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PLACEBO – SHE WANTS REVENGE

Ort: Bielefeld - Stadthalle

Datum: 07.06.2006

Es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, warum PLACEBO ausgerechnet in Bielefeld eines ihrer nur 2 deutschen Indoor-Konzerte abhalten sollten. Dennoch war dies seit geraumer Zeit Tatsache. Natürlich war das Event lange vor dem eigentlichen Termin ausverkauft, so dass in der Stadthalle – wie vor kurzem bei ROSENSTOLZ – wieder mit ungefähr 4000 Menschen zu rechnen war. Entsprechend früh machten wir uns auf den Weg, um uns zwischen die bereits anwesenden “Metrosexuellen” zu mischen. Vorbei am sündhaft teuren Merchstand führte uns der Weg direkt in den Saal, in dem wir noch eine komfortable Ausgangsposition ergatterten. Zunächst für den Support, der sich als SHE WANTS REVENGE aus den Vereinigten Staaten vorstellte.

Von denen hatte man schon einige Vorschlusslorbeeren vernommen, etwa die schöne Aussage, sie hätten das beste 80er Album aufgenommen, das vor gut 20 Jahren noch nicht gemacht wurde. So betraten dann also das Kernduo Justin Warfield und Adam Bravin (auch “Adam 12” oder “DJ Adam”) die Szenerie, begleitet von Live Drummer und Live Gitarrist. Die Truppe stammt aus San Fernando Valley, der Hochburg der US-Porno-Inudstrie, doch mit derlei schmutzigen Dingen kann man das Quartett nicht assoziieren. Vielmehr haben sie mit ihrem selbstbetitelten Album ein beachtliches Debüt vorgelegt, welches die Klänge von insbesondere JOY DIVISION gekonnt ins neue Jahrtausend transportiert. Entsprechend stammten natürlich auch die gut 45 Minuten Musik von dieser Scheibe. Nehme ich an, denn neben der Single “Tear you apart” (Regie Videoclip: Joaquin Phoenix) sowie “She loves me, she loves me not” konnte ich keine Titel erkennen, und der dandyhafte Sänger Warfield tat sich nicht gerade mit Ansagen hervor. Dafür konnte er mit feinem Zwirn, ausgezeichneter Stimme und extravaganten Bewegungen punkten, derweil sein Kollege sich an Bass, Keyboard und Synthdrum austobte. Wirklich feine Show mit repetetiven Gitarrenklängen, melancholischer Grundstimmung und stilvoller Optik. Dabei war dies erst ihr vierter Gig in Deutschland! Da haben sich PLACEBO was feines zur Unterstützung ausgesucht, und so wurde die Darbietung auch entsprechend von den Zuschauern honoriert, die nun aber in die Positionskämpfe für den Hauptact einstiegen…

Die halbstündige Umbaupause wurde zudem dazu genutzt, etwaige Flüssigkeitsverluste auszugleichen, und schon ertönten die ersten PLACEBO-Klänge. Zunächst erschien Mr. Molko allein auf der Bühne, stand dort im gleißenden Scheinwerferlicht und hatte seine Fans vom ersten Moment an fest im Griff. Gerade mal 1,68 m ist er groß, besitzt aber Ausstrahlung für zwei! Da braucht es keine aufwändigen Bühnenoutfits, Brian erreicht absolute Aufmerksamkeit allein durch seine Musik und vor allem mit seiner unbeschreiblichen Stimme. Große Interaktionen erwarteten uns auch nicht mehr von ihm, meistens hielt er sich in einer Bühnenhälfte auf und überließ das Posen dem Bassisten Stefan Olsdal, der aufgrund des plötzlichen Sommerbeginns auch gleich mal mit nacktem Oberkörper auftrat, was vermutlich in den ersten Reihen ebenfalls für Verzückung sorgte. Brian Molko beschränkte sich auf eine artige Begrüßung und ein paar Worte ans Publikum, ansonsten gehörte seine Energie den Songs. Die ersten fünf Stücke stammten ausnahmslos von der „Meds“, offensichtlich hatte das Auditorium die neue Scheibe schon ausgiebig gehört und sang lautstark mit. Die Bühnenshow begann eher dezent, anfangs wurde das Licht regelrecht sparsam eingesetzt, man legte hier aber zu, und ab „Every Me Every You“ gab es auch noch eine Videoinstallation, die auf drei großen Leinwänden ablief. Spätestens jetzt gab es in der Halle kein Halten mehr. So gut wie die „Meds“-Stücke auch sind, das Volk giert nach den alten Krachern, wobei die aktuelle Single „Song To Say Goodbye“ auch heftigst abgefeiert wurde. Während PLACEBO live deutlich mehr rocken als im Studio, überrascht die balladeske Interpretation von „36 Degrees“, die beim Publikum bestens ankam. „The Bitter End“ ließ befürchten, das womöglich schon Schluss sein könnte, doch ganz so weit war es glücklicherweise noch nicht. Bevor sich die Herren von der Bühne trollten, gab es noch „20 Years“ auf die Ohren. Natürlich konnten PLACEBO unmöglich ohne Zugaben den Saal verlassen, und so spielte man noch eine Coverversion des KATE BUSH-Klassikers „Running up that Hill“, gefolgt von den Highlights „Special K“ (einige Leute hatten wohl „Special K“-Cornflakes-Verpackungen geplündert und schwenkten passenderweise die entsprechenden Teile der Pappschachteln) und zu guter Letzt folgte noch „Nancy Boy“. Ebenso plötzlich wie sie gekommen waren, verschwanden PLACEBO dann wieder, leider ohne sich groß von der Menge zu verabschieden.

Zurück bleiben erschöpfte aber zufriedene Fans, die sich vielleicht noch ein paar alte Hits gewünscht hätten. In jedem Fall agierten auf der Bühne 90 min lang absolute Profis, die für ein rundum gelungenes Konzert gesorgt haben. Bleibt zu hoffen, dass PLACEBO Bielefeld in guter Erinnerung behalten und sich bald wieder in unsere Breiten verirren.

Setlist PLACEBO
Infra-red
Meds
Because I Want You
Drag
Space Monkey
Come Home
Special Needs
Post Blue
Song To Say Goodbye
Follow The Cops Back Home
Every Me Every You
Blind
One Of A Kind
36 Degrees
The Bitter End
20 Years

Running Up That Hill
Special K
Nancy Boy

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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