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POETS OF THE FALL

Ort: Hamburg – Uebel & Gefährlich

Datum: 24.11.2012

Es ist die erste Tour, die POETS OF THE FALL als Headliner durch Deutschland führt, nachdem die sechs Finnen bereits schon des Öfteren im Vorprogramm von Landsleuten wie SUNRISE AVENUE hierzulande unterwegs waren. Und offenbar ist es auch an der Zeit: Einige Konzerte der Tour mussten in größere Hallen verlegt werden, und das Hamburger Uebel & Gefährlich ist bereits seit Wochen ausverkauft. Dass die POETS bereits über eine solide Fangemeinde verfügen, ist vor Ort schon daran abzulesen, dass ein beachtlicher Teil der Zuschauer in bandeigene Merchandise-Shirts gekleidet ist – und sich im Laufe des Abends beim Mitsingen als absolut textsicher erweist.

Das ist umso überraschender, da die Texte der POETS voller versponnener Metaphern stecken, die sich nicht auf vorhersehbare Liebe-Hiebe-Reime beschränken, und auch vom Sound her haben sie sich mit ihrem emotionalen, melancholischen Rock den eher aufwändigen, komplexen Arrangements verschrieben. Eigentlich eine Band, bei der man gar nicht so recht erwarten würde, dass ihr Frontmann eine enorm körperbetonte Show auf die Bühne bringt. Was er aber tut. Marko Saaresto ist vor allem fürs weibliche Publikum der Blickfang, und damit kokettiert er auch: „Hier auf der Bühne wird’s mächtig heiß, vielleicht sollte ich ein bisschen strippen.“ Begeisterte Zustimmung. „Vielleicht hätte ich ein bisschen mehr Eyeliner auftragen sollen“, ruft er später. Dabei trägt er den schon reichlich, wobei er trotz schwarzer Federboa und Nagellack keinesfalls er androgyn wirkt – dazu hat er mit dem muskulösen Oberkörper unter dem schwarzen T-Shirt einfach zu viel Feuerwehrmann-Kalenderboy-Appeal. Komische Sache: Bei unserem Interview vor ein paar Stunden war davon nichts zu spüren. Ganz offensichtlich hat Marko, der selbst ernannte „Psycho“ aus dem „Happy Song“, eine Alltags- und eine Bühnenpersönlichkeit. Mindestens.

Die POETS beginnen ihren Set um Punkt acht Uhr mit „Running Out Of Time“, einem kraftvollen Rocker, der auch das aktuelle Album „Temple Of Thought“ eröffnet, und es dauert keine vier Takte, bis sie das Publikum auf ihrer Seite haben. Hier spielt eine erfahrene, routinierte Live-Band, die auch die komplizierten Strukturen ihrer Songs ohne Qualitäts- und Druckverlust auf die Bühne transportiert. Alte und neue Songs verzahnen sich gelungen zu einem Gesamterlebnis: Nur ein Drittel der Titel stammt von der neuen Platte, ebenso viele vom allerersten POETS-Album „Signs Of Life“, wobei sich die Band vor allem auf die dynamischen Songs konzentriert, die Balladen weitgehend außen vor lässt und damit für ein beeindruckendes, gleich bleibend mitreißendes Energielevel sorgt. Dabei legt sich nicht nur Marko mächtig ins Zeug, sondern auch Bassist Jaska und die Gitarristen Olli und Jani, während sich Soundtüftler Captain an Keyboards und iMac eher etwas zurückhält. Es wird gerockt – mit viel Gefühl, aber auch mit viel Disziplin. Und manchmal übertreiben sie es auch ein bisschen: Klar freut man sich als Zuschauer, wenn der Sänger vorn fragt, ob man gut drauf ist, aber zweimal pro Gig reicht das dann auch – mehr „are you having a good time“ ist dann schon nervig.

Gefühl ist jedenfalls das Stichwort. Kein Song, bei dem nicht mitgesungen, mitgeklatscht oder mit verträumtem Gesicht mit den Armen geschwenkt wird. Stünde das aufgeklappte Laptop nicht auf der Bühne, könnte man sich bei diesem Gig in jene Zeiten zurückversetzt fühlen, in denen kein Mensch je etwas von Filesharing gehört hatte und die Musikwelt noch in Ordnung war: Einige im Publikum haben sogar echte Feuerzeuge dabei, um sie während der bewegenden „Ballad Of Jeremiah Peacekeeper“ hochzuhalten. Ja, fast könnte man sich sogar zurückversetzt fühlen in eine Zeit, in der Musik noch Herzenssache war und die Gitarrensoli auch mal fünf Minuten dauern durften. Olli beschränkt sich allerdings auf wesentlich kürzere Einlagen, und das ist auch gut so – die Soli sind der einzige Schwachpunkt in dem ansonsten sehr gut ausbalancierten und rundum überzeugenden Sound; sie klingen vielfach zu kreischend und unausgegoren in dem ansonsten ausgesprochen stimmigen Gefüge.

Bevor es im Publikum zu ruhig werden könnte, stimmen die POETS nach „Jeremiah Peacekeeper“ gleich wieder zwei Titel in härterer Gangart an, „Kamikaze Love“ und das ruppige, schnörkellose „Miss Impossible“, das Marko wieder reichlich Gelegenheit gibt, erst sich selbst und dann die ersten Reihen mit Mineralwasser abzukühlen. Dann kommt noch „unser allererster Song“, „Late Goodbye“, und genau eine Stunde nach Anpfiff ist zunächst einmal Schluss. Aber die POETS lassen das Publikum nicht lange auf eine Fortsetzung warten. Marko kommt zurück auf die Bühne, und während auch der Rest wieder seine Instrumente zur Hand nimmt, beginnt er mit dunkler, rauchiger Stimme eine kleine Vampirgeschichte aus dem amerikanischen Süden zu erzählen, die eine perfekte Einstimmung zu dem getragenen „Sleep“ bietet. Aus der Zugabe wird eher ein zweiter Show-Teil, mit dem energiegeladenen „King Of Fools“, zu dem geklatscht wird, bis die Hände wehtun, und das in das mächtige „Dreaming Wide Awake“ übergeht. Ein fulminanter Schluss, bei dem der Überflieger-Hit der POETS aus dem Jahr 2008, die Powerballade „Carnival Of Rust“, einen letzten Höhepunkt setzt.

Um halb zehn ist dann die Show vorbei, und das wirkt tatsächlich nicht so kurz, wie es sich anhört: In diesen eineinhalb Stunden haben POETS OF THE FALL Dauerpower ohne einen einzigen Durchhänger geboten und lassen ein erschöpftes und zufriedenes Publikum zurück. „Wollt ihr, dass wir wiederkommen?“, brüllt Marko zum Abschied, was mit lautem „YEAAAH!“ beantwortet wird. „Wenn wir das nächste Mal hier sind, dann bringt jeder einen Freund mit!“ Gut möglich, dass diese Tour tatsächlich die letzte war, in der die POETS auf derart kleinen Bühnen zu bewundern waren.

Setlist
Running Out Of Time
Diamonds For Tears
Temple Of Thought
Cradled In Love
Looking Up The Sun
Signs Of Life
Stay
Illusion And Dream
The Ballad Of Jeremiah Peacekeeper
Kamikaze Love
Miss Impossible
Late Goodbye

Sleep
King Of Fools
Dreaming Wide Awake
Carnival Of Rust
Lift

Copyright Fotos: Sandra Dürkop

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