier Traubensaft… Im Übrigen waren seine Statements zur Europäischen Union aber gar nicht so verkehrt (womöglich wird der Mann ja Schotte, sollte Schottland tatsächlich seine Unabhängigkeit erklären, um wieder Teil der EU zu werden). Im Mittelpunkt stand aber natürlich die Musik der letzten 20 Jahre, die von viel Licht und einer aufwendigen visuellen Show auf mehreren Monitorwänden begleitet wurde. Von jedem Album der letzten beiden Dekaden gab es Songs zu hören, wobei das selbstbetitelte 1996er Debüt mit fünf Liedern am stärksten vertreten war. Außerdem waren die schwermütigen Tracks (oder wie Brian Molko es nannte: die „melancolic section“) recht ausgeprägt. Was aber auch völlig in Ordnung war, denn auch die elegische Anmutung von „Soulmates“ oder das eindringliche „Too Many Friends“ ließen keine Wünsche übrig. Da konnten sich PLACEBO zu recht nicht nur für „I Know“ feiern lassen, sondern insbesondere das nachdenkliche und emotionsgeladene „Without You I’m Nothing“ konnte punkten, was zweifellos auch daran lag, dass in dem dazu gezeigten Video der Anfang des Jahres verstorbenen DAVID BOWIE zu sehen war.

Und dann wurde aus dem Ehrenfest ja auch doch noch eine riesige Party, auf der mächtig getanzt werden durfte. Angefangen beim knackigen „For What It’s Worth“, das unter Lichtblitzen kräftig mitgeklatscht wurde, über „Slave To The Wage“, für das die Bühne in blaues Licht getaucht wurde, bevor „Special K“ von Brian in „Dance Motherfuckers!“ unbenannt wurde. Dieser Aufforderung konnte sich das Auditorium natürlich nicht entziehen und so wurde ausgelassen getanzt und mitgesungen, ehe es mit „Song To Say Goodbye“ und „The Bitter End“ Schlag auf Schlag ging. Mit diesen beiden Highlights der PLACEBO-Discographie endete nach 105 Minuten das reguläre Set, aber nachdem die Zuschauerschaft genügend Lärm gemacht hatte, gab’s noch Nachschlag. Zunächst stand das melancholische „Teenage Angst“ auf dem Programm, gefolgt von zwei weiteren Höhepunkten: „Nancy Boy“ und „Infra-red“. Für mich war da keine Steigerung möglich, weshalb ich zu den ersten Klängen der zweiten Zugabe, dem KATE-BUSH-Cover „Running Up That Hill (A Deal With God)”, langsam Richtung Auto aufgebrochen bin.

Brian hat sich nicht nur artig für die gelungene Geburtstagsparty bedankt, sondern auch versprochen, wiederzukommen. Ich wäre sofort wieder mit dabei, um ein weiteres Mal nicht nur weit in die Geschichte der Band zurückzureisen, sondern auch meine eigene „Jugend“ wiederzubeleben. So wie bestimmt viele andere Fans auch.

Setlist PLACEBO
Intro (Every You Every Me auf dem Bildschirm)
Pure Morning
Loud Like Love
Jesus‘ Son
Soulmates
Special Needs
Lazarus
Too Many Friends
Twenty Years
I Know
Devil In Tthe Details
Space Monkey
Exit Wounds
Protect Me From What I Want
Without You I’m Nothing
36 Degrees
Lady of The Flowers
For What It’s Worth
Slave To The Wage
Special K
Song To Say Goodbye
The Bitter End

Teenage Angst
Nancy Boy
Infra-red

Running Up That Hill (A Deal With God) (KATE-BUSH-Cover)

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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